THEORIE UND PRAXIS

Mit Francis Fukuyama schert einer
der Vordenker der Neokonservativen aus
dem ideologischen Gleichschritt.

© Andrian Kreye


Wenn der Politologe Francis Fukuyama ein Essay veröffentlicht, dann erregt das in Amerika nicht nur in akademischen Zirkeln Aufsehen. Immerhin ist sein “Ende der Geschichte" im politischen Diskurs nach dem Kalten Krieg einer der drei meistzitierten Texte. Mit seinem jüngsten Essay “The Neoconservative Moment", das in der Sommerausgabe der Vierteljahresschrift “The National Interest" erschien, sorgte Fukuyama allerdings für eine Sensation. Mit ungewohnter Schärfe kritisiert er darin die Außenpolitik der USA und ihre neokonservativen Vordenker, zu deren Avantgarde er eigentlich selbst gehört. Zwar ist das Essay lediglich als Kritik an einem Vortrag seines Freundes, ideologischen Mitstreiters und Pulitzerpreisträger Charles Krauthammer angelegt. Doch hinter der akademischen Rezension verbirgt sich eine grundlegende Anklage.

Krauthammer hatte den Vortrag im Februar bei einem Dinner des American Enterprise Institute gehalten. Unter dem Titel “Demokratischer Realismus: eine amerikanische Außenpolitik für eine unipolare Welt" hatte er seine These weitergeführt, nach der die Welt seit 1989 von einem demokratischen Globalismus bestimmt wird, dessen einziger Protagonist die USA ist.

“Die Ansprache von 2004 war auf eigenartige Weise fern der Realität", schreibt Fukuyama. Krauthammer habe mit keiner Silbe all die Tatsachen erwähnt, die sich innerhalb eines Jahres manifestiert hätten - das Scheitern der Suche nach Massenvernichtungswaffen im Irak, der bösartige und ständig zunehmende Antiamerikanismus im Nahen Osten, der immer stärkere Widerstand im Irak, der Umstand, dass sich dort keine starke, demokratische Führung gebildet hat, die enormen finanziellen Lasten und steigenden menschlichen Kosten des Krieges, die Unmöglichkeit mit dem Krieg Fortschritte im israelisch-palästinensischen Konflikt zu erzwingen, und schließlich die Tatsache, dass sich Amerikas demokratische Alliierten weigerten, sich den amerikanischen Aktionen anzuschließen oder sie im Nachhinein zu legitimieren.

Krauthammers Weltbild sei von einem exzessiven Realismus geprägt, fährt Fukuyama fort. Man könne die akute Bedrohung durch radikale Islamisten nicht mit der einst existentiellen Bedrohung durch die Sowjetunion vergleichen. Dazu geselle sich ein exzessiver Idealismus: “Von all den verschiedenen Ansichten, die inzwischen mit dem Neokonservatismus assoziiert werden, erscheint mir die Zuversicht am eigenartigsten, die Vereinigten Staaten könnten den Irak in eine Demokratie nach westlichem Vorbild transformieren und davon ausgehend den weiteren Nahen Osten demokratisieren." Zudem ignoriere Krauthammer, dass die USA im Rest der Welt ein ganz massives Legitimitätsproblem hätten, das einerseits die effektive Macht, andererseits die Glaubwürdigkeit als Vertreter bestimmter Ideen und Werte unterminiere.

Im Lager der Liberalen reagierte man auf Fukuyamas Text mit Schadenfreude. “Krieg in der neokonservativen Gemeinde", feixte die New York Times. Die Blogger der linken Webseiten triumphierten, dass ausgerechnet am Vorabend des republikanischen Parteitages die Front der neokonservativen Ideologen einbreche. Der Eindruck ideologischer Grabenkämpfe im Lager der Neokonservativen wurde durch die heftige Reaktion Fukuyamas Weggefährten nur noch unterstützt. Charles Krauthammer selbst bezeichnete das Essay als “atemberaubend zusammenhangslos" und kündigte für die Herbstausgabe des National Interest eine Replik an. Der kam der Redakteur des Politjournals Commentary Norman Podhoretz zuvor. Mit der reißerischen Überschrift “Der Vierte Weltkrieg: wie er begann, was er bedeutet, und warum wir ihn gewinnen müssen", aktualisiert er über 38 Seiten hinweg den neokonservativen Ansatz zum Irakkrieg und beschwört als Fazit George W. Bushs Bild vom “Ruf der Geschichte", der Amerika die Verantwortung und das Privileg auferlegt habe, den Kampf der Freiheit zu kämpfen.

Nun ist die interne konservative Kritik am Irakkrieg nichts Neues. So reichte die Kritik in den eigenen Reihen von pragmatischen Einwänden traditioneller Konservativer wie dem ehemaligen Sicherheitsberater George Bush Seniors Brent Scowcroft, und dem einstigen Außenminister Lawrence Eagleburger gegen den riskanten und kostspieligen Feldzug, bis hin zum offenen Antisemitismus des ultrarechten Isolationisten Pat Buchanan, der die Kriegspläne als “Kabale in Kollusion mit Israel" verteufelte.

