Normalerweise diktieren Plattenfirmen solche Höflichkeiten. Das ist allerdings eher unwahrscheinlich. Immerhin hat Norah Jones ihre Plattenfirma Blue Note im Alleingang vor dem Untergang gerettet. Der Mutterkonzern EMI hatte das traditionsreiche Jazzlabel schon zur Makulatur gezählt, als ihr Debutalbum “Come Away With Me" plötzlich nicht wie geplant ein paar hunderttausend Platten umsetzte, sondern gleich Millionen. Weltweit acht, um genau zu sein. Deswegen packen die Talentsucher, Produzenten, Sekretäre und Praktikanten an diesem Nachmittag auch gerade den gesamten Inhalt der Loftetage an der südlichen Park Avenue in hellbraune Umzugskisten. Weil sie jetzt in größere, schönere Büros ziehen dürfen.
Norah Jones lümmelt unterdessen etwas schläfrig an einem der letzten Konferenztische, legt das Kinn auf die Arme, wartet auf die Fragen. Sie trägt schwarze Hosen, eine taillierte, dunkelblaue Jacke, die dunklen Locken fallen ihr offen auf die schmalen Schultern und über den Sommersprossen auf ihrer Nase thront eine schwarze Hornbrille. Die Wochenzeitung New York Observer hat kürzlich einen Begriff für diese Sorte kluger, hübscher Mädchen geprägt, die vorzugsweise in den Bohèmevierteln des Lower Eastside oder im östlichen Brooklyn leben und für die kluge, hübsche Bohèmiens Gedichte, Lieder und Romane schreiben - “hornrimmed hotties". Auch Norah Jones lebt in Greenpoint, Brooklyn und die meisten ihrer Freunde sind Musiker, die in den Clubs der Lower Eastside spielen. Nur dass Norah Jones die Lieder, die ihr Freund und Bassist Lee Alexander und sein Kumpel Jesse Harris, schrieben, zu Welthits gemacht hat.
Am Popüberdruß des Publikums alleine kann das allerdings nicht liegen. So ganz versteht sie das auch noch nicht. “Ich habe einfach Glück gehabt?", bietet sie im Frageton als Antwort an und lächelt dazu vorsichtig. Aber hinter dem Glück, ganz ohne Werbung und Marketing den Nerv von Millionen zu treffen muß doch mehr stehen, als eine schöne Stimme und ein hübsches Gesicht. Sie zuckt mit den Schultern. Irgendein Lebensgefühl, eine kollektive Sehnsucht, die Antwort auf eine ganz große Frage. “Ich weiß es wirklich nicht." Vielleicht ist es ja doch bloß der ultimative Konsens, weil sie all die großen Genres wie Jazz, Country und Pop mit fast schon naiver Leichtigkeit verbindet? Vielleicht liegt es aber auch daran, dass Norah Jones die lange vernachlässigte Plattenkäuferzielgruppe der über 40jährigen anspricht. Und die, so witzelte Blue-Note-Chef Bruce Lundvall neulich, hätten noch nicht herausgefunden, wie man Musik im Internet klaut und würden deswegen so viele Platten kaufen.
Norah Jones will sich aber gar keine Gedanken über ihren Erfolg machen. Weil sie ganz offen zugibt: “Ein bißchen zu viel wird mir das hier manchmal schon." Letztes Jahr, als der Erfolg kam und sie die erste Millionenmarke durchbrach, rief sie panisch bei Blue-Note-Chef Bruce Lundvall an, ob man die Verkäufe jetzt nicht langsam stoppen könnte. Und als der Musiksender VH-1 anfragte, ob sie denn zusammen mit Cher, Whitney Houston und Celine Dion beim “Divas Live"-Konzert auftreten wollte, sagte sie gleich ab. Weil eine Diva will sie nun wirklich nicht sein.
