Eines sollte man kurz klarstellen. Es stimmt, dass Mike Bloomberg um die 60 Millionen Dollar seines eigenen Geldes für den Wahlkampf ausgegeben hat, ein Budget, das für reguläre Politiker wegen der Limitierung von Spenden durch das New Yorker Wahlgesetz unerreichbar ist. Es stimmt auch, dass eine solche Summe für Bloomberg nichts bedeutet. Ein New Yorker Fernsehsender hat überschlagen, dass sich das bei einem Vermögen von 4 Milliarden ungefähr so verhält, als würde ein Arbeiter, der über Ersparnisse von 10.000 Dollar verfügt, 130 Dollar für ein lustiges Wochenende verpulvern. Trotzdem - Mike Bloomberg hat sich lediglich seine Kandidatur gekauft, nicht das Bürgermeisteramt.
Das bekleidet er ab Jahresbeginn von Giulianis Gnaden. Erst als der Held des 11. Septembers zehn Tage vor der Wahl seine Bürger aufforderte, Bloomberg zu wählen, hatte der plötzlich eine reelle Chance. Und es sah fast so aus, als habe Bloomberg bis zum Schluß nicht an seinen Wahlsieg geglaubt. Als am Mittwoch Morgen kurz vor halb eins die Ergebnisse der weißen Aussenbezirke Queens und Staten Island registriert wurden und Mark Green trotz erster Siegesmeldungen seine Niederlage eingestehen mußte, schien Bloomberg genauso zwischen Stolz und Verwirrung zu schwanken, wie einstmals George W. Bush. Aber weil er wie ein Firmenvorstand denkt, wandelte er ganz nach den Grundregeln des Marketings als erstes seine größte Schwäche in positive Aktion. In seiner Siegesrede erzählte er von einem Mann in Brooklyn, der ihm vorgeworfen habe, die wahlkämpfenden Politiker ließen sich nach ihren Siegen nie mehr blicken. Er werde sich deswegen am Morgen seines ersten Tages als gewählter Bürgermeister sogleich auf die Straßen von Brooklyn begeben.
Bloomberg hat sein Versprechen gehalten, und nach einem Frühstück mit dem demokratischen Borough President der Bronx Fernando Ferrer, den Brooklyner Stadtteil Bensonhurst besucht, das Viertel der konservativen Italoamerikaner. Später bei der Pressekonferenz im Rathaus, ging er dann ganz offen mit der Tatsache um, dass er von der Politik und vom Regieren nichts versteht. Ferrer habe er getroffen, weil er “jeden Ratschlag und jede Empfehlung brauchen kann". Die Italos in Brooklyn, um mal seine Wähler kennenzulernen. Nun hat Bloomberg seine Milliarden damit verdient, Wall Street mit Infonetzwerken zu revolutionieren, deswegen wird es ihm nicht allzu schwer fallen, die Intrigen und Verflechtungen der New Yorker Politik zu durschauen. Was dem Industriekapitän viel schwerer fallen wird, ist die Tatsache, dass er als Bürgermeister ein Staatsdiener ist, und sich somit seinen Bürgern verantworten muß. Und da ist das Problem - die kennt er gar nicht.
Seit Mike Bloomberg Ende der 60er Jahre von Boston nach New York zog, lebte er in der Welt der Broker und Finanziers. Eine hermetisch abgeschirmte Welt von Männern, die sich morgens von ihren edlen Trutzburgen der Upper Eastside in das mittelalterlichen Strassengewirr des Bankenviertels chauffieren lassen, und abends wieder zurück. Der Großteil seiner Bürger lebt jedoch in den Außenbezirken, in Brooklyn, Queens, der Bronx und in Staten Island. Mike Bloomberg hat einmal gescherzt er würde so selten verreisen, weil er prinzipell nicht nach Queens fahren würde. Der Witz - beide Flughäfen New Yorks liegen inmitten der Proletenviertel von Queens.
Diese Weltfremdheit hat allerdings auch einen Vorteil. Bis auf die Union der Gefängniswärter, hat keine der Gewerkschaften Bloomberg unterstützt. Auch keine der Minderheitenorganisationen. Nicht einmal die reaktionäre Stimme des Republikanervolkes, die New York Post. Und nachdem er sich den Wahlkampf ja bekanntlich aus der eigenen Tasche bezahlt hat, ist Bloomberg also niemandem etwas schuldig. Nur seinem Vorgänger ist Giulianis Kronprinz verpflichtet. Ansonsten wird er ins Rathaus einziehen wie ein Firmenberater von McKinsey - mit einem klaren Blick auf die geheiligte Bottom Line, das finanzielle Endergebnis. Das ist gut so. Das Rezessions-bedingte Haushaltsloch von drei Milliarden Dollar, hat sich seit dem Anschlag vom 11. September auf mindestens sechs Milliarden erhöht. Es stört auch nicht, dass Bloomberg weder Vision noch Programm hat. Tatkraft reicht zur Zeit vollauf.
Unangenehme Maßnahmen wird der nächste Bürgermeister ergreifen müssen. Vielleicht muß er sogar ein paar der Helden des World Trade Center feuern. Während der Wirtschaftswunderjahre unter Giuliani wurden die Personalbestände von Polizei und Feuerwehr massiv aufgestockt. Das kann nun niemand mehr bezahlen. Doch Mike Bloombergs Blick wird nicht von Emotionen getrübt - weder von einer lokalpatriotischen Liebe für Kultur und den Charakter der Stadt, noch von liberalen Sentimentalitäten für Volk und Wähler.
Das dürfte ganz im Sinne Giulianis sein. Nur ein Bürgermeister, dem es wie einem Firmenchef egal ist, ob er geliebt wird, kann New York als Wirtschaftsstandort retten und somit das Erbe Rudolph Giulianis für die Geschichtsschreibung bewahren. Mike Bloomberg wird somit auch Giulianis kulturelles Erbe vertreten und New York weiter amerikanisieren. Den New Yorkern, die ihre Stadt als Schnittpunkt zwischen der Alten, der Neuen und der Dritten Welt lieben, wird das nicht gefallen. Allerdings werden sie dazu nicht gefragt.