Peter Schneider gab ihm prinzipiell recht: “Man darf schlechten Stil sicher nicht mit strukturellen Differenzen verwechseln." Der Ton sei aber durchaus beunruhigend. Da sei der antiamerikanische Pöbel in Europa, der Verschwörungstheoretikern wie Michael Moore nachplappert, sowie die selbstgerechte Friedensbewegung. “In Europa gibt es mehr Antiamerikanismus, als ich ihn während meiner Lebzeit je gesehen habe", sagte er. “Und ich habe immerhin die Anti-Vietnambewegung miterlebt." Was die kulturellen Gemeinsamkeiten allerdings wirklich aushöhle, seien die religiösen Untertöne im arrogante Konfrontationskurs der Bush-Regierung. “Europäer sehen darin eine kontinuierliche Umkehrung der Säkularisierung. Das entfremdet sie stark von Amerika. Ich kann nur hoffen, dass Europa da nicht nachgibt und die Aufklärung gegen diese Regierung verteidigt." Jane Kramer bestätigte seine Befürchtungen: “Wir haben es jetzt mit einem theologischen Volk zu tun. So schlimm ist es nicht einmal in Italien, wo immerhin Opus Dei um die Regierung kreist."
Als Ian Buruma schließlich das Mikrofon für Teilnehmer und Publikum eröffnete, landet die Diskussion, wie bei den meisten den meisten New Yorker Symposien dieser Art, bei den Parallelen von Antiamerikanismus und Antisemitismus, bei den Problemen der Kritik an Israel und dem aufstrebenden Antisemitismus in Europa. Da flammten kurz die Emotionen auf, und nach wenigen Minuten teilten sich nur noch Tariq Ali und Bernard Henry Lévy das Wort. “Es ist sehr wohl legitim, Israel zu kritisieren", polterte Ali. Worauf ihm Lévy ins Wort fiel: “Der iraelisch-palästinensische Konflikt ist weder der einzige, noch der schlimmste Konflikt dieser Tage. Aber alle Welt konzentriert sich nur auf Israel. Das geht soweit, dass sich die gesamte Durban Conference gegen Sklaverei und Rassismus letztendlich nur um den Zionismus drehte." Applaus bekam er dafür und fuhr fort: “Es gibt genügend Gründe, Sharon zu kritisieren. Zionismus aber ist die Grundlage des israelischen Staates und wer den Zionismus für illegitim erklärt, der spricht Israel die Existenzberechtigung ab." Tariq Ali ließ sich auf kein Zugeständnis ein. “Auch die Kritik am Zionismus ist keineswegs illegitim. Was, wenn die Bürger Israels entscheiden, dass sie nicht mehr unter dem Zionismus leben wollen, sondern in einem binationalen Staat?"
Ian Buruma brachte die Debatte mit dem diplomatischen Einwurf zum Thema zurück, ob es aus dem Publikum noch Fragen ohne das Wort Israel gäbe.
Bei aller rhetorischen Brillanz wirkten die Debattierenden selbst gegen Ende allerdings erschöpft, fast gelangweilt. Jane Kramer brachte die Frustration auf den Punkt. “Es gibt hier in Amerika mehr Freiheiten für Autoren, als irgendwo sonst auf der Welt", sagte sie. “Aber wir zählen hier nichts. Die Regierung sagt einfach - macht was ihr wollt. Ihr seid für uns keine Bedrohung." Oder wie es Quentin Tarrantino einen seiner Gangster in “Reservoir Dogs" sagen ließ: “Na du kleiner Pinscher? Willst du den ganzen Tag kläffen oder auch noch beißen?"
Als die Teilnehmer des Symposiums, das der New Yorker PEN-Club zur transatlantischen Debatte ausrichtete, schweren Schrittes aus dem Dunkel der Kulissen auf die Bühne traten, erinnerten sie für einen Moment an die Zeitlupenaufnahme zu Beginn von Quentin Tarrantinos “Reservoir Dogs", in der Harvey Keitel und seine vier Komplizen in dunklen Anzügen eine verödete Straße entlangmarschieren. An der Spitze die beiden unumstrittenen Champs des liberalen Diskurses, 68er-Legende Tariq Ali und Philosophenstar Bernard Henry Lévy, beide mit divenhaft über die Jacketts drapierten Schals, den Blick bedeutungsschwanger auf einen imaginären Horizont geheftet. Gefolgt von drei der wohl besten Publizisten unserer Tage - dem niederländischen Essayisten Ian Buruma, der sich leider mit seiner Rolle als Moderator begnügte, dem Literaten Peter Schneider, der in Amerika als eine Art Sprachrohr des gemäßigt liberalen Deutschlands gilt, und der Europakorrespondentin des Wochenmagazins New Yorker Jane Kramer. Sie ließen von der ersten Sekunde an keinen Zweifel aufkommen - hier traten die Schwergewichte der rhetorischen Arena in Aktion. Und sie argumentierten dann auch mit einer Souveränität und Ruhe, die nach der überhitzten Demagogie der letzten Monate intellektuelle Autorität vermittelte.
Tariq Ali machte den Anfang. Er schien gut gerüstet, immerhin hatte er sich erst am Nachmittag in einer Radiosendung zum Irakkrieg mit dem Großmeister der Kontroverse und frischgebackenen Neokonservativen Christopher Hitchens gefetzt. Den amerikanisch-europäischen Kulturbruch, das eigentliche Thema dieses Abends, tat Ali zwar mit der Bemerkung ab, die Unterschiede zwischen den offiziellen Kulturen würden doch weiterhin kontinuierlich abnehmen. Längst hätten sich die sozialen Marktwirtschaften der EU-Länder dem neoliberalen Washington Consensus unterworfen. Lediglich die inoffizielle Kultur der Volksmeinung stehe in wahrer Opposition zu Amerika.
Bernard Henry Lévy klärte zunächst, dass er nicht wie von Ian Buruma angekündigt ein proamerikanischer Autor sei. Es habe viel Kritik an Amerika. “Angefangen mit der Todesstrafe - ein Relikt aus der Barbarei!" Er sei auch von Anfang an gegen den Irakkrieg gewesen. “Man bekämpft antidemokratische Kräfte nicht mit antidemokratischen Mitteln." Dann räumte er jedoch ein: “Ich bin ein anti-Antiamerikaner. Nicht zuletzt weil es die französischen Faschisten waren, die den Antiamerikanismus vor 80 Jahren erfunden haben. Für die war Jean Jacques Rousseau ein Alptraum, und die Idee, dass in Amerika Menschen ohne eine gemeinsame Identität eine Nation gegründet hatte, störte sie in ihrem tiefsten Inneren." Antiamerikanismus sei sowohl in Europa, als auch in Gegenden wie Vorderasien ein Magnet für die allerübelsten Subjekte einer Gesellschaft."
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