Ropers Mannen, die Neonazis, Rechtsradikalen und Skinheads, haben sich dagegen ordentlich und diszipliniert vor der Deutschen Botschaft aufgebaut, einem mächtigen Komplex an der Reservoir Road im feinen Nordwesten von Washington. Die meisten sind in Anzug und Krawatte gekommen. Gewiss, sie tragen Flaggen mit den Runen der National Alliance, mit dem altenglischen Kreuz der American Friends of the British National Party, Plakate der NPD und selbsgemalte Tafeln auf Englisch und Deutsch. Doch für die wenigen Passanten, die am vergangenen Sonntagnachmittag hier vorbeikommen, sehen sie aus wie respektable Bürger. Ganz im Gegensatz zu den Gegendemonstranten in ihrer schwarzen Streetfighter-Kluft.
Überhaupt schlagen die Rechtsradikalen ganz neue Töne an. Statt dem “Run, Nigger, Run" der frühen 90er Jahre skandieren sie nun Parolen, die man eher von linken Demonstranten erwartet. “Free Speech!" rufen sie, und “Freedom". Deutschland verstoße gegen die Menschenrechte, sagen sie. Dort würden politische Dissidenten verfolgt und für ihre unbequeme Meinung ins Gefängnis geworfen. In Deutschland, das wissen sie, gäbe es so etwas wie den geheiligten ersten Zusatz der amerikanischen Verfassung nicht, der jedem Bürger uneingeschränkte Meinungsfreiheit garantiert. Wenn man in Deutschland den Nationalsozialismus propagiere, den Holocaust bezweifle, Hakenkreuze zeige oder den Hitlergruß verwende, käme man ins Gefängnis. Das aber, so sagt der wuchtige Mann im grauen Anzug, der angibt, als Installateur in Florida zu arbeiten, aber seinen Namen nicht nennen will, das widerspreche den Grundsätzen der Demokratie. Und der Beweis, dass Deutschland kein demokratisches Land ist, sei der Versuch, eine legitime politische Partei wie die NPD zu verbieten.
Im April haben sie schon einmal hier protestiert. Damals waren sogar Kameraden aus Deutschland angereist - Jürgen Distler von der NPD, sowie Jens Pühse und Sascha Roßmüller aus dem Bundesvorstand der Jungen Nationaldemokraten. Diesmal sind zwar keine Deutschen dabei. Dafür gibt es einen aktuellen Anlaß für die Demo. Der deutsche Rechtsradikale Hendrik Möbus sitzt in der Abschiebehaft der amerikanischen Einwanderungsbehörde INS. Deutschland hat schon einen Auslieferungsantrag gestellt, weil er in seiner Heimat wegen Verletzung von Bewährungsauflagen, wegen der Verwendung verfassungsfeindlicher Symbole und der Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener gesucht wird. “Free Hendrik Möbus", rufen sie also zu den feierträglich verwaisten Büros der Botschaft hinauf. Denn Hendrik Möbus personifiziert für die Rechtsradikalen den Märtyrer ihrer White Power Revolution. Ein politisch Verfolgter, der selbst in der Gefangenschaft noch radikale Texte verfaßt, die Kameraden für ihn auf dem Internet veröffentlichen.
Der 25jährige wirkt schmal und zerbrechlich beim Besuch in der Detention Facility der INS nicht weit von der Stadt Buffalo im Norden des Staates New York. Er trägt einen orangefarbenen Häftlingsoverall. Sein Kopf ist kahlgeschoren. Er spricht leise und bedächtig mit starkem Thüringer Akzent. Seit Monaten sitzt er nun schon in der Gefängnisanlage, einem Komplex aus dreistöckigen Baracken, verglasten Wachtürmen und mehreren Reihen Stacheldrahtzäunen. Freiwillig in Einzelhaft, denn gleich nach seiner Einweisung hätten ihn ein paar Mitgefangene unter der Dusche wegen einer Tätowierung als Neonazi identifiziert und ihm Prügel angedroht. Weil in der Auslieferungshaft der INS aber fast ausschließlich illegale Einwanderer aus der Karibik, Afrika und Asien einsitzen, hat sich Möbus als Vertreter der weißen Minderheit seines Lebens nicht mehr sicher gefühlt. Jetzt ist das Leben trist, denn obwohl er freiwillig in der Isolationszelle sitzt, sind die Bedingungen die gleichen - kein Fernsehen, kein Radio, kein Ausgang.
