Umhüllt vom Staub der Toten

New York versucht sich mit der Rolle als Frontstadt eines neuartigen Krieges abzufinden.
© Andrian Kreye



Um kurz nach halb vier steht der Welthandel für einen Moment lang still. Breitbeinig marschieren fünfzehn Polizisten in schweren Stiefeln über das hell gebeizte Parkett der New Yorker Börse. Einige von ihnen tragen noch immer die Gasmasken um den Hals, mit denen sie sich draußen bei den Aufräumungsarbeiten vor den giftigen Dämpfen und Staubwolken schützen. Marschieren geradewegs zur marmornen Kanzel, auf der sonst den Reichen, Berühmten und Mächtigen die Ehre zuteil wird, die Eröffnungs- oder Schlußglocke zu schlagen. Seit dem 11. September sind es nun die neuen Helden Amerikas, die Feuerwehrleute, Sanitäter und Cops, die hier symbolisch jene Stunden an- und abschlagen, in denen auf den paar hundert Quadratmetern des Trading Floors tagtäglich das Schicksal der Weltwirtschaft entschieden wird.

Normalerweise ist das Glockenschlagen ein kurzes, kaum beachtetes Zeremoniell. In diesen Tagen aber unterbrechen die Trader und Broker mitten in der Hektik der letzten Handelsminuten ihre Arbeit, bilden ein Spalier für die Ehrengäste, applaudieren, rufen “Bravo. Das war gestern schon so, vorgestern, und morgen wird es wieder so sein. Dann schlägt also die Glocke, der Handelstag geht zu Ende. Polizisten und Händler versammeln sich unter der Kanzel zum Gruppenbild, klatschen sich gegenseitig zu.

Seit dem 11. September, da sind sich alle einig, stehen sie als New Yorker gemeinsam an der vordersten Front eines neuartigen Krieges. Eines Krieges ohne Soldaten und Gewehre, ohne territoriale Ansprüche oder strategische Überlegungen. Die Anschläge waren ein Angriff auf die Gesellschaft des Westens an sich. Und deswegen bekommt plötzlich jede Alltagsgeste eine neue Bedeutung. Jede Transaktion an der Börse, jeder Stein, den sie am World Trade Center wegräumen, ist der Beweis dafür, dass sich New York, Amerika und die westliche Welt nicht unterkriegen lassen. Sogar Einkaufen gilt jetzt offiziell als patriotischer Akt, denn der American Way of Life muß verteidigt werden, und der beruht auf der freien Marktwirtschaft.

Sicher, die Generäle und Admiräle werden schon bald einen konventionellen Krieg führen. Mit Schiffen, Flugzeugen und Truppen. Doch zunächst sind die Konsumenten das Fußvolk, und dass sie hier an der Wall Street die Speerspitze bilden, beweist ja nicht zuletzt George W. Bushs erster Gegenschlag. Keine Bomber hat er am letzten Montag losgeschickt, sondern Buchhalter und Finanzspezialisten, die zunächst einmal die Vermögen potentieller Terroristen einfroren.

Niemand wagt allerdings, das Wort auch auszusprechen. Vom Krieg reden sie in Washington, in Europa, im Rest der Welt. In New York spricht man vom Anschlag, von der Tragödie, der Katastrophe, “den Ereignissen". Allen voran Bürgermeister Rudolph Giuliani, der sich bis heute weigert, die Anschläge als Kriegshandlung zu definieren. Zu allgegenwärtig sind die Folgen in New York, zu viel ist noch aufzuarbeiten, um an Rachefeldzüge zu denken. Auch wenn der 11. September nördlich der 14. Straße rasch etwas Surreales bekam und sich das Leben dort schon nach dem zweiten Tag normalisierte. Doch man muß nur mit der U-Bahn bis zur Canal Street fahren und zehn Blocks nach Süden laufen, um sich das Ausmaß noch einmal vor Augen zu führen. Man sollte das sogar, denn kein Fernseh-, kein Zeitungsbild kann wirklich vermitteln, was für eine Zerstörung der Anschlag angerichtet hat.

