Natürlich gehört auch das diebische Vergnügen zum Genuss, für ein Bulettenbrötchen eine Summe zu bezahlen, mit der eine vierköpfige Mittelstandsfamilie in Westeuropa ihren Wocheneinkauf bestreiten könnte. Zu Hause in Berlin hätten es die Galeristen, die im März während der Kunstmesse der Armory Show zwischen Standbesuchen und der Auktion bei Christie's zum Lunch im Bistro Moderne einkehrten, wohl nie gewagt, so ungeniert dem hemmungslosen Luxus zu frönen, sie werden von dem Mittagessen daheim auch nur wirklich engen und finanziell gleichgestellten Freunden erzählen. Aber erstens liefen die Geschäfte in dieser Woche gerade mit der deutschen Kunst wirklich ganz hervorragend. Rekordpreise wurden bezahlt für junge deutsche Kunst, für Fotografie, Minimalismus und Pop Art. Sie unterhielten sich über die endgültige Bestätigung, dass die Konjunktur auf dem Kunstmarkt wohl weiter so ungebremst blühen würde, das hatten die Verkaufserlöse bei Christie's bestätigt. Für 78.000 Dollar hatte ein unbekannter Sammler per Telefon eine dreißig mal dreißig Zentimeter große Papierarbeit des deutschen Malers Kai Althoff ersteigert - das mehr als Zehnfache des ausgeschriebenen Schätzpreises. Es wurde gemunkelt, das sei ein Testballon der Saatchi Collection gewesen, die ausprobieren wollte, was der Markt wirklich hergibt, und nun würden die Althoffs Gemälde auf dem freien Markt zwischen 300.000 und 600.000 Dollar wert sein. Wenn das kein Grund zu Feiern ist.
Gastronomie, Kunst und Architektur waren schon immer der beste Gradmesser um das Wohlbefinden der Stadt zu analysieren. Während der letzten Hochphasen der Stadt in den 80er Jahren der jungen Wall-Street-Zocker und 90er Jahren der Internetmilionäre stampften die Baulöwen erst einen Wolkenkratzer nach dem anderen aus dem Boden, dann wurde noch die letzte Mietskaserne, die in der Gründerzeit für die Armen und Ärmsten gebaut wurde mit viel Rigips und Glas in ein Investitionsobjekt mit Eigentumswohnungen verwandelt. Das neue Baufieber stellt das alles noch einmal in den Schatten. Kaufpreise stiegen alleine im vergangenen Jahr um rund 15 Prozent. Alleine in den ersten vier Jahren des neuen Jahrtausends erteilte das Bauamt Genehmigungen für 85.000 Wohneinheiten, fast so viel wie im gesamten letzten Jahrzehnt. Das sind nicht alles Luxusimmobilien, die da gebaut werden. Fast die Hälfte aller neuen Wohnungen werden von Einwanderern bewohnt werden, die immer noch den Motor der Stadt ausmachen.
Nein, da besteht kein Zweifel - es geht der Stadt wieder gut nach den historischen Untiefen der letzten fünf Jahre. Nach dem Börsencrash, den Anschlägen des 11. September, nach Biowaffen- und Terroralarm, drohender Pleite und den schleichenden Depressionen, die all diese Ereignisse mit sich brachten. Es geht New York so gut, dass das britische Wirtschaftsmagazin The Economist neulich eine umfassende Bestandsaufnahme der Stadt produzierte, die zu dem Schluss kam, dass New York ein Vorbild für die erfolgreiche Zukunft der Großstadt sei. Beeindruckende Zahlen finden sich da. Wall Street hat die Aktienpreis in den letzten beiden Jahren um rund 40 Prozent nach oben gedrückt. Selbst der Jobmarkt hat sich erholt. Auch qualitativ. Während im Rest des Landes die Arbeitslosenzahlen mit Niedriglohnjobs gedrückt werden, die kaum ein würdiges Leben erlauben, sind die realen Löhne in New York während der letzten beiden Jahrzehnte um rund 50 Prozent gestiegen. Und dann gibt es die Sorte New Yorker, die schon immer immun waren gegen die Auf- und Abbewegungen der Landes- und Weltwirtschaft. Im Jahr 2004 spendeten die Bewohner von lediglich 20 Straßenzügen auf der Upper Eastside mehr Geld für die Wahlkämpfe der Präsidentschaftskandidaten, wie 45 der 50 amerikanischen Bundesstaaten zusammen.
