KLEINE GEOGRAPHIE
DER GROSSEN KüNSTE

New York ist das beste Beispiel
für das Ende der Großstadt als kulturellem Zentrum.
© Andrian Kreye

Es gab schon immer viele gute Gründe nach New York zu reisen. Für Europäer gehörte dazu vor allem die Sehnsucht nach dem kulturellen Utopia Manhattan. Dicht gedrängt lebten hier schon immer die Verrückten, die Künstler, die Bohemiens, die vom Genius beseelt Neuland eroberten. Modern und Free Jazz, abstrakter Expressionismus, die Beatniks, Pop Art, Punk, Performancekunst und Hip Hop waren allesamt Bewegungen, die ihren Ursprung auf den 26 Quadratmeilen felsigem Boden zwischen dem Hudson und dem East River nahmen.

Oberflächlich betrachtet scheint das immer noch zu stimmen. Man muß nur durch das East Village spazieren, durch Chelsea, Soho oder Tribeca, die Galerien, Clubs und Bühnen besuchen. Wo sonst bekommt man so viel geboten? In dieser Qualität? Wo sonst kann man an einem einzigen Samstagnachmittag einem halben Dutzend weltberühmter Schauspieler, Musiker und Künstler auf der Straße begegnen? Da sitzt Willem Dafoe im Jerry's beim Lunch, Natalie Portman spaziert die Prince Street entlang, Lou Reed unterhält sich im Pastis und Jeff Koons springt am Broadway aus dem Taxi.

Und doch hat sich die Stadt grundlegend verändert. Denn auf den zweiten Blick erkennt man - die Impulse kommen nicht mehr aus New York. Die Stadt hat eine ganz andere Rolle übernommen. Sie bestimmt nun Ansehen und Wert auf dem künstlerischen Weltmarkt. Mit den Künsten selbst hat das wenig zu tun, auch nicht mit dem Zeitgeist und schon gar nicht mit dem 11. September. Der Paradigmenwechsel der Kulturstadt New York ist der Endpunkt einer Entwicklung, die der New Yorker Bankier David Rockefeller fast im Alleingang in Bewegung setzte. Keine inhaltliche Entwicklung, sondern eine grundlegende Umwälzung der örtlichen Geographien, die keinen Platz für Mittelmaß läßt und schon gar nicht für Experimente.

In den endlosen Hallen der elterlichen Wohnung an der Park Avenue verbrachte David Rockefeller während der frühen 20er Jahre eine eigenartig altertümliche Kindheit. Zum Abendessen pflegte sein Vater auch zu Hause einen Smoking anzulegen. Seine Mutter trug dann Abendkleid, die Söhne allesamt Krawatte und ein Stab von Bediensteten servierte die Speisen auf feinstem Porzellan. So tafelte die Familie mit dem Gestus europäischer Aristokraten und nichts deutete darauf hin, dass der jüngste der fünf Brüder einmal eine Vision haben könnte, die aus dem Moloch des Industriezeitalters ein gutes halbes Jahrhundert später den Motor einer neuen Ära machen würde. Nur eines blieb ihm auch später noch - das gleichermaßen aristokratische Verhältnis seiner Familie zur Kultur, die es sich bei ihrem Reichtum aus den Ölquellen von Alaska bis zum arabischen Golf leisten konnte, die Künste im ganz großen Stil zu fördern.

Als junger Bankier gehörte David Rockerfeller bald zu den mächtigsten Männern der Stadt und als solcher erkannte er schon in den 50er Jahren, dass New York City als Industrie- und Hafenstadt keine große Zukunft haben würde. Warum sollte man den wenigen Platz auf der Insel Manhattan dafür verschwenden, Produkte herzustellen oder Waren zu verschiffen, wenn man doch viel mehr damit verdienen konnte, Ideen auszubrüten und den Geldverkehr zu lenken?

Flugs gründete er eine Organisation namens Downtown Lower Manhattan Association, kurz DLMA, die Hochfinanz und Politik vereinte, um aus Manhattan ein Zentrum der Bank- und Konzernzentralen zu machen. Der erste große Plan war der Bau eines Welthandelszentrums wenige Blocks westlich der Wall Street. Dafür mußten zwei eingesessene Institutionen des alten New Yorks weichen - der Hafen und die Radio Row, ein heruntergekommenes Viertel voller Kleinbetriebe und Geschäfte. Die DLMA setzte damit eine Dynamik in Gang, die New York bis heute bestimmt und ganz nebenbei das Kulturleben der Stadt geprägt hat.

Nun war New York schon immer eine Stadt in Bewegung. In Armenvierteln wie Hell's Kitchen und der Lower Eastside lösten sich die jeweils letzten Einwandererwellen ab. Baulöwen entdeckten Neuland für Hochhaus- und Siedlungsprojekte. Doch was sich ab der Mitte der 60er Jahre abspielte waren keine Wellen mehr, sondern gewaltige Umwälzungen. Ganze Berufszweige wurden entwurzelt. Arbeiter zogen mit den Manufakturen und Werkstätten in die Provinz, Neueinwanderer wurden in den Außenbezirken Brooklyn, Queens und Bronx angesiedelt, und inmitten dieser Umwälzungen entstanden plötzlich Nischen, in denen die Subkulturen blühen konnten.

