....und jeden Tag wieder muß ich weinen

Die Weihnachtsstimmung tröstet das traumatisierte New York nur oberflächlich.
© Andrian Kreye



Jedes Jahr kurz vor Weihnachten wechselt die Immobilienverwaltung der Helmsley Corporation die Filter an den Scheinwerfern des Empire State Buildings aus und taucht die Gebäudespitze in die Farben Rot und Grün. Bis Neujahr ragt der Turm dann wie ein überdimensionaler Weihnachtsbaum über die Stadt. Das ist hübsch anzusehen, und überhaupt zeigt sich New York in den Weihnachtswochen ganz von seiner lieblichen Seite. Überall funkelt und glitzert es. Lametta, Engel, Weihnachtsmänner, leuchtende Sterne, ganze Bäume sind in Lichterketten gehüllt. Wer New York jetzt besucht und zwar die Bilder vom 11. September gesehen hat, aber nicht die Stadt selbst, der mag sich wundern, dass ihm gar nichts Ungewöhnliches auffällt. Oben am Rockefeller Center ragt über der Eislaufbahn wie jedes Jahr der angeblich größte Weihnachtsbaum der Welt in den Himmel. Eine Aussage, die ungefähr so zuverlässig ist, wie die Neonschilder, die an jeder Pizzabude der Stadt “the world's best Pizza" versprechen. Doch die Norwegische Föhre aus New Jersey ist immerhin 25 Meter hoch und acht Tonnen schwer. Zwei Dutzend Elektriker haben sie mit über acht Kilometer Kabel und 30.000 Glühbirnen geschmückt. Und seit letzter Woche lodert neben der goldenen Prometheus-Statue vor dem Baum auch noch das olympische Feuer, das Bürgermeister Giuliani mit der Fackel entzündet hat, die auf dem Weg von Athen nach Salt Lake City hier vorbeikam.

Zweieinhalb Millionen Menschen versammeln sich jedes Jahr unter dem Baum. Und kaum einer hat dieses Jahr daran gedacht, dass genau hier vor nicht einmal zwei Monaten der erste New Yorker Anthraxfall gemeldet wurde. In der Nachrichtenredaktion des Fernsehsender NBC, die in einem der Art-Deco-Türme des Centers untergebracht ist. Nein, uneingeschränkt “Marvellous", findet die Familie McCurry die Szenerie mit dem Baum, den Lichtern und Statuetten. Jedes Jahr kommen sie mit ihren beiden Kindern aus Wisconsin hierher. Um ihre Weinachtseinkäufe in den prächtigen New Yorker Geschäften zu erledigen, ein Musical anzusehen, in der dunkel getäfelten Oak Bar einen Cocktail zu trinken und dazu ein Roastbeef Sandwich zu essen. Und jedes Jahr wieder besuchen sie F.A.O. Schwartz, das Spielzeuggeschäft, wo in einem Glaskasten der Luxusteddy ausgestellt ist, ein kleiner Bär aus Nerzfell, der über 3000 Dollar kostet. Und dann gehen sie zu Bergdorf & Goodman, zu Saks Fifth Avenue, zu Brooks Brothers und Macy's, wo sie dieses Jahr nicht nur Geld ausgeben, sondern, so hat es der Präsident ja gesagt, ihre Pflicht als Konsumenten und Bürger tun.

Es sind vor allem die amerikanischen Touristen die traditionell um Weihnachten herum kommen. Denn das ist die Zeit, in der der Moloch New York für wenige Wochen den Charme einer Kleinstadt verströmt. Dann hält das Drama der Stadt für einen Moment inne. Dieser unerbittliche Kampf um Erfolg, Macht, Ansehen, unf die permanente Auslese der Schwachen und Zögerlichen, die die Stadt sonst antreiben, scheinen ihr Tempo zu drosseln. Und nur wer genau hinsieht, wird bemerken, dass dieses Jahr ein ganz anderes Drama Spuren hinterlassen hat, das unter dem schlichten Kürzel “Nine Eleven" Einzug in die Sprache gehalten hat.

9-11 - der Stichtag des elften Septembers. Bisher spielten sich die Dramen New Yorks im Inneren der Stadt ab. Wer seinen Kampf auf der Insel kämpfen durfte, schätzte sich glücklich. Wer nicht siegen konnte, der ging eben wieder. Doch 9-11 war ein Drama, das von Außen über New York hereinbrach. New York war Opfer und Schauplatz, statt Nabel der Welt. Beim Buchgroßhändler Barnes & Noble stapeln sich am Eingang die Bildbände: “New York from Above", “A Tribute to New York", “A Quiet Walk in Central Park". Keiner will die hübschen Fotobücher mehr haben. Die wahren Bestseller dieser Weihnachtssaison sind längst ausverkauft. “New York September 11th by Magnum Photographers", “One Nation - America Remembers September 11", “Brotherhood - New York's Firefighters". Es gibt dieses Jahr Weihnachtskarten mit patriotischen Grüßen und Christbaumkugeln mit Flagge. Noch ist nichts vergessen.