Nicht weit von der Börse, an der Ecke Liberty Street und Broadway kommt man bis auf einen Block an das ehemalige World Trade Center heran. Wenn es dunkel ist, wenn die riesigen Scheinwerferkräne, die sich die Stadt von den Filmstudios ausgeborgt hat die Aufräumarbeiten in Ground Zero in gleißendes Tageslicht tauchen, fühlt man sich plötzlich wie unter Wasser. Die Überreste der Fassade des einstigen Südturms zeichnen sich wie überdimensionale Korallen gegen den schwarzblauen Himmel ab. Drumherum schlingen sich die Trümmer um die schmalen, weißen Zacken. Rauchschwaden und Dampfwolken ziehen träge durch die Luft. Zu Tausenden kommen sie hierher, um noch einmal selbst einmal einen Blick auf diese Zacken zu werfen, bewegen sich wie in Zeitlupe, taub vor Schmerz, die meisten stumm. Ein vierschrötiger Mann mit dichtem, blonden Bart und schweren Arbeiterstiefeln steigt auf eines der Podeste, die Fotografen an der Absperrung errichtet haben. Kein Wort sagt er, bis sich seine Augen ganz langsam mit Wasser füllen. “25 Freunde von mir liegen dort", murmelt er, wie zur Entschuldigung. “ Wir sind Packer. Fast jeden Tag haben wir dort gearbeitet. Umzüge und so." Dann schweigt er wieder.

Überall begegnet einem in New York diese Trauer. Immer noch ist die ganze Stadt übersät von den selbstkopierten Vermißtenanzeigen. Vor den Feuerwachen stehen Blumensträuße, darüber Dankeskarten und selbstgemalte Bilder von Kindern. An allen möglichen Ecken stößt man auf improvisierte Altare und Gedenkstätten. Da steht vor dem Revier der U-Bahnpolizei im Untergeschoß am Union Square ein Klapptisch voller Blumen und Kerzen. Zwei Polizisten machen sich daran zu schaffen. Ganz still. Der eine ordnet einen Blumenstrauß. Der andere zündet zwei erloschene Kerzen an. Auf einer Papptafel steht: “Wir gedenken Ray Suarez und Mark Ellis". Darunter ein Foto von zwei Polizisten, die einen Verletzten über das Trümmermeer von Downtown tragen, und der Vermerk: “Officer Ray Suarez wurde am 11. September um 9:00 Uhr zum letzten Mal am World Trade Center Nummer 1 gesehen. Er kehrte in das Gebäude zurück, um Verwundete zu bergen. Seither wird er vermißt."

Vermißt. In dem Wort liegt immer noch Hoffnung. Dabei haben sie unten bei Ground Zero noch nicht einmal Leichen gefunden. “Wir wissen, wo die Vermißten sind", hat ein Feuerwehrmann gesagt. “Auf unseren Schaufeln, an den Sohlen unserer Stiefel, in den Filtern unserer Atmemmasken." In den Trümmern der Türme haben sich die Menschen zu Staub aufgelöst. Bei vielen ist nicht einmal die DNS übriggeblieben, jene molekularen Zellstränge, mit deren Hilfe nun die Leichenteile identifiziert werden sollen. Zu heiß ist es gewesen in der Feuersbrunst des 11. September, die nicht nur den Stahl des World Trade Centers, sondern auch die kleinstmögliche Form irdischen Lebens ausgelöscht hat. Die Helfer verzweifeln daran. An der Straßensperre Hudson Street, durch die sie in ihren Schlammverschmierten Timberlands zur Pause stiefeln, kann man die Hoffnungslosigkeit in ihren Augen sehen. Sie wissen, dass die unzähligen Lastwagen, die Tag und Nacht den dampfenden Schutt über den Belt Parkway und die Verazzano-Narrows Bridge nach Staten Island bringen, nicht nur die Überreste aus Stahl, Beton und Glas transportieren. Sie sind so verzweifelt, wie die Notärztin vom St. Luke's Hospital, die sich an den 11. September erinnert: “Innerhalb von einer halben Stunde war unsere gesamte Belegschaft versammelt. Wir hatten alles vorbereitet. Operationssäle, Bettenlager, Medikamente. Aber es ist niemand gekommen. Es gab keine Verletzten."