Das sind natürlich reine Wirtschaftszahlen. Wer New York als Kulturstadt liebt, der wird schon bald feststellen, dass hier nur noch die Preis vorgibt. Die Impulse kommen von außen. Aus Europa eben, aus Asien und aus der amerikanischen Provinz. Kulturelle Innovationen sind nach dem Verständnis der Wirtschaftswissenschaftler eher ein Anzeichen dafür, dass eine Stadt ihr finanzielles Potential nicht ausschöpft.
Auch als Europäer hat man ein ganz bestimmtes Bild von der Stadt New York. Das New York in unseren Köpfen kennen wir aus den Filmen von Martin Scorsese, Woody Allen und Spike Lee, den Romanen von Truman Capote, Tom Wolfe und Paul Auster, als Kulisse für die Songs von Bob Dylan, Lou Reed und David Byrne. Doch es waren gerade diese immerwährenden Fluktuationen des Immobilienmarktes, welche die Bohemewelten der Stadt erst möglich machten. Das waren meist keine städtischen, sondern gesellschaftliche Umwälzungen. Ganze Berufszweige wurden entwurzelt. Arbeiter zogen mit den Manufakturen und Werkstätten in die Provinz, Neueinwanderer wurden in den Außenbezirken Brooklyn, Queens und Bronx angesiedelt. Inmitten dieser Umwälzungen entstanden Nischen, in denen jene Subkulturen blühen konnten, die bis heute das New York in unseren Köpfen bestimmen.
Nun trieb diese Bewegung zwanzig Jahre lang die Subkulturen an, und erst der Boom der neunziger Jahre erlaubte der Stadt, eine Vision zu vollenden, die ihre Wurzeln in den 50er Jahren hat: New York wurde zur Hauptstadt einer neuen Wirtschaftsepoche. Die Wall Street feierte sich wie im Rausch, am unteren Broadway siedelten sich die Dotcomfirmen an, die diesem Teil der Straße den Namen Silicon Alley einbrachten, Midtown wurde von den Medienkonzernen saniert, Film- und Modefirmen kamen nach Manhattan. Bis die Entwicklung an ihre natürlichen Grenzen stieß - schließlich ist Manhattan eine Insel.
Vater dieser Vision war der Bankier David Rockefeller.
Der stieß nicht nur eine inhaltliche Entwicklung, sondern eine grundlegende Umwälzung der örtlichen Geographien an, die keinen Platz für Mittelmaß ließ und schon gar nicht für Experimente. Heute ist David Rockefellers Verdienste um die Boomstadt New York fast vergessen. Nur wenigen ist noch bewusst, dass die radikalen Veränderungen der letzten vierzig Jahre in New York nicht das Resultat eines natürlichen Prozesses waren, sondern eines visionären Plans, der noch ehrgeiziger war als die städteplanerischen Kraftakte, die Robert Moses in den Jahrzehnten vor und nach dem Zweiten Weltkrieg vollbracht hatte. Rockefeller wollte nicht nur die Struktur, sondern das Wesen der Großstadt an sich revolutionieren.
