MUNICH

Steven Spielbergs Terrordrama sorgt schon
vor dem Kinostart für Debatten.

© Andrian Kreye


New York 21.12. '05 - Es gehört zu den ungeschriebenen Gesetzen Hollywoods, dass sich Filmemacher, die politische Stoffe in einem Spielfilm verarbeiten, Debatten mit dem Hinweis entziehen, sie hätten doch nur eine gute Geschichte erzählen wollen. Genau das sagte auch Steven Spielberg in dem bisher einzigen Interview zu seinem neuen Film “Munich", das er dem amerikanischen Nachrichtenmagazin Time gab. Einziges Zugeständnis an die brisante Thematik des Films war seine Aussage: “Dieser Film ist ein Gebet für den Frieden."

Das wäre ein etwas simples Fazit für einen Film über die Folgen des Überfalls der palästinensischen Terrorgruppe Schwarzer September auf israelische Sportler während der Olympiade in München am 5. September 1972. Damals war ein Kommando von neun Terroristen der palästinensischen Terrorzelle Schwarzer September in das nur schlecht bewachte Olympische Dorf eingedrungen und hatte elf israelische Sportler als Geiseln genommen. Die Terroristen forderten die Freilassung von 232 Palästinensern aus israelischen Gefängnissen, sowie die Freilassung der deutschen Terroristen Andreas Baader und Ulrike Meinhof.

Die israelische Regierung machte der Regierung Willy Brandt damals klar, dass mit Terroristen nicht verhandelt wird. Das Angebot, die Geiseln von einem erfahrenen Antiterrorkommando der Israelis befreien zu lassen, lehnten die deutschen Behörden allerdings ab. Stattdessen lockten sie die Terroristen mit Scheinverhandlungen und flogen sie mit den Geiseln in zwei Hubschraubern auf den Flughafen von Fürstenfeldbruck, wo sie eine Boeing 727 bereitgestellt hatten, mit der die Terroristen nach Kairo fliegen wollten.

Als zwei der Terroristen die Maschine inspizierten, eröffneten fünf Scharfschützen der bayerischen Polizei das Feuer. Weil die Schützen jedoch keine Funkgeräte hatten und außerdem davon ausgegangen waren, dass es sich um lediglich fünf Terroristen handelte, geriet die Aktion zum Fiasko. 45 Minuten lang lieferten sich Terroristen und Polizei ein Feuergefecht, bei dem außer einem Polizeibeamten auch fünf der Geiseln ums Leben kamen, wobei nie geklärt wurde, ob sie von Kugeln der Terroristen oder der Polizei getroffen wurden. Als schließlich gepanzerte Fahrzeuge auffuhren, warf einer der Terroristen eine Handgranate in einen der Hubschrauber, die alle sechs überlebenden Geiseln tötete.

Heute gilt das Olympia-Attentat als Schlüsselmoment in der Geschichte des internationalen Terrorismus. Es war der erste Terrorakt, der vor einem weltweiten Fernsehpublikum stattfand. Es war aber vor allem der erste Terrorakt, auf den die israelische Regierung mit Gegenschlägen ohne Rücksicht auf Verluste, Landesgrenzen oder Völkerrecht reagierte. Und genau davon handelt der Film. Keine Frage - da drängen sich Parallelen zum aktuellen Krieg gegen den Terror auf.

Die Vergeltungsschläge Israels nach dem Olympia-Attentat waren von Anfang an umstritten. Zunächst hatte die israelische Luftwaffe am 8. September ohne Abstimmung mit den Vereinten Nationen zehn Stützpunkte der PLO in Syrien und im Libanon angegriffen. Später stellte der israelische General Aharon Yarif dann das Todesschwadron zusammen, das angeblich aus fünf Spezialisten des Geheimdienstes und der Armee bestand, die den Auftrag hatten, die überlebenden Attentäter und Drahtzieher des Olympia-Attentates aufzuspüren und zu eliminieren. Angeblich soll Premierministerin Golda Meir den Aufbau des Todesschwadrons persönlich angeordnet haben. Nicht zuletzt, weil sie stocksauer war, dass die Deutschen nach ihrem Fiasko in Fürstenfeldbruck die drei überlebenden Olympiattentäter schon im Oktober im Austausch gegen Geiseln ausder Entführung einer Lufthansamaschine aus Beriut wieder freiliessen, ohne sich mit Israel abzustimmen.

