BLUMENDUFT UND RUCKSACKBOMBEN

Amerika debattiert über politisch
korrekte Sicherheitsmassnahmen.

© Andrian Kreye

New York 12.08. '05 - So ganz sicher ist man sich ja nicht, was man von den neuen Kontrollen in der New Yorker U-Bahn halten soll, die nach den Anschlägen in London eingeführt wurden. An ausgewählten U-Bahnstationen muss jeder fünfte Passagier Rucksack oder Tasche durchwühlen lassen. Man darf sich gerne weigern, was zur Folge hat, dass man dann nicht durchs Drehkreuz darf, was wiederum kein großes Problem ist, weil man dann einfach auf einen Eingang am anderen Ende der Haltestelle ausweichen kann. Macht natürlich niemand. Von den über 20.000 Fahrgästen, die von der Polizei in der ersten Woche angehalten wurden, weigerten sich lediglich fünf, ihre Taschen zu öffnen. Trotzdem - ist das nur pubertärer Widerwille gegen autoritäre Maßnahmen, dass einem der kurze Griff ins Private so schlechte Laune bereitet? Oder sind da im Namen von Sicherheit und Terrorkrieg mal wieder die Bürgerrechte in Gefahr? Oder ganz anders - wäre es nicht sinnvoller, wenn sich die Polizei um wirklich Verdächtige kümmern würde, anstatt harmlose Bürger zu belästigen?

Der Meinung war Paul Sperry, der in die aktuelle Debatte um die innere Sicherheit mit einem Meinungsartikel in der New York Times eingriff. Die demografischen Koordinaten der Terroristen seien ganz eindeutig. Die Anschläge auf die Londoner U-Bahn und das World Trade Center seien von jungen moslemischen Männern begangen worden. Es sei genauso widersinnig, ältere Moslems zu kontrollieren, wie Pfadfinder oder Großmütter. Auch die Anweisung, auf ausgebeulte Kleidung und nervöses Schwitzen zu achten, sei nicht besonders sinnvoll. In der New Yorker Sommerschwüle schwitzen fast alle U-Bahnpassagiere. Und die deutlichsten Merkmale eines Selbstmordbombers seien keine weit geschnittenen moslemischen Trachten, sondern vielmehr frisch rasierte Bärte und Schädel, selbstvergessenes Gebetswispern und der Duft von Blumenwasser, mit dem sich Selbstmordbomber einreiben, um sich auf das Paradies vorzubereiten. Selbst die Direktive auf Taschen über 50 Pfund Gewicht zu achten sei falsch, denn die Rucksackbomben in London wogen nicht mehr als zehn Pfund.

Das von Bürgermeister Bloomberg angeordnete Zufallsprinzip in der Auswahl der kontrollierten Fahrgäste bezeichnete Sperry deswegen als “politisch korrekten Selbstmord". Nur sorgsames Fahndungsprofil könne die Sicherheit erhöhen. Ähnliche Forderungen stellten fünf New Yorker Stadträte Bezirskräte Dov Hikind und James Oddo in den letzten Wochen, die zudem verlangen, dass die New Yorker Polizei Personalien, sowie ethnische Zugehörigkeit der Kontrollierten aufnehmen.

Der gesunde Menschenverstand scheint Sperry und den Bezirksräten recht zu geben. Nun gehört gesunder Menschenverstand normalerweise nicht zu Sperrys rhetorischem Repertoire. Der Stipendiat des rechtskonservativen Hoover Institute an der Stanford University ist der Autor einer Studie über die islamische Unterwanderung amerikanischer Politik und die Gefahren des moslemischen Glaubens, deren Titel “Infiltration: How Muslim Spies and Subversives Have Penetrated Washington" an die Paranoia der McCarthy-Zeit erinnert.