David Rockefeller stammte aus jener Familie, deren Name Rockefeller als Synonym für unermesslichen Reichtum in die amerikanische Umgangssprache eingegangen ist. In den endlosen Hallen der elterlichen Wohnung an der Park Avenue verbrachte der junge David während der frühen zwanziger Jahre eine eigenartig altertümliche Kindheit. Zum Abendessen pflegte sein Vater auch zu Hause einen Smoking anzulegen. Seine Mutter trug dann ein Abendkleid, die Söhne erschienen allesamt mit Krawatte, und ein Stab von Bediensteten servierte die Speisen auf feinstem Porzellan. So tafelte die Familie mit dem Gestus europäischer Aristokraten, und nichts deutete darauf hin, dass der jüngste der fünf Brüder einmal eine Vision haben könnte, die den Moloch des Industriezeitalters ein gutes halbes Jahrhundert später zum Motor einer neuen Ära machen würde.
Die wilden Jahre der Subkulturen waren da nicht viel mehr als ein vorrübergehender Planungsfehler.
Der Kulturkritiker Thomas Frank beschreibt das neue Manhattan als eine Mischung aus urbanem Vergnügungspark und einer jener 'Gated Communities', jener hermetisch abgeriegelten Luxuswohnsiedlungen im Westen des Landes. Das rechnet man allgemein der Nulltoleranzpolitik der Bürgermeister Rudolph Giuliani an, der die Stadt von 1994 bis 2002 mit eiserner Hand regierte. Gegen Ende der Amtszeit des ehemaligen Staatsanwaltes landete New York City auf der Liste der amerikanischen Städte mit mehr als 100.000 Einwanderer auf Platz 97 der Kriminalstatistiken. Die Stadt war so sauber gekommen, dass sich die Produzenten der Krimiserie "Law & Order" beschwerten sie müßten den Dreck und die Penner, die den malerisch bedrohlichen Hintergrund jedes New-York-Krimis bilden, seit einiger Zeit von der Requisite besorgen. Da konnte nicht einmal der 11. September und New York neue Rolle als potentielles Terrorziel die Sicherheitsstatistiken trüben. Im Jahr 1990 wurden noch 2290 Mordfälle im Stadtgebiet gemeldet. Letztes Jahr waren es nur noch 566. Da knobelte The Economist: "Selbst wenn es alle zwei Jahre einen Anschlag wie am 11. September geben würde, wäre die Stadt heute sicherer, als noch 1990."
Die Sicherheit hatte ihren Preis. In den ersten fünf Amtsjahren Giulianis stieg die Anzahl der Verhaftungen wegen Kavaliersdelikten um ganze neunundsechzigProzent. Latinos wurden dabei zu neununddreissig Prozent, Schwarze zu dreiundzwanizg Prozent öfter angehalten als Weiße. Gleichzeitig stieg die Anzahl der Beschwerden wegen polizeilicher Übergriffe um fünfundsiebzig Prozent.
Da gab es ganz einfache Regeln. Man entwickelte einen Blick für die Gefahr, wußte instinktiv, welche Straßenblocks man besser meidet, wann man die Straßenseite wechselt oder gar umkehrt. Kam es dann doch einmal zu jenem klassischen Moment des New Yorker Alptraums, und man sah sich plötzlich am anderen Ende einer Messerklinge oder eines Pistolenlaufs, gab es auch da ganz klare Verhaltensvorschriften. Prinzipiell hatte man 20 Dollar in der Tasche, mit denen man einen nervösen Straßenräuber meist zufrieden stellen konnte. War der professionell genug, um einem die Taschen umzustülpen, hatte man größere Barschaften sicher im Strumpf versteckt. Niemals aber sah man einem Straßenräuber in die Augen, oder versuchte gar zu verhandeln. So wie es ein Grüppchen junger Nachtschwärmer im vergangenen Februar versuchte.
Der Überfall trug sich nahe der Rivington Street zu, der ehemaligen Junkiemeile auf der Lower Eastside, die heute ebenfalls längst luxussaniert ist. Der Bestsellerautor Sebastian Junger lebt hier, der Bistrotycoon Brian McNally eröffnete hier letztes Jahr die schicke Schiller's Liquor Bar und im Alife Rivington Club treffen sich Turnschufanatiker aus der ganzen Welt, um bis zu 800 Dollar für die neusten Addidas- und Nike-Modelle zu bezahlen.