“Zorn Gottes" nannten die Medien den Trupp später. Im israelischen Militärjargon wurden die Spezialeinheiten für Vergeltungsanschläge nach dem hebräischen Wort für Bajonett als Kidon-Einheiten geführt. Acht PLO-Terroristen tötete die ursprüngliche Kidoneinheit in den folgenden Jahren, darunter auch den berüchtigten “Roten Prinz" Ali Hassan Salameh, Sohn einer wohlhabenden palästinensischen Familie, der mit der Miss Universe 1971 verheiratet war. Angeblich - denn die Akten der israelischen Regierung bleiben bis heute versiegelt. Spielbergs Film stützt sich vor allem auf das 1984 erschienene Buch “Vengeance", das der ungarische Journalist George Jonas in Zusammenarbeit mit dem angeblichen Einsatzleiter des Todesschwadrons verfasst hat, der in Buch und Film mit dem Pseudonym Avner auftritt.

Als Buch ist “Vengeance" ein ziemlich schlampiges Konvolut aus nacherzählten Interviews mit Jonas Hauptinformanten Avner und Sekundärquellen. Der Text schleppt sich über Seiten voll plumper Beschreibungen, Andeutungen und Redundanzen hin. Doch schlechte Bücher sind oft eine bessere Grundlage für gute Filme, als brillante Romane. Was jeder bestätigen wird, der schon einmal versucht hat einen Thriller von Tom Clancey zu lesen, oder die Filmfassung eines Lieblingsromanes durchzustehen.

Allerdings galt “Vengeance"vor allem inhaltlich als unseriös und spekulativ. Weder Jonas noch sein Verlag konnten die Erzählungen des ominösen Avner überprüfen. Als ein kanadisches Magazin auf Ungenauigkeiten stieß, verteidigte sich Avner, einige Personen seien zusammengesetzte Kunstfiguren, worauf im Buch allerdings nicht hingewiesen wurde. Andere Untersuchungen brachten Zweifel auf, ob es sich bei Avner überhaupt um einen Agenten handelte. Die Praxis so genannter “rekonstruierter", also erfundener Dialoge wurde bemängelt. Der Literaturkritiker Edwin McDowell fühlte sich durch “Vengeance" im Juni 1984 sogar zu einem ausführlichen Essay im Kulturteil der New York Times genötigt, in dem er allgemeingültige Richtlinien für die faktische Genauigkeit von Sachbüchern einforderte, wie man sie aus dem Journalismus kenne.

In einer Neuauflage des Buches, die im September erschien, wehren sich Avner und Jonas noch einmal gegen ihre Kritiker. Zu denen sich nun auch Aaron Klein gesellte, ein ehemaliger Agent der israelischen Geheimdienstes, der heute als Korrespondent im Jerusalembüro des Nachrichtenmagazins Time arbeitet. Klein wird diese Woche sein Buch “Striking Back" veröffentlichen, das die gleichen Ereignisse behandelt, wie Jonas “Vengeance". Klein schreibt nicht im Krimistil, sondern im Tempo eines überlegten Reporters. Er verliert sich nicht in spekulative Charakterstudien, dafür wertet er den umfangreichen Kopel Report aus, in dem israelische Behörden das Olympia-Attentat und seine Folgen untersuchen und der erst kürzlich veröffentlicht wurde.

Klein kommt zu ähnlichen Schlüssen wie Jonas. Dass die Vergeltungsaktionen der Geheimdienste mit eiserner Faust und ohne Rücksicht auf Verluste durchgeführt wurden, dass Terror und Antiterror zu einem Teufelskreis der Gewalt führen können.Und er zeigt auf, dass die von Jonas beschriebene Einheit nur einige unwichtige PLO-Mitglieder und auch einen unschuldigen marokkanischen Kellner tötete. Einige der Verantwortlichen von München sollen sogar erst in den 90er Jahren getötet wordens ein. Klein schreibt sogar, nur ein einziger Terrorist, der direkt am Olympia-Attentat in München beteiligt war, sei getötet worden - Atef Bseiso, der erst 1992 in Paris erschossen wurde.

