Das andere Hollywood

Im San Fernando Valley hat sich die amerikanische Pornoindustrie als kleinbürgerliche Konkurrenz zum glamourösen Showbusiness entwickelt
© Andrian Kreye



Der Weg ins Sündenbabel ist nicht weit. Man fährt die Straßen von Hollywood nach Norden, läßt die Palmen, Villen und Gärten hinter sich, quält sich im Schatten mächtiger Bäume die engen Kurven des Laurel Canyon hinauf. Man fährt am Mulholland Drive vorbei, jener Straße auf dem Rücken der Hollywood Hills, in der Filmstars wie Jack Nicholson und Warren Beatty von ihren Prachthäusern über das Panorama von Los Angeles bis auf den Pazifik blicken. Und wenn man schließlich am nördlichen Fuß der Hügel die Stadtgrenze hinter sich läßt, ist man schon im Zentrum der amerikanischen Pornoindustrie angelangt - im San Fernando Valley.

Für die Südkalifornier symbolisiert The Valley mit seinen eintönigen Reihenhaussiedlungen, Einkaufszentren und Industriegebieten vor allem die spießbürgerliche Tristesse der Suburbia. Doch hier in der Betonlandschaft des mittelständischen Komfortlebens blüht das Geschäft mit der sogenannten Erwachsenenunterhaltung. Ausgerechnet, möchte man sagen, doch der Standort macht Sinn. Denn im Valley hat sich die Adult Entertainment Industry seit den 80er Jahren zu einer mittelständischen Profitmaschine entwickelt, die es längst mit den Umsatzzahlen der traditionellen Unterhaltungsbranche aufnehmen kann. Ein solches Massenphänomen ließe sich niemals aus dem Untergrund der Rotlichtviertel und Hinterhofstudios heraus lancieren, den angestammten Domänen der Pornografie. Man spricht in Amerika nicht gerne darüber, doch Porno gehört heute zum ganz normalen Medienalltag. So erklärte ein Produzent kürzlich in der New York Times: “Irgendwann haben wir eingesehen - wenn in den USA jedes Jahr 700 Millionen Pornovideos ausgeliehen werden, können das nicht nur eine Million Perverse sein, von denen sich jeder 700 Videos ausleiht."

Zehn bis fünfzehn Milliarden Dollar gibt Amerika jedes Jahr für Pornografie aus. Mehr, als für Kinokarten, Schallplatten oder Videospiele. Mehr als für die Nationalsportarten Football, Baseball und Basketball zusammen. Und bei durchschnittlichen Produktionskosten von 50.000 Dollar pro Film, fallen bei 250.000 Dollar Umsatz Gewinnspannen an, für die man in Hollywood in die Chefetage befördert würde. Nicht nur in Zahlen, auch in ihrem Erscheinungsbild ist die Pornoindustrie heute so etabliert und bürgerlich wie die Branchen der Hersteller klassischer Konsumprodukte. Große Pornofirmen wie Vivid, Odyssey, VCA und Digital Playground residieren in weitläufigen, unauffälligen Betonkomplexen, in denen man Computer- oder Sportswearfirmen vermuten würde. Sie verfügen über Kopierwerke, Internetanlagen und Schneidestudios. Die Büros sind im neutralen Stil von Anwaltskanzleien eingerichtet und nichts deutet darauf hin, dass hier Pornografie produziert wird.

Vor noch 20 Jahren war das Geschäft mit der Pornografie noch fest in der Hand der Halbwelt. Goldbehangene Pimps und Hustler in Seidenanzügen und Krokodillederschuhen verdienten sich mit den so genannten Skin Flicks ihre Cadillacs. Drogendealer wuschen mit Sex ihr Geld. Heute haben die Pornomillionäre abgeschlossene Betriebswirtschaftsstudien, wie Vividchef Bill Asher. Oder sie sind aus weniger profitablen Geschäftszweigen übergewandert, wie Samantha Lewis von Digital Playground, die früher als Immobilienmaklerin arbeitete. Selbst die Produktpalette macht bei den etablierten Firmen einen seriösen Eindruck. Wären da nicht Titelzeilen wie “Blowjob Adventure", “Cumback Pussy" oder “Anal Intruder", könnten sich hinter den bunten Verpackungen mit den ästhetisch retuschierten Frauenkörpern auch Aerobicvideos verbergen. Das muß so sein, denn sonst würden reguläre Videoverleihketten wie Tower Video die Kassetten nicht in ihr Programm aufnehmen.

An der Ware selbst hat sich nicht viel verändert. Pornokonsumenten sind das dankbarste Publikum der Welt. Eine kurze Einleitung, ein bißchen Atmosphäre, solide Standfestigkeit der Herren, ausgiebige Offenherzigkeit der Damen - mehr verlangt die Käuferschaft gar nicht. Ganz im Gegenteil. Mehr wäre zu viel. Versuche, Pornografie künstlerisch aufzuwerten, sind immer fehlgeschlagen.

