SCHAMPUS FÜR BEFÜRFTIGE

Für die High Society von New York ist
Wohltätigkeit eine Pflicht.

© Andrian Kreye

Depesche von der New Yorker Weihnachtspartyfront: Es geht wieder bergauf! Die wichtigsten Indikatoren sprechen dafür, das bestätigten von den Gesellschaftsseiten der New York Times bis zu den Branchenblättern der Gastronomie sämtliche Publikationen mit informiertem Einblick in das Sozialverhalten der oberen Zehntausend. Einige privilegierte Stichproben bestätigten die Meldungen: Statt schlichtem Champagne Brut wurde wieder vermehrt Grand Cru ausgeschenkt, statt Hors d'Oeuvres gab es Hummersalat und Steak, und statt ein paar Martinis zum Aperitif, garantierte dieses Jahr wieder die beliebte Institution der Open Bar einen angemessen festlichen Alkoholpegel.

Dementsprechend ausgelassen war dann auch die Stimmung. Mehrere bekannte Vertreter der Unterhaltungsbranche wurden mit eingeschränkter Motorik gesichtet. Und während einer Komikergala kam es bei den Vorträgen zu politisch unkorrekten Entgleisungen, die den geehrten Präsidentschaftskandidaten der demokratischen Partei dazu zwangen, sich bei seinen Gästen in aller Form zu entschuldigen.

Wer nun säuerlich bemerkt, dass er auf der Weihnachtsfeier seines Betriebes nur Prosecco, Geflügel und Fisch serviert bekam, sollte wissen, dass die Gelage der New Yorker High Society kein Ausdruck von Dekadenz sind, sondern im Gegenteil - je ausschweifender die Party, desto edler das Ansinnen. Für die Reichen, Schönen und Berühmten Amerikas ist die Philanthropie keine Geste, sondern Verpflichtung. So wird das Feiern zum unantastbaren Akt der Wohltätigkeit.

Da bat Baulöwe Donald Trump seine zahlenden Gäste zu einer Party, auf der als Spielzeug verkleidete Schauspieler den Festsaal in ein überdimensionales Kinderzimmer mit Kaviarbuffet verwandelten. Matthew Broderick und Eartha Kitt sangen auf einer Dinnerparty, die verarmten Schauspieler zu Gute kam. Technostar Moby gab eine Party für die Wählerorganisation MoveOn. Und dann waren da noch die Galas und Parties für politische Gefangene, die Erforschung von Aids und Multiple Sklerose, den Schutz von Pelztieren und die Unabhängigkeit Tibets. Der gute Zweck gehört in New York inzwischen so fest zum gesellschaftlichen Leben, dass die New York Times in ihrer Sonntagsausgabe eine eigene Kolumne eingerichtet hat, die auf bis zu einer halben Seite nur die Benefizveranstaltungen der Woche ankündigt.

Für einen Industriekapitän oder einen Star kann die Wohltätigkeit allerdings richtig in Arbeit ausarten. Deswegen gibt es in den USA eine eigene Beraterbranche, die nichts anderes tut, als Menschen mit zu viel Geld dabei zu helfen, ihre Spenden an die passenden Empfänger zu verteilen. Die Auswahl des geeigneten sozialen Anliegens kann für einen Star inzwischen so wichtig sein wie die richtige Rolle im richtigen Film, das passende Kleid und das korrekte Auto. Manchmal lässt sich das sogar verbinden.

Leonardo di Caprio gilt beispielsweise als exemplarische Erfolgsgeschichte der Branche. Nach seinem Durchbruch als Star von “Titanic" wurde er von den Klatschspalten schon bald als hemmungsloser Partyboy gehandelt. Als Umweltaktivisten dann gegen die Dreharbeiten seines nächsten Filmes “The Beach" protestierten, weil die Crew im thailändischen Naturschutzgebiet Fauna und Flora zertrampelte, stand der Image-Supergau bevor. Die Lösung: Mit großem Aufwand begann di Caprio, sich für Umweltorganisationen zu engagieren. Dann kaufte er sich nicht nur eines jener umweltschonenden Hybridautos, sondern gleich vier, die er an Freunde und Verwandte verschenkte. Mit Erfolg. In einer Dokureihe über den Lifestyle der Superstars widmete der Klatschsender E! gut 20 Minuten der einstündigen Sendung dem sozialen Engagement des Stars.

Treibende Kraft hinter dem neuen Leo ist der PR-Spezialist Ken Sunshine, der früher zum Beraterstab des New Yorker Bürgermeisters David Dinkins gehörte und heute noch Hillary Clinton berät. Andere Benefizberater sind ausschließlich damit beschäftigt, sich um die edlen Anliegen ihrer Stars zu kümmern. Barbra Streisand, Steven Spielberg und Robert Redford beschäftigen zum Beispiel eigene Berater für ihre politische und wohltätige Arbeit.

Neulinge im Geschäft können sich inzwischen an Organisationen wie die Creative Coalition wenden, die ihnen helfen, den geeigneten guten Zweck zu finden. “Es wird von einem Star inzwischen genauso erwartet, ein passendes Anliegen zu haben, wie einen Agenten", sagt Sprecherin Robin Bronk. Für die wohltätigen Organisationen ist der soziale Druck auf die Stars ein Geschenk. Ein bekanntes Gesicht bringt für ein beliebiges Thema mehr Publicity, als jede raffiniert ausgeklügelte Werbekampagne. Für die Stars hilft das nicht nur an der Imagefront. Sie erarbeiten sich damit auch einen gesellschaftlichen Bonus, mit dem sie bei Parties auch mal über die Stränge schlagen dürfen.





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