DER KETZER

Der Neuropsychologe Steven Pinker stellt das humanistische Menschenbild
in Frage und wird so zum Star der Dritten Kultur
© Andrian Kreye

Nein, sagt Steven Pinker und blickt etwas gelangweilt aus seinem Bürofenster auf die Main Street von Cambridge, Ärger erwarte er heute Abend keinen. Man glaubt ihm das, obwohl sein ganzer Ruhm auf Ärger aufgebaut ist. Schließlich hat er in seinem Bestseller “The Blank Slate " nicht nur die Grundlagen der Theologie, sondern auch der humanistischen Weltanschauungen in Frage gestellt und somit im ewigen Konkurrenzkampf zwischen Natur- und Geisteswissenschaften einen entscheidenden Schlag gelandet. Deswegen ist er jetzt ein Star. Dabei trägt Steven Pinker Cowboystiefel, ein weinrotes Seidenhemd und eine Mähne aus silbergrauen Surferlocken.


Im wirklichen Leben ist es sicherlich schon zwanzig Jahre her, dass Stars so aussehen durften. Aber der 48jährige Neuropsychologe bewegt sich eben nicht im wirklichen Leben. Er verbringt den größten Teil seiner Zeit auf dem Gelände des Massachusetts Institute of Technology oder in Akademikerzirkeln zwischen Princeton und Stanford. Dort verkörpert einer mit Cowboystiefeln und langen Haaren immer noch richtigen Glamour. Und ein wenig Glamour gehört selbst unter Akademikern zur Selbstinszenierung der Stars. Das war schon bei Erwin Schrödinger, Albert Einstein und Edwin Hubble so.

Pinker schießt sich in seinem Buch vor allem auf drei Grundthesen der Aufklärung ein. Da ist zunächst einmal John Lockes Theorie vom “Blank Slate", die seinem Buch den Namen gegeben hat, und die davon ausgeht, dass jeder Mensch als unbeschriebenes Blatt auf die Welt kommt und man sich den Geist als Tabula Rasa vorzustellen hat, der ausschließlich vom Leben und seiner Umwelt geprägt wird. Als zweites nimmt sich Pinker Jean-Jacques Rousseaus Doktrin vom edlem Wilden vor, die besagt, dass der Mensch von Natur aus selbstlos und friedlich wäre und erst von der Welt zum Raubtier gemacht wird. Und als drittes demontiert er René Descartes' Bild vom Geist in der Maschine, das bedeutet, dass menschlicher Geist und Körper zwei voneinander unabhängige Einheiten sind. Diese drei Dogmen, so Pinker, verzerrten das Bild vom Menschen. Dabei sei die moralische Last so groß, dass sie nicht nur zu vollkommen irrealen Weltanschauungen geführt hätten, sondern effektiv wissenschaftlichen Fortschritt verhinderten. Grob zusammengefaßt.

Im Buch führt Pinker seine Argumentation über 500 Seiten hinweg mit äußerster Akribie. Alleine die Bibliographie nimmt im Anhang 30 kleingedruckte Seiten ein. Nicht eine einzige Behauptung bleibt unbelegt. Jede Spitze gegen die Geisteswissenschaften wird mit akademischer Substanz untermauert. Gleichzeitig schreibt Pinker mit der Eleganz und dem Fluß eines Literaten.

Es ist genau diese Mischung aus Substanz und allgemeinverständlichem Stil die in der so genannten Dritten Kultur die Brücken von den Natur- zu den Geisteswissenschaften und der allgemeinen Leserschaft schlägt. Ursprünglich war der Begriff “Third Culture" nur ein Etikett, das sich der New Yorker Literaturagent John Brockman ausgedacht hatte, um Sachbuchautoren wie Steven Pinker zu vermarkten. Doch hinter dem Slogan schwelt inzwischen ein handfester Kulturkampf. Mit der Dritten Kultur wollen die Naturwissenschaftler den Geisteswissenschaftlern die intellektuelle Oberhoheit streitig machen. Und Steven Pinker hat mit “The Blank Slate" das Manifest dazu geschrieben.

