Unter dem Applaus der versammelten Geschäftsleute und Banker tritt daraufhin der Botschafter ans Mikrofon. Farhadi wirkt wie die Antithese zu den Turbangeschmückten Vertretern der afghanischen Kriegspartien. Der 72jährige trägt einen dunkelgrauen Zweireiher, eine dezente Krawatte, balanciert eine goldgefaßte Lesebrille auf seiner Nase, und spricht mit dem klaren, bedächtigen Englisch eines erfahrenen Dozenten. Fünf Sprachen beherrscht der ehemalige Professor für persische Literatur. Er hat an der Sorbonne unterrichtet, an der University of California und an der Universität von Kuala Lumpur. Seit 1993 fungiert er bei den Vereinten Nationen als Botschafter des Islamic State of Afghanistan, einer Nation, die heute nur noch ein knappes Viertel Afghanistans kontrolliert. Trotzdem bekleidet Farhadi den Posten immer noch, denn die Vereinten Nationen haben die Taliban nie als Regierung Afghanistans anerkannt.
Die letzten Jahre verbrachte Farhadi im Schatten der Weltgeschichte. Zusammen mit seiner senegalesischen Sekretärin Madame Bá führte er die Botschaft neben der Redaktion einer Fachzeitschrift für Schlankheitskuren in ein paar muffigen Büroräumen des Office Building 360 Lexington Avenue. Doch seit dem 11. September gehört Ravan Farhadi auf dem diplomatischen Parkett New Yorks zu den begehrtesten Persönlichkeiten. Rund um die Uhr klingelt nun das Telefon. Er wird zu Vorträgen, Konferenzen und Besprechungen eingeladen, sprach Anfang des Monats vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen über Terrorismus und Afghanistan.
An diesem frühen Nachmittag referiert Farhadi erst einmal Grundlagenwissen. Er erzählt, wie der afghanische Staat nach dem Abzug der Sowjets in die winzigen Territorien der Kriegsfürsten zersplitterte. Wie der pakistanische Geheimdienst ISI das Machtvakuum ausnutzte und mit radikalen Moslems aus den Flüchtlingslagern die Taliban aufbaute, um im Krieg gegen Indien die Regierung des strategischen Hinterhofs mit Marionetten zu besetzen. Allgemeinwissen, das allerdings nur die wenigsten im Raum zu kennen scheinen.
Farhadi ist nicht nur ein erfahrener Dozent, sondern beweist sich bei der anschließenden Fragestunde auch als geschickter Diplomat. Selbstverständlich würden die ethnischen Minderheiten der Nordallianz eine Koalitionsregierung mit der Mehrheit der Paschtun bilden, sagt er. Auch den König könne man mit einbeziehen. Sicherlich werde es ein islamischer Staat sein, auch die Scharia werde erhalten bleiben, jedoch nicht einmal ansatzweise mit der Strenge, mit der die Taliban den Islam als ultimative Instanz ansehen.
Die Schlüsselfrage des Nachmittags hat nichts mit dem Krieg zu tun und fällt erst ganz zum Schluß. Wie seine Allianz denn zu Israel steht, fragt einer der geladenen jüdischen Geschäftsleute. Die Journalisten interessiert das nicht. Sie nesteln an ihren Mikrofonen, packen ein oder schreiten zum Büfett. Farhadi lächelt, zuckt kurz mit den Schultern, sagt: “Oh, wenn es eine Möglichkeit gäbe, dass Israel und Palästina friedlich koexistieren könnten."
Der Geschäftsmann hakt nach - ob die Nordallianz Israel anerkennen wird, wenn sie an die Macht kommt. Eine ungerechte und überflüssige Frage. Afghanistan hat genug Probleme. Die über 3000 Kilometer entfernte Palästinenserfrage gehört sicherlich nicht dazu. Und doch windet sich Farhadi, sucht krampfhaft lächelnd nach Worten, weil er die Frage ganz richtig als rhetorisches Minenfeld erkennt.
Die Musdschahedin müssen in diesen Tagen mit viel zu vielen Loyalitäten jonglieren. Sie brauchen die Unterstützung Amerikas und der NATO, für die das Thema Israel den Dreh- und Angelpunkt ihrer Nahostpolitik bedeutet. Aber sie müssen sich auch ihre treuen Paten und künftigen Nachbarn aus dem Iran warm halten, die nach wie vor den bewaffneten Widerstand der Palästinenser unterstützen. Zudem müssen sie die momentanen Sympathien im ehemals feindlichen Pakistan nutzen. Und wie das notorisch antisemitische Rußland zu Israel steht, weiß man auch nicht so genau. Aber nicht nur bei den Verbündeten, auch in den eigenen Reihen müssen die Vertreter und Anführer der Nordallianz komplizierte Frontverläufe berücksichtigen. Schließlich nannte sich die Nordallianz bis vor kurzem noch United Front - eine Zweckgmeinschaft ehemalig rivalisierender Kriegsfürsten und Widerständler, die erst im Kampf gegen den gemeinsamen Feind zusammengefunden haben.
