Downtown

Die Goldenen Jahre des New York Nachtlebens.
© Andrian Kreye



Die zweite Hälfte der 80er Jahre, kurz nach dem Beginn von Ronald Reagans zweiter Amtsperiode, bis zum Mauerfall und Ende des Kalten Krieges, werden als die "Golden Years" des zwanzigsten Jahrhunderts in die Geschichte eingehen. Damals schien der Frieden gesichtert, die Kulturen blühten, Geld war kein Thema und alles hatte seine Ordnung. Die Welt wußte wo der Feind steht, und konnte sich deswegen mit den wesentlichen Dingen des Lebens beschäftigen. In den amerikanischen und westeuropäischen Metropolen war das damals vor allem das Feiern.

Es soll hier nicht darum gehen, daß das alles nur schöner Schein war. Daß der Ost-West-Konflikt mit seinem Gleichgewicht des Schreckens nur die Symptome der unzähligen Kriege und Konflikte ruhigstellte, die im Verborgenen weiterschwelten, daß die Kulturen nur blühten, weil sie mit viel Geld gedüngt wurden, daß dieser Überfluß auf einem kurzen Goldrausch kurzsichtiger Profitstrategien beruhte, und daß der geordneten globalen Verhältnissen das Chaos der sogenannten Neuen Weltordnung folgte. Nein, diese historische Betrachtung der "Golden Years" soll sich mit dem eben genannten Wesentlichen beschäftigen. Mit dem Feiern.

Egal ob in London, Paris, München oder Tokyo, in fast allen Großstädten der wohlhabenden Welt entstand in diesen Jahren eine Elite von Menschen, die scheinbar mit allem gesegnet war, was sich man nur wünschen kann: Klugheit, Schönheit, Reichtum und Witz. Hatte jemand aus dieser Elite von dem einen zu wenig, gab es immer einen anderen, der das ausgleichen konnte. Eine Stadt war damals das Mekka dieser kosmopolitischen Elite. New York. Besser gesagt Downtown Manhattan, jenes Goldene Dreieck zwischen dreiundzwanzigster Straße und dem Battery Park, unten, gleich gegenüber der Freheitsstatue.

Wollte man einen Punkt setzen, an dem diese Goldenen Jahre von Downtown begannen, dann könnte man dazu das Frühjahr 1984 nehmen. Damals hatte gerade der Mudd Club geschlossen, jenes kleine Loch in der White Street, das fortan als Legende und Geburtsort der Downtown-Kultur mystifiziert wurde. Die Helden der Punk-Bewegung hatten sich dort herumgetrieben. Die Rock'n'Roll-Dichterin Pattie Smith, der Pop-Intellektuelle David Byrne, der damals die ersten Erfolge mit seiner Band Talking Heads feierte, begnadete Innovatoren der Rockmusik wie die Ramones, David Johanssen von den New York Dolls. Auch die Berühmtheiten des 70er-Jahre-Pop, die das Nachtleben im Studio 54 zum Kulturereignis veredelt hatten,z ließen sich blicken. David Bowie, Andy Warhol, die Jaggers. Doch der Mudd Club war Underground. Ihm fehlte noch der Glamour, die ausschweifende Extravaganz, die atemberaubenden Erfolgsgeschichten, die die nächsten Jahre prägen sollten.

Ich lernte Wolfgang Wesener im Frühjahr in ebenjenen Räumen kennen, in denen bis vor wenigen Monaten der Mudd Club existiert hatte. Die Künstlerin Michelle Smith hatte die Räume gemietet und zum Wohnloft umgebaut. Es war eine nostalgische Party, und weil Nostalgie genauso wie alle anderen wehleidigen Gefühle damals so gar nicht dem Geist der Zeit entsprach, zog die Partygesellschaft schon recht früh weiter. Ins Area, den Weihetempel des Downtown-Mythos.

Wolfgang Wesener war eine Woche zuvor nach New York gezogen, um sein Glück als Fotograf zu versuchen. Ich schrieb für irgendeines der unzähligen deutschen Stadtmagazine, die damals den Mangel an Journalistenschulplätzen ausglichen. Wir hatten uns beide in die Stadt verliebt. Denn das war nicht nur uns klar - wer dabei sein wollte in dieser Zeit, der mußte nach New York. Das Area war in einem ehemaligen Lagerhaus an der Hudson Street, gleich unterhalb der Canal Street untergebracht, dort wo der Pendlerverkehr aus New Jersey über eine Schleife aus dem Holland Tunnel nach Manhattan einbiegt. Keine schöne Gegend also. Die Goode-Geschwister hatten das Lagerhaus zur Disco umgebaut, Kinder einer wohlhabenden Neuengland-Familie. Eric Goode, der hübsche Mann mit dem rotbackigen Bubengesicht, der heute noch Prominentenlokale betreibt und dafür bekannt ist, ausschließlich mit Topmodels auszugehen. Jennifer Goode, die ätherische Schönheit, die heute mit dem Regisseur und Fotograf Ari Marcopoulos verheiratet und zwei Kinder mit ihm aufzieht.