Prinzipiell aber gilt die Maxime - nichts und niemand kann New York unterkriegen. Keine Wirtschaftskrisen, keine autokratischen Bürgermeister, und wie der 11. September bewies, auch keine verheerenden Katastrophen. New York ist immer noch ein Magnet für die Träume der Welt. "New York ist die einzig wirklich städtische Stadt", schrieb der Schriftsteller Truman Capote. Seit der Antike waren es schon immer die Städte, in denen die menschliche Zivilisation ihre Sternstunden feierte. Bis eine neue Stadt kommt und New York den Rang abläuft, wird es wohl immer den Rang als Nabel und Kreuzung der Welt haben, den es sich so prahlerisch selbst verliehen hat.
Das war auch der Grund, warum die Herrhausen-Stiftung das Wochenende einer neuen Konferenzserie über die Zukunft der Stadt hier ausrichtete. Die besten Architekten, Urbanisten und Städteplaner kamen da zusammen. Drei Tage lang stritten sie sich darüber welche Form der Großstadt eine Zukunft habe. Doch wie meist, wenn Städteplaner debattieren, überholt die Wirklichkeit die Planung. Der niederländische Arichtekturtheoretiker resümierte die Debatte am besten, als er die Großstädte der Zukunft anhand zweier exemplarischer Beispiele erklärte. Die eine sei ganz sicher New York, ein urbaner Dynamo, der auf Geld und Karrieren wie ein Durchlauferhitzer wirken kann. Die Kehrseite beschrieb der Soziologe Richard Sennet an diesem Nachmittag: "New York war seit den Anfängen seines Bestehens immer eine Art Wahrzeichen der Gleichheit gewesen. Seit zehn Jahren aber hat sich New York zum Wahrzeichen der Ungleichheit gewandelt."
Aus dem
Magazin Nr. 13 des Tagesanzeiger Zürich.
New York im März '05 - Der teuerste Hamburger der Welt kostet 120 Dollar und besteht aus fein gehacktem Lendenfleisch vom Rind, das mit Fasern geschmorter Rippchen und etwas Foie Gras angereichert auf einem Parmesanbrötchen mit frischen Tomatenscheiben, etwas Blattsalat und vor allem einer fingerdicken Schicht frisch geraspelter schwarzer Trüffel serviert wird. Der französische Starkoch Daniel Boulud hat den Burger für sein Restaurant Bistro Moderne kreiert, das im Erdgeschoss des City Club Hotels in der 44. Straße von Manhattan gleich neben dem ehrwürdigen Algonquin Hotel zu Mittag gerne von den leitenden Angestellten aus den umliegenden Zentralen der großen Medienkonzerne besucht wird. Beißt man in diesen Burger, stößt man nach dem knusprigen Kästeig und der Salatgarnitur zunächst auf das satte Aroma der Gänsestopfleber, bevor die Note der schwarzen Trüffeln erst sanft die Nase und dann stoßartig den gesamten Mund- und Rachenraum erfasst. Solche Geschmackserlebnisse mögen sie in den besseren Lokalen von New York, deswegen haben in den letzten Jahren auch experimentierfreudige Köche wie Daniel Boulud, Wylie Dufresene und Jean-Georges Vongerichten die alte Garde der Sterneköche abgelöst.