Bei den internationalen Menschenrechtsorganisationen hat die Nordallianz einen äußerst schlechten Ruf. Joost Hiltermann. hat die Afghanistanstudien der angesehenen Human Rights Watch koordiniert. Er weiß, dass die Mitglieder der Nordallianz während der Bürgerkriege in den 90er Jahre für Massenhinrichtungen und Massenvergewaltigungen verantwortlich gewesen sind. Sie haben Kabul gnadenlos bombardiert, in den Provinzen Massaker verübt, Gefangene gefoltert und Dörfer geplündert. In den letzten Jahren habe sich das zwar gebessert. Allerdings nicht ganz freiwillig. “Die Truppen der so genannten Nordallianz sind seit 1996 militärisch in der Defensive. Die Fraktionen wurden in ihre ursprünglichen Heimatgebiete zurückgedrängt worden. Ihre Herrschaft über ihre eigenen Leute war soweit in Ordnung. Aber das bedeutet eben auch, dass sie einfach nicht in der Position waren, die Mißhandlungen zu begehen, für die sie berüchtigt sind."
Er hält sie jedenfalls nicht für regierungsfähig: “Die Nordallianz hat noch nie regiert. Als sie Mitte der 90er zwei Jahre lang Kabul kontrollierten, haben sie die ganze Zeit gegeneinander gekämpft." Und die Konsequenzen die ehemaligen Kriegsfürsten und Folterknechte als Regierung einzusetzen könne man noch gar nicht absehen: “Keiner dieser Kommandeure wurde jemals für seine Taten verantwortlich gemacht. Und trotz ihrer Menschenrechtsverletzungen werden sie weiterhin von Ländern wie Rußland, Iran und jetzt auch noch von den USA unterstützt. Das zeigt den Kommandeuren doch nur, dass sie tun und lassen können, was sie wollen. Und so schafft man eine Kultur der Immunität."
Ravan Farhadi steht nicht nur zwischen den diplomatischen Stühlen der brüchigen Nordallianz, zwischen ihren Loyalitäten und Allianzen. Obwohl er die Vereinigte Front der Kriegsfürsten vertritt, symbolisiert er eigentlich die goldenen Jahre Afghanistans. Jene kurze Phase des Aufschwungs in den 60er Jahren, als der heute 87jährige König Mohammed Zahir Schah versuchte, sein Land mit einer konstitutionellen Monarchie langsam in die Moderne zu führen. Ein kluges, intellektuelles Bildungsbürgertum, das im Ausland studiert hatte, stieg damals an die Spitze der afghanischen Gesellschaft.
Nur wenige erinnern sich heute noch an das aufblühende Kabul, die Obsthaine von Kandahar, die prächtigen Moscheen von Haret. Die Journalistin Rosanne Klass gehörte Ende der 50er Jahren zu den jungen Amerikanern, die von der afghanischen Regierung als Lehrer engagiert wurden. “Die wirklich hoffnungsvolle Zeit waren sicherlich die 60er Jahre. Das war die Zeit, als sich das Land wirklich entwickelte. Schulen wurden aufgebaut, eine Universität. Frauen bekamen Rechte."
Als Klassen während der Wahlkämpfe im Jahre 1963 zurückkehrte, um für die New York Times zu berichten, hatten ihre intellektuellen Bekannten fast sämtliche Regierungsstellen besetzt. Mohammed Jussuf, der von den Deutschen ausgebildet worden war, setzte die erste Verfassung auf, in der er die islamische Scharia mit den Prinzipien der amerikanischen, britischen und schweizer Verfassungen kombinierte. Die Verfassung garantierte Religionsfreiheit und eine Gleichberechtigung der ethnischen Gruppen, Frauen bekamen das Wahlrecht und die Schleierpflicht wurde abgeschafft.
“In diesem Moment, in dem die internationale Gemeinschaft verzweifelt nach einer Regierung sucht, um die Taliban zu ersetzen, machen sie einen Fehler, wenn sie die ehemaligen Mitglieder der vorkommunistischen Regierungen nicht konsultieren", sagt Rosanne Klass. “Sie waren es, die das Land regierten, die eine friedliche Regierung aufgebaut hatten. Im Moment beraten sie sich mit den Kommandeuren des Widerstandes, die natürlich mitreden wollen, aber keineswegs dazu qualifiziert sind, eine Regierung zu führen."
Es sind nicht mehr allzu viele, die aus dieser Zeit übrig sind. Die Sowjets und ihre kommunistischen Vasallen haben in stalinistischer Tradition die Intelligentsia der 60er Jahre getötet oder vertrieben. Die Überlebenden der goldenen Jahre sind über die ganze Welt verstreut, leben in Rom, Paris, New York, Teheran und Sidney. Ravan Farhadi ist sicherlich einer von ihnen. Doch er zeigt auch - sie sind alt geworden. Zu alt, um noch einmal eine Regierung zu gründen, einen Staat aufzubauen. Seit die Taliban 1995 die Macht ergriffen hat, war Farhadi nicht mehr in seiner Heimat. Er weiß nicht, wie groß die Zerstörungen sind, wieviel Schaden die Herrschaft der Taliban und die Kämpfe angerichtet haben. “Wir sind hoffnungsvoll", sagt er. “Nach 23 Jahren Krieg wäre es schon wunderbar, wenn in meinem Land niemand mehr kämpfen würde", seufzt er. “Wenn niemand überhaupt kämpfen wollte."