Dazu kommt, dass vor allem die amerikanischen Konservativen die intellektuelle Debatte gefördert und kultiviert haben. Nicht umsonst waren neben Fukuyamas Text die beiden anderen epochalen amerikanischen Essays der postideologischen Ära mit “Krieg der Kulturen" von Samuel Huntington und “Macht und Ohnmacht" von Robert Kagan ebenfalls klare Ergebnisse des konservativen Diskurses. Andererseits waren es gerade die Neokonservativen, die das Debattieren in den eigenen Reihen dann als unpatriotischen Defätismus verteufelten. So beschuldigte Bushs ehemaliger Redenschreiber und Mitautor von Richard Perles “An End To Evil"-Manifesto David Frum die kritische Rechte, einen “Krieg gegen Amerika" zu führen.

Nun mag Fukuyama der erste Neokonservative sein, der sich so offen gegen den Krieg ausspricht. Doch er zählt keineswegs zu den Deserteuren, die in ihrer Antikriegshaltung auch mal mit dem Pazifismus oder gar mit Ultralinken wie Noam Chomsky oder Alexander Cockburn sympathisierten, wie der republikanische Betreiber der Antiwar.com-Webseite Eric Garris. Im Gegenteil, er will vielmehr den Dialog zwischen den konservativen Realisten der Kissingerschule und den Neokonservativen mit dem Wilsonschen Sendungsbewusstsein wiederbeleben. Dem stand in letzter Zeit viel zu oft die Stahlgewitterromantik der Ideologen entgegen, die den 11. September als kathartischen Moment betrachteten, an dem ein neues Amerika geboren wurde.

Fukuyama lässt auch keine Zweifel aufkommen, dass er den Grundsätzen des Neokonservatismus weiterhin treu bleibe. Nur die unipolaren, alarmistischen und missionarischen Aspekte seien eben nicht mehr tragbar. Konstruktiver Aktivismus sei gefragt. “Wenn die Vereinigten Staaten die Tatsachen nicht mögen, dass die Vereinten Nationen von undemokratischen Regimes dominiert werden, sollten sie ihre Anstrengungen darin investieren, andere Institutionen aufzubauen", schreibt er. Bill Clintons Community of Democracies sei ein guter Ansatz gewesen, und unter der momentanen Regierung wohl vor allem aus parteipolitischen Gründen gescheitert. Aber es gebe darüber hinaus genügend Beispiele für internationale Organisationen, mit denen eine bilaterale Weltpolitik auch mit einem konservativen Ansatz funktioniere.

Fukuyamas Vorstoß war diesen Sommer der prominenteste, aber nicht der einzige. In derselben Ausgabe des National Interest debattieren ganze 18 Publizisten vom britischen Historiker Niall Ferguson bis zum iranischen Exilintellektuellen Amir Taheri über den Wendepunkt im Irak. Im Foreign Policy Magazine der konservativen Carnegie Endowment for International Peace analysiert der Historiker Melvyn Leffler Bushs Außenpolitik in allen Schattierungen. Und in der Titelgeschichte des Heftes über “Die “gefährlichsten Ideen der Welt" finden sich so einige Elemente aus der inoffiziellen Bushdoktrin. Da warnt der Evolutionspsychologe Robert Wright vor dem verführerischen Argument, einen Krieg gegen das Böse führen zu wollen. De Soziologe Eric Hobsbawm meldet Zweifel an, dass die Demokratie das richtige System sei, um die Welt neu zu ordnen.

Im letzten der acht Texte untersucht der Publizist Fareed Zakaria schließlich die Gefahren, die der Antiamerikanismus als Ersatzideologie in sich birgt. “Die Welle des Antiamerikanismus ist teilweise auch ein Produkt der Politik der Bushregierung", schreibt er da. Eine so offene Kritik an der Linie der Bushregierung verspricht eine neue Klarheit im Lager der Neo-, Realo- und Altkonservativen. Das heißt aber auch, dass die sich Rechte im Diskurs der amerikanischen Politik die Debattenhoheit bewahrt. Denn einen Mythos kann Melvyn Leffler in seiner Analyse erfolgreich entkräften - Bush sei keineswegs der Radikale, als den ihn die Linke darstellt, schreibt er. Seine Politik sei keine Abkehr von der seines demokratischen Vorgängers Bill Clinton. Höchstens sein Stil und seine Umgangsformen. Doch selbst da bemüht sich der Präsident. In einem Interview mit der New York Times gab er letzte Woche erstmals zu, er habe "sich verrechnet" wie die Bedingungen im Nachrkriegsirak sein würden.





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