Wie lange er noch sitzen muß, kann er nicht sagen. Er hat Antrag auf politisches Asyl gestellt. Das nimmt jetzt seinen bürokratisch-juristischen Lauf. Sein Anwalt hat ihm gute Chancen eingeräumt. Hendrik Möbus wird in Deutschland für Straftaten gesucht, die in den USA nicht nur erlaubt sind, sondern durch den ersten Verfassungszusatz sogar als Grundrecht gelten.
Seine Biografie liest sich wie die Blaupause für einen Archetyp der ostdeutschen Rechtsradikalen.
Aufgewachsen als Kind protestantischer Eltern im thüringischen Sondershausen wird er in den letzten Jahren der DDR noch Mitglied der jungen Pioniere. Nach dem Mauerfall schließt er sich links-anarchistischen Punks an, gründet dann aber mit seinem Bruder und einem Schulfreund die Black-Metal-Gruppe Absurd. Die Texte kreisen um Satanismus und heidnische Mythen. Nachts treffen sich die Musiker auf dem Friedhof.
1993 gerät die obskure Band bundesweit in die Schlagzeilen. Sebastian Schauseil und Hendrik Möbus erdrosseln den zwei Jahre jüngeren Sandro Beyer. Laut Möbus das radikale Ende einer Dreiecksaffäre und Erpressungsgeschichte.
Für die Zeitungen und Fernsehsender bleiben Schauseil und Möbus allerdings die “Satansmörder". Möbus schüttelt den Kopf “Das war alles ziemlich pubertär und unfundiert. Wir haben ja nicht einmal Bücher über den Satanismus gelesen. Auf dem Friedhof haben wir dann so ein Theater veranstaltet, um die Mädchen zu beeindrucken. Aber das hatten wir alles aus Filmen und dem Fernsehen." Erst im Gefängnis fängt Hendrik Möbus an, sich ernsthaft mit den Mythen des Satanismus auseinanderzusetzen. Er stößt auf die altheidnischen, germanischen und nordischen Mythen, auf Odin, Thor und Thule, entdeckt die Ideologie des Nationalsozialismus.
1998 wird Möbus wegen guter Führung auf Bewährung aus der Jugendhaft entlassen. Er spielt weiter mit Absurd, veranstaltet Konzerte, produziert Musik. Als er sich allerdings in einem Interview über sein Mordopfer Sandro Beyer als Volksschädling lustig macht und bei einem Konzert rechtsradikaler Gruppen auf der Bühne die Rechte zum Hitlergruß ausstreckt, als die Staatsanwaltschaft deswegen anklagt, verfällt seine Bewährung. Anstatt auf seine Verhandlungen und seine Rückkehr ins Gefängnis zu warten, fliegt Möbus nach Seattle.
Er lebt bei Nathan Pett, Mitglied des rechtsheidnischen White Order of Thule, den er über das Internet kennt. Pett möchte mit Möbus eine Black-Metal-Produktionsfirma aufbauen. Doch es kommt zum Streit. Möbus geht nach Virginia. Über Erich Gliebe, den Redakteur des rechtsradikalen Musikmagazins Resistance, nimmt er Kontakt zu William Pierce auf, den Chef der National Alliance.
Pierce gilt als der inzwischen einflußreichste Neonazi der amerikanischen Rechtsradikalen. Mitte der 60er Jahre schloß sich der ehemalige Physiker der American Nazi Party des inzwischen verstorbenen George Lincoln Rockwell an, stieß 1970 zur Youth Alliance von Willis Carto, der sich heute mit
seinem Institute of Historical Review einen Namen als Holocaust-Verleugner gemacht hat, und gründete schließlich in einem Vorort von Washington D.C. die National Alliance NA.
