Mit verschlossenen Augen

Neben dem New York, das wir so nie wiedersehen werden, gibt es auch Bilder, die wir nicht sehen sollen.
© Andrian Kreye



Schwer liegt die Ahnung in der Luft von New York. Unfaßbares ist geschehen, doch Bilder gibt es keine. Gewiss - die Videoaufnahmen und Fotos vom Angriff, die fast surrealen Szenen der Flugzeuge, der Feuerbälle und Staubwolken laufen wie in Endlosschleifen durch die Medien. Es gibt Aufnahmen von Trümmern, von Rettungsmannschaften, von den graubraun eingestaubten Flüchtlingsströmen des ersten Tages, die sich durch eine farblose Stadtlandschaft bewegen. Mehr ist nicht zu sehen. In streng kontrollierten Gruppen werden Journalisten vom Pressebüro der Stadt über die Canal Street geführt, die Ausfallstraße durch Chinatown und Demarkationslinie für die abgeriegelte Evakuierungszone. Entlang der Strasse bewegen sich Gestalten mit Atemschutzmasken über die Strasse, tragen Koffer, Kartons. Die Pressesprecherin geleitet die ausgesuchten Reporter weiter nach Süden. Sie dürfen Trümmer fotografieren, mit Rettungsarbeitern sprechen. Mehr nicht. Das Grauen bleibt im Verborgenen.

Nur wenige wissen, was sich wirklich abspielt dort unten. Ein technischer Angestellter der Stadt schläft zwischen den Schichten nur wenige Stunden bei Freunden auf der Lower Eastside. Er bleibt wortkarg. Erzählt kaum. Murmelt etwas von Körperteilen überall. Ein Nothelfer berichtet Freunden in Brooklyn von einem provisorischen Aufbahrungsfeld im Battery Park. Ein anderer glaubt, dass Schiffe Tausende Opfer über den Hudson River nach New Jersey schaffen. Offizielle Bestätigungen gibt es keine.

Die visuelle Sprachlosigkeit der Medien erinnert an den Golfkrieg. Damals gab es lediglich die fremdartigen Videoaufnahmen von den Kameras der Flieger und Raketen. Ein Krieg als Videospiel. Die Wahrheit bliebt bewußt verborgen, denn in der Mediengesellschaft beruht die Wahrheit auf Bildern, nicht auf Fakten. Was damals Zensur war, ist heute nur Schutz. Es gibt Bilder, die müssen wir nicht sehen. Das beruht auch auf ganz konkretem Zivilschutz. Regierung und Behörden haben eine Massenpanik erfolgreich verhindert und dazu brauchen sie eben die Macht über die Bilder. Es gab keine Toten zu sehen. Statt dessen einen Bürgermeister, der betroffen aber gefaßt vier- bis fünfmal vor die Kamera tritt und alleine durch seine Präsenz Stärke zeigt, die beruhigt.

Und es reicht vollkommen aus, was wir wissen. Oder auch nur ahnen. Eine Notärztin aus dem St. Vincent's Hospital auf der Upper Westside erzählt am zweiten Tag nach dem Anschlag, dass sie einen verhältnismäßig normalen Arbeitstag hatte. Knochenbruch durch Inlineskaten, Schürfwunden vom Skateboarden, Messerstiche, Blinddarm - in einer New Yorker Notaufnahme eben Alltag. Die Ruhe im E.R. bestätigt nur Giulianis Vermutung: “Die Anzahl der Opfer wird größer sein, als wir ertragen können."

Den Erfolg der Bemühungen kann man oberhalb der Grenze zum Sperrgebiet von Downtown Manhattan an der 14. Straße sehen. Hier erinnern die Bilder höchstens an feiertägliche Ruhe. Ein blauer Himmel strahlt über der Stadt. Kaum Verkehr bewegt sich auf den Straßen. Nur die allgegenwärtigen Einsatzfahrzeuge erinnern daran, was geschehen ist.

Für die New Yorker selbst müssen keine Bilder den Beweis für den Schrecken liefern. Sie realisieren die Tatsache durch das genaue Gegenteil. Es fehlt ein Bild am Horizont. Die Zwillingstürme des World Trade Centers, seit 1970 eine Art optischer Kompaßnadel im Süden der Stadt allgegenwärtig, sind verschwunden. Nicht nur unser Verhältnis zu den Bildern, auch die Bilder selbst müssen neu überdacht werden, unzählige zurückgezogen werden.

Hollywood hat damit schon begonnen. Sony Pictures ließ die Vorschau für den Film “Spiderman" aus den Kinos nehmen, weil dort das World Trade Center zu sehen ist. Was wird aus den Fernsehserien werden, die in New York spielen? In Komödien wie “Friends" oder “Seinfeld" fungierten Zwischenschnitte der Twin Towers zur geographischen Bestimmung der Handlung. Schneidet man sie nun wieder heraus, weil ihr Andenken das Konzept der Komödie auf Generationen hin ad absurdum führen würde? Wie schnell ziehen all jene Zigaretten-, Mode- und Fastfoodmarken ihre Kampagnen zurück, auf denen die Skyline von Lower Manhattan als Symbol für Optimismus abgebildet ist? Wir werden sowieso lernen müssen, New York neu zu sehen. Vielleicht würden uns deswegen die visuellen Wahrheiten aus dem Zentrum des Anschlages nicht nur entsetzen, sondern sogar überfordern.


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