Spielberg beteuert, er habe sich nur lose an George Jonas Buchvorlage gehalten und sich vor allem auf seinen Drehbuchschreiber, den mehrfach preisgekrönten Theaterautor Tony Kushner verlassen. Man wird Film und Buch vergleichen müssen, um das zu bestätigen. Alleine der Dialog der Rekrutierungsszene, die in der Kinovorschau zu sehen ist, stimmt allerdings fast wortwörtlich mit dem Buchtext überein. Es kann natürlich nicht darum gehen, einen Spielfilm auf historische Ungenauigkeiten abzuklopfen, der Ereignisse behandelt, die niemals belegt oder bestätigt wurden. Die Kontroverse ist aber trotzdem längst im Gange.

Es sind nicht nur die Fakten, die angegriffen werden, auch Spielbergs Erzählmodus ist schon ins Kreuzfeuer der Kritik geraten. Einige seiner Kritiker mögen sein langjähriges Engagement für das Gedenken an die Opfer des Holocaust mit einer automatisch uneingeschränkten Unterstützung israelischer Politik verwechseln. Doch viele sorgen sich, Spielberg könne jenem Denkfehler anheim fallen, der das israelische Recht auf Selbstverteidigung der politischen Korrektheit opfert.

“Mit seinem Versuch, unparteiisch zu erschienen, hat er einen unvollständigen und unausgewogenen Film gemacht", urteilt Mitch Webber im Frontline Magazine. Ähnliches schreibt der Literaturkritiker der Wochenzeitschrift New Republic Leon Wieseltier: “Der Film wird von seiner Ausgewogenheit geradezu erstickt. Palästinenser morden, Israelis morden, Palästinenser haben ein Gewissen, Israelis haben ein Gewissen... All diese Analogien verlieren sich irgendwann im Sumpf der Gleichmacherei, deswegen ist es durchaus angebracht, an dieser Stelle zu betonen, dass der Tod Unschuldiger ein Fehler der Israelis, aber ein erklärtes Ziel der Palästinenser war."

Den entscheidenden Schwachpunkt, an dem der Versuch scheitern muss, mit “Munich" eine realistische Debatte über den Krieg gegen den Terror anzustoßen, hat allerdings der New-York-Times-Kolumnist David Brooks auf den Punkt gebracht. “Mit seiner Entscheidung, eine Geschichte zu verfilmen, die im Jahr 1972 spielt, hat sich Spielberg die Freiheit genommen, jenes Gift zu ignorieren, das heute den gesamten nahen Osten durchsetzt - den Islamischen Radikalismus", schreibt er. “In Spielbergs Nahem Osten gibt es keine Hamas, keinen Islamischen Dschihad. Da gibt es keine leidenschaftlichen Antisemiten, keine Holocaustverleugner, wie den derzeitigen Präsidenten des Iran, und keine Fanatiker, die sämtliche Israelis auslöschen wollen." In diesem Kontext wiegt Spielbergs fehlgeleitete Ausgewogenheit schwer: “In Spielbergs Nahem Osten ist der einzige Weg zum Frieden, der Gewalt zu entsagen. Im echten Nahen Osten ist der einzige Weg zum Frieden ein militärischer Sieg über die Fanatiker, während man gleichzeitig die vernünftigen Elemente auf beiden Seiten mit einem Kompromiss vereint."

Das “Zorn Gottes"-Schwadron diente dem israelischen Geheimdienst als Musterfall für erfolgreiche Antiterroroperationen. Kidon-Einheiten haben unter anderem den Konstrukteur der irakischen Superkanone Dr. Gerald Bull und den Bombenbauer der islamistischen Hamas Nasser "Der Ingenieur" Issa getötet. “Wir ändern den Lauf der jüdischen Geschichte", soll Golda Meir dem echten Avner nach ihrem Treffen gesagt haben. Niemals wieder sollten Juden ungestraft ermordet werden. Ob das Prinzip Rache damals wirklich von Meir persönlich zur Doktrin erklärt wurde, läßt sich nur leider nicht nachprüfen. Die Taktik gezielter Vergeltungsschläge setzen im Zeitalter der assymetrischen Kriegsführung jedoch nicht nur die israelischen Streitkräfte ein.




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