Wieviele Menschen wirklich in den Türmen gestorben sind, wird sich nie feststellen lassen. Nicht in einer Stadt wie New York, in der so viele Menschen ohne Wurzeln leben. Einzelgänger, Einsame, Singles und Illegale, die buchstäblich spurlos verschwinden können.

Françoise, Französin und Dolmetscherin für das amerikanische Außenministerium, hat ihren Job auf Eis gelegt und die letzten Wochen im Family Center am Pier 92 für Angehörige und Überlebende übersetzt. Dorthin kommen immer noch die Menschen voller Hoffnung, Verwandte oder Freunde zu finden. Françoise kümmert sich gerade um ein Mädchen aus Marokko. Um die 20 ist sie, auf der Suche nach ihrer Schwester, die wahrscheinlich bei Cantor Fitzgerald gearbeitet hat, jener Finanzfirma, die im 105. Stock des Nordturmes untergebracht war, und von deren 700 New Yorker Mitarbeitern nur wenige überlebten.

Ganz genau weiß das Mädchen das auch nicht. Vor zwei Monaten war sie nach New York gekommen, um ihre ältere Schwester zu besuchen. Die hatte sich einen Job bei einer der Temp Agencies besorgt, den Zeitarbeitsagenturen, die von der Sekretärin bis zum Computerprogrammierer kurzfristige Fachkräfte vermitteln. Sie ließ es sich gut gehen, jobbte, feierte im New Yorker Nachtleben. Hatte jedenfalls keine Lust, sich um ihre kleine Schwester zu kümmern. Die ging nach Maryland, zu Bekannten, verdingte sich als Zahnarzthelferin. Drei Tage lang war sie durch die Krankenhäuser unterwegs. Hatte nicht geschlafen, nicht gegessen. Als sie in Ohnmacht fiel, nahm sie ein Ehepaar bei sich auf, zwang sie zum Family Center zu gehen, obwohl das Mädchen Angst hat, sich oder ihre Schwester Schwierigkeiten mit der Einwanderungsbehörde zu machen.

Die ersten Nachforschungen ergeben nichts. Cantor Fitzgerald sucht nach seinen Mitarbeitern anhand der Gehaltslisten, die auch die Telefonnummern und Adressen verzeichnen. Die meisten Temp Agencies führen solche Listen nicht, weil sie Illegale beschäftigen. Das Mädchen weiß nicht einmal, bei welcher Agentur ihre Schwester arbeitete. Telefon hatte sie auch keines, nur ein Handy, dessen Rechnung auf den Manager eines italienischen Lokals im East Village läuft. Wahrscheinlich ein Liebhaber. Aber nicht aufzutreiben. Nach vier Tagen schickt Françoise das Mädchen erst einmal zu ihren Gastgebern. Sie soll sich ausschlafen. Die Chancen stehen schlecht, dass sie ihre Schwester jemals finden wird. Aber aufgeben will sie auf keinen Fall.

Hunderte solcher Fälle gibt es, vielleicht sogar Tausende, denn alle großen Firmen in Manhattan arbeiten mit Subunternehmern und Agenturen. Dazu kommen die Hausmeister, Putzkolonnen, Elektriker, all jene, die die Infrastruktur der beiden Türme am Laufen hielten, in denen immerhin so viele Menschen beschäftigt waren, wie in einer durchschnittlichen Kleinstadt leben. Den Anteil der illegalen Einwanderer, die sich in der New Yorker Serviceindustrie mit ihren Niedriglöhnen verdingen kann man nur schätzen.

