In den Banlieues versagen die traditionellen Erklärungsmodelle. Der nahe liegende Vergleich mit dem Pariser Frühling von 1968 wurde schon bald wieder verworfen. Es mag zwar sein, dass in einem Land, das nicht müde wird, die Revolution als Grundlage der nationalen Identität zu feiern, Protest eine gewisse Selbstverständlichkeit hat, viele der Jugendlichen, die in diesen Nächsten Autos, Schulen und Geschäfte abfackeln mögen auch einen französischen Pass haben, doch als Franzosen fühlen sie sich deswegen noch lange nicht. Selbst der Vergleich mit der Intifada oder die Befürchtung, hinter den sporadischen “Allahu Akbar"-Rufe der Steinewerfer stecke das Feuer des Dschihad, lassen sich fast zwei Wochen nach Ausbruch der Unruhen nicht mehr halten.
Was sich im heißen Herbst 2005 in den Banlieues abspielt, lässt sich eher mit den Rassenunruhen vergleichen, wie sie 1965 in Watts, 1967 in Detroit und Newark, 1981 in Brixton und 1992 in Los Angeles ausbrachen. Auch dort richtete sich der Zorn einer ghettoisierten Minderheit gegen Formen der Unterdrückung, während sich die Gewalt in einem selbstzerstörerischen Akt der gegen die eigene Gemeinde richtet. In seiner Reportage über die Unruhen im Londoner Stadtteil Brixton während des Sommers 1981 schrieb der Literaturwissenschaftler und Kulturkritiker Karl-Heinz Bohrer: “Die alternative Kultur kennt die normative Kultur genau und versucht sie mit Gegenstrategien zu unterlaufen. Die proletarische Subkultur ... kennt die normative Kultur gar nicht, sondern erleidet sie nur als das ’System', das sie nicht begreifen kann."
Auch in Los Angeles war von einer schwarzen Intifada die Rede. Eines der symbolträchtigsten Fotos zeigte damals einen jungen Mann, der ein T-Shirt mit einem übergroßen Peace-Sign und eine nach der damaligen Hip-Hop-Mode umgedrehten Baseballkappe trug und im Feuerschein eines brennenden Wärterhäuschen wütend die Menge dirigierte. Das Nachrichtenmagazin Newsweek brachte das Bild damals auf dem Titel, denn das vertraute Friedenssymbol der Hippiebewegung ließ hoffe, dass es sich um einen klassischen Volksaufstand handeln könnte.
Hinter dem Symbol steckte allerdings kein Rebell aus dem Ghetto, sondern Mark Craig, ein desillusionierter 23jähriger Golfkriegsveteran aus der Suburbia. Linke Politik war ihm genauso fremd, wie die Wut, die da in ihm hochgekocht war. “Als junge Schwarze haben wir hier in Los Angeles keine Leitbilder", sagte er. “Die einzigen Helden, die wir kennen, sind Sportler und Hip Hop Stars wie Ice-T, Ice-Cube oder Eazy E." Vertreter des Gangsta Rap, der aus der Kultur der Streetgangs in den Ghettos von Los Angeles entstanden war.
Der Gangsta war ein deutlicher Bruch mit der Tradition des Pop, der seit den 50er Jahren fast immer ein positives Lebensgefühl und einen Willen zur Utopie transportiert hatte. “Gangsta Cool" bezeichnete eine Kaltschnäuzigkeit, die Grundlage einer durch und durch nihilistischen Jugendkultur wurde. Die Pose des amerikanischen Gangsta Cool ist vielen Jugendlichen in den Banlieues jedoch geläufiger, als der kulturelle Kanon ihrer vermeintlichen Heimat.
Die beste Studie über das moderne Phänomen des Cool stammt von dem Psychologen und Mitbegründer des National Council of African American Men Richard Majors und der Soziologin Janet Mancini Billson. Sie beschreiben die Haltung des Cool als Überlebensstrategie, die es schwarzen Amerikanern erlaubt, auch in der verzweifelten Lebenssituation des Ghettos nicht nur ihre Würde, sondern auch ein kulturelles Überlegenheitsgefühl zu bewahren.
