JAZZ AN EINEM SOMMERABEND

Vor 50 Jahren erfand George Wein in Newport das Open Air Festival.

© Andrian Kreye

New York im Juni '04 - Als George Wein vor ziemlich genau fünfzig Jahren im Tennis Casino des Küstenstädtchens Newport sein erstes Open Air Jazz Festival veranstaltete, konnte er nach einem glorreichen Wochenende mit Stars wie Billie Holiday, Dizzy Gillespie, Gerry Mulligan und Errol Garner einen Profit von 142 Dollar und 50 Cents verbuchen. Er hat trotzdem weitergemacht und an der Küste von Neuengland über die Jahre hinweg entscheidend dabei mitgeholfen, den Modern Jazz im Kanon der amerikanischen Hochkultur zu verankern. Nicht weil er inhaltliche und musikalische Wagnisse eingegangen wäre. Im Gegenteil. Musiker und Puristen haben George Wein oft vorgeworfen, dass er den Modern Jazz nicht ernst genug nimmt, sich beim Publikum anbiedert und die besten Termine und höchsten Gagen für Rockstars reserviert. Doch genau das war der Punkt.

Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre stand die Küste von Neuengland für den Lebensstil einer neuen, liberalen Bildungselite, den die Sängerin K.D. Lang später als "Kennedy Flair" verklärte. Eine heile Welt von stilvollem Wohlstand, intellektuellem Anspruch und humanistischen Werten, die bis heute durch die Wunschbilder des Bürgertums geistert. Für diese Welt holte George Wein den Modern Jazz aus den Kellern der Beatniks und Hipster und stellte ihn vor der Kulisse eines Yachthafens auf den manikürten Rasen eines Tennisclubs. In der Brise eines Sommerabends am Atlantik wirkten dann selbst die Experimente der Avantgardisten nicht mehr ganz so bedrohlich.

Der Modefotograf Bert Stern setzte dem stilistischen Dreisprung des Newport Festivals ein paar Jahre später mit dem Dokumentarfilm "Jazz an einem Sommerabend" ein Denkmal, das den Modern Jazz als ultimative Verkörperung des "Cool" etablierte. Da stand Anita O'Day in Sommerkleid und breitkrempigen Hut auf der Bühne und umkreiste Broadwayschlager mit raffinierten Synkopen. Chico Hamilton arrangierte sein kammermusikalische Ensemble in einer Patriziervilla, durch deren Fenster goldenes Abendlicht fiel. Später in der Nacht ließ Louis Armstrong dann seinen Charme spielen und Chuck Berry jagte den Blues auf seiner feuerroten Gitarre in die noch unerforschten Gefilde des Rock'n'Roll.

Das sind heute alles historische Aufnahmen, doch weil sich ein Formalist wie Bert Stern mit Musik allein gelangweilt hätte, zeigte er im Gegenschnitt die Eleganz des Hafenstädtchen Newport, die Yachten, die draußen in der Narragansett Bay ihre Probeläufe für den Americas Cup absolvierten, die Festivalbesucher in ihren Khaki- und Caprihosen und den hochmodischen Sonnenbrillen, die Dixiekapellen, die für die Saisongäste aufspielten, und über allem der strahlende Sommerhimmel von Neuengland.

Als der Film 1960 in die Kinos kam, hatten Musiker um Max Roach und Charles Mingus längst einen Aufstand gegen George Weins Festival angezettelt. Zu kommerziell, zu beliebig waren ihnen die Tage am Yachthafen, deswegen organisierten sie ein Gegenfestival, das die radikale Seite des Jazz präsentierte. Doch die ideologischen Grabenkämpfe konnten George Wein nichts anhaben. Er buchte weiterhin beharrlich Rockgruppen wie Blind Faith, Blood, Sweat & Tears und Led Zeppelin, die ihm einen Zulauf garantierten, von dem ja nicht zuletzt die Jazzer profitierten. Bis ihn 1971 die Realitäten der Rockgeschäftes einholten. Eine Horde Halbstarker stürmte das Festivalgelände, weil sie keinen Eintritt zahlen wollten. Es kam zu einer regelrechten Straßenschlacht, und im Jahr darauf war George Wein in Newport nicht mehr willkommen.

Er zog nach New York, wo sein Festival erst als Kool, dann als JVC Jazz Festival lief. Mit Erfolg. Seine Agentur richtete heute Jazzfestivals in ganz Amerika aus, in Paris, Warschau, Seoul, und seit 1981 auch wieder in Newport, wo er im August das 50. Jubiläum mit einem reinen Jazzprogramm begehen wird.