John Brockman hat schon lange nach einem Wissenschaftler gesucht, der den Rebellenführer der Dritten Kultur spielen kann. Kontroversen sorgen für Aufregung und so verkauft man Bücher. Das weiß er aus eigener Erfahrung. Brockman gehörte zum Kreis um Andy Warhol. Er arbeitete mit dem Hippie-Unternehmer Stewart Brand zusammen. Und er lernte schon früh die Vorläufer der Dritten Kultur kenne. Die ersten Informatiker am MIT wie Norbert Wiener und den Vater der Kybernetik Marvin Minsky.

Heute verbringt der 61jährige den größten Teil seiner Zeit auf seinem Anwesen der Eastover Farm in Connecticut. Er inszeniert sich selbst ganz gerne als Star. Trägt immer einen Hut, poltert gerne lautstark gegen die inzestuöse Intellektuellenszene von New York. “Die New Yorker Intelligentsia ist ein Haufen Fürstentümer von wichtigtuerischen Leuten, die sich immer noch darüber streiten, wer 1937 ein Stalinist war", sagt er zum Beispiel. “Ziemlich erstaunlich. Und ziemlich bedeutungslos. Man findet unter den Geisteswissenschaftlern auch viele, die recht arrogant damit kokettieren, dass sie von den Wissenschaften keine Ahnung haben. Sie werden aber sicherlich keinen einzigen Wissenschaftler finden, der darauf stolz wäre, Shakespeare nicht zu kennen."

Die Idee, Naturwissenschaftler als Bestsellerautoren zu vermarkten, kam ihm, als Stephen Hawkings “Eine kurze Geschichte der Zeit" Ende der 80er Jahre in die Bestsellerlisten aufstieg. In diesem Buch lag auch die Keimzelle des kommenden Kulturkampfes. Im Schlußkapitel merkte Hawking an, die Philosophie habe sich längst darauf reduziert, sprachliche Feinheiten zu erforschen. Auch der Begriff von der Dritten Kultur stammt ursprünglich nicht von Brockman, sondern von dem Physiker C.P. Snow. Der hatte den Begriff Third Culture 1963 in seinem Essay “The Two Cultures" entwickelt. Da träumte er davon, dass Natur- und Geisteswissenschaften sich zu einer so genannten Dritten Kultur vereinen. Nach Snows Vorstellung sollten die Geisteswissenschaftler die Naturwissenschaften erlernen und sie der breiten Öffentlichkeit nahebringen.

“Dazu ist es nie gekommen", sagt Brockman. “Die meisten der öffentlichen Intellektuellen sind heute nur noch glorifizierte Buchkritiker. Auf Antworten kann man da nicht hoffen. Die haben ja nicht einmal die richtigen Fragen. Deswegen haben es die Naturwissenschaftler eben in die Hand genommen, die wichtigen Fragen zu stellen. Wenn die über Dinge wie die Erderwärmung, immunologische Forschung oder Nanotechnologie reden, betrachten sie Probleme, die nationale Grenzen überschreiten. Das sind nicht die selbstreferentiellen Argumente der traditionellen Intellektuellen."

Doch auch die Dritte Kultur hat ihre Krisen. Die Anschläge vom 11. September überforderten die selbsternannte intellektuelle Elite der postideologischen Ära vollkommen. Anstatt ihre Position als Gegenpol zu den anschwellenden Ideologietraktaten zu festigen, verloren sich die Naturwissenschaftler in Banalitäten oder surrealen Fantasien. Stephen Hawking fantasierte sich im Londoner Telegraph eine Zukunft zusammen, in der die Menschheit auf andere Planeten auswandert. Auf John Brockmans Internetforum The Edge formulierten die Stars der Dritten Kultur unter der Überschrift "Was jetzt?" ihre Ratlosigkeit. Der Vorreiter der Chaostheorie Doyne Farmer erläuterte umständlich, dass Terroranschläge nicht voraussehbar sind. Der Physiker David Deutsch schrieb, dass man nun die Menschenrechte fördern muß. Und der Futurologe George Freeman träumte davon, dass ein Art gigantischer Rohrpost mit Fahrgastkabinen den Flugverkehr ersetzen könne.

