Seit drei Jahren läuft dieses Katz und Maus-Spiel nun schon zwischen dem Geheimdienst der iranischen Regierung und jenem Häuflein exiliranischer Journalisten, die aus Kalifornien nicht nur Demokratie und Freiheit predigen, sondern der Oppositionsbewegung im Iran auch rund um die Uhr ein Forum geben. Dabei war der Sender gar nicht als Zentralorgan der Subversion geplant.
Als sich Zia Atabay wenige Jahre nach der Machtergreifung des Ajatollah Kohmeini über Spanien, England und Schweden bis nach Los Angeles durchschlagen mußte, weil die Mullahs Musik zur Sünde erklärt hatten, war es ihm nie in den Sinn gekommen, sich politisch zu engagieren. Er hatte mit dem Teppichhandel Geld verdient, seiner jetzigen Frau beim Aufbau einer chirurgischen Klinik geholfen und später eine Talkshow im südkalifornischen Kabelfernsehen moderiert. NITV sollte als Unterhaltungssender für die vier Millionen Exiliraner in Amerika und Europa vor allem Geld und Quote machen. Das passende Personal war auch schnell gefunden. In Los Angeles leben die mit Abstand meisten der amerikanischen Exiliraner. Und ein Großteil der einstigen Medienstars, die auf seinem Sender eine neue Heimat fanden.
Doch dann meldete sich im September während einer Call-In-Show ein Anrufer aus Isfahan und es stellte sich heraus, dass der Eutel-Satelllit Hot Bird 5 auch den Iran bestrahlte. Das sprach sich innerhalb von Stunden im ganzen Land herum. Was dazu führte, dass der iranische Geheimdienst gleich den kompletten Satelliten lahmlegte und die europäische Betreibergesellschaft den Vertrag mit NITV aufkündigte. “Mein Zorn wurde immer größer und größer", erinnert er sich. “Wenn selbst die Europäer vor den Mullahs kneifen, nur weil sie Geschäfte machen wollen. Und so wurde ich vom Fernsehchef zum Oppositionellen."
Seinen ersten Coup landete er, als Reza Pahlavi Junior, der Sohn des einstigen Schahs mit einem Anruf bei einer der NITV-Call-In-Shows die Jugend im Iran zum Protest aufrief. Tausende Studenten zogen daraufhin auf die Straße, schwenkten amerikanische Flaggen und forderten freie Wahlen nach dem Modell der amerikanischen Demokratie.
Ob der Sohn des Schahs der richtige Oppositionsführer ist? Zia Atabay zuckt mit den Schultern. “Wir stehen nicht für irgendeine Regierungsform oder irgendeine Gruppe. Wir stehen für Freiheit und Demokratie, und die beginnt bei uns im Sender. Jeder kann hier zu Wort kommen. Republikaner, Monarchisten, Sozialisten. Letztendlich muß sich das Volk dann selbst entscheiden." Eines sei sicher - zu allererst wird sich das Volk gegen die islamische Regierung entscheiden. Mal davon abgesehen, dass zwei Drittel der iranischen Bevölkerung heute unter 30 Jahren alt ist und somit keine Erinnerung an die Schreckensherrschaft von Pahlavis Vater haben kann.
Die wichtigste Funktion hat der Sender sowieso nicht als Meinungsmacher, sondern als Forum für Nachrichten, die im Iran verboten sind. Ein Netz aus Hunderten verdeckter Korrespondenten beliefert den Sender. Die meisten rufen direkt an, berichten anonym über Demonstrationen, Übergriffe und Verhaftungen. Oft mit direktem Effekt vor Ort. “Einmal hat die Polizei in Teheran auf eine Gruppe Studenten eingeprügelt. Da haben wir die Mütter und Väter aufgerufen, sofort an diese bestimmte Straßenecke zu gehen und sich zwischen die Polizei und ihre Kinder zu stellen."
NITV sendet auch Videos, die Oppositionelle heimlich gedreht haben. Die sichtet Atabays Archivar, der sich schlicht Zavan nennt. Der schmale Herr mit den ergrauten langen Haaren und dem fein gestutzten Bart spricht kaum Englisch. Doch sein Büro zwischen vollgepfropften Bücherregalen und Stapeln von Videokassetten ist einer der wichtigsten Knotenpunkte im oppositionellen Nachrichtenfluß.