Mal davon abgesehen ist in Manhattan die europäische Unsitte des Sozialneides spätestens seit der Luxussanierung der ehemaligen Armen- und Bohemeviertel auf der Lower Eastside gänzlich unbekannt. Es lebt hier natürlich auch kaum noch jemand, der es sich nicht leisten kann. Noch so ein Lieblingsthema an den Tischen der neuen New York Gourmetlokale - der galoppierende Immobilienmarkt mit seinen Sensationsmeldungen, die hier verschlungen werden wie anderswo der neueste Klatsch aus Hollywood, nur dass hier eben die schicksten neuen Appartmentgebäude die Filmschauspieler als Superstars abgelöst haben. Erst neulich haben die Glastürme, die der Architekt Richard Meier am West Side Highway errichtete, einen neuen Rekord gebrochen. Mehr als eine Million Dollar für ein Studio Apartment, wie man hier die Einzimmerwohnungen mit Kochnische nennt, die man sonst eher in Studentenwohnheimen findet. Und auf der anderen Seite der Insel hat das Architekturbüro von Santiago Calatrave gerade die Baugenehmigung für die bisher kühnste Wohnanlage der Stadt bekommen - zehn Würfel aus Glas und Stahl, die freischwebend an einem Gerüst über dem East River thronen werden. “Eine Revolution des Wohnens", wie die Immobilienkolumne der New York Post verkündete. Das Stück zu 35 Millionen Dollar. Normalverdiener mieten sich eben für drei- bis viertausend Dollar ein kleines Apartment auf Zeit.
Natürlich hat sich New York schon immer verändert, und natürlich haben die Alteingesessenen schon immer geschimpft, dass ihre Stadt vom Kommerz zerfressen wird. Der Wahl-New-Yorker David Bowie, der schon seit gut vierzig Jahren die Klippen der Popmoden umschifft, fasst diesen immerwährenden Zyklus der Stadt neulich im Interview zusammen: "Die alte Avantgarde wird immer sagen, dass ja nichts mehr so ist wie früher, und dass es keine ernstzunehmende Künstler mehr gibt, und dass sich überall Cafés und Boutiquen eingenistet haben. Das mag ja für die Gegend, in der sie früher gelebt haben stimmen, aber in New York wird es immer arbeitende Künstler geben. Die Gegenden verändern sich eben nirgendwo so schnell wie in New York, und die Künstler ziehen weiter. Dieses subkulturelle Nostalgiegejammer ist wirklich nichts Neues. Das gab es schon, als ich gerade anfing, als Liedermacher die Hippieszene zu erobern. Ich erinnere mich noch, dass ich in den 60ern einen Artikel über irgendein Hippiefestival gelesen habe. Da haben sie dann Jack Kerouac interviewt. 'Was für ein Scheiss', hat der geschimpft, 'diese Kids haben doch keine Ahnung, um was es wirklich geht'. Ich habe mir damals nur gedacht, oh nein, der Mann ist doch eines meiner Idole und da macht er meine Generation so runter. Er hat uns doch überhaupt erst inspiriert." Dabei hatte schon Jack Kerouacs Lektor Malcolm, der in den 30er Jahren zur Boheme der ’Lost Generation' im Greenwich Village gehörte, geschimpft, die Haltung der Boheme sei zur reinen Konsumethik verkommen.
Doch nichts war hier jemals von Dauer. Hatte sich eine Boheme gebildet, scheuchten Spekulanten und Investoren die neuen Gemeinden oft schon nach kurzer Zeit wieder auf. Kaum hatten die Künstler eine Gegend entdeckt, zog der Mittelstand nach. Wie die Jahresringe eines Baumes weiteten sich die Sanierungswellen in konzentrischen Kreisen von den beiden Hochhauszentren in Down- und Midtown auf die Randbezirke aus. Jeder Ring bedeutet eine wirtschaftliche Aufschwungsphase. Stadthistoriker können diese Entwicklung bis ins 19. Jahrhundert zurückverfolgen, als betuchte Bürger in regelmäßigem Abstand Einwanderer und Schwarze aus ihren angestammten Vierteln vertrieben.
Als junger Bankier gehörte David Rockefeller bald zu den mächtigsten Männern der Stadt, und als solcher erkannte er in den frühen fünfziger Jahren, dass New York City als Industrie- und Hafenstadt keine große Zukunft haben würde. Warum sollte man den wenigen Platz auf der Insel Manhattan dafür verschwenden, Produkte herzustellen oder Waren zu verschiffen, wenn man doch viel mehr damit verdienen konnte, Ideen auszubrüten und den Geldverkehr zu lenken?
