Generation Patriot

Neil Young prüft auf seinem neuen Album die Ideologiefestigkeit seiner Fans und fragt die Nation: "Are You Passionate?"
© Andrian Kreye



Es hätte ein hervorragendes Album werden können. Neil Young hatte sich die Veteranen vom Soullabel Stax ins Studio geholt. Mit denen produzierte er Rhythm'n'Blues-Nummern, die seinem brüchigen Tenor eine fast schon erdige Bluesdimension verleihen und sein Gitarrenspiel in ungewohnt geradlinige Bahnen lenken. Das mag die Anhänger seiner schroffen Crazy-Horse-Werke verärgern, aber es wäre ihm damit eine äußerst gefällige Facette seines Alterswerks gelungen. Er hat sich auch als älterer Herr Gedanken über die Liebe gemacht, ohne sich mit falscher Jugendlichkeit zu blamieren.

Doch auf halbem Wege durch “Are You Passionate?" holzt er sich plötzlich durch die Patriotenhymne “Let's Roll". Die beginnt mit dem Klingeln eines Handy und dann besingt er den Mythos der Passagiere von Flug 93, die am 11. September wahrscheinlich ihre Entführer überwältigt und die Maschine zum Absturz gebracht haben. Einer von ihnen, der Computerprojektleiter Todd Beamer, soll kurz vor seinem Tod über eines der Bordtelefone mit seiner Frau gesprochen haben, und die hat dann eben gehört, wie er seine Mitpassagiere mit dem Ausruf “Let's Roll" mobilisierte. Ein Ausruf, den Präsident Bush dann in seiner Rede zur Lage der Nation im Januar als Motto für seinen Krieg gegen den Terror erkoren hat.

Soll man sich über Neil Youngs spontaner Reaktion auf den 11. September überhaupt echauffieren? Kann man nicht einfach darüber hinwegsehen, dass auf dem Cover das abgenutzte Erinnerungsfoto eines innigen Pärchens und einer Rose auf ein Uniformhemd drapiert sind? Wenn doch der Rest des Albums so gut ist? Rockmusik funktioniert allerdings nicht über die Form Albums. Das war eine Erfindung von Monumentalrockern der 70er Jahre, denen es nicht genügte jugendliche Herzen für drei Minuten höherschlagen zu lassen, weil sie symphonische Ambitionen hegten. Rockmusik funktioniert immer noch nach dem Prinzip der Single, und wenn eine Single den richtigen Nerv trifft, dann wird sie irgendwann zur Hymne. Deswegen zählt der Song, nicht das Werk. Neil Young hat es immer wieder verstanden, Nerven zu treffen. Mit Songs wie “Ohio", “Old Man", “After the Goldrush" und auch wieder mit “Let's Roll". Aber gerade das sollte einem zu denken geben.

Vielleicht sollte man kurz die Rezensionsperspektive klären. Im südlichen Manhattan stellt sich das mit dem Patriotismus, dem Krieg gegen den Terror und der Trauer über die Opfer des 11. September jedenfalls ganz anders dar, als nur wenige Meilen weiter nördlich in den Bürotürmen jener Medienkonzerne wie Neil Youngs Arbeitgeber Time-Warner, die seit dem 11. September in regelmäßigen Abständen auf Linie eingeschworen werden. Hier unten, wo einen immer noch an jeder Ecke die improvisierten Gedenkstätten vor den Kirchen, den Feuer- und Polizeiwachen an die Opfer erinnern, und wo sich die natürliche Skepsis einer kritischen Weltsicht nach einer kurzen Schockphase von wenigen Wochen schon wieder erholt hatte, kann man sehr wohl trennen zwischen der immer noch akuten Terrorgefahr und dem patriotischen Wahn.

