SEX, DROGEN UND SYMPHONIEN

Die Oboistin Blair Tindall hat ein Skandalbuch
über die klassische Musikszene geschrieben.

© Andrian Kreye


New York im Oktober '05 - In den New Yorker Orchestergräben wird derzeit die Autobiografie einer ehemaligen Oboistin der New Yorker Philharmoniker mit derselben gekünstelten Empörung herumgereicht, mit der man sonst die sexuellen Entgleisungen berühmter Zeitgenossen kolportiert. Blair Tindalls “Mozart in the Jungle" beschreibt die klassische Musikszene so respektlos wie Julia Phillips “You'll Never Eat Lunch In This Town Again" die Filmindustrie und Anthony Bourdains “Geständnisse eines Küchenchefs" die Welt der New Yorker Gourmetküchen. Und genauso wie die Filmproduzentin und der Starkoch kann Blair Tindall mehr und besser über die totgeschwiegenen dunklen Seiten ihrer glamourösen Welt erzählen, als jeder noch so fleissige Journalist.

Sie kann Namen nennen, auch wenn sie einige ihrer ehemaligen Kollegen mit fiktiven Vornamen schützt. Das ist mit ein Grund dafür, dass das Buch in den Orchestergräben so eingeschlagten hat, weil natürlich jeder jeden kennt, fiktive Vornamen höchstens vor der Öffentlichkeit schützen, und wie sich nun herausstellt, haben viele der New Yorker Orchestermusiker nicht nur irgendwann einmal miteinander gespielt, sondern auch miteinander geschlafen oder Drogen genommen oder auch mal beides.

Die Szene mit der Blair Tindall ihr Buch eröffnet, klingt dann auch wie ein Ausschnitt aus Robert Franks verbotener Rolling-Stones-Doku “Cocksucker Blues". Irgendwo dort, wo das Bürgerviertel der Upper Westside in das Ghetto von Harlem übergeht begleitet sie als frischgebackene Philharmonikerin eine Freundin in eine heruntergekommene Wohnung, in der ein paar Orchesterkollegen auf einem abgewetzten Sofa herumlungern, Kokain schnupfen und in voller Lautstärke Wagnereinspielungen anhören. Sie amüsieren sich über Siegmund und Sieglindes inzestuösen Sex und die “Torpedotitten" der Walküre, und fachsimpeln leidenschaftlich über die Blechblasinstrumente der Wiener Philharmoniker, während sich einer der Musiker eine Prise Kokain auf Blair Tindalls Zehennagel legt.

Solche Szenen beschreibt sie noch öfter. Da ist die Begegnung mit Zubin Metha in einem Aufzug, während der sie sich wegen ihres Katers fast übergeben muss. Die Probe zu Mozarts Oboenquartett, die im Gruppensex endet. Die Schubertsymphonie im Drogenrausch. Die Affäre mit dem verheirateten Oboisten des Orpheus Kammerorchester. Petting im obersten Balkon der Carnegie Hall. Sie beschreibt die sexuellen Eigenheiten bestimmter Instrumentalisten (Geiger neigen demnach zu schnellem Vollzug, Trompeter zu athletischen Kraftakten, Pianisten sollen sich aufs Vorspiel verstehen und Hornspieler mit Potenzproblemen kämpfen), und die karrierefördernde Nebenwirkung von schnellem Sex mit wichtigen Männern. “Warum hatte ich überhaupt einen Anrufbeantworter?", schreibt sie. “Die meisten Jobs ergatterte ich ja sowieso im Bett."

Das liest sich bei allen stilistischen und journalistischen Schwächen alles sehr vergnüglich. Die ersten Dementi haben das Interesse auch eher gefördert. So hat der Dirigent des Boston Pops Orchestra Keith Lockhart eine Erklärung abgegeben, der One-Night-Stand mit Frau Tindall habe nie stattgefunden. Und der erste Oboist der New Yorker Philharmoniker Joseph Robinson schreibt in einer Leserkritik auf der Seite des Onlinebuchhändlers Amazon: “In meiner Rolle als Lehrer habe ich Blair Tindall über acht Jahre hinweg in ehrenhafter Weise alle wichtigen Karrieretüren geöffnet. Ihr entlarvendes kleines Buch zeigt, dass sie diese auch erfolgreich durchschritten hätte, wenn sie mehr Zeit im Übungsraum, und weniger Zeit stoned im Schlafzimmer verbracht hätte."