Joe Dolce, der arrogante Dandy, der jetzt für Conde Nast die damalige Downtown-Postille zur erfolgreichsten Männermodezeitschrift Amerikas gemacht hat, sorgte als Pressechef dafür, daß der Club von den Journalisten behandelt wurde wie ein Rockstar. Oft stand einer der drei selbst auf der ehemaligen Laderampe vor der Türe, um die Menge der Vergnügungshungrigen in die Auserwählten und die Abgewiesenen zu teilen. Türsteher waren damals sehr wichtig in New York. Wie Meisterköche verstanden sie es die Massen, die die wichtigen Clubs bestürmten so auszusieben, daß drinnen genau die richtige Mischung aus Reichtum, Schönheit, Klugheit und Witz den Laden bestimmte. Das war natürlich sehr elitär, war aber Teil des Entertainments. Die Türsteher sorgten dafür, daß in ihre Clubs niemand eingelassen wurde, der nicht zur Stimmung paßte. Strenge Regeln gab es damals: keine weißen Cowboystiefel, kein Eurotrash, wie die reichen Söhnchen und Töchterchen genannt wurden, die in New York Papas Schecks verpraßten, keine Langweiler und keine Wichtigtuer. Wichtig sollten die Gäste schon wirklich sein. Das hatte allerdings nichts mit Reichtum oder Prominenz zu tun.

Nachtclubs in aller Welt begannen damals, mit strengen Türstehern eine Aura von kosmopolitischer Größe zu schaffen, auch wenn sie vielleicht nur provinzielle Tanzlokale waren. Die Münchner Clubs P 1 und Carly M trieben den Türkult in den 80er Jahren zum Beispiel so auf die Spitze, daß selbst Stars wie Telly Savalas und Prince abgewiesen wurden.

Das zeigte auch, wie verschieden die kosmopolitischen Feier-Eliten in Amerika und Europa funktionierten. In Europa setzten sie den verkrusteten Ideologien der Nachkriegszeit eine ebenso strenge Ideologie des Vernügens entgegen. In Amerika nutzten sie die unbegrenzten Möglichkeiten des Reagan-Goldrausches und den Errungenschaften der verschiedenen Emanzipations- und Bürgerrechtsbewegungen, um sich eigene Welten zu schaffen. Die Stars und die New Yorker schmunzelten über solch rührende Versuche der Europäer, Downtown nachzueifern. Denn in New York war die Türpolitik kein Dogma, sondern bewußte Steuerung der Gruppendynamik. Wer an einem Abend abgewiesen wurde, hatte das nächste mal vielleicht gar kein Problem. Wenn er dann die richtige Ausstrahlung hatte.

Die unbegrenzten Möglichkeiten galten in New York für alle. Eine ordinäre Discoschlampe namens Madonna Ciccone konnte zum Megastar aufsteigen. Der schwarze Bildungsbürgersohn Freddie Brathwaite konnte sich als Ghetto-Ikone Fab Five Freddie neu erfinden. Polizeilich gesuchte Vandalen wurden als Graffiti-Künstler mit phantastischen Pseudonymen wie Rammellzee, Futura 2000 in teuren Galerien ausgestellt. Literaturstudenten wie Brett Easton Ellis und Jay McInnerney bekamen für Erstlingswerke sechsstellige Buchverträge. Und alle trafen sich im Area.

Im Inneren teilte sich der Club in drei Bereiche. Links befand sich die Bar. Ein großzügiger Raum mit Aquarien in der Wand, mehreren, durch kurze Treppen verbundene Ebenen, wie in einem römischen Patrizierhaus, Stühlen und Sesseln. Rechts öffnete sich der Gang in die Tanzfläche, ein riesiges Areal, das von den Discjockeys zum Kochen gebracht wurde. Dazwischen befanden sich die Damentoilette und der wohl wichtigste Platz im Club. Die Herrentoilette.

Nicht einfach ein Abort, sondern Zentrum des Vergnügens. So groß wie eine kleine Bar, mit Designerleuchten und Marmor edel dekoriert. Vorne saß der Bathroom Attendant. Der reichte den Gästen Handtücher, hatte auf seinem Waschtisch aber auch Deosprays, Eau de Cologne-Flaschen, Pfeferminzbonbons, Spezialkämme für glattes und krauses Haar, kurz alles, mit dem sich ein durchs Feiern Derangierter wieder in Form bringen konnte. Er hatte aber auch die Funktion eines Spähers. Denn die Herrentoiletten hatten nur periphär die Funktion einer Erleichterungsstätte. In den Kabinen vereinigten sich die sexuell Überhitzten, die zwar sofort vögeln, aber noch nicht nach Hause wollten.

