VORBEREITUNG DER APOKALYPSE

Eine Broschüre für Zivilschutz
rät New Yorkern sich auf Katastrophen
von biblischem Ausmaß vorzubereiten.

© Andrian Kreye

Was tun, wenn's brennt? Das New Yorker Amt für Katastrophenschutz hat in den letzten Wochen eine halbe Million Broschüren der Aktion “Ready New York" verteilt, in denen es den Bürgern in kurzen Kapiteln erläutert, auf welche Eventualitäten sie sich vorbereiten sollten. Wer nun seine Terrorangst nach den Anschlägen des 11. Septembers überwunden hatte und trotz der anhaltenden Alarmstufe Code Orange friedlich seinen Alltagsgeschäften nachgehen wollte, der wird auf den 16 Seiten des freundlich gestalteten Heftchens eines Besseren belehrt. Denn die Reiter der Apokalypse haben ihre Truppenstärke vor den Toren New Yorks offensichtlich zu einem ganzen Regiment aufgestockt.

Gleich zu Beginn kann man sich einen Überblick verschaffen, welche Art Gefahren drohen. Dazu gehören unter anderem Erdbeben, Stürme, Buschfeuer, Atomschläge, Seuchen, chemische Angriffe, Stromausfall und schlechtes Wetter. Die Gegenmaßnahmen sind glücklicherweise denkbar simpel. Bei Erdbeben, Atomschlägen und einstürzenden Gebäuden empfiehlt das Amt, Schutz unter einem Tisch zu suchen.

Wer unter Trümmern eingeklemmt wird, sollte sich mit einer Trillerpfeife bemerkbar machen. Befindet man sich im Falle einer radioaktiven Verseuchung im Freien, hilft es, ein Gebäude aufzusuchen, es sei denn die Quelle der Radioaktivität befindet sich in einem Gebäude, dann sollte man dieses umgehend verlassen. Weiters sollte man sich bei Kältewellen warm anziehen, bei Hitze pralle Sonne vermeiden und bei Gewitter nicht unter Bäumen stehen. Außerdem empfiehlt es sich, allzeit ein Fluchtköfferchen mit wichtigen Dokumenten, Medizin und einem Notradio gepackt zu haben.

Insgesamt 20 Behörden und Organisationen haben an der Broschüre mitgearbeitet. Die meisten New Yorker reagierten auf allerdings mit Hohn und Spöttelei. Viele erinnern die gut gemeinten Ratschläge an die “Duck and Cover"-Programme aus den 50er Jahren, als die amerikanische Regierung ihren Bürgern empfahl, im Falle eines Atomangriffes die Aktentasche über den Kopf zu stülpen, und als Schulkinder regelmäßig üben mußten aus Kommando unter der Schulbank abzutauchen. In der jüngeren Vergangenheit machte sich das Amt für Heimatschutz mit einem ähnlichen Programm der eigenverantwortlichen Katastrophenhilfe zum weltweiten Gespött. Jeder Amerikaner sollte sich mit ausreichend Plastiktüten und Klebeband versorgen, um im Falle eines ABC-Angriffes Türen und Fenster abzudichten.

Der Soziologieprofessor an der University of California Barry Glassner sah die Maßnahme damals als exemplarisches Beispiel für die Hilflosigkeit der Regierung. “So etwas nutzt in erster Linie der Klebebandindustrie", sagte Glassner. “Aber weder die Politik, noch die Medien diskutieren die Tatsache, dass sich die Bevölkerung gegen diese Art von Terrorismus überhaupt nicht selbst schützen kann. Gegen solcherlei Angriffe können uns ausschließlich die Polizei, das Militär und ein funktionierendes Gesundheitssystem schützen. Mit solchen Aufrufen lenkt man nur davon ab, dass das unzulängliche Gesundheitssystem der USA von einem Ausnahmezustand wie nach einem relativ unwahrscheinlichen Terroranschlag, oder einer viel wahrscheinlicheren Naturkatastrophe vollkommen überfordert wäre."

Denn so ganz unberechtigt ist die Sorge der zuständigen Stellen nicht. Die komplexe Struktur eines so dichtbesiedelten Gebietes wie die Metropole New York, zu der Vororte in drei verschiedenen Bundesstaaten zählen, funktioniert im Katastrophenfall wie ein Verstärker. Selbst vergleichsweise harmlose Unregelmäßigkeiten wie Streiks der Müllabfuhr, der U-Bahn oder Telefonsgesellschaft führten rasch zum Chaos. Als die Polizei neulich während des morgendlichen Berufsverkehrs die Williamsburg Bridge sperrte, um ein paar trunkene Lausbuben vom , reagierte die Wall Street gleich mit Kurssturz und Goldhausse. Und was bleibt der amerikanischen Regierung anderes übrig, als sich auf das Schlimmste vorzubereiten? Sie selbst hat den Kriege gegen den Terror erklärt. In der westlichen Welt gilt New York selbst unter Skeptikern als wahrscheinlichstes Ziel eines Terroangriffes. Dabei läßt sich ein Anschlag genauso wenig vorhersagen, wie ein Erdbeben.

Im Idealfall müßte die amerikanische Regierung jedem Bürger einen Bunkerplatz und einen Termin bei einem Team von Katastrophenärzten zur Verfügung stellen. In einem Stadtgebiet wie New York, das während eines Arbeitstages von bis zu 20 Millionen Menschen bevölkert wird, ein illusorisches Vorhaben. Dazu kommt, dass die angespannte Wirtschaftslage der Stadt die Situation nur noch verschärft. Bürgermeister Bloomberg ist gezwungen, in den nächsten Monaten acht Feuerwachen und ein rundes Dutzend städtische Kliniken zu schließen.

Einer der strengsten Kritiker der aktuellen Heimatschutzprogramme ist der Senator und potentielle Präsidentschaftskandidat der Demokraten John Kerry. Der forderte kürzlich bei einer Wahlveranstaltung in der Bronx, landesweit mindestens 100.000 zusätzliche Feuerwehrleute und 100.000 Polizisten anzuheuern, und polterte: “Wir sollten keine Feuerwachen in Bagdad aufmachen, während wir sie in New York City schließen."

Eine ganz andere Gefahr hat New York Senatorin Hillary Clinton im Visier. Diese Woche legte die Federal Emergency Agency dem New Yorker Gouverneur George Pataki ihre Katastrophenpläne für das Atomkraftwerk Indian Point vor. Das steht lediglich 35 Meilen nördlich des Times Square. Man “könne durchaus annehmen" dass die rund 300.000 Bewohner der unmittelbaren Gefahren Zone in einem 10-Meilenradius “angemessen geschützt" werden könnten. Der Fall, dass ein Nordwind radioaktive Wolken nach Manhattan treiben könnte, wurde nicht weiter erwähnt. Für die Senatorin ein viel zu schwacher Trost nach den monatelangen Debatten mit Lokalpolitikern und Atomkraftgegnern, die eine Schließung der Anlage fordern.

Wer nun angesichts der komplexen Gefahrenlage in New York unter emotionalen Stresszuständen leidet, findet auch dafür Rat in der “Ready New York"-Broschüre. Man solle seinen Gefühlen im Gespräch mit Freunden, Verwandten und Nachbarn freien Lauf lassen, steht da geschrieben. Außerdem wird empfohlen Sport zu treiben und regelmäßig früh schlafen gehen. Wer das nun zynisch findet, der hat das Prinzip der Eigenverantwortlichkeit nicht verstanden.





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