Die ehemaligen Manufakturhallen machten Platz für Lofts, Ateliers und Übungsräume. Galerien und Nachtclubs fanden Raum in einstigen Ladengeschäften. In den Mietskasernen der einstigen Arbeiterviertel gab es billigen Wohnraum. Nichts war von Dauer. Spekulanten und Investoren scheuchten die neuen Gemeinden oft schon nach kurzer Zeit wieder auf. Kaum hatten die Künstler eine Gegend entdeckt, zog der Mittelstand nach. Wie die Jahresringe eines Baumes zogen sich die Sanierungswellen in konzentrischen Kreisen von den beiden Hochhauszentren in die Randbezirke. Doch gerade die Bewegung trieb die Subkulturen an.

Im Boom der 90er Jahre verwirklichte sich schließlich Rockefellers Vision und New York wurde zur Hauptstadt einer neuen Wirtschaft. Die Wall Street feierte sich wie im Rausch, an der Silicone Alley am unteren Broadway siedelten sich die Digitalfirmen an, Midtown wurde von den Medienkonzernen saniert, Film- und Modefirmen kamen nach Manhattan. Bis die Entwicklung an ihre natürlichen Grenzen stieß, denn manchmal vergißt man: Manhattan ist eine Insel.

Die letzten Nischen sind nun erobert. Die Boheme ist weitergezogen. Nach Brooklyn erst, dann auch nach Queens und in die Bronx. Doch hier funktioniert das Urbanlabor nicht mehr. Die einzigartige Geographie von Manhattan sorgte all die Jahre dafür, dass Kulturindustrie, Sub- und Hochkulturen auf engstem Raum nebeneinander existierten. Es waren nur wenige Minuten im Taxi, wenn ein Galerist von der 57th Street der nach Ladenschluss noch eine Underground-Vernissage auf der Lower Eastside besuchen, ein Plattenproduzent aus Midtown eine neue Band auf der Westside anhören, ein Regisseur eine Theatertruppe im East Village sehen wollte. Der Weg in die Zentren der Boheme führt nun über Brücken und durch Tunnels nach Williamsburg, Fort Greene oder Long Island City. Musiker und Kollektive leben nicht mehr wenige Blocks sondern bis zu zwei U-Bahn-Stunden voneinander entfernt. Doch wenn sich die Zentren der kreativen Schwerkraft auflösen, verschwinden auch die Impulse.

Was keineswegs heißt, dass aus New York nun kulturelles Brachland würde. Im Gegenteil. Die Anziehungskraft auf den Rest der schöpferischen Welt ist stärker, als je zuvor und wer die Stadt besucht, kann davon nur profitieren. Doch New York gibt eben nicht mehr den Ton an. Die Höhepunkte der aktuellen Saison sind dafür die Bestätigung. Bill Violas wunderbare Videoinstallation “Going Forth By Day" war ursprünglich eine Auftragsarbeit für das Guggenheim Berlin. Die grandiose Aufführung von Robert Wilsons “The Raven" war eine Inszenierung aus Kopenhagen. Baz Lurmanns Demokratisierung der Oper “La Boheme" basiert auf seiner Arbeit in Sidney. Die innovativsten Popkonzerte bestritten Bands wie die Hives aus Schweden, die White Stripes aus Detroit und die Roots aus Philadelphia. Selbst ein kultureller Meilenstein wie die Ausstellung “Drawing Now", mit der das Museum of Modern Art die Renaissance der Zeichenkunst feierte, versammelte mit Chris Ofili aus London, Kai Althoff aus Deutschland oder Yoshitomo Nara aus Japan die Besten aus aller Welt.

New York hat seine neue Rolle als Umschlagplatz jetzt auch offiziell bestätigt. Das New Yorker Center for an Urban Future veröffentlichte vor wenigen Wochen eine Studie mit dem Titel “Der kreative Motor - wie Kunst und Kultur das wirtschaftlichen Wachstum in den Vierteln von New York City anfeuern". Dort kann man nachlesen, dass es in der New Yorker Kulturindustrie über 150.000 Arbeitsplätze gibt, rund 2000 Kulturorganisationen und 2000 kommerzielle Kulturbetriebe. Und dass die Künste ein entscheidender Anziehungspunkt für die rund 35 Millionen Touristen sind, die in New York alljährlich um die 14 Milliarden Dollar ausgeben. Das sind selbst in einer Stadt wie New York, die mit 461 Milliarden Dollar ein größeres Bruttosozialprodukt erwirtschaftet als Südkorea, keine unerheblichen Zahlen.

Über die Inhalte und Qualitäten sagen sie nichts. Doch warum sollten sich die Künste vom Rest der Welt unterscheiden? In der Wirtschaft hat sich New York seinen Platz als ein Zentrum der globalisierten Welt schon gesichert. Vielleicht ist die Suche nach einem Ort der Impulse bald schon so antiquiert wie die Nostalgie nach der Pariser Boheme des 19. Jahrhunderts, die sich in den Subkulturen bis heute hartknäckig gehalten hat. Vielleicht waren die Pop-Phänomene von Manchester, Seattle und Berlin nur ein letztes Aufbäumen eines urbanen Weltbildes, das sich bald überholt. Und wenn die Zukunft kein Zentrum mehr hat, dann ist New York schon bereit. Denn am Ufer des Hudson etabliert sich die einstmals zukunftsweisende Metropole als mächtige Hauptstadt des Jetzt.





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