Weil sie um ihre Grenzen weiß. Mit ganz großen Legenden hat man sie verglichen. Mit Nina Simone, Joni Mitchell und Carole King. Gleichzeitig gab es kräftig Gegenwind aus dem Jazzlager, in dem die Stilspießer sitzen und nicht einsehen wollen, dass eine 23jährige Bohèmienne zusammen mit der blonden Sängerin Diana Krall 80 Prozent des Jazzumsatzes gemacht hat. Dabei ist Norah Jones die erste, die zugibt, dass ihre Musik mit Jazz nur noch wenig gemeinsam hat. “Früher wollte ich Jazzsängerin werden", erzählt sie. Früher ist noch nicht so lange her. Das war in Dallas, wo sie bei ihrer Mutter, einer Krankenschwester aufgewachsen ist und wo sie an der Booker T. Washington High School for the Performing and Visual Arts Klavier studierte. Früher, das war vor 199 als sie in den Sommerferien nach New York kam. Das war auch die Reise, bei der sie ihren Vater, den legendären Sitarspieler Ravi Shankar zum ersten Mal so richtig kennenlernte. Und von der sie nicht mehr nach Hause zurückkehrte, weil sie in New York plötzlich all die Gleichgesinnten fand, nach denen sie in Texas immer gesucht hatte. Denn in New York merkte sie schnell, dass sie sich im Jazz auf Terrain befand, das längst abgegrast war. “Warum sollte ich noch Standards singen? Billie Holiday, Sara Vaughan oder Dinah Washington haben all diese Songs schon so viel besser gesungen." Auf New Yorks Lower Eastside fand sie eine neue, lebendige Bohème, die sich nicht um Genregrenzen scherte. Liedermacher, DJs, Jazzer und Rockmusiker experimentieren dort mit alten Formen und neuen Strukturen. Norah Jones spielte mit der Funkformation Wax Poetic und der Jazzcombo von Charlie Hunter, bevor sie ihre eigene Band zusammenstellte. Mit der trat sie dann vor allem im Living Room auf, einer engen Eckkneipe mit Bühne an der Allen Street, dort wo die Lower Eastside in Chinatown übergeht. “Meine Freunde sind alle Songwriter, mit denen spielte ich ganz neue, frische Sachen. Deswegen ist mein Album auch nicht so überkonzipiert", sagt sie. “Und eigentlich arbeiten wir immer noch so."
Wenn sie von ihrer Zeit auf der Lower Eastside erzählt, wird sie fast ein bißchen wehmütig. Im April soll der Rummel endlich vorbei sein. “Wir gehen wieder ins Studio", sagt sie. Irgendwo auf dem Land. “Zeit wird es", findet sie. “Die ganzen Lieder von meiner ersten Platte kommen mir schon so alt vor." Da ist der Rest der Welt allerdings noch anderer Meinung.
Natürlich wollte Norah Jones einen Grammy gewinnen, einen jener Preise, die in der Musik so wichtig sind wie ein Oscar in Hollywood. Diese Koketterie mit der falschen Bescheidenheit, die kurz vor den großen Preisverleihungen sonst üblich ist, findet sie genauso albern, wie diesen ganze Popstarrummel, der nicht ausbleibt, wenn man mit dem ersten Album für insgesamt acht Grammies nominiert wurde, was normalerweise bedeutet, dass man zumindest ein oder zwei davon bekommt. “Aber gleich alle auf einmal?" Sie zuckt entschuldigend mit den Schultern und schaut dazu drein, als sei ihr da ein kleines Mißgeschick passiert.
Ein bißchen hat sich das auch so angefühlt, als sie andauernd auf die Bühne gerufen wurde, während irgendwo in der Tiefe des Madison Square Gardens Bruce Springsteen, Eminem und Britney Spears saßen und mitansehen mußten, wie die brave 23jährige mit den großen Augen und der sanften Stimme alle wichtigen Preise einsackte. Album des Jahres, Single des Jahres, Song des Jahres. Nun gut. Britney Spears hatte sich die Niederlage verdient. Norah Jones sagt selbst: “Wahrscheinlich mögen die Leute meine Platte so gerne, weil sie die Schnauze voll hatten von all diesem vorfabrizierten Pop der letzten Jahre." Und fügt noch schnell hinzu: “Sowas muß es natürlich auch geben. Aber halt nicht nur."
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