Gewiss, auch in der Pornobranche gibt es Genres. Laut Adult Video News AVN, dem Branchenblatt, das ähnlich wie Variety in Hollywood, Klatsch und Umsatzzahlen kolportiert, bevorzugen jüngere Konsumenten Darstellerinnen und Darsteller mit Tätowierungen und Körperschmuck. Das bürgerliche Publikum mag dagegen die Illusion vom netten Nachbarsmädel. Es gibt Produktionen im Stil von Amateurvideos, Pornoversionen großer Hollywoodfilme, Cartoons und Nischenfilme für besondere Vorlieben. Doch trotz der breiten Produktpalette unterscheiden sich die Genres eher wie die Geschmacksrichtungen von Brausepulvern - egal ob Erdbeer, Himbeer oder Waldmeister, was bleibt ist letztendlich das angenehme Prickeln.

Pornografie war schon immer ein Werkzeug der schlichten Stimulation, kein inhaltliches Medium. Deswegen liefert ihre Geschichte auch kaum kulturhistorische Einblicke. Eng verbunden war die Pornografie jedoch mit technischem Fortschritt und der Zensur der Medien.

Schon in den Schriften des antiken Griechenland taucht das Wort auf, das den Darstellungen und Beschreibungen anrüchiger Sexualität bis heute ihren Namen gibt. Pornographos bezeichnete das Schreiben über Prostituierte. Und schon damals provozierte Sexualität das Establishment. Sokrates polemisierte gegen die unmoralischen Erzählungen von Hesiod und Homer. Von Rabelais über Swift bis Baudelaire ist die Literaturgeschichte voll von Beispielen anstößiger Texte, die geächtet, zensiert, verfolgt wurden. Doch erst Mitte des 19. Jahrhunderts entbrannte jene Diskussion um die Natur und Lautbarkeit des Obszönen, die bis heute andauert. Meist half die Technik der Pornografie, den Zensoren einen Schritt voraus zu sein.

Das erste Antipornografiegesetz der USA erließ Präsident Ulysses Grant im Jahre 1873 gegen die neuen, in Massen gedruckten Schundromane. Doch gleich nach der Erfindung der Filmkamera wurden auch schon die ersten Pornofilme gedreht. So genannte Stag Films, fünf- bis zehnminütige Streifen, die meist nicht mehr als den Akt selbst zeigten und nur heimlich in Hinterzimmern gezeigt wurden, tauchten 1896 auf und blieben bis in die späten 60er Jahre neben Sexheften die vorherrschende Form der Pornografie.

In den USA führte die sexuelle Revolution der Hippieära dazu, dass der Kongress 1968 gegen den Willen eines empörten Richard Nixon ein neues Zensursystems für Kinofilme einführte. 1972 reizten Filme wie Stanley Kubricks “Clockwork Orange", Sam Peckinpahs “Straw Dogs" und vor allem “Der letzte Tango in Paris" die Grenzen der neuen Zensurvorgaben aus. Gleichzeitig lösten die ersten Pornos in Spielfilmlänge in der New Yorker Bohéme und Schickeria eine halbironische Pornomode aus. Plötzlich war es schick, sich in den Schmuddelkinos des Times Square Streifen wie “Deep Throat", “The Devil In Miss Jones" und “Behind The Green Door" anzusehen. Der Erfolg von “Deep Throat" ließ dunkel ahnen, was für Möglichkeiten im Pornogeschäft stecken. Innerhalb von einer Woche hatte der ehemalige Friseur Gerard Damiano den Streifen mit einem Budget von lediglich 25.000 Dollar abgedreht. Bis 1973 hatte die simple Geschichte von Linda Lovelace, die entdeckt, dass eine Laune der Natur ihr Lustzentrum in den Rachen verlegt hat, ganze sechs Millionen Dollar eingespielt.

Die abendfüllenden Filme bereiteten den Weg für die Pornoevolution der 80er Jahre. Die Erfindung des Videorekorders brachte den Durchbruch. Plötzlich konnten brave Bürger, die sich niemals in eines der verruchten, schmutzigen Pornokinos wagen würden, die zu Tausenden auf den Markt drängenden Produktionen in den eigenen vier Wänden ansehen. Die Versuche der Meese Comission des amerikanischen Oberstaatsanwaltes Robert Meese, 1986 der neuen Obszönität Einhalt zu gebieten, scheiterten kläglich am Kongreß.

“Die Geschichte der Streitigkeiten um die Pornografie war, zumindest in den letzten 50 Jahren, vor allem eine amerikanische Angelegenheit", schreibt Professor Walter Kendrick von der Fordham University in seinem Buch “The Secret Museum - Pornography in Modern Culture". Die puritanischen Wurzeln der amerikanischen Nation spielen dabei nur eine sekundäre Rolle. Die Streitigkeiten toben, weil sich die Zukunft der Medien seit gut 50 Jahren in Amerika entschieden hat. Für Medienwissenschaftler war schon Mitte der 80er Jahre klar, dass es nicht die Erfindung der Videokassette war, die Porno zu den neuen Höhenflügen verhalf. Porno hatte vielmehr entscheidend dazu beigetragen, das neue Unterhaltungsmedium weltweit zu etablieren.