Vor allem aber wurde hier der Treibstoff konsumiert, der Downtown damals auf Hochtouren brachte. Kokain in allen nur erdenklichen Formen. Peruvian Flakes, Colombian Rocks, mexikanische Billigware, kalifornischer Grobschnitt - alles was die Euphorie bis frühmorgens oben hielt. Sollte es ein Zivilbeamter der New Yorker Polizei mit seinem Dienstausweis geschafft haben, die Türkontrolle zu überwinden, warnte der Bathroom Attendant die Gäste seines Bereichs. Dann verwandelte sich die Herrentoilette für ein paar Minuten in einen braven Abort. Weil der Individualismus in den Goldenen Jahren zur höchsten Form der menschlichen Existenz deklariert wurde, konnte das Area natürlich nicht vier Jahre lang als der immer selbe Club existieren.

Jeden Monat wurde umdekoriert. Jeden Monat unter einem neuen Thema. In Schaukästen von gut fünf Quadratmeter Größe wurde dann Kunst ausgestellt und kostümierte Statisten stellten Szenen zum jeweiligen Thema dar. Entlang des Ganges und rund um die Tanzfläche waren diese Schaukästen in die Wände eingelassen. Einmal war es vielleicht das Thema Märchen und Sagen. Dann tummelten sich Hexen, Gnome und Fabelwesen in den Vitrinen, und der Performancekünstler Zette hielt als weiß angemalter Faun im Bar-Raum Hof.

Spektakulärster Themenmonat war mit Sicherheit der Mai 1985. "Art" hieß das Thema. Und alle Stars lieferten ihren Beitrag. Denn nicht die Schauspieler und Rockmusiker waren die Helden von Downtown, sondern die Maler und Künstler. Es war die Zeit in der Julian Schnabel, Francesco Clemente und Jean-Michel Basquiat Millionen für ihre Gemälde bekamen. Der Kunstmonat präsentierte für 30 Tage exklusive Meisterwerke für Millionen. Die nach dem Abbau nichts mehr wert waren. Sie hatten nur im Zusammenhang gegolten. Nichts durfte dauern in den Goldenen Jahren, nur wenig sollte wirklich überdauern. Wenn das Area der Weihetempel war, dann war die Library des Limelight das Heiligtum. Das Limelight selbst war eher eine Touristenattraktion. Eine Discothek in einer ehemaligen Kirche. Wie dekadent, juchzten die Touristen. Genauso hatten sie sich New York vorgestellt.

Die legendäre Library befand sich fernab der tanzenden Menge oben im Dachstuhl. Das wirkliche Heiligtum gleich dahinter. Fünf Türsteher hatte man zu überwinden, wollte man dorthingelangen. Einen an der Türe, einen an der Kasse. Dann mußte man seinen Weg über finstere, verschlungene Treppenhäuser nach oben finden. Da stand der dritte auf einem Treppenabsatz. Dahinter ein Raum, der an einen britischen Lesesalon erinnern sollte. Schwere Sofas standen da, die Wände mit dunklen Holzregalen ausgkeleidet, auf denn antike Bücher standen. Die Musik war gedämpft. Fred Rothbell-Mista, "Host", also Gastgeber und Conferencier des Raumes, begrüßte jeden der Gäste persönlich, ließ sie im Mittelgang stehen oder wies ihnen einen Platz auf den Sofas.

Vor dem hinteren Drittel des Raumes stand der viere Türsteher, denn die hinteren Drittel waren für die wirklichen Stars reserviert. Es konnte allerdings schon passieren, daß Rod Stewart im vorderen Teil sitzen mußte, wenn hinten schon mit den Regulars besetzt war, denen, die immer kamen. Steven Saban war der Mittelpunkt dieser Gruppe. Steven Saban schrieb die Kolumne über das Downtown-Leben in Details. Die Zeitschrift wurde damals auf gelbem Billigpapier gedruckt und bestand vor allem aus Sabans Kolumne, ein paar Restauranttips und hunderten von Anzeigen der Boutiquen, Galerien und Lokale. Wolfgang Wesener wich in diesen Jahren Steven Saban nicht von der Seite. Er hatte ein Technik entwickelt, Prominente in Clubs zu fotografieren, mit der jedes Foto wie ein wirkliches Portrait aussah, kein einziges wie ein Paparazzi-Schuß. Hatte er einen Prominenten erspäht, den er ablichten wollte, wartete er geduldig, oft Stunden, um sein Objekt in einem Moment der Ruhe anzusprechen. Dann genügten ihm auch zehn Sekunden, um das Foto zu machen.