In New York wurde schon mal vorgefeiert. Handwerklich solide, wie gewohnt. Nicht nur dass George Wein auf seinen Festivals längst nur noch den Status Quo des Jazz präsentiert. Überhaupt sind die Sensationen im Jazz in den letzten Jahren immer seltener geworden. Beim ersten Blick ins Programm drängte sich gar der Eindruck auf, dass sich hier eine sterbenden Zunft feierte. Gleich sieben Gedächtniskonzerte zollten verstorbenen Legenden Tribut. Da zelebrierte die Nachwuchsgeneration die Musik von Nina Simone, Fats Waller, Jimmy Dorsey, Sarah Vaughan, Count Basie, Coleman Hawkins und Glenn Miller.

Doch während sich der Nachwuchs in den Traditionen übte, demonstrierten die etwas grau gewordenen Eminenzen, dass es im Jazz sehr wohl noch musikalisches Neuland zu entdecken gibt. Ornette Coleman zeigte sich mit seinen 74 Jahren so energiegeladen und ideenreich, wie bei jenem Auftritt vor nunmehr vierundvierzig Jahren, als er gemeinsam mit den Newport Rebels Mingus, Roach und Kenny Dorham dem Be Bop den Kampf ansagte. Und der 64jährige Herbie Hancock sorgte gemeinsam mit dem 70jährigen Wayne Shorter sogar für eine jener seltenen Sensationen, die weit über einen Abend hinauswirken.

Coleman hatte zehn neue Stücke mitgebracht, die er mit den beide Kontrabassisten Greg Cohen und Tony Falanga, sowie seinem Sohn Deonardo am Schlagzeug und aufführte. In knallblauem Anzug und federgeschmücktem Filzhut betrat er die Bühne, wies kurz darauf hin, dass er den Stücken nur Titel gegeben habe, um den Musikern bei den nun anstehenden musikalischen Konversationen eine ungefähre Richtung vorzugeben. Dann spielte er die Stärken seiner harmolodischen Musik aus, die Melodie, Harmonie und Rhythmus gleichwertige Rollen zuweist. Über einem dicht gewebten Harmonie- und Rhythmusteppich ließ Coleman seine ausgeklügelten, manchmal bittersüßen Melodien auf dem Altsaxophon glänzen. Vor allem die polyrhtythmische Arbeit von Deonardo Coleman gaben der Musik dabei eine Dichte, die ein Teil des Publikums mit Saalflucht, und die Mehrheit der Zuhörer mit jubelndem Applaus quittierten. Den belohnte Coleman mit seinem wahrscheinlich bekanntesten Stück "Lonely Woman", das daran erinnerte, dass die eigentlich Stärke des Zeit seines Lebens als Bilderstürmer gefeierten Coleman in seiner Rolle als musikalischer Innovator liegt.

Höhepunkt des Festivals war jedoch der Auftritt des Quartetts, das Herbie Hancock, Wayne Shorter, Dave Holland und Brian Blade zwar als gleichberechtigte Mitglieder ausweist, aber vor allem deswegen als Sensation erwartet wurde, weil hier mit Hancock und Shorter seit langem einmal wieder der Kern des legendären Miles-Davis-Quintetts zusammenfand.

Was die vier dann allerdings zusammen vollführten, war von einem Revival der großen Zeiten weit entfernt. Sie knüpften vielmehr an die Experimente an, bei denen sich Miles Davis Weggenossen an Formen und Harmonien der klassischen und modernen Musik versuchten. Mit sichtlicher Lust trieben sich die vier Musiker zu dynamischen Spannungbögen, hielten zwar an Tonalität und Rhythmus, aber an keiner Formalität fest. Da stützte kein Bluesschema und keine Zwei-fünf-eins-Verbindung die Hörgewohnheiten. Herbie Hancock verwandelte die verminderten Septen am Klavier in getragenes Moll. Wayne Shorter dehnte die Harmonien am Tenorsaxophon ins Unendliche. Dave Holland zeigte die Kraft seiner Ostinati am Kontrabaß. Die Überraschung des Abends war jedoch der junge Schlagzeuger Brian Blade, der ansonsten in Wayne Shorters Quartett spielt. Mit einem unermeßlichen Reservoir an Ideen bildete er Rückgrat und Zugpferd des Quartetts zu gleich. Ohne Hemmungen bremste er jedes Aufufern mit fast brutalen Akzenten, um dann mit Besen und verhaltenen Backbeats am Becken den Bruch wieder zu kitten.

Wie weit die vier Musiker ihre eigenen Wurzeln weiterentwickelt haben, zeigte sich spätestens bei der Zugabe. Die begannen sie mit dem einzig konventionellen Stück des Abends, "Cantaloupe Island", Herbie Hancocks Souljazzhit von 1964, das die Radiosender vor einigen Jahren in der Hip-Hop-Version von US3 zu Tode gespielt haben. Das Gassenhauerthema reichte dem Quartett als Wiedererkennungswert. Kaum war das Schema vorbei, segelten die vier wieder mit Elan ins Unbekannte, in dem die zwei markanten Eingangsnoten nur hin und wieder als Erkennungsmerkmal aufflackerte. Das Publikum dankte es mit Jubelstürmen. Tradition gab es in diesen Wochen ja schon genug.





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