“Das ist nur eine Geschichte", sagt Françoise. Eine Geschichte, die sie in den letzten Tagen an den Rand der Erschöpfung gebracht hat. Und doch nur eine von Tausenden. Die Halle des Family Centers gleicht einem Marktplatz der Nothilfe. Hilfsorganisationen, Behörden und Botschaften haben Stände errichtet, versuchen zu helfen. Es gibt Adressen für Notunterkünfte, Hotels bieten Firmen an, sich zu Niedrigstpreisen zeitweise bei ihnen niederzulassen. Seelsorger bieten Beistand an. Für die Überlebenden. Vor allem aber für die Angehörigen.

New York muß sich an diese neue Rolle noch gewöhnen. Die Betreuer der Nothilfeorganisationen, die Emergency-Einheiten, die Arbeiter mit ihren Gasmasken, die patroullierenden Soldaten der National Guard, die Straßensperren des FBI - solche Bilder kannte man sonst nur aus der Dritten Welt, höchstens noch aus den Katastrophengebieten des amerikanischen Hinterlandes. Seit den Anschlägen riecht es in New York sogar wie in den Entwicklungsländern - eine Mischung aus verkohltem Plastik, Benzin und feuchter Erde. Als Frontstadt ist die Metropole nun plötzlich nicht mehr der Global Player, der Nabel der Welt, der Hochburg von Glamour und Größe, sondern Opfer und Zielscheibe, hilfsbedürftig und verwundbar.

Eines ist vor allem neu: die Angst. Verunsicherung kannte die Stadt vielleicht, Skepsis, Sorge. Aber panische Angst vor dem Alltag, die einem den kalten Schweiß auf die Stirn treibt? Bei der einem ein lautes Geräusch wie ein Stromstoß durch den Magen fährt? Und sie wird geschürt. Jeden Tag aufs Neue. Wie in einer belagerten Stadt kursieren die Gerüchte. Vor allem vor dem militärischen Gegenschlag der US Army fürchten sich die New Yorker. Dann nämlich, so glauben viele, schlagen die Terroristen ein zweites Mal zu.

Wo wird es passieren? An der Penn oder der Grand Central Station? Am Empire State Building oder im Gebäude der Vereinten Nationen, die für Touristen inzwischen gesperrt sind? Wird es noch schlimmer kommen? Ein chemischer oder biologischer Angriff auf ein Kino, eine U-Bahn, die Börse? Eine Mini-Atombombe im Zentrum oder ein gesprengtes Kernkraftwerk? Hunderttausende dahingerafft vom Gas, von Bakterien, Viren, Strahlen? Es nutzt nichts, dass Experten im Fernsehen und in den Zeitungen plausibel erklären, warum ABC-Angriffe durch Terroristen eher unwahrscheinlich sind, und selbst im Falle einer Milzbrandattacke die Zahl der Toten niemals so hoch sein könnte, wie beim Anschlag auf das World Trade Center. In den Army Navy Stores sind Gasmasken ausverkauft. Im East Village, wo sich die Szene sonst mit Koks und Ecstasy versorgt, gibt es schon einen Schwarzmarkt für Medikamente gegen Milzbrand. Die ersten Familien verlassen die Stadt.