Er hatte sich vor seinen Blitz einen Filter gebaut, der das Licht aufweichte, und hielt den hoch über seinen Kopf. Weil er größer war, als die meisten Prominente, und zudem noch lange Arme hat, konnte er die Portraitierten aus dem Stand so einleuchten, wie in einem Studio. In der hinteren rechten Ecke der Library stand dann der letzte Türsteher vor dem Notausgang. Er sorgte dafür, daß nur wenige Auserwählte in das Treppenhaus durften, in dem die Brandtreppe nach unten führte. Das Treppenhaus war nicht dekoriert. Lagerräume und schmutzige Toiletten fürs Personal waren dort. Und in einem der Lagerräume stand ein runder Holztisch mit ein paar alten Stühlen darum.

Hier zelebrierte Andy seine Koksrituale. Meistens hatte er einen blauen Seidenmantel an, wie der Priester eines vergessenen Kultes. Er schritt dann um den Tisch herum und servierte den lokalen Größen, den Hollyood- und Rockstars seine Gaben auf einem Silberlöffel. Ein letztes Abendmahl vor dem Sonnenaufgang. Meistens war der schon lang vorbei, wenn die Gäste der Library ihre Sonnenbrillen aus den Jackentaschen fischten, und sich in die Taxis retteten.

Wann die Goldenen Jahre zu Ende gingen? Nicht schon mit dem Ende des Area. Es gab ja auch noch andere Clubs, die wichtig waren. Die Paradise Garage, in der der Discjockey Frankie Knuckles die "House Music" erfand, einen minimalistische Tanz-Soul, der später über Chicago die Welt erobern sollte. Das 8 BC im East Village, in dem Kunst und Rock zur Performance Art zusammenschmolzen. Das illegale Save The Robots an der Avenue B, in dem man am Wochenende bis zum frühen Nachmittag trinken, tanzen und koksen konnte. Das Ende kam mit einem Anfang. Das Nell's eröffnete, ein Club im Stil eines altertümlichen Salons, und brach mit der elitären Türpolitik. Jeder zahlte Eintritt, jeder kam rein. In der Eröffnungswoche mußte selbst Andy Warol bezahlen. Und das Palladium öffnete seine Portale, ein fünfstöckiger Hi-Tech-Tanztempel, in dem zweitausend Menschen Platz fanden. Downtown wurde demokratisiert. Nachdem die Elite alle neuen Möglichkeiten ausgeschöpft hatte, sollte das Volk auch teilhaben.

Dieses Jahr wurden die Goldenen Jahre zur Geschichte. Anthony Haden-Guest, Kulturkritiker von Vanity Fair, arbeitet an einem Buch über die Zeit. Wolfgang Weseners Bilder sollen als Bildband veröffentlicht werden. Und der Erfolgsmaler Julian Schnabel hat als Regisseur einen Film über eine der Schlüsselfiguren gedreht. Über Jean-Michel Basquiat. Der Sohn haitianischer Einwanderer verkörperte damals die ungeahnten neuen Möglichkeiten. Vom heimatlosen Downtown-Strolch stieg er innerhalb von wenigen Jahren zum gefeierten Superstar der internationalen Kunstwelt auf. Er wurde zum besten Freund von Andy Warhol. Und zur tragischen Figur. Drogen und Erfolg mischten sich bei ihm zum tödlichen Cocktail 1987 starb er an einer Überdosis Heroin.

Als Julian Schnabel mit seinem Film nach Venedig kam, wurde er wie der Fürst einer vergangenen Epoche behandelt. Er wohnte im Palazzo des Conte Volpi, dem Sohn des Gründers des Filmfests von Venedig. Gianni Versace gab ihm, ebenfalls in einem Palazzo, ein Gala-Diner. Er wurde von der Weltpresse bestürmt und von den Filmstars gehätschelt. Julian Schnabel hat noch einmal bewiesen, daß die Innovatoren der 80er Jahre immer noch alle Möglichkeiten ausschöpfen. Auch wenn er dafür seine Malermillionen von damals investieren mußte. Heute, mehr als ein Jahrzehnt nach den euphorischen Nächten in New York, ist von der Größe des alten Downtown nicht viel geblieben. Zu viele Aids- und Drogen-Tote hat es gegeben in dieser Welt, zu viele ausgebrannte Verlierer, entlarvte Blender, und die Gewinner haben sich längst ins Private zurückgezogen. New York ist auch nicht mehr der Nabel der Welt. Es gibt andere Städte, die sind genauso wichtig geworden. London zum Beispiel, Wien, Berlin, Hongkong, Sidney oder Johannesburg. Und natürlich Venedig. Die Stadt, in der die Goldenen Jahre der aufregendsten Stadt der Welt Geschichte geworden sind.


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