FEHLERQUOTE

Oliver Stones schlampige Recherchen
für “World Trade Center"

© Andrian Kreye

New York im August '06 - Die New Yorker sind ein von Natur aus grantiges Völkchen, vor allem, wenn Außenstehende versuchen, sich anzubiedern. So verscherzt sich Oliver Stone die Sympathien der Einheimischen schon in den ersten Minuten seines 11.-September-Epos “World Trade Center", denn die strotzen vor Fehlern, die den Regisseur als so genannten “out-of-towner" entlarven, eine verächtliche Bezeichnung für jemanden, den die ähnlich grantig veranlagten Münchner einen “Zugereisten" schimpfen würden. Ein großer Teil der New Yorker war sowieso schon nicht gut auf Stone zu sprechen, weil man sich bei seinen eigenartig unbeholfenen Dokumentarfilmen über Altkommunist Fidel Castro und Terrorpionier Jassir Arafat nie ganz sicher war, ob er nun dem Guerrilla-Glamour der greisen Diktatoren oder seiner eigenen Aura als Hollywoodrebell aufgesessen war. Da hätte es bei den New Yorker Latinos, Juden und Medienprofis sowieso nicht viel genutzt, dass er nun versucht, sich mit einer Family-Values-Version der Anschläge als eine Art Norman Rockwell des Films neu zu erfinden. Auf respektlose Schlampereien ist aber auch der Rest der Stadt nicht besonders gut zu sprechen.

Da zeigt die Eröffnungsmontage mit Bildern des trügerisch ruhigen Frühmorgens des 11. September 2001 die legendäre Blickachse vom East Broadway auf das Gerichtsgebäude und das Woolworth Building hinter der Manhattan Bridge. An besagtem Morgen hätten dahinter die Zwillingstürme gestanden, die bei Stone allerdings schon fehlen. Dann sieht man die Staten-Island-Fähre in Richtung Süden an der Freiheitsstatue vorbeifahren und im Gegenschnitt einen Passagier, der auf Deck die herannahende Skyline betrachtet, wozu die Fähre gen Norden fahren müsste. Mal davon abgesehen, dass die Skyline verkürzt wurde und ein paar Wolkenkratzer einfach fehlen.

Solche Schlampereien sind normalerweise Stoff für schrullige Filmfanatiker. Es stört auch nicht weiter, dass die Hauptdarsteller auf ihrem Weg zum Einsatz am World Trade Center kreuz und quer durch Downtown Manhattan irren, damit sie an möglichst vielen pittoresken Strassenecken vorbeipreschen. Eine verdrehte Schlüsselszene gibt es allerdings eher selten in einem Film von historischem Gewicht. Doch genau am Wendepunkt des ersten Aktes hat Stone gleich doppelt geschlampt.

Da schreckt der Düsenlärm des herannahenden American Airlines Fluges Nummer 11 den Polizisten Will Jimeno (Michael Peña) vor dem Busbahnhof auf, der sieht, wie der Schatten des Terrorjets über die bunte Fassade des Westin Hotel Times Square huscht. Das ist ein eindrucksvolles Bild und auch der Höhepunkt des Vorschautrailers. Allerdings gab es diese Fassade am 11. September 2001 noch gar nicht, denn da war das im Oktober 2002 eröffnete Hotel noch im Bau (siehe Foto von der Baustelle im Dezember 2001). Zudem fliegt der Terrorflieger in Stones Bild nach Norden, wo er nicht das World Trade Center, sondern höchstens den Adam-Clayton-Powell-Büroturm in Harlem getroffen hätte. Ob die Schlampereien etwas damit zu tun haben, dass “World Trade Center" am vergangenen Wochenende nur auf einem enttäuschenden dritten Platz eröffnete, ließ sich jedoch nicht ermitteln.





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