Das Hauptquartier der Organisation befindet sich heute tief in den Appalachian Mountains von West Virginia.
Gut eine Stunde fährt man vom nächstgelegenen Highway durch verarmte Dörfer und Flecken nach Hillsboro. Von dort sind es noch ein paar Meilen, bis zu dem Waldweg, der zu Pierces Anwesen führt. Ein rotes Viehgatter markiert den Eingang. Dahinter sind ein paar Wohnhäuser, eine Lagerhalle aus Wellblech und das zweistöckige Hauptquartier, auf dessen Aluminiumverkleidung das monumentale Symbol der National Alliance prangt - die germanische Lebensrune.
Vor sechs Jahren gelangte Pierce zu zweifelhaftem Ruhm. Sein rassistischer Roman “The Turner Diaries", den er Mitte der 70er Jahre unter dem Pseudonym Andrew McDonald geschrieben hatte, war das Lieblingsbuch des Oklahomabombers Timothy McVeigh. Und das Attentat erinnerte vom Ablauf her stark an ein Kapitel des Buches.
Pierce, ein hagerer Mann, der freundlich hinter dicken Brillengläsern hervorblinzelt und mit seinem Rundrücken und dem strähnigen, grauen Haar die freundliche Großvaterfigur abgibt, macht überhaupt keinen Hehl aus seiner Überzeugung. “Ich bin Nationalsozialist", sagt er in seinem überfüllten Büro. Zwei antike Ausgaben von Hitlers “Mein Kampf" stehen hinter ihm im Regal. Auf dem Schreibtisch liegen Souvernirnadeln des “Tag des Nationalen Widerstandes" in Passau und des rechten “6. Europatages der Jugend" in Landau, zwei Veranstaltungen, zu denen ihn die NPD als Gastredner eingeflogen hatte. Mit der NPD kann er sich am besten identifizieren. “Uns verbindet die gemeinsame Bestimmung", sagt er.
Von der politischen Arbeit hält er sich ansonsten fern. Er produziert eine wöchentlich Radiosendung mit dem Titel American Dissident Voices, für die er Sendezeit bei Stationen im ganzen Land kauft. Und er betreibt den wohl größten internationalen Versand für rechte Literatur und Musik.
In der Lagerhalle versorgt der Vertriebschef, ein tätowierter Skinhead, ein paar Vertreter der National Alliance aus Florida mit Material. Bis zur Decke der Halle reichen die Regalreihen. “Die Protokolle der Weisen von Zion", das Grundlagenwerk des Antisemitismus, liegt dort neben Biografien von Luftwaffenpiloten, den Theorien Darwins und den rechtsradikalen “New World Comix" für die Kinder. Doch den größten Umsatz macht Pierce mit rechtsradikalem Pop.
Vor einigen Jahren hat er das marode Skinhead-Label Resistance Records gekauft und mit Underground-Hits von Bands wie Bound for Glory und No Remorse wieder aufgebaut. Kurz darauf die schwedische Plattenfirma Nordland. Aber er verkauft auch die CDs indizierter deutscher Bands wie Landser und Kraftschlag, rechtsradikale Bands aus Spanien, Portugal, Serbien und England. Fanmaterial wie Naziplakate, modische Hakenkreuzanhänger und Anstecker mit dem Keltenkreuz kann man hier genauso bestellen wie ein Hitler-Mousepad und die NS-Flagge. Pierce sieht den Kampf an der Medienfront als wichtigsten ersten Schritt der arischen Revolution. “Wer die Nachrichten und das Entertainment kontrolliert, kontrolliert auch die Köpfe der Menschen", sagt er. “Und wer hat heute die Medienmacht? Die Juden."
