Das war keine leere Floskel, sondern statistische Realität. 75 Prozent aller New Yorker sprechen sich in Umfragen gegen Bushs Irakpläne aus und liegen damit rund 15 Prozentpunkte vor dem Rest der Nation. Und dann stand da noch die Forderung, dass Hillary Clinton die Resolution der Senatoren Ted Kennedy und Robert C. Byrd unterzeichnen soll, die derzeit versuchen, die Beschlüsse rückgängig zu machen, mit denen die Legislative den Präsidenten letzten Oktober ermächtigt hatte, nach eigenem Gutdünken Krieg zu führen.
Als sie dann zum Büro des zweiten New Yorker Senatoren Charles Schumer zogen, war die Menge der Demonstranten schon auf rund fünftausend angewachsen, und auf den drei Meilen bis zur Kundgebung im Washington Square Park schwoll der Marsch auf gut zehntausend Menschen an, die sich über acht Blocks hinweg brav auf den Bürgersteigen drängten, weil die New Yorker Polizei an einem ganz normalen Wochentag während der Hauptverkehrszeit nicht einfach die Straßen absperren kann.
Kämpferische Stimmung herrschte dort im Park. Gastredner kamen auf die Bühne, die noch einmal den Triumph der Friedensbewegung am 15. Februar beschworen, als von Sydney bis Moskau Millionen gegen die Irakpläne auf die Straße gingen und endlich auch der Rest der Welt begriff, dass nicht Amerika in den Krieg ziehen will, sondern die Regierung von George W. Bush.
Das ist auch der Punkt, den Karen Dolan gegen Ende des Empfangs noch einmal betont. “Und deswegen ist die Entscheidung des City Councils von New York heute so wichtig", sagt die zierliche Dame, die ein braves Kostüm trägt, weil sie zur Speerspitze jener gehört, die den Kampf gegen den Krieg mit den Mitteln professioneller Lobbyarbeit betreiben. Karen Dolan gehört zum Institute for Policy Studies, einem Think Tank, der sich in Washington seit 1963 für Bürgerrechte einsetzt. Und seit letztem Herbst organisiert das Institut Stadtparlamente in der Initiative Cities for Peace. 140 Städte haben bis zu diesem Mittag schon Resolutionen erlassen, mit denen sie sich gegen den Krieg aussprechen. Kleine und mittlere Städte, aber auch Metropolen wie Chicago, Detroit, Los Angeles, San Francisco, Atlanta, Baltimore, Denver. Eigentlich fehlen nur die konservativen Hochburgen wie Houston, Dallas oder Miami auf der Liste. Und für die Städte gibt es handfeste Gründe, sich gegen den Krieg auszusprechen. “Die Kommunen leiden derzeit unter der schwersten Finanzkrise seit 50 Jahren", sagt Karen Dolan. 300 Milliarden Dollar fehlen den Kreisen und Gemeinden.
Was das bedeutet, sagt Bill Perkins, kann man just an diesem Mittag am Westeingang des Rathausparkes sehen. Da scharen sich ein paar hundert zornige Feuerwehrmänner in Uniform um ein Rednerpult. Seit Bürgermeister Bloomberg die Firmenberater von McKinsey auf das Fire Department losgelassen hat, sollen acht Feuerwachen geschlossen werden. Und das ist nur der Anfang.
Es ist nicht das erste Mal, dass ein überflüssiger Krieg die amerikanische Gesellschaft um Jahre zurückwirft. “Vor 36 Jahren hat Martin Luther King hier in New York in der Riverside Church eine historische Rede gehalten", sagt Bill Perkins. “Er hat davor gewarnt, dass die Kosten des Vietnamkrieges unser Land sämtliche Errungenschaften der ’Great Society' kosten könnte. Und so war es dann auch." Unter Nixon gab es bald schon kein Geld mehr für all die Sozialleistungen, die Lyndon B. Johnson im Rahmen seines Krieges gegen die Armut etabliert hatte.
Für das Argument, nach einem Krieg gegen den Irak wäre die Welt ein wenig sicherer, hat Bill Perkins nur ein verächtliches Lächeln übrig. “Selbst die CIA gibt zu, dass ein Krieg die Terrorgefahr erhöhen würde", sagt er. “Und New York ist nach wie vor Terrorziel Nummer eins in der Welt." Davon einmal abgesehen: “Der Krieg zieht ausgerechnet die Kräfte ab, die im Katastrophenfall die Städte schützen würden. Die National Guard und die Reservisten." 150.000 Reservisten sind bisher einberufen worden. Fast die Hälfte aller Polizei- und Feuerwachen im Land hat deswegen schon Personal verloren. Und dann gibt es wie gesagt weniger Gelder für all die Einrichtungen, die die amerikanischen Bürger wirklich schützen. Krankenhäuser. Polizeikräfte. Und natürlich Feuerwachen - selbst wenn sich die Reaktionszeit der New Yorker Feuerwehren nur um dreißig Sekunden erhöht. Schon im ganz alltäglichen Notfall eines Wohnungsbrandes können diese Sekunden über Leben und Tod entscheiden.