cover Deswegen eignet sich Pinker so hervorragend für die Rolle des Bilderstürmers. Weil er klar und deutlich argumentiert. Weil er über 500 Seiten hinweg jede Spitze gegen die Geisteswissenschaften mit akademischer Substanz untermauert und gleichzeitig mit der Eleganz und dem Fluß eines Literaten schreibt. Und deswegen hat ihn “The Blank Slate" zu einer Art Guru der Säkularisten gemacht, der weit über die akademische Welt hinaus wirkt.

Nun kann man davon ausgehen, dass die 62 Hektar über die sich das Gelände des MIT am Westufer des Charles River erstreckt, der weltlichste Ort auf diesem Planeten sind. Vor allem, wenn man bedenkt, dass es gerade die Orte weltlicher Sünden sind, an denen im Augenblick von Ekstase oder Ärger der Name Gottes besonders lautstark angerufen wird. Hier in den über 100 Universitäts- und Laborgebäuden wird die Weltlichkeit mit heiliger Ehrfurcht behandelt. Denn am MIT wurden nicht nur Genies ausgebildet, technologische Revolutionen angezettelt und das Informationszeitalter ausgerufen. Deswegen ist das MIT eigentlich auch nicht der geeignete Platz, um die Kontroverse um Steven Pinker mitzuerleben. Denn für den Mann, der von Geisteswissenschaftlern und Liberalen gerne als Ketzer verteufelt wird, ist das MIT ein Heimspiel, und wenn man dort einen seiner Vorträge besucht, herrscht eine euphorisierte Spannung, als würde nun eben ein Popstar auftreten.

Den größten Hörsaal hat man ihm an diesem Abend reserviert. Das Auditorium 10-250, ein Amphitheater in freundlichen Brauntönen, das im ersten Stock des Gebäude Nummer zehn untergebracht ist, einem Respekt einflößendem Bau mit wuchtigen Säulen und blankpolierten Marmorböden, über die am frühen Abend immer noch Scharen von Studenten zu Vorlesungen und Vorträgen huschen. Schon eine Stunde vor Beginn haben die freiwilligen Helfer hinter dem Rednerpult eine gut fünf Meter hohe Leinwand aufgebaut, auf die nun das Titelbild von “The Blank Slate" projiziert wird. “Die moderne Verleugnung der menschlichen Natur" lautet der Untertitel, was schon andeutet, dass es sich hier um ganz grundsätzliche Bilderstürmerei dreht.

Halb acht ist es jetzt. Der erste Abend eines Feiertagswochenendes. Trotzdem ist der Saal schon voll. Viele ganz junge Studenten sind gekommen. Studienanfänger, die gerade ihre erste Woche am MIT hinter sich haben. Das steigert die euphorisierte Wochenendstimmung noch um einiges. Man merkt ihnen an, dass sie Zeit ihres Lebens dafür gehänselt wurden, anders als ihre Altersgenossen zu sein und jetzt hier am MIT eine ganze Welt der Gleichgesinnten entdecken. Wie das Pärchen in der ersten Reihe. Ein indischer Junge mit igelförmigem Haarschnitt und ein rothaariges Mädchen in einer Bergsteigerjacke, die eifrig miteinander flirten und über einem aufgeschlagenen Buch Witze über mathematische Formeln machen, die sie in einem fort zum Kichern bringen.

Steven Pinker betritt den Saal mit schwungvollem Schritt, begrüßt ein paar Bekannte, winkt, lächelt, tritt schließlich ans Rednerpult. Er tippt auf seinen Laptop, den er vor sich aufgebaut hat. Die Projektion wechselt auf die erste Tafel seiner Multimediapräsentation.

