* BERICHTE AUS AMERIKA

DER TOTENGRÄBER DER MAULTIERE

Orlando Tobon überführt die Leichen
verunglückter Drogenschmuggler aus New York
zurück nach Kolumbien. In dem Film
“Maria voll der Gnade" spielt er sich selbst.

© Andrian Kreye


New York 19. 04. '05 - Orlando Tobon weiß noch genau, wie alles anfing, damals in der Leichenhalle des Kreiskrankenhauses von Jamaica Queens, wo ihm die Ärztin die Leichname der drei unbekannten Drogenschmuggler zeigte. Orlando Tobon hatte einer Nachbarin geholfen, deren Schwester bei einem Autounfall umgekommen war. Die drei namenlosen Toten gaben ihm zu denken. Mit ein wenig Geld, das vom Begräbnis übrig blieb, ließ er einen von ihnen bestatten. Das war der erste von über 400 toten Schmugglern, um die er sich kümmern sollte.

Damals war Orlando noch keine dreißig Jahre alt. Heute nennen sie ihn im Einwandererviertel Jackson Heights, das nicht weit vom LaGuardia-Flughafen im nördlichen Teil des New Yorker Vorstadtbezirkes Queens unter den Hochgleisen der U-Bahnlinie 7 liegt, respektvoll den “Bürgermeister von Kleinkolumbien". Ein bisschen staatsmännisch wirkt der 57jährige ja, wie er in dem kleinen Reisebüro mit seiner Körpermasse hinter dem Schreibtisch thront, wie er den Telefonhörer unters Kinn geklemmt einem kolumbianischen Landsmann die Steuererklärung ausfüllt und dabei mit seinem Silberblick streng über den Rand seiner Brille schaut. “Graçias Don Orlando", sagt der Kunde dann auch und deutet dabei kurz einen Bückling an, wie es sich im Umgang mit Respektspersonen gehört.

Figuren wie Orlando Tobon gibt es in jedem amerikanischen Einwandererviertel, meist Herren mittleren oder fortgeschrittenen Alters, die schon ein paar Jahrzehnte im Land leben und irgendein Ladengeschäft betreiben, das als Anlaufstelle für Neuankömmlinge und in Not geratene dient, denen sie mit ihrer Erfahrung und ihren Kontakten helfen können, bürokratische Probleme zu lösen oder einen Job zu finden. Don Orlando residiert beispielsweise im keine zehn Quadratmeter großen Store Number Five des Jackson Heights Shopping Center, das keineswegs ein richtiges Einkaufszentrum ist, sondern eine jener Zusammenrottungen winziger Ladengeschäfte unter einem Dach, wie man sie sonst nur in den Innenstädten der Dritten Welt findet.

Im Gegensatz zu den Schlüsselfiguren von Chinatown, Little Haiti oder Spanish Harlem ist Orlando Tobon inzwischen weltberühmt. Nicht als inoffizieller Bürgermeister, sondern als “Totengräber der Maultiere", wie sie ihn auch nennen. Seit jener Begegnung mit den namenlosen Toten im Krankenhaus kümmert sich Orlando Tobon um all jene, die sich für ein paar Tausend Dollar als “Maultiere" verdingt hatten, als Drogenschmuggler, die sich in Bogotá ihren Magen mit Präservativen voll stopfen, die sie dann unter der Aufsicht von Kontaktleuten der kolumbianischen Kartelle in einem New Yorker Motelzimmer ausscheiden. Platzt eine der bis zu 120 Plastikkapseln mit Kokain oder Heroin im Magen, stirbt der Schmuggler innerhalb von Minuten.

Orlando Tobon ist der einzige, der den Familien helfen kann, den Leichnam nach Kolumbien zu schaffen. Er sammelt Geld in der Gemeinde von Jackson Heights, sucht nach der Familie, kümmert sich um Sarg und Rückführung. Die makabre Nothilfe ist für ihn eine Frage der Menschenwürde. “Die Maultiere sind die Ärmsten der Armen", sagt er. “Diese Jobs bekommen ja nur rechtschaffene Menschen, weil sie mit einem Vorstrafenregister kein Touristenvisum für Amerika bekommen würden." Bis zu fünfzehntausend solcher Schmuggler nehmen die Zollbehörden an den New Yorker Flughäfen jedes Jahr fest. Wie hoch die Dunkelziffer ist kann kein Mensch sagen.

