Um gleich mal eines klar zu stellen - “Pappelallee" von Naomi ist ein formidables Elektropopalbum, das die Balance zwischen bittersüßen Harmonien und entspannten Rhythmen so perfekt herstellt, wie man es sonst von Elektropopmeistern wie Air oder den Pet Shop Boys gewohnt ist. Zweifler sollten sich Songs wie “Option" anhören, eine Ballade über die unvermeidliche Konsequenz der Entscheidungsunfähigkeit, die von Soulpiano-Akkorden und Synthesizerostinati getragen wird, die Popstreber an den späten Les McCann und den frühen Manuel Göttsching und alle anderen an Airs Musik für Sofia-Coppola-Filme erinnern werden. Oder die respektlosen Eurodiscozitate in “King Kong Is Not Dead".
Wobei man die Vergleiche nicht ganz wörtlich nehmen darf, weil Air genauso hunderprozentig nach Paris klingen, wie die Pet Shop Boys nach London, während Bernd Lechler und Nico Tobias von Naomi Musik produzieren, die beim ersten Hinhören eigentlich gar nicht nach der Stadt Berlin klingt, in der sie leben. Aber dann hört man eben noch ein paar mal hin und irgendwann begreift man, dass diese Platte eben doch nur in Berlin entstehen konnte, auch wenn Naomi etwas ganz anderes meinen, als all die anderen, die so genannten Hauptstadtpop machen. Womit wir schon beim unvermeidlichen Thema wären - Berlin.
Für diese Suche gab es traditionell zwei Wege. Die Introspektion und den Exzeß. Die Introspektion führte meist geradewegs zu den mitteleuropäischen Wurzeln der Stadt, so wie bei den Einstürzenden Neubauten oder Element of Crime. Und genau diese mitteleuropäischen Wurzeln waren es auch, die Leute wie David Bowie, Iggy Pop und Nick Cave nach Berlin zogen. Sie waren an der Leichtigkeit des Seins in Städten wie London, Los Angeles und Sydney gescheitert und suchten nun nach einer Romantik und Schwere, die sie im aufgeregten, bunten Westen so schmerzlich vermißten.
Das schlaflose, rastlose, maßlose Berlin war dagegen schon immer der Fluchtpunkt für alle jene gewesen, die sich nach dem Elternhaus, der Schule, dem Studium oder dem Karriereknick erst einmal von allen Pflichten und Sorgen loslösen mußten, um im Exzeß zu sich selbst zu finden. Dafür eignet sich Berlin noch immer ganz hervorragend, denn welcher Ort ist (vom Regierungsviertel Mitte einmal abgesehen) sonst noch so fern der Normalität und Wirklichkeit wie Berlin? Hier gibt es nichts zu gewinnen, nichts zu verlieren, die perfekte Voraussetzung für das absolute Hier und Jetzt, das im Purismus von DJs wie Westbam und Paul van Dyk genauso stimmig ist wie in der Mischung aus politscher Wut und erotischem Ungestüm der neuen jungen Wilden wie Mia oder Wir Sind Helden.
Was aber all diese Berliner und Wahlberliner verbindet ist ein gehöriges Maß an untergründiger Härte und Depression. Und genau das fehlt der Musik von Naomi. Aus gutem Grund. Wäre das kein so sperriger Widerspruch, dann könnte man Naomis Musik als Nostalgie der Gegenwart beschreiben. Naomi sind auf der Suche nach dem verlorenen Westen, nach jenem Teil der deutschen Seele, der immer noch mit beiden Beinen in der Moderne steht, in einer Welt ohne den dumpfen Antiamerkanismus der Michael-Moore- und den düsteren Romantizismus der Judith-Hermann-Leser, ohne Castorffschen Theaterdonner und ohne die kulturelle Osterweiterung von RTL und Dieter Bohlen. In der Musik von Naomi findet man jenes kluge, entspannte Berlin, das vom Hauptstadt- und Subkulturgetöse übertönt, zufrieden und im Stillen blüht.
Vielleicht ist es aber auch nicht ganz gerecht, eine CD mit so viel Bedeutung zu überfrachten, die ganz einfach alle Voraussetzungen für eine gutes Popalbum erfüllt - die eingangs erwähnten bittersüßen Harmonien und entspannten Rhythmen, Refrains mit hohem Erinnerungswert und einen angenehmen Spannungsbogen.
Eigentlich ist die Stadt doch ganz in Ordnung. In den letzten Jahren hat sie das Maul eben ein wenig zu voll genommen, hat ein bißchen zu viel von der großen deutschen Metropole gefaselt, vom Tor zum Osten und einer goldenen Zukunft. Daran hat letztendlich doch nur Helmut Kohl geglaubt und in Wahrheit ist Berlin tief in seinem Herzen genau jene aufregende Ruinenstadt geblieben, in der sich die Popkulturen seit Jahrzehnten so ungestört auf die Suche nach der deutschen Seele machen konnten, weil es dort auf den Trümmern der Vergangenheit nur eine Gegenwart und nie eine Zukunft gab.
Aber Bernd Lechler und Nico Tobias sind ja auch keine Alteingesessenen, sondern Westdeutsche, die aus dem genau richtigen Grund nach Berlin gegangen sind - nicht wegen der vermeintlichen großen Metropolenzukunft der Stadt, sondern wegen der billigen Mieten. Sie brauchten Raum zum Üben und Komponieren, und der war in ihrer letzten Wahlheimat Hamburg schon viel zu teuer. Diese Dynamik hat schon ganz andere Popzentren groß gemacht. New Yorks East Village, Londons Notting Hill, Los Angeles' Silver Lake. Da gab es keinen Mythos, keinen Gestus, keinen Anspruch, sondern ganz einfach Platz. Und weil Lechler und Tobias zu jener beneidenswerten Sorte Mensch gehören, die leben können, wo sie wollen, können sie sich so unaufgeregt auf Berlin einlassen, wie es bisher nur wenige geschafft haben. Nicolette Krebitz mit ihrem Film “Jeans" vielleicht, Rainald Goetz mit seinen Texten aus dem Nachtleben, Jane Kramer mit ihren Berlinreportagen für den New Yorker, oder die Redaktion des Qvest Magazins mit ihrer angenehm abgeklärten Ästhetik kosmopolitischer Moderne.
Und dann ist da natürlich noch “Rainfall", ein Dub über typisch mitteleuropäischen Wettervorhersagen mit einem Hauch wehmütiger Musette, der einen daran erinnert, dass zwei der wichtigsten Orte Berlins natürlich der Flughafen und der Bahnhof bleiben. Das weiß niemand so gut wie Bernd Lechler, denn es war natürlich auch nicht ganz fair zu verschweigen, dass man den Mann im brasilianischen Dschungel getroffen hat, dass er ganz hervorragend Surfen kann, dass er die Brecher an den Küsten von Westeuropa und Südamerika wahrscheinlich besser kennt, wie die Straßen von Ostberlin. Man könnte “Pappelallee" jetzt auch noch auf die rhythmischen Allegorien des Wellenreitens abklopfen und würde auch da fündig werden. Aber irgendwann muß die Analyse ja aufhören und das Zuhören anfangen. Und zwar genau - jetzt.
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