Schon der Rückzug der UNO aus dem Irak nach dem Anschlag auf ihr dortiges Hauptquartier galt als politischer Sieg des Terrors. Spanien hat nun vor allem im Hinblick auf die amerikanischen Präsidentschaftswahlen am 2. November die schlimmsten Befürchtungen geweckt. Was, wenn sich Terroristen von ihrem Erfolg in Spanien bestätigt sehen und versuchen, auch die amerikanischen und nächstes Jahr die britischen Wahlen mit spektakulären Anschlägen zu beeinflussen? Das wäre nicht zuletzt die Schuld der Spanier, denn das Ergebnis der spanischen Parlamentswahlen hat die ärgsten anti-europäischen Vorurteile bestätigt. Ganz offensichtlich sind Europäer eher dazu bereit, sich mit Mördern und Attentätern zu arrangieren, als gemeinsam mit den USA eine Allianz gegen den Terror zu bilden.
Der Effekt eines Terrorangriffes in den USA wäre für die dortigen Wahlen allerdings genau gegenteilig, wie in Spanien. Anstatt die Schuld am Terror in der Außenpolitik der konservativen Regierung zu suchen, würde sich das amerikanische Wahlvolk geschlossen hinter George W. Bush stellen, der seinen Wahlkampf ja schon mit dem Argument begonnen hat, dass er als Oberbefehlshaber im Krieg gegen den Terror als einziger über die Kompetenzen verfügt, das Land weiter durch diese immerwährende Krise zu führen.
Eines hat das Sperrfeuer aus Propaganda- und Falschmeldungen der letzten beiden Jahre im amerikanischen Wahlvolk schon erreicht - kaum jemand weiß noch zwischen den verschiedenen Formen des Terrors zu unterscheiden. Der Staatsterror des Hussein-Regimes, der nationalistische Terror palästinensischer Gruppen und der antizivilisatorische Terror internationaler Zellstrukturen wie der Al-Qaida gelten als geschlossene Front. So werden der Einmarsch in den Irak und die Verfolgung der Al-Qaida im Hindukusch als Einzelaktionen eines globalen Terrorkrieges gesehen. Auch deswegen kann Madrid in den USA seine volle Wirkung als Fanal entfalten, denn je diffuser die Bedrohung, desto nachhaltiger die Wirkung. Die Terroristen von Madrid hatten das offensichtlich schon verstanden. Denn egal ob die Sozialisten wegen der Al-Qaida oder die Konservativen wegen der Eta gewannen. Beides hätte der Terror als Sieg über die Demokratie verbuchen können.
New York 16. 03. '04 - Die ersten Reaktionen auf die Anschläge von Madrid waren in den USA nicht anders, als in Europa - Angst vor neuem Terror, verstärkte Sicherheitsmaßnahmen und eine öffentliche Debatte über die Verwundbarkeit des Bahnverkehrs. Erst das Ergebnis der spanischen Parlamentswahlen hat der Terrorangst in den USA eine neue Dimension gegeben. So viel Kalkül wie in Madrid hatten islamistische Terroristen noch nie gezeigt. Denn bisher benutzte die Politik den Terror. Nun benutzt der Terror die Politik.
In der New York Times wetterte Edward Luttwak vom Center for Strategic and International Studies, dem auch die ehemaligen Außenminister Madeleine Albright und Alexander Haig angehören: "Spanische Wähler haben Terroristen erlaubt, das Ergebnis der Wahlen zu diktieren. So sollte eine Demokratie nicht auf den Angriff von Fanatikern reagieren." Der San Francisco Chronicle schrieb: "Spaniens Wähler stimmen für die Gewalt." Und Murdochs rechtslastige New York Post titelte gar: "Ein Votum für den Terror".
Ein Anschlag zur Wahl wäre eine Schreckensvorstellung für die Demokraten, die auf keinen Fall in die Rolle einer defätistischen Opposition nach Art der spanischen Sozialisten gedrängt werden wollen. So beeilte sich der Fraktionsführer der Demokraten im außenpolitischen Senatskomitee Joseph Biden in der Nachrichtensendung Nightline zu versichern, dass Präsidentschaftskandidat John Kerry lieber auf das Amt verzichten, als einen zweiten 11. September herbeiwünschen würde.
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