“Jeder braucht eine Ahnung davon, was die menschlichen Natur ist", beginnt er seinen Vortrag. “Weil so viel davon abhängt. Im Privatleben nutzen wir dieses Wissen, um Freunde zu gewinnen. Menschen zu beeinflussen und unsere Kinder aufzuziehen. Unsere Idee davon, was Lernen sein könnte, prägt unsere Bildungspolitik, die Vermutung, was Menschen zu Handlungen bewegt unsere Gesetzgebung. Vor allem aber bestimmt diese Annahme unser Wertesystem und somit, wonach wir als Individuen und als Gesellschaft streben können."

Geduldig referiert er noch einmal die drei Grundthesen der Aufklärung, mit dem Hinweis, jede sei von einem “toten, männlichen Weißen" erdacht worden - eine ironische Spitze auf die politisch korrekte Fraktion der akademischen Welt, die den Eurozentrismus der Wissenschaften geißelt und gleichzeitig Steven Pinker für seine Angriffe auf Grundlagen dieser politischen Korrektheit als Rechten und Reaktionär beschimpft. Diese Dogmen beschränkten sich längst nicht mehr auf die Wissenschaften, sondern hätten fast alle Bereiche der Kultur erfaßt. “Lassen Sie mich einen großen Intellektuellen unseres Landes zitieren: der Geist eines Kindes ist eine leeres Blatt Papier, das wir behutsam beschreiben müssen", führt er aus, um pointiert zu pausieren. “Walt Disney hat dies gesagt." Das gibt Lacher. Und noch mehr Lacher bekommt Pinker, als er den Urheber eines nächsten Zitats über die Formbarkeit von Kindern mit einer Bildprojektion als Arnold Schwarzenegger entlarvt.

Wer einmal ein mehrtägiges Symposion mit europäischen Akademikern durchgestanden hat, die ihre Texte atem- und humorlos herunterlesen, ohne ihre Zuhörer auch nur eines Blickes zu würdigen, dem wird ein Vortrag von Pinker wie ein Kabarettabend vorkommen. In sanften Spannungskurven führt er durch seine Argumente, beginnt mit der akademischen Beweisführung, um dann jeden einzelnen Punkt mit Referenzen an die Popkultur zu verdeutlichen. Er projiziert nicht nur Statistiken und Thesenpunkte, sondern auch Karikaturen, Comics und Szenenbilder aus Hollywoodfilmen, zitiert Woody Allen, die Beatles und die neuesten Nachrichten aus der Boulevardpresse.

Das macht Sinn. Inhaltlich bleibt Pinker bis auf die Pointen auf höchstem akademischen Niveau. Doch die Dynamik seines Vortrages erinnert sehr wohl an die Techniken der Boulevardmedien. Denn Rhetorisch gesehen ist Pinkers Einleitung eigentlich eine Polemik. Geschickt schürt er die Befürchtung, hier seien gefährliche Kräfte am Werk. Um den Spieß sogleich umzudrehen: “Die Intellektuellen haben ganz einfach Angst davor, die menschliche Natur nach genetischen, neurobiologischen oder evolutionären Gesichtspunkten zu betrachten." Sie scheuten sich fast panisch davor, die Tatsache anzuerkennen, dass der Geist letztlich ein Produkt des Gehirns sei und somit eben der Machte der Gene, biologischen und evolutionären Prozessen unterworfen sei. Dabei verwiesen die Intellektuellen meist gleich auf die Nazis, die aus der naturwissenschaftlichen Betrachtung des Menschen die Ideologie ihrer Schreckensherrschaft gestrickt hätten. Das beende die meisten Debatten abrupt. Vor allem aber diskreditiere dieser Vergleich die Naturwissenschaften in einem Maße, das de facto den Fortschritt bremse.