Susan Sontag, die Grande Dame der linken Intelletkuellen, erzählt von einem Ritual, das sie nun schon seit Monaten durchhält. “Jeden Morgen hole ich mir die New York Times", sagt sie. “Dann lese ich als Erstes die letzte Seite dieses neuen ’A Nation Challenged'-Teils, in dem alle Geschichten über den Krieg und über Downtown New York zu finden sind. Auf dieser letzten Seite sind jeden Tag kleine Porträts der Opfer. Ganz persönliche Geschichten. Und jeden Tag wieder muß ich weinen."

Nur wenige sprechen so offen über ihre Trauer. Auch nicht über die Angst, die Verwirrung, die Wut. Wenn es dann doch jemand tut, sind die New Yorker dankbar. Der Schauspielerin Reno zum Beispiel, die gastiert zur Zeit im La Mama Theater mit einem Monolog. Kein Einfrauenstück mit wohl ausformuliertem Skript, sondern ein stellvertretender Wutausbruch einer New Yorkerin. Sie bemüht sich nicht einmal um Pointen. Die schreibt die Zeit schon von selbst. “Ich soll jeden Tag einem Polizeibeamten erzählen, wohin ich gehe und was ich dort tue, nur weil ich in der Nähe von Ground Zero lebe?", poltert sie unter dem Gelächter des Publikums.

Dann gibt sie dem Bühnentechniker einen Wink. Ein Tonband läuft an. Celine Dion singt “America the Beautiful". Patriotenkitsch mit großem Orchester und hochemotionaler Dynamik. Dabei steht die kräftige, blonde Reno mit den Fäusten in die Hüfte gestemmt auf der Bühne, ihre Augen füllen sich und als Celine Dion zum dramatischen Halbtonsprung ansetzt, laufen der Schauspielerin die Tränen über die Wangen. Das Band stoppt. “Seht ihr das?", fragt Reno. “Das hat der 11. September mit mir gemacht. Ich hasse diese Regierung und ich bin wirklich kein Patriot. Und dann muß ich ausgerechnet bei diesem Lied weinen?"

“Verdrängungsmechanismen können nur kurzfristig über das Trauma hinweghelfen", sagt die Psychologin in der täglichen Beratungssendung auf dem Lokalfernsehsender New York One. Mag sein, dass der 11. September für den Rest der Welt schon der Vergangenheit angehört. Hier in New York bleibt er auch drei Monate später noch Realität. Sicher, ein paar gute Nachrichten gab es zu Weihnachten. Zum Beispiel, dass die Feuer an Ground Zero seit letztem Mittwoch gelöscht sind. Oder dass eine Untersuchung ergab, dass 99 Prozent aller Menschen, die sich unterhalb der Einschläge in den Türmen befanden, überlebt haben. Aber dann muß man nur wenige Blocks nach Downtown fahren, und die Illusion vom weihnachtlichen New York verfliegt.

Unten an der Canal Street haben die Polizisten und Soldaten neben den Straßensperren eiserne Papierkörbe mit Müll und Holz gefüllt und angezündet, weil es in den letzten Tagen doch bitterkalt geworden ist. Mannshoch lodern die Flammen in der Dunkelheit und im Wind stieben die Funken über das Pflaster. An der Ecke Canal Street und 6. Avenue stehen ein paar Wachhabende im Kreis um ihr Feuer, halten die Hände in die Wärme. Zwei Soldaten bemannen stoisch die Sperre, betrachten jeden, der hier durch will mit gelangweiltem Argwohn. Downtown Manhattan gilt immer noch als offizieller Tatort, steht wegen fortlaufender Spurensuche unter der Obhut der Bundespolizei, die frei darüber bestimmen darf, wer hier durchfährt und wer nicht. Obwohl sie schon lange niemand mehr anhalten. Manch einer bremst trotzdem ab, dankt den fröstelnden Posten: “Fröhliche Weihnachten." - “Frohes Fest." Manchmal auch etwas einfühlsamer: “Have a good Christmas", weil fröhlich und froh ist hier unten dann doch niemand.