Ob sie nicht befürchten, dass sie der iranische Geheimdienst gezielt mit Falschmeldungen beliefert? Zavan nickt. “Die meisten unserer Informanten kennen wir, oder Freunde von uns kennen sie. Und wenn sich doch mal ein Maulwurf einschleicht, gibt es daraufhin meistens so viele Gegenanrufe, die das richtigstellen, dass es nicht weiter ins Gewicht fällt."
Nur eines macht dem Sender langsam zu schaffen. Es gibt zu wenig Geld. Rund 200.000 Dollar kostet der Sendebetrieb pro Monat. Denn der Empfang ist gratis. Es gibt ein paar private Sponsoren, Spenden, eine Telefonkarte, deren Profit an den Sender geht, den Teppichhandel von Atabay und die Klinik seiner Frau. Vom amerikanischen Außenministerium gab es einen freundlichen Brief und das vage Versprechen von fünf Millionen Dollar Unterstützung, das der Kongreß dann abgeschmettert hat.
Doch Atabay will durchhalten. Um jeden Preis. “In den nächsten 18 Monaten wird sich die Zukunft des Iran entscheiden", sagt er. Der Machthunger der iranischen Mullahs treibe die Politik in eine gefährlich Richtung. Die schlimmste Vorstellung sei, dass die Mullahs es schaffen, Massenvernichtungswaffen zu bauen, sagt Zia Atabay mit grimmiger Miene. “Denn dann würden die USA auch den Iran angreifen. Und das wäre das Schlimmste für unser Land."
Vor zwei Wochen war es wieder so weit. Da hatten die Techniker des iranischen Geheimdienstes ihre Störsender auf Zia Atabays neue Satellitenfrequenz eingepeilt und seither sucht er eine neue Route, die seinen Sender National Iranian TV aus dem San Fernando Valley im Norden von Los Angeles durch den Äther bis nach Teheran bringt. Das wird diesmal nicht so leicht, weil die Iraner ihre neuen Störsender in Kuba aufgestellt haben und so auch die amerikanischen Satelliten ins Visier nehmen können. Aber bisher haben sie es noch nie geschafft, NITV ganz auszublenden. Seit die Polizei durch Teheran zieht und Satellitenschüsseln beschlagnahmt, verstecken die Leute ihre Empfänger tagsüber im Haus. Selbst wenn die Sendungen in Teheran nicht laufen, gibt es oft ungestörte Empfänger auf dem Land oder gar in Europa, die dann Videokassetten in die Hauptstadt schmuggeln. Und gerade das macht NITV so gefährlich für sie - das Internet können sie kontrollieren. Einen Satellitensender und den Kassettenschmuggel nicht.
Als Zia Atabay im März 2000 seinen Sender startete, verstand er mehr vom Geschäft, als von der Politik. Vor der islamischen Revolution galt der heute 61jährige als der Tom Jones von Teheran, der auf Farsi westliche Popmusik im Stil der großen Las-Vegas-Entertainer sang. Seine Popstarvergangenheit sieht man ihm noch heute an. Mit der schweren Goldkette, die aus dem offenen Hawaiihemd blitzt, dem wettergegerbten Gesicht eines gereiften Westernhelden und dem nußbraunen Toupet, würde man ihn eher an einem Swimming Pool in Palm Springs vermuten, als im Chefsessel eines subversiven Fernsehsenders. Aber wenn er dann beginnt gegen “die Mullahs" zu wettern, wenn er davon erzählt, dass in den letzten zwei Monaten über 8000 Studenten verschwunden sind, dass es in der Nähe einer Kleinstadt ein Lager gibt, in denen Hunderte von ihnen gefoltert werden, und dass diese junge Generation trotz alledem die große Hoffnung auf einen demokratischen Iran sei, schwingt Leidenschaft in seiner Stimme.
Auf unzähligen Wegen kommen die Bänder nach Kalifornien, einige sogar per Post. Lächelnd zeigt er eine Kassettenhülle, auf der bunte Szenenbilder aus einem Krimi zu sehen sind. “Yellow Rose" steht darüber, der Titel eines iranischen Kassenschlagers, und der steht auch auf der Kassette. Statt dem Polizeidrama aus Teheran zeigt das Band jedoch Aufnahmen von den letzten Demonstrationen. Genauso werden Kopien der NITV-Sendungen, auf deren Besitz Gefängnisstrafe steht, im Iran übers ganze Land verteilt.
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