Als Tobon anfing, hatte die Polizei ihn im Verdacht, für die Mafia zu arbeiten. Sie haben sogar seine Wohnung gestürmt und durchsucht. Doch mit der Mafia hatte er noch nie zu tun. Die behelligt ihn auch nicht. Inzwischen hat die Nothilfe Orlando Tobon auch berühmt gemacht. In seinem Büro hängen gerahmte Fotografien, die ihn mit allerlei echten Würdenträgern zeigen - mit Bill und Hillary Clinton, mit dem kolumbianischen Präsidenten Álvaro Uribe und mit dem mexikanischen Tenor Placido Domingo. Und deswegen haben sie auch den Film “Maria voll der Gnade" über seine Geschichte gedreht, der sogar für einen Oscar nominiert war.

Der Film erzählt die Geschichte der 17jährigen Maria Alvarez, einer Fabrikarbeiterin aus einer kolumbianischen Kleinstadt, die schwanger wird und sich entschließt, einen solchen Maultierjob anzunehmen, weil so ein Flug nach New York fünf- bis achttausend Dollar einbringt. Sie reist mit zwei anderen Schmugglerinnen. Der einen platzt eine Kapsel im Bauch, sie stirbt im Flughafenhotel, wo sie von den Kontaktleuten der Mafia aufgeschlitzt wird, die ihr die Schmuggelware aus dem Magen holen. Maria und ihre Freundin Blanca suchen die Schwester der Toten in Jackson Heights und landen im Büro von Orlando Tobon.

Nein, sagt Tobon, der Regisseur Joshua Marston habe nichts übertrieben, nichts dramatisiert. Es sei schon öfter vorgekommen, dass die Drogenmafia einem Toten den Bauch aufgeschlitzt hätte. Und ja, es seien meist junge Mädchen, die den Job erledigten. Die seien am Zoll unverdächtig. Er habe aber auch schon die Leiche einer 82jährigen überführt, die das Geld verdienen wollte, um die Pflege für ihren geistig behinderten Sohn zu bezahlen. Und die eines 16jährigen Jungen, der gemeinsam mit seiner Mutter geschmuggelt hatte, die den sterbenden Sohn im Motel zurückließ.

Tagelang sei Marston bei ihm im Büro herumgesessen. Dann habe er sein Drehbuch geschrieben und weil sie niemanden fanden, der Orlando Tobon adäquat darstellen konnte, spielte der sich eben selbst. Da sitzt er im Film dann in einem Büro, das genauso mit Aktenstapeln und Schränken vollgestellt ist, wie sein eigenes, nur ein bisschen größer musste es sein, weil sie sonst keine Kamera untergebracht hätten, und das Schaufenster ging auch filmgerecht auf die Straße und nicht auf das fensterlose Foyer der Ladenzeile in Jackson Heights. Viel verändert hat der Film in seinem Leben nicht. Immer noch bringt ihm ein Laufbursche der Imbissbude sein Mittagessen vorbei - ein Sandwich mit Huhn und Mayonnaise, dazu ein Becher Kaffe mit viel Zucker und Milch. Er hat auch nicht vor, sein Büro aufzugeben, in dem so viele Fäden des Viertels zusammenlaufen.

Der Buchverlag Simon & Schuster wird ihm nun 35.000 Dollar dafür bezahlen, dass er seine Erinnerungen aus jenem Viertel aufschreibt, in dem immerhin eine Million Kolumbianer leben und so einen Brückenkopf zu einem Land bilden, in dem die Bürger- und Drogenkriege seit Jahrzehnten mit unverminderter Härte toben. Ganz kann dem hier keiner entkommen, deswegen dauert er auch meist nur zwei Tage, bis Orlando Tobon die zweieinhalb Tausend Dollar für so eine Rückführung zusammenhat. Jeden Montag sendet er seine Spendenaufrufe in seiner Sendung mit Tips für Einwanderer auf einem der spanischen Mittelwellesender im Radio. Erst vor zwei Wochen musste er sich wieder um ein Mädchen kümmern, deren Geschichte ganz ähnlich war wie der Film. Eine 22jährige aus einer Kleinstadt, in einem Motelzimmer jämmerlich verendet. Orlando Tobon schüttelt den Kopf, sagt nur “traurig". Dann klingelt auch schon wieder sein Telefon, vor der Türe warten noch vier Kunden. Er nippt an seinem Kaffee. Der ist kalt geworden. Wie jeden Mittag um diese Zeit.





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