Und auch die neuen Medien der 90er Jahre profitierten vom unersättlichen Trieb der Konsumenten. CD-Rom und DVD, Kabelfernsehen und Hotelkanäle sind die Träger des derzeitigen Pornobooms. Selbst die angeschlagene Dotcom-Industrie, macht hier noch Profite. Über zwei Milliarden Dollar setzt die Pornoindustrie alleine über das Internet und das World Wide Web um. Hunderte von IT-Technikern, Programmierern, Webdesignern und Onlineproduzenten, Opfer des Börsencrashs sind aus dem Silicon Valley schon in den Süden gezogen. In das Silicone Valley, wie das Tal von San Fernando seit ein paar Jahren nach den Implantaten in den Oberweiten der Pornosternchen benannt wurde.

Und wieder bemühte sich die amerikanische Regierung vergeblich darum, die Pornoflut im Internet zu bremsen. Der Communications Decency Act der Clintonregierung wurde im Februar 1996 zwar noch ratifiziert, doch schon im März erklärten drei Bundesrichter das Gesetz für verfassungswidrig. Nicht zuletzt auf Druck der etablierten Medien, denn es sind längst nicht mehr nur die Pornoproduzenten aus dem Valley, die verdienen. Auch die Konzerne setzen mit Pornografie bis zu dreistellige Millionensummen um. Firmen wie AOL-Time-Warner, die Kabelnetze und Onlinedienste betreiben, etwirtschaften ihre Umsätze zu einem Großteil damit, dass die Konsumenten ihre Vertriebswege nutzen. Inhalte sind da längst von zweitrangiger Bedeutung. Den Medienkonzernen geht es derzeit in erster Linie um eine möglichst lückenlose Flächendeckung.

Was früher in der gehetzten Heimlichkeit der Adult Book Stores und Pornokinos konsumiert wurde, ist deswegen heute immer und überall verfügbar. Das Herunterladen eines komprimierten Kurzfilmes dauert per Kabelmodem oder T 1-Leitung nur wenige Minuten. Online-Versandhäuser verschicken CDs und Videos per Express und in neutralen Umschlägen. In den Hotels der Mittel- und Luxusklasse gehören gebührenpflichtige Kinokanäle längst zur Grundausstattung, und Porno zum üblichen Angebot.

Die weiterhin rasante Entwicklung der neuen Medien verspricht eine goldene Pornozukunft. Branchenkenner rechnen nach den Einführungen von Breitbandkabel, Internet II und Video-On-Demand mit bis zu zehnfachen Profitsteigerungen. Das wäre dann ein Branchenumsatz mit zwölf Nullen. Durchaus realisitisch, denn für die neue Medienlandschaft ist die Pornoindustrie der ideale Content Provider. Die Inhalte sind weltweit verständlich und zeitlos. Die Produktionskosten können meist auf ein Minimum reduziert werden. Die Branche benötigt keine teuren Hochschulabsolventen. Es gibt nicht einmal überbezahlte Stars.

Viele Pornofirmen halten sich ihre Darsteller sogar als Angestellte, wie es in den Hollywoodstudios der 30er und 40er Jahre üblich. So verdienen die legendären Vivid Girls der gleichnamigen Firma ein- bis zweihunderttausend Dollar pro Jahr, plus Krankenversicherung. In den USA ein solides, mittelständisches Einkommen. Viele Pornostars sind heute verheiratet, haben Kinder, zahlen die Hypothek fürs Eigenheim und die Raten für den Minivan. Und deswegen scheint sich die Pornobranche so nahtlos in die Suburbia einzufügen.

Wer durch das Valley fährt, muß die Sünde schon suchen. Ungeschminkt und angezogen wirken manche Stars und Sternchen so brav und bürgerlich, wie ihre redlichen Nachbarn. Morgens bringen sie ihre Kinder in die Schule, Abends gehen sie in den Supermarkt. Tagsüber gehen sie pünktlich zur Arbeit. Sie leben in adrett eingerichteten Appartments oder in jenen Fertighäusern, in denen man für wenig Geld den pastellfarbenen kalifornischen Komfort bekommt. Nicht einmal die auftoupierten Haare oder die chirurgisch verstärkten Körperpartien fallen weiter auf. Die gehören im Valley zum allgemeinen Schöheitsideal. Nur drüben, auf der anderen Seite der Hügel, auf den Parties der Rock- und Filmstars von Hollywood, gebärden sich die Pornostars wie man es von ihnen erwartet wie die Huren von Babylon. Das gehört zum Lifestyle, den sie verkaufen. Denn ein bisschen Illusion muß schon sein.

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