Cool hat jedoch eine Kehrseite als nihilistische Version des Nonkonformismus, der in seiner Ablehnung von Bildung, Arbeit und sozialem Verhalten einen selbstzerstörerischen Moment in sich birgt, der durchaus auch nach Außen gerichtet werden kann. “Die Pose des Cool kann Gewaltbereitschaft vermitteln", schreiben Majors und Billson. “Sie kann Betroffenheit und Schuld überdecken, wenn es zu effektiver Gewalt kommt." Das kann zu einem Teufelskreis führen: “Der tragischste Aspekt des Cool ist, dass es nicht nur als Hilfsmittel zum Überleben im Ghetto dient, sondern auch zu einem ausschließlich auf sich selbst bezogenen Muster wird, das unabhängig von seiner ursprünglichen funktionalen Bedeutung existiert."
Wenn man also das Vergleichsmodell der amerikanischen Schwarzenghettos auf die Banlieues anwendet, wird man bald zu einem ähnlichen Schluss kommen wie der Philosophieprofessor an der Princeton University Cornel West, der in seinem Essayband “Race Matters" die traditionellen Analysen wie den linksliberalen Wirschaftsstrukturalismus und die konservative Verhaltenskritik für überholt erklärte. Einerseits seien Struktur und Verhalten untrennbar. Andererseits existierten wirtschaftliche und politische Realitäten immer im Kontext kultureller Gegebenheiten. Und diese Gegebenheiten seien im schwarzen Amerika von Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, einer beispielslosen Sinnkrise und einer unglaublichen Missachtung menschlichen Lebens und Eigentums geprägt. “Nihilismus darf man in diesem fall nicht als philosophische Doktrin verstehen, sondern als gelebte Erfahrung", schreibt er. “Die beängstigende Folge sind eine lähmende Isolation von Mitmenschen und eine selbstzerstörerische Gesinnung."
Hätte man die Zeichen lesen können? In den USA gab es die Popkultur des Ghetto-Nihilismus schon vor den Los Angeles Riots. Den Aufstieg in den Kanon des Pop vollzogen Gangsta Rapper wie Dr. Dre und Snoop Dogg allerdings erst nachdem die Schwarzenviertel South Central in Flammen aufgegangen waren. In Frankreich waren die Spannungen in den Banlieues bei Ausbruch der Unruhen jedoch längst ein so fester Bestandteil der Gegenwart, dass sie schon bis in die obersten Sphären des kommerziellen Pop aufgestiegen waren.
In Los Angeles hat sich seit den Riots vor nunmehr fast 14 Jahren kaum etwas verändert. Viel Geld wurde für den Wiederaufbau versprochen. Fast nichts ist angekommen. In South Central kann man immer noch ausgebrannte Gebäude sehen, immer noch kämpfen die Gangs gegeneinander, immer noch greift die Polizei mit harten Methoden durch, immer noch werden ganze Generationen junger Ghettobewohner kriminalisiert. Keine Frage - die Lage ist ungleich dramatischer, als in Frankreich. Die Zahl der Toten, die der Krieg zwischen Ghettos und Gesellschaft in den letzten drei Jahrzehnten gefordert hat wird auf 25.000 geschätzt. Doch die Hoffnungslosigkeit und Sinnleere wird in von den ghettoisierten Minderheiten in den Banlieues ganz ähnlich empfunden. Und wenn eine ziellose Gegenwart zur bleibenden Realität wird, muss man auch in Zukunft damit rechnen, dass sie immer wieder aufs Neue explodiert.
