Jennifer Laszlo hat Doles Indiskretionen nie veröffentlicht. Nicht weil sie Skrupel gehabt hätte, den greisen Kriegsinvaliden vor den Augen der Nation als Ehebrecher zu überführen. Wer Skrupel hat, so die Maxime in Washington, der begeht politischen Selbstmord. Nein, ein Angriff auf der moralisch persönlichen Ebene wäre für die Demokraten ein Eigentor gewesen.
“Wir haben damals herausgefunden, dass es für die Wählern relevanter war, wie Dole als Senator die Ausgaben für Bildung und Gesundheit beschnitten hatte und gleichzeitig viel Geld von der Tabakindustrie bekam." In letzter Instanz, so Laszlo, interessieren die Wähler drei grundlegende Dinge: “Ob sie ihre Familie ernähren können, ob es ihre Kinder einmal besser haben und ob es Krieg gibt."
Meist ist die Arbeit der Opposition Researcher allerdings nicht ganz so ehrenhaft. Die meisten sind auf der Suche nach der so genannten “Silver Bullet", dem magischen goldenen Schuß, der die politische Karriere des Gegners mit einem Schlag beendet. Zum legendären goldenen Schuß kommt es allerdings nur selten. Die ganze Branche trämt von den historischen Silberkugeln. Der Einbruch in das Büro der Demokraten im Watergate Hotel war einer, der Richard Nixon das Amt kostete. Das Foto, auf dem Präsidentschaftskandidat Gary Hart 1984 mit seiner Liebhaberin am Strand zu sehen ist, war ein legendärer Karrierestopper.
Die Suche nach der Silver Bullet beginnt meist ganz unglamuourös in Archiven und Büchereien. Da wird nichts ausgelassen. Steuererklärungen, Gerichtsakten, Finanzberichte, Grundbücher, Universitäts- und Führungszeugnisse sind allesamt Quellen, die auf Grund des “Freedom of Information Act" öffentlich zugänglich sind. Da kann man überall auf brauchbares Material stoßen. Bei den komplizierten Steuergesetze der USA kann man selbst ehrbaren Bürgern meist Steuerhinterziehung nachweisen. Wer Ölaktien besitzt, kann als Umweltfeind verteufelt werden. Und als besonders ergiebige Fundgrube gelten Akten aus Scheidungsprozessen. So erklärte der Opposition Researcher Dan Hazelwood: “Man glaubt gar nicht, wieviel wertvolle Informationen in die Öffentlichkeit getragen werden, wenn sich zwei Menschen so richtig hassen."
Die Methode gibt es seit Jahrtausenden. Seit im alten Rom das Forum mit Verleumdungen gegen Julius Cäsar beschmiert wurde, gab es in der Geschichte der Politik kaum einen Skandal, der nicht lanciert wurde. Nur die Professionalität ist neu.
In den USA war es der Wahlkampf von 1988, der die “Opposition Research" als Pflichtprogramm als Wahlkampfmanager etablierte. Damals zerstörte George Bush Senior den Demokraten Michael Dukakis als Person so konsequent, dass der sich nie mehr davon erholte. Dabei hätte Dukakis leichtes Spiel gehabt. Douglas Fulmer, der seit Jahren für die Demokraten arbeitet, erinnert sich: “Dukakis hatte jahrelang als unangefochtener Gouverneur von Massachussetts amtiert. Ein Gentleman, der es nie nötig gehabt hatte, einen harten Wahlkampf zu führen.
Dabei hätte es genug Material gegeben, um Bush zu diskreditieren. Der war zu einer Zeit CIA-Chef, als die USA in Lateinamerika mehrere Regierungen gestürzt hatte. Dann gab es noch Kleinigkeiten, wie die Tatsache, dass Bush seinen Erstwohnsitz in Texas behielt, um Steuern zu sparen. Aber Dukakis blieb noch Gentleman, als George Bush ihn fertigmachte."
Der Boom der Opposition Research begann mit dem Wahlkampf von 1992. Clinton trat mit einem jungen Team von Wahlkampfmanagern an, das die neuen Medien perfekt beherrschte und so das Tempo von Angriff und Gegenangriff enorm erhöhte. Die Republikaner wußten sich nicht anders zu wehren, als Clinton unter der Gürtellinie anzugreifen.
CNN-Kommentator Will Schneider erklärt damals: "Wir leben im Zeitalter der populistischen Politik. Die Wähler entscheiden sich nicht für eine Partei, ein Programm oder eine Idee, sondern für einen Kandidaten. Es geht nicht mehr darum, Gegner zu besiegen, sondern darum, sie direkt und persönlich zu zerstören."
Es war natürlich kein Zufall, dass George Bush während des Wahlkampfes überführt wurde, mehrfach eine Verurteilung wegen Trunkenheit am Steuer aus dem Jahr 1976 abgestritten zu haben. Wer die Akte im Gerichtsgebäude von Cumberland County ausgegraben und an die lokale Fernsehstation weitergeleitet hat, wird aber für immer ein Geheimnis bleiben. Genauso wie die Urheber der unzähligen Skandale um Bill Clinton.
Fulmer erinnert sich: “Es war kein Zufall, dass Clintons immer dann ins Kreuzfeuer geriet, wenn er einen innenpolitischen Sieg davontrug." So platzte der Whitewater-Finanzskandal, als er ein wichtiges Waffengesetz durch den Kongreß gebracht hatte. Paula Jones bezichtigte ihn der sexuellen Belästigung, als er die Finanzierung der Wahlkämpfe reformierte. Und die Monica-Lewinski-Affäre kam in die Schlagzeilen, kurz bevor Clinton Sozial- und Gesundheitsprogramme für 65 Milliarden Dollar verkündete, die er mit Steuer- und Strafzahlungen der Tabakindustrie finanzieren wollte.
Was von einer so offensichtlichen Attacke wie der Bonusmeilenaffäre zu halten ist? Die amerikanischen Profis schweigen sich dazu aus. Weil sie zu wenig darüber wissen. Und das ist wichtig bei ihrer Arbeit - die Fakten müssen sitzen, sonst geht der Angriff nach hinten los. In einem amerikanischen Wahlkampf wäre die Bonusmeilenaffäre sowieso eine unbrauchbare Lappalie. Nicht nur, weil dort Politiker Bonusmeilen privat verbrauchen dürfen und viel interessanter ist, dass George W. Bush beispielsweise den Firmenjet von Enron benutzte. Die Margen liegen längst viel höher. Im Kampf um die diesjährigen Zwischenwahlen haben beide Seiten schon den 11. September instrumentalisiert. Da geht es längst nicht mehr um Schlampereien. Demokraten und Republikaner bezichtigen sich gegenseitig, die Anschläge nicht verhindert zu haben. Wer bei solchen Schlammschlachten letztendlich verliert sind allerdings die Wähler. Denn solange Skandale die Schlagzeilen beherrschen, bleibt in den Medien kein Platz für relevante Themen.