Immer noch schimmern die Flutlichter die nachts die Aufräumarbeiten im Krater beleuchten bis Sonnenaufgang. Bagger, Raupen und Laster, tragen Schuttberge ab. Aus den Fassadenresten sprühen Funkenregen, wenn die Stahlarbeiter mit ihren Schweißbrennern die Träger demontieren. Dazwischen schaufeln immer noch die Freiwilligen der Feuerwehr, der Bautrupps, der Polizei. Zehn Leichen sollen sie an Heilig Abend gefunden haben. Die wurden wie immer im Kordon zu Leichenwagen eskortiert, die sie in die Obduktion des Universitätskrankenhauses brachten, jenes hermetisch abgeriegelte Gebäude an der First Avenue, in dem die Pathologen seit drei Monaten Überstunden machen. Die Feuerwehrleute hat es gefreut. Weil dann zehn Familien ein Begräbnis ausrichten können und nicht nur eine Gedenkfeier. Denn nichts ist so schlimm wie die Ungewißheit. “Missing" - da steckt trotz aller Hoffnungslosigkeit doch immer noch ein Quentchen trügerischer Hoffnung darin.

So ganz genau weiß man ja immer noch nicht, wie viele und wer am 11. September in den Trümmern des World Trade Centers umkam. “Unter 3000" lautet die offizielle Schätzung nun. Deswegen ist für die Feuerwehrleute und Bauarbeiter jeder Leichnam ein Geschenk. Denn sie wissen auch - in all den Tonnen Schutt, den die Bagger abtragen und auf die Kipplaster laden, der dann auf der Freshkills-Deponie auf Staten Island noch einmal als Beweismaterial durchsucht wird, und schließlich doch nur als Müll in den Gruben landet, verbergen sich Hunderte jener Vermißten. Für immer verschollen. Lieber ertragen sie einen grausigen Anblick wie vor ein paar Wochen, als sie ein Rückgrat fanden, an dem noch eine Leber hing. Selbst die Ärztin, die das unter strengster Geheimhaltung erzählt, muß schlucken. Leicht ist das alles nicht. Und wenn New York One dann wieder die Bergungsarbeiter nach Feierabend interviewt, sieht man die breitschultrigen Kolosse in Helm und Stiefeln, wie ihnen schon nach der ersten Frage die Unterlippe zittert, wie sie versuchen mit heroischen Phrasen etwas von der Patriotenpflicht und wichtigen Aufgabe zu erzählen, und wie sie dann losheulen wie Kinder.

Nächstes Jahr um diese Zeit wird sich vielleicht etwas geändert haben. Und dann auch wieder nicht. Vor dem Rockefeller Center wird ein “größter Weihnachtsbaum der Welt" stehen und das Empire State Building wird in den Festtagsfarben Rot und Grün erstrahlen. Der 11. September aber wird ein Stück weiter aus dem Bewußtsein in den Lauf der Geschichte gerutscht sein. Gleich nach den Anschlägen hieß es, New York, Amerika und die Welt hätten sich für immer verändert. “Nichts wird sich ändern", sagt Susan Sontag dazu. “Immer wieder heißt es, nichts wird mehr so sein wie zuvor. Schon als Kennedy ermordet wurde haben sie das gesagt. Und dann hat sich die Welt eben doch nicht grundlegend verändert." Nein, New York und Amerika haben diese tiefe Beunruhigung, diese Verunsicherung und Angst schon so oft durchlebt.

Unten in SoHo, in einem Ladengeschäft der Prince Street Nummer 116 hat der Fotograf Gilles Peress mit einigen Freunden eine Ausstellung unter dem Titel “Here Is New York" eingerichtet. Jeder, der ein Foto zum Thema 11. September gemacht hat, kann es dort abgeben und wird so Teil der nun schon fast 4000 Bilder umfassenden Sammlung. Seit Monaten schon drängen sich New Yorker und Touristen in den zwei engen Räumen, betrachten noch einmal die Ikonen jenes Tages, der sie bis heute verfolgt. Die brennenden Türme, die staubverkrusteten Flüchtlinge, weinenden Passanten und heldenhaften Feuerwehrmänner.

In einer Ecke hängt ein Zitat aus jenem Essay, das der Ausstellung ihren Namen gegeben hat. E. B. White hat das 1948 für den New Yorker geschrieben. Und schon damals, als der Kalte Krieg kaum begonnen hatte, erfaßte er jene Stimmung, die so vielen in New York heute so neu erscheint. “Kaum einer spricht über diese subtile Veränderung, die doch alle beschäftigt", schrieb er. “Die Stadt ist das erste Mal in ihrer langen Geschichte zerstörbar. Ein einziger Kurs von Flugzeugen, nicht größer als ein keilförmiger Schwarm Gänse, kann den Traum dieser Insel ganz rasch beenden, kann ihre Türme verbrennen, ihre Brücken einstürzen lassen, kann die unterirdischen Wege in Todeskammern verwandeln, in denen Millionen eingeäschert werden. Die Bedrohung der Sterblichkeit ist nun Teil von New York: im Lärmen der Jets über den Köpfen und in den schwarzen Schlagzeilen der letzten Zeitung."

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