New York 09.11. '05 - Es passiert einem auch als Krisenreporter nicht allzu oft, dass man jener entfesselten Form kollektiver Gewalt begegnet, die sich derzeit in den Banlieues der französischen Städte entlädt. Doch gerät man in eine solche Menge, dann blickt man in Gesichter, die in einer Mischung aus Zorn und Trance zur Maske erstarrt sind und es ist unmöglich, die Reaktionen einzuschätzen. Urplötzlich entstehen Gewaltstrudel, die sich in Windeseile ausbreiten und wieder auflösen. Ohne jeglichen Grund bilden sich Angriffswellen und genauso unvorhersehbar kann Panik die Menge auseinandertreiben. Hetzmassen nannte Elias Canetti solche Ansammlungen aufgebrachter Gewalttäter. “Die Hetzmasse bildet sich im Hinblick auf ein rasch erreichbares Ziel", schrieb er. “Jeder will daran teilhaben, jeder schlägt zu." Doch was, wenn das Ziel fehlt?
Sichtbarster Vertreter dieses Systems ist dabei die Polizei, weswegen es fast immer Übergriffe der Polizei waren, die solche Aufstände auslösen. Die Unruhen in den Banlieues brachen aus, als der 15jährige Bouna und der 17jährige Ziad in einem Umspannwerk ums Leben kamen, nachdem sie angeblich von der Polizei verfolgt wurden. In Watts führte die Verkehrskontrolle einer schwarzen Autofahrerin zu den Ausschreitungen, in Newark die Misshandlung eines schwarzen Taxifahrers, in Detroit die Razzia in einer schwarzen Kneipe, in Brixton die Verhaftung eines verletzten schwarzen Jungen und in Los Angeles der Freispruch der vier Polizisten, die den schwarzen Rodney King bei einer Verkehrskontrolle verprügelt hatten. Scheinbare Lappalien, doch hinter dem kollektiven Wutausbruch steckt meist eine Frustration, die sich seit Jahren aufgestaut hatte. Der Aufstand der Ghettos birgt jedoch eine neue Dimension, die mit politischen Analysen nicht greifbar ist.
Prinzipiell basiert die Pose des Gangsta Cool auf dem Hip, jener Grundhaltung, die den amerikanischen Subkulturen seit dem frühen 20. Jahrhundert eine magische Aura verliehen hat. Das Phänomen des Hip lässt sich über die Kultur der amerikanischen Sklaven bis nach Westafrika zurückverfolgen, wo das Wort hepi oder hipi auf Wolof so viel bedeutet wie klar sehen oder seine Augen öffnen. Aber auch “cool", das ultimative Prädikat des Hip, hat afrikanische Wurzeln. Der Kunsthistoriker an der Yale University Robert Farris Thompson hat auch den Ursprung des Wortes 'cool' bis auf den afrikanischen Kontinent zurückverfolgt. Er beschreibt das Cool als Maske des Geistes, was so viel bedeutet wie eine gewissen Ruhe und Selbstsicherheit aufrecht zu erhalten, während alles um einen herum verrückt spielt.
Der wahrscheinlich beste Film über die Situation in den Banlieues “La Haine" von Mathieu Kassovitz kam schon vor zehn Jahren in die Kinos. Der Film wirkt heute wie eine Vorschau auf die letzte Woche - er erzählte die Geschichte von drei harten Jungs aus einer der Sozialbauanlagen, die am Vorabend eines Aufstandes noch einmal versuchen, ihr Glück in der Stadt zu machen. Letztes Jahr produzierte Luc Besson dann schon einen aufwändigen Science-Fiction-Film mit dem Titel “Banlieue 13", in dem die französische Regierung die Einwandererviertel eingemauert hat. Das war reiner Mainstreampop, der die Krise der Banlieues als Actionstoff benutzen konnte, weil sie jedem geläufig ist. Das war nicht sonderlich authentisch, doch in der Filmmusik fand man all jene Stars aus den Banlieues, die ein französisches Pendant zum Gangsta Rap geschaffen haben. Man muss kein Französisch sprechen, um aus den Songtiteln eine Grundstimmung herauszulesen: IAM sind mit “Mental de Vietcong" vertreten, Asssasin mit “L'état assasine" und Iron Sy mit “Resistant". Eine ganz ähnliche, in ihrem Wesen apolitische Bürgerkriegsstimmung findet man auch im amerikanischen Gangsta Rap.
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