SEELENLEBEN DER MODERNE

Edvard Munch im MoMa

© Andrian Kreye


New York March '05 - Es ist fast unmöglich, sich beim Betrachten der Edvard-Munch-Retrospektive im New Yorker Museum of Modern Art dem voyeuristischen Impuls zu entziehen, doch mal nachzusehen, wie und wann es mit der geistigen Gesundheit des legendären norwegischen Malers und Grafikers bergab ging. Immerhin stellt die Ausstellung mit ihrem Titel “Edvard Munch - The Modern Life of the Soul" den Anspruch auf eine epochale Bedeutung, die weit über die Kunstgeschichte hinausgeht. Wenn Munch, der uns mit “Der Schrei" schon die Ikone für die Zivilisationsängste des 20. Jahrhunderts geliefert hat, nun also auch als Stellvertreter für die Befindlichkeit der gesamten Moderne dienen soll, hat dieser Voyeurismus auch durchaus eine Berechtigung.

Man muss nicht lange suchen. Im dritten Raum stößt man auf genau jene Knick im Werke Munchs, an dem aus dem jungen, gut aussehnden Formalisten der radikale, verhärmte Wegbereiter des Expressionismus wurde. Da finden sich zunächst drei Bilder aus den Jahren 1889 bis 1891 auf denen Munch die Karl Johans Gate in luftigen Frühlingsfarben darstellt, die Repräsentiermeile der norwegischen Hauptstadt, die damals noch Christiania hieß. Da flaniert die feine Gesellschaft im Sonntagsstaat flaniert über die Trottoirs und selbst ein Regentag wirkt frisch und vergnüglich. Nur ein Jahr später hängt der Himmel wie Blei über der Karl Johans Gate, die Passanten tragen bleiche Fratzen und die prächtigen Gebäude sind mit schmutzigen Wetterschlieren überzogen.

Die Abendszene von der Karl Johans Gate dient der Ausstellung auch gleich als Auftakt für den Gemäldezirkel des “Lebensfries", in dem Munch jene Bildsprache fand, die ihn letztlich zur Legende gemacht haben. Die Titel der Bilder bringen die Thematik seiner Arbeit dann auch schnell auf den Punkt - “Melancholie", “Angst", “Verzweiflung", “Selbstporträt in der Hölle". Immer wieder malt Munch Krankheit, Tod und Seelenqualen. Die Farben verdüstern sich zunehmend, die klaren Linien verschwimmen bis sie in Rastern und Blasen in den Kompositionen stehen. Selbst wenn er die großen Köpfe seiner Zeit porträtiert, August Strindberg zum Beispiel, Hendrik Ibsen oder den Schriftsteller und anarchischen Vorreiter der norwegischen Bohème Hans J&ealig;ger, lässt Munch die Grenzen des Realismus zunehmend hinter sich und bewahrt den Formalismus seiner frühen Jahre lediglich in den Auftragsarbeiten für betuchte Großbürger.

Die Höllenqualen, die Munch in seinen Bildern ausdrückte, waren seine eigenen. Schon in seiner Jugend litt er unter schweren manischen Depressionen, auch wenn diese damals noch keineswegs als Krankheit erkannt wurden, sondern als Melancholie, Gewissensnöte und Launen abgetan wurden. Auslöser für die ersten klinischen Zustände war wahrscheinlich die Nachricht vom Tod seines Vaters, die ihn 1890 in Paris erreicht. Da malt er zum ersten Mal jene düsteren Nachtbilder, auf denen Menschen in der graugrünen Finsternis der Großstadt nur noch als schemenhafte Schatten auftauchen. Als er seine Bilder aus den Pariser Jahre 1892 im Berliner Kunstverein ausstellte, kam es dann auch zum Eklat. Kunstbetrieb und Publikum sahen in dem jungen Norweger einen gefährlichen Anarchisten. Die Ausstellung wurde prompt geschlossen.

Munch blieb trotzdem. In der legendären Weinbar “Das schwarze Ferkel" in der Neuen Wilhelmstrasse fand er Gleichgesinnte - den Dramatiker August Strindberg, den Dichter Richard Dehmel, den Schriftsteller Holger Drachmann und den Kunsthistoriker Julius Meier-Gräfe. Da formierte sich eine Avantgarde, die sich der ersten modernen Versuche der Bewusstseinserweiterung verschrieb. Alkohol, Tabak, Experimente mit Spiritsmus und Sex halfen den Bohèmiens, sich von den Zwängen ihrer protestantischen Herkunft zu befreien und ihre Sinne immer neuen Erfahrungen auszusetzen.

Was man heute als Vorläufer der Psychedelik betrachten könnte, wirkte auf Edvard Munch jedoch wie ein Teilchbeschleuniger, der seine manischen Depressionen in immer neue Spitzen und Tiefen trieb, zu denen sich Verfolgungswahn und Halluzinationen gesellten. Immer wieder musste sich der kränkelnde Maler in Sanatorien und Spitäler einweisen lassen. Bei einem Handgemenge mit seiner Verlobten schoss er sich 1902 in die linke Hand. Die folgende Trennung wurde zum traumatischen Erlebnis. Sechs Jahre später wird er in eine Nervenheilanstalt eingeliefert. Als er den behandelnden Psychiater gemalt hatte, erklärte ihn der für klinisch verrückt und verschrieb ihm eine Elektroschocktheratpie.