Jenseits der pikanten Details fühlen sich aber viele Musiker von diesem Buch verstanden, weil “Mozart in the Jungle" erstmals den ganz und gar unglamourösen Alltag symphonischer Honorarknechte beschreibt, der sich in New York zwischen ekstatischer Musikbegeisterung und nervtötenden Jobs in den Musicalorchestern am Broadway, zwischen glorreichen Momenten in weltberühmten Konzertsälen und heruntergekommenen Kleinstwohnungen abspielt. Und was den Orchestermusikern wirklich aus der Seele spricht, ist laut dem Bratschisten eines bekannten New Yorker Orchesters, der “Mozart in the Jungle" so dringend empfahl, Blair Tindalls beißende Analyse der kultur- und finanzpolitischen Entwicklungen in der klassischen Musik.

Tindall beginnt in den Frühzeiten Amerikas, beschreibt das puritanische Misstrauen gegenüber der europäischen Musik, den Aufbau der klassischen Musikausbildung an amerikanischen Universitäten, bis hin zu den Konjunkturperioden, in denen die Konzerthallen und Orchester zu prestigeträchtigen Spielbällen der Mäzene wurden. Es seien vor allem die Wirtschaftswunderjahre der 90er gewesen, in denen die Orchesterwelt in ein knallhartes Zweiklassensystem gespalten wurde, schreibt sie. Auf der einen Seite die Dirigenten und Solisten, die von Orchestervorständen umworben und von der Presse gefeiert bis zu siebenstellige Gagen kassieren. Auf der anderen Seite das Fußvolk der zunehmend freischaffenden Orchester- und Begleitmusiker, die sich mit stetig sinkenden Hungerlöhnen abfinden müssen, sich weder Kranken- noch Soziaversicherung leisten und sich oft nur mit Musical- und Filmmusikjobs über Wasser halten können.

Die gesamte Branche liege darnieder, schreibt Tindall. Viele der eher kleineren Orchester zerbrachen in den letzten Jahren an der Eitelkeit ihrer Vorstände, die prominenten Gästen überzogene Gagen bezahlten und mit überambitionierten Programmen das Stammpublikum vergraulten. Ein Überangebot an Konzerten für eine immer kleinere Zahl von Konzertgängern trocknete den Markt aus. Da landet dann so mancher potentielle Virtuose ohne Kranken- und Sozialversicherung im klaustrophobischen Verschlag unter einer Broadwaybühne, in dem die Instrumente die Dezibelzahl einer Kreissäge erreichen und die zu Tode gelangweilten Musiker Kreuzworträtsel und Zeitschriften auf den Notenständern liegen haben. Kein Wunder also, dass laut einer Studie der Harvard University Orchestermusiker mit ihrem Beruf unzufriedener sind als Flugbegleiter, Psychatriebetreuer, Bierfahrer und Gefängniswärter, denn so manche Festanstellung in einem bekannten Symphonieorchester bringt einen mit einem Jahresgehalt von dreißig- bis vierzigtausend Dollar in einer amerikanischen Großstadt nur knapp über die Armutsgrenze.

Einer der wenigen Momente, in denen Blair Tindall über den Nervenkitzel der Enthüllungen und die Zahlenspiele der Analyse hinauswächst ist dann auch jene Szene, in der sie den todkranken, ehemaligen Begleitpianisten Itzhak Perlmans Samuel Sanders im Krankenhaus besucht. Bei den Konzerten, für die Perlman 33.000 Dollar Gage berechnete, kassierte Sanders selten mehr als eintausend. So liegt er verarmt und vereinsamt im Krankenhausbett. Tindall will ihm die Aufnahme eines seiner Lieblingsstücke vorspielen - Schuberts “An die Musik". Doch Sanders winkt ab und sie schreibt: “Im grellen Schein der Krankenhauslichter entpuppte sich das Leben plötzlich als hässlich und kein Mahler der Welt hätte diese Wahrheit vergolden können."





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