Der Umbau legendärer Gebäude zu Eigentumswohnungsanlagen ist der neueste und profitträchtigste Trend auf dem überhitzten amerikanischen Immobilienmarkt. Das Plaza ist auch nicht das einzige New Yorker Hotel, das demnächst stückweise zum Verkauf steht. Auch das Stanhope, das Mayflower, das Olcott, das Interconti Central Park South und das Gramercy Park Hotel werden ganz oder teilweise in so genannte Condominiums verwandelt. Die Rechnung ist ganz einfach. Das Plaza schrieb jährliche Verluste von 1,8 Millionen Dollar. Die Eigentumswohnungen werden dagegen für einen Quadratmeterpreis von rund 20.000 Dollar auf den Markt gehen.
Nun haben die neuen Besitzer zwar versprochen, 150 der Räume als Hotelzimmer zu erhalten. Doch für die wird es nur einen der Hintereingänge an der 58. Straße geben. Die prächtige Treppe wird für die neuen Anwohner reserviert bleiben. Dabei ist schon der Gang über den roten Teppich ein Erlebnis. Einer der Portiers in der grauen Livree mit den Epauletten und Goldstickereien wird einem die Tür öffnen und schon steht man mitten in der mit viel Stuck und Marmor beladenen Lobby. Selbst wer noch nie in New York war, dürfte diese Halle kennen. Hier drängelte sich Gary Crant auf der Flucht vor mörderischen Geheimagenten in “Der unsichtbare Dritte" durch die Menge. Crocodile Dundee stelzte mit seinen schweren Stiefeln über den Teppichboden. Der große Gatsby spielte hier, “Arthur" und “Funny Girl".
Links vom Palmenhof führen breite Marmortreppen zu den Ballsälen hinauf. Zwischen den mächtigen Spiegeln und Säulen geriet jede Party zum Staatsakt. Hier gab Truman Capote seinen legendären schwarzweißen Maskenball von 1966, zu dem von Lauren Bacall und Frank Sinatra über Norman Mailer und John Steinbeck bis zu Andy Warhol und Richard Avedon die gesamte New Yorker Haute Volée erschien. Vor fünf Jahren feierten Katherine Zeta-Jones und Michael Douglas hier gemeinsam mit der größten Ansammlung von Hollywoodstars jenseits der Oscars ihre Hochzeit.
Selbst die Zimmer kennt man, ohne dort gewohnt haben zu müssen. Zu Beginn von “Barfuss im Park" verbringen Robert Redford und Jane Fonda in einer der Zimmerfluchten ihre Flitterwochen. In der Suite Nummer 723 spielt sich jene Affäre ab, um die sich Neil Simons Theaterstück “Plaza Suite" drehte, das Arthur Hiller später mit Walter Matthau verfilmte. Für Amerikaner beginnt der Mythos des Plaza sogar noch früher. In dem Kinderbuch “Eloise" von Kay Thompson und Hilary Knight lebt die naseweise sechsjährige Titelheldin in einer Suite des Plaza, von der sie zu allerlei Abenteuern in den endlosen Gängen und Hallen des Hotels aufbricht. Seit 1955 gehört “Eloise" zu den bestverkauften Bilderbüchern Amerikas und brachte so ein wenig kosmopolitischen Luxus in die Kinderzimmer der Nation.
New York 06.04. '05 - Normalerweise sind New Yorker Portiers der Inbegriff von Haltung und Würde, doch als sich rund eintausend Angestellte des Plaza Hotels am Dienstag auf dem Rondell vor ihrem Arbeitsplatz zum Protest versammelten, hatte manch einer Tränen des Zorns in den Augen. Am 30. April soll das Plaza schließen. Rund 900 Arbeitsplätze gehen dabei verloren, vor allem aber verliert die Stadt einen legendären Anlaufpunkt. Die neuen Besitzer werden das ehrwürdige Gebäude an der Südostecke des Central Park in Eigentumswohnungen und eine luxuriöse Shopping Mall umbauen. Nun steht das 1907 erbaute Plaza zwar unter Denkmalsschutz, doch der gilt nur für die prächtige Fassade im Stile eines französischen Chateau.
Doch warum sollte man einem Luxushotel nachweinen, das selbst für den Bundeskanzler zu teuer war? Der steigt bei seinen New-York-Besuchen regelmäßig in unspektakulären Businesshotels ab und gab seinen Empfang zur letzten Generalversammlung der Vereinten Nationen im Ballsaal des Bahnhofshotels an der Grand Central Station. Doch erstens ist den New Yorkern Sozialneid prinzipiell fremd und zweitens war das Plaza Hotel schon immer ein mythisches Stück High-Society-Welt, das auch Normalsterbliche besuchen konnten. Denn die Portiers des Plaza hatten Stil und so wurde jeder Gast mit äußerster Zuvorkommendheit behandelt, egal ob er eine der 200-Quadratmeter-Suiten zu zweitausend Dollar die Nacht gemietet hatte oder nur kam, um Tee und Törtchen im Palmenhof zu verzehren.
Der Weg zur Rezeption führt nun rechts an besagtem Palmenhof vorbei, in dem oft ein Streichquartett zum Tee aufspielt. Dann steht man vor einem jener Tresen, an dem sich Macaulay Culkin im zweiten Teil von “Kevin allein zu Haus" ein Hotelzimmer erschwindelte.
Um das Plaza würdig zu verabschieden sollte man noch einen frühen Abend in der Oak Bar verbringen. Am besten in einer der Nischen am Fenster, in der man dann beobachten kann, wie die Dämmerung über den Central Park hereinbricht, wie die Lichter der prächtigen Wohnhäuser die Skyline der Upper Eastside erhellen und die Kellner zwischen der schweren Holztäfelung ihre Tabletts mit dem Gestus von Würdenträgern balancieren. Man sollte sich ein Pfeffersteak bestellen, das hier weder als eine jener prätentiösen Filetkugeln, noch eines jener prahlerischen Tellerstücke serviert wird, sondern als wohlportioniertes Entrecote mit einer geschmorten Gemüsebeilage. Man sollte ein Glas roten Hauswein dazu trinken, auf den man sich selbstverständlich verlassen kann und danach noch ein Glas Whisky bestellen, an dem man so lange nippen darf, wie man will, weil kein Kellner es wagen würde, einem die Rechnung und damit den Aufbruch anzudienen, wie sonst in dieser eiligen Stadt so üblich. Nur eines sollte man vermeiden. Man sollte seinen Kellner nicht fragen, ob denn wenigstens die Oak Bar erhalten bleibt. Man wird nur kurze Antwort bekommen. “Am 30. April schließen wir", wird der Kellner sagen. In der höflichen Auskunft werden so viel Weltschmerz und Trauer schwingen. Man sollte also einfach nur ein Kompliment an die Küche ausrichten lassen.
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