Eine ganz normale Reaktion. Die Verhaltenspsychologin vom Pier 92 sagt, dass Trauerarbeit und Schock nah beieinander liegen. Demnach folgt auf die Trauer die Angst. Dann die Wut. Das kann dauern. Fast schon beruhigend, dass sich die ersten Ausbrüche schon artikulieren. Don Imus, der Talk-Radio-Moderator, der jeden Nachmittag auf WNEW Anrufer beschimpft, die Welt verflucht und gerne rechtspopulistische Vorurteile propagiert, poltert stellvertretend für die Stadt. “Was? Die Franzosen überlegen sich, ob sie mit uns in den Krieg ziehen?", bellt er ins Mikrofon. “Diese Weicheier. Sollen sich lieber mal duschen. Ich schlage vor, dass wir denen in der ersten Angriffswelle lasergesteuerte Deoroller unter die Achseln donnern." Dann verliest er einen Aufruf: “In der letzten Bar in Ground Zero geht das Bier aus. Schickt Bier da runter!" Und weil er schon beim Thema ist, schlägt er vor, Afghanistan mit Bierfässern zu bombardieren. “Das wird den Moslems da endlich mal ordentliche Angst einjagen." Einen Anrufer, der sich über solch derbe Worte in so schweren Zeiten beschwert putzt er runter, bis dem hörbar die Tränen kommen.

In diesen Tagen macht einem Don Imus' Zorn fast schon Mut. Denn diese Freundlichkeit, diese Vorsicht und Höflichkeit mit der die New Yorker zur Zeit miteinander umgehen ist ein Ausnahmezustand. Die ruppigen Umgangsformen und mit derben Flüchen gespickte Umgangssprache gehören zu New York wie der Grant zu München. Man freut sich über jeden Taxifahrer, der einem den Weg abschneidet, über jedes herzhafte “Fuck You!", das man auf der Strasse hört, denn das ist der Normalzustand. Selbst Giuliani vermißt die Pöbeleien seiner Bürger. “Ich bekomme viel zu viel Applaus", sagt er bei seinem Auftritt in der David Letterman Show. “Ich warte sehnsüchtig auf den Moment, an dem sie mich bei meinen öffentlichen Auftritten wieder ausbuhen. Dann hat sich New York endlich erholt."

Viel schlimmer ist die blinde Wut, die an einigen wenigen Ecken aufblitzt. In Queens haben Jugendliche indische Sikhs verprügelt, weil die Turbane tragen wie Bin Ladn. In der Bronx wurde nicht weit vom Krankenhaus ein Araber niedergeschossen. Die Einwanderer spüren diese Gefahr. Die Taxifahrer, zu zwei Dritteln aus dem indischen Subkontinent, haben ihre Wagen allesamt mit amerikanische Flaggen beklebt. Viele treten erst gar nicht zum Dienst an. In Chinatown gibt es kein einziges Lokal, kein Geschäft, kein Hauseingang, an dem nicht ein Star Spangled Banner angebracht wäre. Als Schutzschild gegen den Fremdenhaß. Ganz egal, dass es nur Einzelfälle sind. Die Neuankömmlinge spüren - Amerika zieht in den Krieg. Gegen Menschen, die anders aussehen, leben und glauben als die Amerikaner. So wie eben die Einwanderer auch. Besser erst den Kopf einziehen, als ins Fadenkreuz des Volkszorns zu geraten.

Dabei richtet sich die wahre Wut der New Yorker eher gegen all jene, die ihre Tragödie nun für ihre fremdenfeindlichen Ressentiments oder geopolitische Interessen ausnutzen könnten. “Unsere Trauer ist kein Kriegsruf!", steht auf dem Plakat, das ein junges Mädchen zum Union Square gebracht hat. “Wir haben den Horror der Aggression gesehen - genug!", auf der Papptafel einer Frau in gestreiftem T-Shirt. Aktivistengruppen von der Mannschaft des sozialistischen Revolution Bookstore über die Socialist Worker's Party bis zu den neuen Organisationen der Seattle-Generation haben zu einem spontanen Friedensmarsch aufgerufen. Das International Action Center des ehemaligen obersten US-Staatsanwaltes und Menschenrechtsaktivisten Ramsey Clark will die breitgefächterte Aktivistenszene bündeln und hat die Koalition International A.N.S.W.E.R. (Act Now to Stop War and End Racism) ins Leben gerufen. Der erste Marsch ist spontan und nicht genehmigt. Gegen sechs Uhr abends treffen sich rund fünftausend Demonstranten am Union Square. Um sieben marschieren sie los nach Norden. Ihr Ziel - das Rekrutierungsbüro der U.S. Army auf dem Times Square, rund drei Meilen entfernt.