Doch Sperry und die Bezirksräte sind nicht alleine. In der Washington Post proklamierte Charles Krauthammer, Profiling beruhe nicht auf Vorurteilen, sondern auf Statistik. Auf allen Fernsehkanälen fordern Experten und Meinungsmacher in diesen Tagen den Einsatz von Fahndungsprofilen. Zum Schrecken von Bürgerrechtlern und Juristen, denn prinzipiell ist das sogenannte “Profiling" in den USA nicht nur regel-, sondern sogar verfassungswidrig, da es eine Aussonderung von Bevölkerungsgruppen nach ethnischen, religiösen oder sexuellen Kriterien darstellt. Der New Yorker Bürgermeisterkandidat Fernando Ferrer bezeichnete derartige Forderungen sogar als “unamerikanisch". Und die Civil Liberties Union reichte eine prinzipielle Klage gegen die Durchsuchungen ein. Denn eine multikulturelle Gesellschaft, die so hart darum gekämpft hat, ihre rassistische Vergangenheit zu überwinden, wie die der USA kann es sich nur schwer erlauben, Verfassungszusätze, Gleichheitsprinzipien und damit den gesellschaftlichen Konsens für kurzfristige Sicherheitsmaßnahmen über Bord zu werfen.

Die New Yorker Stadtregierung könnte es sich beispielsweise schon deswegen nicht leisten Dov Hikind nachzugeben, weil der als chassidischer Jude und Vertreter einer überwiegend fundamentalistischen Gemeinde mit seiner Forderung nach der verstärkten Überwachung moslemischer Männer den Staat zwingen würde, im schwelenden Konflikt zweier Einwandererkulturen Partei zu nehmen.

Nun halten auch israelische Sicherheitsexperten die Anwendung von Fahndungsprofilen für unabdingbar, und die haben weltweit nun wirklich die meiste Erfahrung und größten Erfolge mit der Terrorabwehr. Einer der vielen aufgebrachten Leserbriefschreibe, die auf Sperrys Artikel reagierten, warf dagegen ein, dass der Terrorismus in den USA keine Monokultur ist. Oklahomabomber Timothy McVeigh, Unabomber Theodore Kaczynski und Olympiabomber Eric Rudolph wären als weiße Durchschnitsamerikaner genauso durchs Raster gefallen wie der schwarze Schuhbomber Richard Reid oder die afroamerikanischen Scharfschützen von Washington John Allen Muhammad und Lee Boyd Malvo.

Und trotzdem hat Paul Sperry im Kern der Sache Recht. Der Schutz der Bevölkerung, der auch in einer Kriegssituation wie dem Krieg gegen den Terror Aufgabe der Regierung sein muss, gerät in Amerika zunehmend zum Spielball von politischen und wirtschaftlichen Interessen. Seit dem 11. September ist eine ganze Industrie entstanden, die ein mehrstelliges Milliardenvolumen an Umsätzen schafft, die der Wirtschaftskritiker Jeremy Rifkin als “negatives Bruttosozialprodukt" bezeichnet, weil sie keine Produktivität und Wachstum schaffen, sondern im Gegenteil Dynamiken freisetzen, die einer Gesellschaft eher schaden. Begeistert berichten CNN und Fox News in diesen Tagen über all die neuen Sicherheitstechnologien, die sich in der Entwicklung befinden. Bald schon sollen amerikanische Flughäfen so weit reichend mit hochempfindlichen Röntgenkameras, Detektoren und Spürsonden ausgestattet werden, dass traditionelle Kontrollen am Flugsteig überflüssig werden.