Vier große Ängste würden die Intellektuellen davon abhalten, den wissenschaftlichen Tatsachen ins Auge zu blicken, sagt Steven Pinker. Und alle vier Ängste beruhten auf Denkfehlern. Da sei die Angst der Intellektuellen vor der Ungleichheit, die Annahme, dass eine Tabula Rasa in Form einer geistigen Nullwertigkeit bei der Geburt Chancengleichheit garantiere, wohingegen die Annahme, dass der Geist schon mit einem genetisch bestimmten Erbe zur Welt komme, der auch Faktoren wie Intelligenz und Verhaltensanlagen beeinflusse, den Weg für Diskriminierung und deren extreme Ausführung in der Eugenik ebne. “Das stimmt so nicht", sagt Steven Pinker. Man müsse einen großen Unterschied zwischen der Gleichwertigkeit aller Menschen vor Recht und Gesetz machen, und einer vermeintlichen Gleichheit. Schließlich seien die Menschen keine Klone, sondern Individuen. Schon bei der Geburt. Gerechtigkeit könne aber nur garantiert werden, wenn diese durch eine Politik der Gleichwertigkeit geschaffen würde, die diese Unterschiede anerkenne.

Die zweite Angst sei die vor der Verbesserungsfähigkeit. Ebenfalls ein Trugschluss. Die menschliche Gesellschaft verbessere sich in einem fort. Die Abschaffung von Sklaverei, Folter, institutionelle Diskriminierung und Unterdrückung durch die westlichen Demokratien sei der Beweis.

Dann gebe es eine ausgeprägte Angst vor dem Determinismus. Das aber führe letztlich dazu, dass man die Menschen nicht mehr für ihr Handeln verantwortlich mache und habe in den letzten Jahrzehnte sowohl in der Soziologie, als auch in der Rechtsprechung zu einer unannehmbaren Kultur der Ausreden geführt. Schiebe man die Schuld von Gewalttätern, Vergewaltigern oder Amokläufern auf ihre Umwelt und Vergangenheit, dann bürde man die Verantwortung des Einzelnen der Gesellschaft oder Kultur auf.

Und schließlich sei da noch die Angst vor dem Nihilismus. Wenn unsere Werte und Ideen Produkte einer Hirnphysiologe seien, fürchteten Intellektuelle und Philosophen um den Bestand einer objektiven Realität, die den Mensch über die egoistischen und automatisiert Reflexe der Natur erhebe. Diese Angst gibt es in säkularer und religiöser Form. Vor allem der Glaube der Religion an ein Leben der Seele nach dem Tod sei gefährlich, entwerte er doch das Leben vor dem Tod. Man sei versucht, seine Zeit auf Erde nicht voll auszunutzen. Aber auch die säkulare Form berge Gefahren. Und rezitiert eine Szene aus Woody Allens “Stadtneurotiker", um den Irrtum zu illustrieren.

Da lamentiert Allen als Schulbub, dass er seine Hausaufgaben nicht machen müsse, schließlich dehne sich das Universum aus und würde zwangsläufig auseinanderbrechen. Worauf ihm seine Mutter eine Kopfnuß gibt und ihn anrüffelt: “Aber wir leben in Brooklyn. Und Brooklyn dehnt sich nicht aus." Das zeige ganz deutlich den Fehlschluß der Analyse - nur weil die Natur nach egoistischen Mustern funktioniere, heiße das noch lange nicht, dass man als Mensch so agieren müsse. Ganz im Gegenteil.

Nach dem Ende des Vortrages gibt es kaum Widerrede im Saal. Ein paar Studenten stellen einzelne Facetten in Frage. Pinkers Fazit, der Mensch sei vor allem ein Produkt seiner Gene und seiner Umwelt, sei den Naturgesetzen in seiner Gesamtheit unterworfen und somit auch spirituell sterblich, wird von keinem angegriffen.