Eigentlich ist es zu früh für eine Demonstration gegen den Krieg, denn der hat noch gar nicht begonnen. Sheila, eine 22jährige Studentin der Columbia University ist da anderer Meinung. “Die Stimmung ist schon am Kippen", sagt sie. “Da können sie im Yankee Stadium noch so viele Mullahs und Rabbis zur Gedenkfeier einladen. In den Köpfen der Amerikaner brennt sich jetzt ein neues Feindbild ein."

Und so marschieren sie ordentlich und diszipliniert die Park Avenue hinauf. Die Polizei läßt sich noch nicht blicken. Junge Männer und Frauen mit Walkie Talkies achten darauf, dass die Demonstranten auf Linie bleiben. Helfer riegeln die Nebenstraßen mit Menschenketten ab.

An der Ecke 22. Straße kommt es kurz zu Spannungen. Eine Dame im weißen Cabrio versucht sich hupend einen Weg durch die Marschierenden zu bahnen. Die Demonstrationsordner schreien, sie solle niemanden über den Haufen fahren, die Cabriofahrerin brüllt zurück. “Keine Ahnung habt ihr! Verpißt euch!", und setzt ihren Wagen noch ein Stück weiter in die Menge. Die Flüche fliegen hin und her. Tränen der Wut stehen in ihren Augen “Ich habe meinen Bruder da unten verloren! Ihr wißt doch gar nicht, wie sich das anfühlt." Die Demonstrationsordner stocken betreten. Dann räumen sie ihr den Weg frei. An zwei weiteren Ecken kommt es zu Schreiereien zwischen den Demonstranten und Patrioten, die kein Verständnis für Pazifismus haben. Ein Zivilpolizist springt sogar aus dem Wagen, geht auf eine der Ordnerinnen los, will sie verprügeln. Doch da ist dann schon der erste Streifenwagen zur Stelle. Die Beamten ringen ihren Kollegen nieder, setzen ihn in ihren Fond.

Kurz vor dem Times Square geht es nicht weiter. Die Einsatzpolizei hat dort schon gewartet und Barrikaden errichtet. Das ginge dann doch zu weit, dass Friedensdemonstranten das New Yorker Wahrzeichen lahmlegen, während rein rechtlich noch der Ausnahmezustand gilt. Bis zum Broadway schwappt der Marsch noch. Dann ist Schluß. Zwei-, dreihundert schlagen sich noch bis zum Kiosk der US Army durch, werden sofort eingekesselt. Sie sind trotzdem zufrieden. CNN war da, ABC, NBC, CBS. Wenigstens haben sie der Nation und der Welt gezeigt, dass New York keinen Krieg will.

Am nächsten Tag versammeln sich ein paar der Organisatoren wieder im Revolution Book Store. Keiner mag heute Bücher verkaufen. Joan, die Ladenbesitzerin mit dem mädchenhaften Gesicht und den grauen Haaren, kniet über einem Plakat, das sie mit Filzstiften beschreibt. Zwei junge, bärtige Männer wuchten Kisten mit Flugblättern umher. Vielleicht wird heute, wieder marschiert. Oder morgen. Ganz sicher soll später am Nachmittag eine Versammlung stattfinden. Denn auch wenn die Weltbank und der Internationale Währungsfond ihre Konferenz in Washington nächstes Wochenende abgesagt haben, die Protestler aus New York werden trotzdem kommen. Und sie werden sich nicht auf Höflichkeiten beschränken.


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