Für ein Theater ist es immer ein Risiko, Stücke mit Hollywoodstars zu inszenieren, auch wenn das zumindest finanziellen Erfolg garantiert. So haben LaBute und Wolfe gleich alle drei Rollen in “This Is How It Goes" mit bekannten Gesichtern besetzt und dafür sämtlich Vorstellungen der Laufzeit bis zum 2. Mai ausverkauft. Neben Stiller gibt die Amanda Peet mit ihrer charakteristischen erotischen Noblesse die frustrierte Belinda, die mit dem reichsten und einzig schwarzen Mann am Ort Cody verheiratet ist, der von Jeffrey Wright gespielt wird. Nun konnte Peet in “Igby!" und “Was das Herz begehrt" zeigen, dass sie über die Kalauerfilme, mit denen sie bekannt geworden ist, weit hinauswachsen kann. Jeffrey Wright hat mit seinen Rollen in “Basquiat", “Ali" und Mike Nichols Verfilmung des Theaterzyklus “Angels in America" eine Bandbreite bewiesen, für die ihn der Theaterkritiker Hilton Als in der letzten Ausgabe des New Yorker als einen der brillantesten und nuanciertesten amerikanischen Schauspieler bejubelte.
Da verwundert es, dass LaBute und Wolfe diese zwei um einen Mann kreisen zu lassen, der mit seinen immer gleichen Don-Quijote-Manierismen in Erfolgskomödien wie “Die Nervensäge", “Verrückt nach Mary" und “Meine Braut, ihr Vater und ich" so etwas wie eine Marke geschaffen hat. Das kann in Hollywood zwar Erfolg bedeuten, aber gerade Komiker reduzieren sich damit für ihre gesamte Laufbahn auf die eigene Person, über die sie kaum mehr hinauswachsen können, was von Woody Allen bis Whoopie Goldberg schon einige vergeblich versucht haben.
Das Theater ist natürlich die beste Methode, sich aus den Klammern des so genannten “Typecasting" zu befreien. Doch spätestens im dritten Akt entpuppt sich die Besetzung der Hauptfigur mit Stiller als einer der Tricks, mit denen Neil LaBute sein schamloses Spiel mit den Erwartungshaltungen und Wertmaßstäben seiner Zuschauer vorantreibt. Ein zugegeben brillantes Spiel, denn bis sich das Blatt wendet, hat sich Ben Stiller mit seinen Unsicherheiten und Übersprungshandlungen längst die Sympathien des Publikums erobert, auch wenn er seine Zuschauer in der direkten Anrede als Erzähler davor warnt: “Hey, am Ende bin ich kein ganz zuverlässiger Erzähler".
Der politisch nicht ganz korrekte Humor des Untermieters stößt Cody erst vor den Kopf, führt schließlich sogar zum Rauswurf. Codys Art, mit seiner Außenseiterrolle Rechte einzuklagen und gleichzeitig seine finanzielle Machtposition auszuspielen provoziert dagegen jene Gewissenskonflikte, mit denen LaBute von seinen Zuschauern Stellungnahme einfordert. Da prallen die Sensibilitäten und Vorurteile weißer Unterschichten und oberer schwarzer Mittelschichten zusammen und illustrieren raffiniert das oft widersprüchliche Spannungsverhältnis der Klassen- und Rassenkonflikte in Amerika. Dazwischen steht Belinda, mal frustriertes Opfer einer beklemmenden Ehe, mal manipulatives Biest, die sich die kleinstädtischen Machtpositionen mir ihrer aristokratischen Schönheit sichert.
Immer weiter zieht LaBute die moralische Daumenschraube an, immer wieder dreht und wendet sich die Handlung, gibt neue Wahrheiten frei, damit sich die Dynamiken neu verteilen. Da schwelen gegenseitige Vorurteile unter der Oberfläche, die LaBute mit der gleichen diebischen Freude aufflammen lässt, wie ein Lausbub, der sich die Kruste vom Knie kratzt, um zum Schrecken der Erwachsenen noch einmal das Blut übers Schienbein laufen zu lassen.
Doch es war nie schwer zu durchschauen, dass Neil LaBute die politisch korrekte Verlogenheit einer oberflächlich liberalen und aufgeklärten Gesellschaft mit der gleichen Konsequenz entlarven möchte, mit der Edward Albee und David Mamet die Umgangsformen des amerikanischen Bürgertums auseinander genommen haben. Was ihm bei all seiner handwerklichen Brillanz fehlt ist jedoch der emotionale Tiefgang. Feigheit kann man ihm dabei nicht vorwerfen. Die Courage mit der er Tabuthemen wie Frauenhass, Ehebruch, Kindermord und die Sexualität von Fettsüchtigen aufgearbeitet hat, hat sonst höchstens noch sein Altersgenosse Todd Solondz. Es ist aber gerade diese Courage, die LaBute aus jener Kurve trägt, in der seine Vorbilder und Kollegen beim Sturm auf die bürgerlichen Fassaden ihre Menschlichkeit und so ihr Publikum davor bewahren, dass der bittere Nachgeschmack zum Selbstzweck wird.
New York 13.04. ' 05 - Dreiecksgeschichten sind nach amerikanischem Verständnis der Stoff aus dem anstrengende französische Autorenfilme gemacht sind, ein Klischee, über das sich Sketche und Komiker seit ungefähr dreißig Jahren lustig machen. Auch George C. Wolfs Inszenierung von Neil LaButes neuem Stück “This Is How It Goes" am Public Theater in New York beginnt wie eine Persiflage auf diese Urform des Beziehungsdramas. Da tritt die namenlose Erzähler- und Hauptfigur ins Bild und beginnt hastig draufloszuplappern. Der Zuschauer weiß ja sowieso von Anfang an, dass das komisch sein muss, schließlich wird die Figur, die im Programmheft schlicht als “Mann" aufgelistet ist von Ben Stiller gespielt, der für das jüngere Kinopublikum der Buster Keaton seiner Generation ist - ein tragikomischer Archetyp, dessen Genialität letztlich in der Redundanz seiner Charaktere liegt.
Die Geschichte handelt von Stillers namenlosen Mann, der nach dem Abbruch einer Anwaltskarriere in die Kleinstadt seiner Kindheit zurückkehrt und dort vor dem Einkaufszentrum scheinbar zufällig Belinda trifft. Belinda ist unglücklich mit Cody verheiratet, der von seinem Vater ein Immobilienimperium und vor allem eine unangreifbare Machtposition am Ort geerbt hat. Die drei kennen sich noch aus der Schule. Stillers “Mann" zieht dann in eine Junggesellenwohnung über der Garage der beiden ein und schon bauen sich all jene zwischenmenschlichen Spannungen auf, mit denen Neil LaBute die Toleranzgrenzen seines Publikums noch mit jedem seiner Filme und Stücke ausgereizt hat.
Es ist Regisseur George C. Wolfe hoch anzurechnen, dass er erst gar nicht versucht hat, dem Stück den pathologischen Naturalismus des New Yorker Theaters aufzuzwingen. Auf einem minimalistischen Bühnenbild, hinter dem Videoprojektionen mit Ausschnitten statischer Amerikanabilder vorsichtig Atmosphäre schaffen, lässt er die Schauspieler dem Text die größtmöglichste Wucht abtrotzen. Dabei überragt Jeffrey Wright seine weitaus berühmteren und erfolgreichen Mitspieler mit einer hintergründigen Wut, die er so raffiniert im Zaum hält, dass er sie bei Bedarf in jede Richtung lospreschen lassen kann.
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