Nun haben Madrid und London zwar gezeigt, dass Anschläge auf den Nahverkehr viel wahrscheinlicher und einfacher durchzuführen sind. Trotzdem gibt das Amt für Heimatschutz derzeit für den Schutz jedes einzelnen Fluggastes rund sieben Dollar, für den Schutz jedes Nahverkehrspassagiers aber nur einen Cent aus. Auch die geografische Verteilung der Heimatschutzbudgets folgt inzwischen vermehrt den Machtverhältnissen in Washington. Während jedem Laien klar ist, dass die Terrorgefahr für urbane Ballungszentren wie New York, Washington und Chicago am höchsten ist, werden Kongress uns Senat von Abgeordneten aus den meist ländlichen republikanischen Staaten bestimmt. Was dazu führt, dass sich die New Yorker Feuerwehr nicht einmal ordentliche Funkgeräte leisten kann, während Polizeikräfte in Dick Cheneys Heimatstaat Wyoming für ihre Landbevölkerung modernste Abwehrtechnologien gegen ABC-Angriffe anschaffen können. Der neue Leiter des Heimatschutzamtes Michael Chertoff setzte der ländlichen Gewichtung des Heimatschutzes dann die Krone auf, als er nur eine Woche nach den Anschlägen in London verkündete, die Städte müßten für den Schutz des Nahverkehrs schon selbst aufkommen, weil sein Amt und die Bundesregierung sich auf die Sicherung des Flugverkehrs konzentrieren müßten und ein Flugzeug ja bekanntlich 3000 Menschen, eine Rucksackbombe in der U-Bahn aber lediglich 30 Menschen töten könne.

Aber auch in den Städten selbst geht das Geschäft weiterhin vor Sicherheit. So wurden die meisten Eingänge der New Yorker U-Bahn in den letzten Jahren mit neuen Drehkreuzkäfigen versehen, die zwar das Schwarzfahren unmöglich machen, aber auch dazu führen, dass es in Stoßzeiten lange dauern kann, bis sich alle Passagiere durch die Stahlgitter gezwängt haben. Nachdem außerdem viele Eingänge aus Kostengründen ganz geschlossen bleiben, würde schon ein schlichter Kabelbrand die meisten New Yorker U-Bahnhöfe in Todesfallen verwandeln.

Die Debatte um die politischen, finanziellen und taktischen Aspekte der inneren Sicherheit wird bis zum Ende des Krieges gegen den Terror nicht verstummen. Rhetorisch ist der ja eigentlich zu Ende. Letzte Woche verkündete Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, dass die westliche Welt nun nicht mehr einen Krieg gegen den Terror führe, sondern einen “globalen Kampf gegen gewaltsamen Extremismus". Das ist vor allem im Englischen ein hübscher Begriff, weil die Abkürzung S.A.V.E. (für Struggle Against Violent Extremism) das Wörtchen “retten" ergibt.

Als New Yorker U-Bahnfahrer sympathisiert man unterdessen insgeheim weiter mit den verfassungsfeindlichen Ressentiments der Reaktionäre. Das ist ein traditionelles Dilemma liberaler New Yorker, die ja schon Bürgermeister Giulianis Politik der Nulltoleranz verteufelten und sich dann doch heimlich freuten, dass man nicht mehr überfallen und angebettelt wird. Aber man macht sich eben so seine Gedanken, wenn man eine U-Bahnstation vom größten Araberviertel der Ostküste entfernt wohnt, einer Gegend, in der die Majid-al-Faruk-Moschee einst das einzige al-Qaida-Büro beherbergte, das je auf amerikanischem Boden operierte, und in deren Buchhandlung man immer noch antisemitische Videos und die Werke des islamistischen Terrorideologen Sayyd Qutb kaufen kann.

Auf der anderen Seite ist das wahrscheinlich die sicherste U-Bahnlinie der Stadt, weil sich Terroristen hüten werden, ihre eigenen Infrastrukturen in die Luft zu jagen. Was aber, wenn sie sich längst neue Gräueltaten ausgedacht haben, auf die noch kein Planspiel gekommen ist? Was wenn sie blonde, blauäugige Attetäter wie den Duisburger Konvertiten Christian Ganczarski einsetzen, der nach einem Bericht des Stern bei Osama bin Laden ein und ausging und das Kommando für den al-Qaida-Anschlag auf Djerba gab? Es ist schon nicht ganz leicht mit dem Profiling. Vielleicht ist bei dem Wetter ja Fahrradfahren die Lösung. Dagegen spricht eigentlich nur die Statistik des Center for Disease Control, dass in den USA die Wahrscheinlichkeit, bei einem Verkehrsunfall umzukommen bei ungefähr eins zu 7.000, die Chancen einem Terroranschlag zum Opfer zu fallen bei eins zu neun Millionen liegt.





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