Inmitten der Touristenhorden die am Wochenende mit Wimpeln, Flaggen-T-Shirts und Patriotentränen zu den Aussichtsplattformen von Ground Zero pilgern, hat das Sternenbanner seine Rolle als Popikone verspielt. Und auch die Camouflagemuster der Militariamode sind keine Insignien der Subkultur mehr, wenn CBS zur besten Sendezeit Kampfpiloten als Popstars präsentiert und MTV die Angehörigen der kämpfenden Truppe zur neuen Hipstergeneration stilisiert. Die meisten New Yorker haben schon lange genug vom permanenten Fähnchenschwingen und der allgegenwärtigen Zwangsbeflaggung, die längst nicht mehr spontane Trauer transportieren, sondern nur noch einen Patriotismus, der die Verzweiflung für geostrategische Zwecke instrumentalisiert hat.

Natürlich steht Neil Young das Recht auf freie Meinungsäußerung zu. Es wäre auch ein Irrtum, dem Idol der rechtschaffenen Rockmusik eine linksliberale Gesinnung zu unterstellen. In den 70ern protestierte Young noch gegen den Vietnamkrieg und Atomkraftwerke. 1984 unterstützte er Ronald Reagan bei dessen Kampf um die Wiederwahl. Ein Jahr später initiierte er zusammen mit Countrysänger Willie Nelson die Reihe der jährlichen Farm-Aid-Konzerte für die amerikanischen Bauernbewegung, die ihre Wut auf Banken und Landwirtschaftskonzerne seit jeher von rechts formulierte.

Mit “Let's Roll" macht sich der Komponist der Antikriegshymne “Ohio" zum Sprachrohr all jener seiner Altersgenossen, die ihre pazifistischen Ideale über die Jahre für eine stramme Wehrhaftigkeit aufgaben. Seit dem Ende des Kalten Krieges, so glauben sie, haben die USA nur noch gerechte Kriege geführt. Den Golfkrieg, die Einsätze in Somalia und Jugoslawien, und jetzt eben auch den Krieg gegen den Terror, auch wenn der nach dem ersten Erfolg in Afghanistan längst Vehikel für die Konsolidierung heimischer und globaler Machtansprüche geworden ist.

Mit “Let's Roll" schlägt Neil Young seiner Generation nun eine Bresche ins Lager der Patrioten. Wer Zweifel hat wird dann von Young im nächsten Stück auf seine Ideologiefestigkeit geprüft. “Are You Passionate?" klagt den Idealismus der 68er ganz unverblümt für den patriotischen Realismus des 21. Jahrhunderts ein. Und wer diese Jugendideale für Jugendsünden hält, der darf sich mit “Going Home" trösten, in dem Young sogar Indianerschlächter General Custer beschwört, der sich vergeblich gegen die wilden Horden wehrte.

In den USA ist inzwischen ein regelrechter Streit um den Slogan “Let's Roll" ausgebrochen. Schon am 26. September beantragte die Todd M. Beamer Foundation, die seine Witwe für die Opfer des 11. September ins Leben rief, Titelschutz auf den Ausruf. Mehrere Hersteller für Patriotenkitsch waren ihr allerdings schon zuvorgekommen. Streitkräfte und Künstler sind vom Titelschutz allerdings ausgenommen. So hat die US Air Force ein Dekret erlassen, dass mindestens ein Flugzeug pro Staffel mit einem Wappen verziert wird, das einen Adler zeigt, der in seinen Krallen ein Schwert trägt, auf dem “Let's Roll" geschrieben steht.

Und auch Neil Young muß sich keine Sorgen machen, dass ihm jemand seinen Song streitig macht. “Let's Roll" hatte sich schon lange bevor er auf Platte erhältlich war als Hymne etabliert. Am Morgen des 11. Dezember spielten fast sämtliche Radiostationen des Landes zum dreimonatigen Andenken an die Anschläge einen Popsong, der schon im Zweiten Weltkrieg die Metamorphose zur Patriotenhymne durchlaufen hatte - die wehmütige Ballade “God Bless America", die Irving Berlin ursprünglich für sein Musical “Yip, Yip, Yaphank" geschrieben hatte. Nur der rechtspopulistische Talk-Radio-Moderator Don Imus, dessen Show auf rund 100 Sendern im ganzen Land läuft, erinnerte seine Hörer mit dem neuen Neil-Young-Song daran, dass auf die Trauer Taten folgen müssen: “Let's Roll".

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