Zu diesem Zwecke gründete er eine Organisation namens “Downtown Lower Manhattan Association", kurz DLMA, die Hochfinanz und Politik vereinte, um aus Manhattan ein Zentrum der Banken- und Konzernleitungen zu machen. Der erste große Plan war der Bau eines Welthandelszentrums wenige Blocks westlich des Finanzknotenpunkts Wall Street. Die DLMA setzte damit eine Dynamik in Gang, die New York bis heute bestimmt und ganz nebenbei das Kulturleben der Stadt geprägt hat.
Die Idee, die Südspitze Manhattans mit dem Bau eines Welthandelszentrums zu sanieren, stieß allerdings von Anfang an auf heftigen Widerstand. Die eigens gegründete DLMA sei nichts anderes als eine seriöse Fassade für geldgierige Spekulanten, hieß es 1958. Noch lauter wurde der Protest, als die DLMA 1962 gemeinsam mit der Hafenbehörde Port Authority beschloss, das heruntergekommene Geschäftsviertel der Radio Row zwischen Cortlandt und Greenwich Street für den Bau des World Trade Center niederzureißen und die Hafenanlagen nach New Jersey auszulagern. Rückblickend war Rockefellers Vision die einzige Lösung für eine Metropole, die heute in ihrem Stadtbild das Industriezeitalter des späten 19. Jahrhunderts verkörpert.
Allerdings kann die Sicherheit des Reichtums auch trügen. Innerhalb von Sekunden kann die Stadt wieder ihre althergebrachte, bedrohliche Rolle des Moloch einnehmen. Genauso wie sich die Stadt permanent veränderte, wandelte sich auch die Bevölkerung. New York war nie ein Ort, an dem man alt wurde, immer nur Sprungbrett - für die Einwanderer in die neue Welt, für die Ehrgeizigen in die Karriere, für die Genialen in den Pantheon der Legenden. Trotz der Erfolgsnachrichten vom Boom der Stadt, verlassen immer noch mehr Menschen New York, als zuziehen. Sicher, manche ziehen nur bis vor die Tore der Stadt, um auf Long Island, in Westchester County oder New Jersey ein bürgerliches Leben in der Suburbia zu führen. Aber die nutzen die Stadt nur noch als Pendler, kaum als Bewohner. Vier bis acht Jahre bleibt ein Zuzügler im Schnitt in der Stadt. Die aber, die noch nicht allzulange in der hier leben, verfügen längst nicht mehr über jene urbane Bauernschläue, die man früher "Street Smarts" nannte.
In den frühen Morgenstunden eines Donnerstages im Februar verließen eine Nachwuchsschauspielerin und ihr Verlobter die alteingessene Künstlerbar Max Fish. Kurz vor der Rivington Street hielten zwei Teenager die beiden auf, bedrohten sie mit einer Pistole und verlangten Geld. Der Verlobte stieß einen der beiden beiseite. Der andere verlangte die Handtasche der Schauspielerin. Die fuhr ihn an: "Was willst du? Uns niederschießen?" Genau das tat der Straßenräuber. Die Schauspielerin war sofort tot.
Die Alternative aber ist keine. Da schwärmte Koohlhaas von den natürlich gewachsenen urbanen Strukturen der nigerianischen Megalopolis Lagos. Diese Stadt habe eine organischer Art, öffentlichen Raum zu vermehren und zu schaffen, währen der öffentliche Raum in New York immer mehr abnehme. Lagos aber ist die Antithese dessen, wie Le Corbusier das New York seiner Tage beschrieb - eine wunderbare Katastrophe. Das war es, was die Welt so an dieser Stadt liebte. Dieser Begriff war Verheissung und Herausforderung zugleich. Nun hat er sich gespalten. Was bleibt ist entweder wunderbar. Oder eben eine Katastrophe.
Zurück zum Inhalt