Niemand weiß, wie viele Mitglieder die National Alliance heute hat. Die Zahl spielt auch nur eine untergeordnete Rolle. Mit seinen Radiosendungen, seinem Versandhandel und den Musikproduktionen erreicht Pierce mehr Sympathisanten, als mit einer politischen Organisation. Das Southern Poverty Law Center des Bürgerrechtsanwaltes Morris Dees, das Organisationen wie den Ku Klux Klan, die White Aryan Resistance und die Aryan Nations erfolgreiche mit Zivilprozessen ruiniert hat, gibt zu, dass Pierce zu reich, geschickt und einflußreich ist, als dass sie seine National Alliance schließen können. Und er sei der einzige, der das Potential habe, seine weitreichenden internationalen Verbindungen zu einem wirklichen Netz auszubauen.
Hendrik Möbus sollte ihm dabei helfen, auf dem europäischen Markt zu expandieren. Zwar arbeitet Pierce mit dem rechten Musikproduzenten Jens Pühse zusammen. Doch ein Deutscher in der Zentrale, der nicht nur die rechtsradikale europäische Musikszene kannte, sondern auch Erfahrung damit hatte, die Goths der Black-Metal-Bewegung für die rechtsradikale Sache zu rekrutieren, erschien ihm als perfekter Partner.
Doch die Zielfahnder waren Möbus schon auf der Spur. Wochenlang beobachteten sie das Gelände der National Alliance. Als er mit einem Bekannten in einer nahegelegenen Kleinstadt zum Essen gehen wollte, wurde er von Beamten des US Marshal Service verhaftet.
Pierce erkannte das Potential von Möbus als Märtyrerfigur sofort. Er bezahlt ihm einen Anwalt, richtet die Solidaritätswebseite ein, schickt ihm Geld für Telefongespräche und Briefmarken, veranstaltet die Demonstrationen.
Der Aufmarsch vor der deutschen Botschaft geht dann doch friedlich zu Ende. Die Polizei geleitet die Rechten zu ihrem Bus. Die National Alliance versammelt sich noch zum Kameradschaftsabend auf dem Land. Die AFBNP trifft sich in einem Thai-Lokal in Arlington. Noch wissen sie es nicht, aber während sie marschiert sind, hat die Einwanderungsbehörde Hendrik Möbus in ein Flugzeug nach Deutschland gesetzt. Keine Auslieferung. Das wäre juristisch zu kompliziert gewesen. Eine schlichte Abschiebung. Jetzt sitzt Hendrik Möbus in der Haftanstalt Suhl. Wenn man die ausstehenden Strafen zusammenrechnet, wird er frühestens im Jahr 2006 wieder auf freien Fuß gesetzt werden.
Bis dahin wird er von der White-Power-Bewegung gefeiert werden. Als Verfolgter. Als politischer Gefangener. Als Märtyrer. Und so wird er der Bewegung hinter Gittern nützlicher sein, als draußen. Denn sein Fall legitimiert in den Augen ihrer Anhänger den neuen Anspruch der Rechten, als verfolgte Minderheit im Widerstand gegen die Unterdrückung des liberalen Status Quo zu kämpfen. “Wie lange wird es dauern, bis politisches Denken auch in den USA verfolgt werden wird?", fragt die Hendrik-Möbus-Solidaritätswebseite der National Alliance am nächsten Tag.
Links unten auf der Seite ist ein digitaler Gedenkstein für den letzten Märtyrer der Bewegung angebracht. Für den Oklahomabomber Timothy McVeigh. Dahinter steht ein Text von William Pierce. “Timothy McVeigh war kein Monster", schreibt er dort. “Er war ein Soldat, der nach Prinzipien gehandelt hat. Er befand sich im Krieg gegen eine Regierung, die gegen ihr Volk Krieg führt." Ein paar Zeilen fährt Pierce dann drohend fort: “Es ist schade um die Unschuldigen, die in Oklahoma City gestorben sind. Und es ist schade um all diejenigen, die in den nächsten Jahren noch sterben werden."