Doch Munchs Seelenqualen symbolisierten in seinen Bildern auch gleichzeitig den Aufbruch in ein Zeitalter, das diese Leiden nicht mehr als Schwäche von Seele, Geist und Wille verfemten, sondern als Hinweise auf die komplexen Strukturen der menschlichen Psyche. Während Sigmund Freud noch nach Erklärungen suchte, hatte Munch für die dunklen Seiten der Psyche längst Bilder gefunden. Bilder, die seinen weltweiten Erfolg schon zu seinen Lebzeiten begründeten.

Seine Leiden konnten ihn auch selten in seiner Schaffenskraft bremsen. Als Munch im Januar 1944 80jährig auf seinem Anwesen Ekely starb, hinterließ er der Stadt Oslo über 1000 Gemälde, über 15.400 Drucke, 4500 Zeichnungen und sechs Skulpturen. 87 Gemälde und rund fünfzig Papierarbeiten sind nun im Museum of Modern Art zu sehen. Munchs beide bekanntesten Bilder fehlen natürlich. Bewaffnete Räuber haben im Sommer 2004 die beiden Gemälde “Der Schrei" und “Madonna" bei helllichtem Tag aus dem Munch-Museum in Oslo gestohlen. Reiner Zufalls, dass die zweite Prozessrunde gegen die sechs Hauptangeklagten letzte Woche fast auf den Tag gleichzeitig mit der Eröffnung der Ausstellung begann.

Bisher fehlt von beiden Gemälden jede Spur. Ein norwegischer Millionär soll den Räubern für die rund 100 Milliarden Euro wertvollen Gemälde rund 1,8 Millionen Euro Lösegeld geboten haben. Zu dem Handel soll es dann aber nicht gekommen sein. Der Hauptverdächtige Björn Hoen hatte damals versucht, von seinem Mitangeklagten Petter Rosenvinge Polaroidbilder von den Gemälden zu bekommen, was jedoch scheiterte. Hoen gilt als Kopf der Räuberbande, auch wenn er darauf beharrt, lediglich das Fluchtfahrzeug besorgt zu haben. Nachdem sich in Norwegen wegen der Unfähigkeit der Polizei, die beiden Gemälde zurückzubeschaffen schon langsam der Volkszorn regt, hat die Staatsanwaltschaft den Angeklagten inzwischen Straferlass angeboten. Noch ist allerdings kein Ende der Verhandlungen abzusehen. Anfang letzter Woche hatten die Verteidiger noch einmal zwei Tage Aufschub erwirkt, weil sie die 350 Stunden dauernden Mitschnitte der von der Polizei mitgeschnittenen zehntausend Handygespräche einforderten.

Während die beiden geraubten Gemälde als so gut wie unverkäuflich gelten, bricht Munch in den Auktionshäusern ansonsten weiterhin Rekorde. Vor zwei Wochen versteigerte Sotheby's neun Munch-Gemälde aus der Sammlung des norwegischen Reedereibesitzers Fred Olsen für insgesamt 25 Millionen Euro, darunter “Sommertag" für rund neun und “Selbstporträt vor zweifarbigem Hintergrund" für fünf Millionen Euro.

Nun hat Munch von jedem seiner Gemälde unzählige Skizzen und Vorarbeiten angefertigt, so dass man in New York immerhin eine Version der “Madonna" und zwei Lithographien des “Schreis" zu sehen bekommt. Die Ausstellung ist jedoch in ihrem psychologisierenden Ansatz rund und beeindruckend genug, um auch ohne die beiden legendären Originale auszukommen. Auch wenn es gerade der momentan verschollene “Schrei" ist, der den Kuratoren im Katalog als Beleg für die These dient, dass Munch in seiner Arbeit stellvertretend für die moderne Gesellschaft erstmals pathologische Seelenqualen verarbeitete. In den roten Pinselstrichen im Zentrum des Himmels könne man bei genauem Hinsehen eine hastige Inschrift erkennen. “Kann kun v&ealig;re malt af en gal mand!", stehe da - dies konnte nur von einem Wahnsinnigen gemalt werden. Bis heute ist nicht geklärt, ob Munch selbst diese Worte in den Himmel gesetzt hat, oder ein Besucher seiner Ausstellungen. Als gesichert gilt nur, dass er die Worte nie übermalte.

“Edvard Munch - The Modern Life of the Soul", bis zum 8. Mai im Museum of Modern Art, 11 West 53rd Street, New York, Mittwoch bis Montag 10:30 bis 17:30 Uhr, Freitags bis 20:00 Uhr. Katalog gebunden US $ 60,-, Broschur $ 40,-.





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