Allerdings ist es auch schon fast zwanzig Jahre her, dass Studenten an der Harvard University Flugblätter verteilten, auf denen sie ihre Kommilitonen aufforderten, Vorträge des Biologen Edward O. Wilson mit Trillerpfeifen, Rasseln und Trommeln zu stören. Wilson gilt als Vater der Soziobiologie, neben der Evolutionspsycholgie und der Verhaltensgenetik eine jener neuen Forschungsrichtungen der 80er und 90er Jahre, die längst einlösten, was Pinker eigentlich fordert - die praktische Umsetzung naturwissenschaftlicher Fortschritte auf den Menschen. Genau genommen ist Pinkers Arbeit nicht mehr als eine moderne Ausführung jener These, die Charles Darwin in seinem Grundlagenwerk “Von der Entstehung der Arten" vorstellte. Der Mensch sei wie alle Lebensformen natürlichen Ausleseprozessen unterworfen, die zufallsgesteuert und blind agierten. Warum also die Kontroverse?

Wenn er nicht unterwegs ist residiert Steven Pinker in einem Eckbüro im vierten Stock des Cambridge Center, einem Gebäudekomplex, der das Herzstück der so genannten “Intelligence Alley" bildet. Hier siedelten sich in den 80er Jahren all jene Firmen an, die aus den Forschungsergebnissen des MIT Media Lab und des Artificial Intelligence Lab vermarktbare Produkte entwickelten. Ihre Namen klingen wie aus einer Science-Fiction-Geschichte von Philip K. Dick - das gibt es die Palladium Corporation, Thinking Machines und Symbolics. Und auch die Fakultät für kognitive Wissenschaften, die einen Teil ihrer Büros hier ausgelagert hat.

Pinkers Büro ist erstaunlich geräumig, obwohl er derzeit ein freies Jahr genießt, um seine Lese- und Vortragsreisen zu absolvieren. Bücherregale stehen über Winkel zur Wand, bilden eine Miniaturbibliothek. Hier hat Steven Pinker auch seine Bücher “Wie das Denken entsteht" und “Die Natur der Sprache" geschrieben. Seine eigentliche Arbeit - die Entwicklung von kognitiven Fähigkeiten im Menschen. Und dadurch kam er auch auf die Grundidee von “The Blank Slate". “Auf meinem Forschungsfeld gibt es einen enormen Beweisdruck", sagt er. “Gleichzeitig wird jede Theorie, dass es bei der Entwicklung von Sprache angeborene Fähigkeiten geben könnte abgelehnt." Diese Ablehnung habe beispielsweise die Erforschung des menschlichen Lernen behindert, denn viele Grundlagen seien nicht hinreichend erforscht. Was wiederum den Fortschritt bei der Entwicklung neuer Computerprogramme und künstlicher Intelligenzen bremse.

Das klingt wie so viel Argumente der Dritten Kultur. Sind das nicht nur ersatzideologische Ansprüche, die all die ethischen Diskurse um die Naturwissenschaften beenden sollen, die heute heftiger toben, als je zuvor? Steven Pinker schüttelt den Kopf. Nein. Es geht ihm um mehr.

Prinzipiell, müsse man Politik und Wissenschaft streng voneinander trennen, sagt er. Nur wenn man dem Menschen seine Natur so zeige, wie sie ist, könne der Mensch auch effektiv an sich arbeiten. Das hat Antonin Tschechow gesagt. Vor nun immerhin über einhundert Jahren. Eines von Pinkers Lieblinszitaten, das er immer wieder in seinen Essays und Vorträgen verwendet. Und noch ein Zitat fällt Steven Pinker ein, das für ihn die Furcht vor den Erkenntnissen der Wissenschaften besser illustriert, als jede theoretische Betrachung. In Dostojewskis “Die Brüder Karamasow" sei eine Szene, in der Dimitrij über die Wunder der Wissenschaft staune, die ihm erkläre, wie er als Mensch funktioniert. “Ein neuer Mensch erhebt sich", sage er da. “Das kann ich verstehen. Und doch schmerzt mich der Verlust Gottes."





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