Das Institute for Policy Studies hat dazu ein paar hübsche Rechnungen aufgestellt. Wenn man von der recht knapp bemessenen Prognose ausgeht, dass ein Irakkrieg rund 100 Milliarden Dollar kosten und ein Jahr dauern wird, beträgt der Anteil für die New Yorker Steuerzahler um die sechseinhalb Milliarden Dollar. Dafür könnte man über 30.000 Feuerwehrautos kaufen, 89.000 Lehrer beschäftigen oder die Krankenversicherung für eineinhalb Millionen Kinder finanzieren.
Dann beginnt die Sitzung. Es geht um Mietrecht und ein paar Baugenehmigungen, aber heute werden die Alltagsangelegenheiten besonders schnell erledigt. Denn die Resolution 549-A, das wissen Befürworter und Gegner, wird effektiv zwar wenig bedeuten, doch wenn New York als 141. Stadt eine Kriegsresolution erläßt, dann hat das einen Symbolwert, der weit über die Stadtgrenzen wirken wird.
Selten wurde in den holzgetäfelten Hallen des New Yorker emotionaler debattiert. Jeder einzelne Abgeordnete beansprucht an diesem Nachmittag seine Redezeit. Über eine Stunde lang spiegelt sich hier die weltweite Debatte. Die Gegner beschwören die Helden des 11. Septembers, die drohenden Opfer der Frontsoldaten, die Pflicht aller Bürger, sich hinter ihren Präsidenten zu stellen. Die Befürworter der Resolution beanspruchen ihr Recht, für ihre Bürger gegen den Krieg zu sprechen, betonen, dass niemand für Hussein spricht, aber der Krieg nur letztes Mittel sein darf, wenn die Nation direkt bedroht werde.
Mit 31 zu 17 Stimmen beschließt der New York City Council kurz vor vier die Antikriegsresolution. Präsident Bush wird sich auch darum nicht weiter scheren. Doch die Symbolwirkung funktioniert. Nur wenige Minuten später berichtet CNN ausführlich über die Resolution aus New York. Immerhin - nur wenige hundert Meter von den Stufen des Rathauses entfernt hat der Krieg ja begonnen. Dort bei Ground Zero klafft immer noch jenes Loch, das die Kriegstreiber in fast jeder Debatte als dramatisches Bild für ihre Gründe anführen. Doch was sich auf den Straßen von New York schon bald nach dem 11. September im Protestruf “Nicht in unserem Namen" formulierte, haben die offiziellen Vertreter der New Yorker nun in den Annalen der Stadtgeschichte verewigt.
“Nie wieder soll der 11. September als Ausrede für einen Krieg mißbraucht werden", hat Bill Perkins in seiner kurzen Ansprache gefordert. Die er mit dem historischen Slogan beschloß, der auch in den nächsten Wochen wieder durchs Land hallen wird, wenn die Kriegsgegner am 15. und 22. März wieder auf die Straße gehen: “Give Peace A Chance!" Für eine Mehrheit der Amerikaner ist das kein Pathos, keine Floskel, sondern eine bitterernste Forderung.
New York 13. März 2003 - Es wird noch ein paar Stunden dauern, bis der New Yorker City Council darüber entscheidet, ob die Stadt New York eine Resolution gegen den Krieg erlassen soll, aber im roten Salon des Rathauses hat der Abgeordnete des Wahlbezirks Harlem Bill Perkins schon mal zum Empfang gebeten. Rund um das Lunchbuffet stehen die Friedensaktivisten aus New York und Washington und balancieren Teller mit Salat und faustdicken Sandwiches. Da sind die New Yorker Basiskämpfer von der Organisation United For Peace in Sackjeans und Wollmützen, die ehrfürchtig über den flauschigen Teppichboden schleichen und unsicher lächeln, wenn sich der hochgewachsene Bill Perkins in seinem eleganten, anthrazitfarbenen Anzug neben ihnen aufbaut, ihnen Honoratioren und Abgeordnete vorstellt und ihnen lachend befiehlt, es sich gut gehen zu lassen.
Letzten Mittwoch erst ist Bill Perkins mit ihnen auf die Straße gegangen. Vor dem Büroturm 780 Third Avenue hatten sie sich getroffen. Im 26. Stockwerk residiert dort Hillary Clinton, die im Senat als eine der ersten im Schulterschluß mit George W. Bush für einen Krieg im Irak plädierte. Wie an jedem Wochentag während der Legislaturperiode war die Senatorin auch an diesem Abend in Washington, aber es ging ja auch nur um den symbolischen Akt, als Bill Perkins unter dem Jubel der Menge eine Papptafel auf die Marmorplatten des Eingangs klebte, auf der die Aktivisten da Wappen der Stadt New York gemalt hatten und eine kurze Petition, die mit den Worten “New York Says No to War" begann.
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