WIE DIE HUNNEN

Bushs Berater für Kulturgut treten zurück und
entfachen eine Debatte über das Verhältnis Amerikas zur Kultur.

© Andrian Kreye

Nach dem Entsetzen über die Folgen des Krieges für die Zivilbevölkerung, macht sich in Amerika Empörung über den nachlässigen Umgang mit dem Kulturerbe des eroberten Irak breit. Die heftigste Reaktion kam direkt aus dem Beraterstab des Präsidenten. Drei der neun Mitglieder der Beratungskommission für Kulturgut traten zurück, darunter Martin Sullivan, der die Kommission seit 1995 leitete. In seinem Rücktrittsschreiben klagte er: “Während unsere Streitkräfte beim Einsatz von Waffen ebenso viel Bedachtsamkeit und Präzision an den Tag legten, wie bei der Sicherung des Ölministeriums und des Ölfeldes, haben sie beim Schutz des irakischen Kulturerbes regelrechte Impotenz bewiesen."

Gary Vikan, sonst Direktor des Walters Art Museum in Baltimore bemerkte bei seinem Rücktritt, dass die arabische Halbinsel zwar seit Jahrtausenden von Kriegen heimgesucht werde, “aber so schlimm wie diesmal war es seit 700 Jahren nicht mehr." Die Plünderungen im Irak erinnerten ihn an den Einfall der Hunnen im Jahr 1258, die damals unzählige Manuskripte der Bibliothek in den Tigris warfen. Der Dritte, der seinen Rücktritt bekanntgab war Richard Lanier, sonst Direktor einer Stiftung für den Kulturaustausch zwischen den USA und den ehemaligen Ostblockstaaten.

In den amerikanischen Zeitungen haben die Rücktritte heftige Debatten angeschürt. Die New York Times beklagte: “Die amerikanischen und britischen Truppen tragen eindeutig die Schuld an der Zerstörung und Plünderung der Kunstschätze des irakischen Nationalmuseums." In der Pittsburgh Post-Gazette bemerkte die Kulturkritikerin Caroline Abels: “Amerikaner unterschätzen den Wert der Kunst hier wie im Irak. Die Plünderungen haben die Geschichte einer ganzen Zivilisation geschändet. Doch sagt die amerikanische Gesellschaft nicht andauernd, dass es wichtigere Dinge gibt, als Kunst?"

In der Wochenzeitung The Nation schrieb der Kolumnist Robert Scheer: “Die komplette und erwiesenermaßen vermeidbare Zerstörung einer der wichtigsten Antikensammlungen der Welt ist eine treffende Metapher der momentanen amerikanischen Außenpolitik, die mehr Schaden durch Achtlosigkeit, als durch Kalkül anrichtet. Der Gedanke, dass der Irak eine Geschichte haben könnte, geschweige denn, dass dieses Land vor 7000 Jahren so etwas wie die Wiege der Zivilisation war, mag den Neokolonialisten fremd sein, die eine kräftige junge Nation führen, die gerade mal 200 Jahre alt ist."

Und das Art Newspaper griff die amerikanische Regierung dafür an, die Plünderungen auch noch durch Gesetzgebungen fördern zu wollen. “Die Gerüchte, dass die USA die strengen irakischen Gesetze für den Export von Antiquitäten liberalisieren wollen, gehen auf ein Treffen zwischen dem American Council for Cultural Policy mit Beamten des Pentagon und des Außenministeriums am 24. Januar zurück. Der Schatzmeister des Council William Pearlstein wurde später von der Zeitschrift Science zitiert, die irakischen Gesetze seien zu einschränkend. ... Der Umstand, dass der Direktor des Metropolitan Museum Philippe de Montebello nun vorschlägt, dass sich internationale Museen an archäologischen Ausgrabungen im Irak beteiligen und dafür Exportlizenzen erhalten sollten, zeigt nur, dass Pearlsteins Ansichten auf breite Zustimmung stoßen."

In einem sind sich die Kommentatoren einig - es besteht dringender Handlungsbedarf. Das Art Newspaper hat schon damit begonnen, einen Teil der rund 170.000 Objekte des irakischen Nationalmuseums anhand von Katalogen auf dem Internet zu archivieren). Bei einem Treffen der Educational, Scientific and Cultural Organization der Vereinten Nationen in Paris forderten Museumsdirektoren und Kuratoren aus aller Welt ein internationales Moratorium für irakische Antiquitäten, um das Plündergut vom Markt zu halten. Bei dieser Konferenz wurde allerdings auch festgestellt, dass die irakischen Kunstschätze von organisierten Banden gestohlen wurden, die sich lange auf den Plünderzug vorbereitet haben. Professor McGuire Gibson von der Chicago University sagte, die Diebe hätten genau gewußt, welche Objekte sie wo finden. Außerdem hätten sie Schlüssel für die Tresore des Museums gehabt.

FBI und Interpol werden in den nächsten Wochen Kunstfahnder in den Irak schicken, die versuchen sollen, einen Teil der Beute sicherzustellen. Belohnungen sollen wenigstens die Amateurdiebe dazu bewegen, Kunstgegenstände wieder zurückzubringen. Die Chancen stehen schlecht. Von den schätzungsweise 10.000 Antiquitäten, die nach dem letzten Golfkrieg verschwanden, fanden nur zwei ihren Weg zurück ins Museum. Laut Unesco sind die ersten irakischen Beutestücke aus den aktuellen Plünderungen schon in Frankreich aufgetaucht. Verteidigungsminister Donald Rumsfeld reagierte auf die Vorwürfe mit der gewohnten Lässigkeit. Als “bedauerliche Sache" befand er die Plünderungen, aber es sei gut möglich, dass ein Teil der Kunstschätze vom alten Regime rechtzeitig vor dem Krieg versteckt worden sei.





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