Vor zweieinhalb Jahren war das noch anders. Da hetzte Milla Jovovich im Dienste von Donna Karan mit Gary Oldman durch das nächtliche New York und mit Jeremy Irons durch die Hitze von Saigon, wobei sie sich bemühte, den Verführungskünsten der unrasierten Schauspieler mit kultivierter Übellaunigkeit zu entkommen. Das war zwar aufregend, sah aber doch recht anstrengend aus.
Sicher, damals machte das gerade noch Sinn. Da saß die potentielle Kundschaft in ihren Dotcombüros und Agenturen herum, peitschte die Infogesellschaft in die neuen Märkte und sehnte sich nach einem Tag vor dem Computerschirm nach ein wenig Abenteuer. New York, Saigon - solche Städte vermittelten Sex, Schweiß und den Ruch von Heroin, das zur der Zeit noch als Modewelle durch die Klos der Medieneliten schwappte. Aber wer braucht jetzt noch Abenteuer?
In einem Interview mit dem New Yorker Wirtschaftskorrespondenten des Spiegel bestätigte der Werbegrafiker Fabien Baron neulich die schleichende Sehnsucht nach sorgloser Ruhe: “Die Leute sehnen sich nach eindeutigen, tröstlichen Bildern. Wir werden in der nächsten Zeit viele glückliche Menschen von den Plakatwänden lächeln sehen."
Die Zeiten sind hart genug, keine Frage. Wer einen Job hat, der muß um ihn kämpfen. Und wer keinen Job mehr hat, der sehnt sich nach den Zeiten, als das Nichtstun noch unbeschwerter Luxus war. Wer allerdings in einer der von protestantischer Arbeitsethik und aktueller Wirtschaftspanik geprägten Großstädte lebt, vermutet solch unverfrorene Sorglosigkeit höchstens noch in exotischen Lifestylereservaten wie franzöischen Autorenfilmen, italienischen Straßencafés oder brasilianischen Strandpromenaden.
Wie die meisten Popphänomen ist auch die Sehnsucht nach der sommerlichen Sorglosigkeit nicht ganz neu. Mitte der 60er Jahre gab es schon einmal so eine melancholische Südsehnsucht. Damals zeigte das Wirtschaftswunder, das nach dem Zweiten Weltkrieg begonnen hatte zwar nicht so massive Schwächen, wie die Ära des Hi-Tech-Booms nach dem Kalten Krieg. Doch die Kubakrise und die Ermordung von John F. Kennedy hatten die Welt genauso erschüttert wie die Anschläge des 11. Septembers, die Angst vor dem Atomschlag war damals so groß, wie heute die vor dem Terror, und der schwelende Vietnamkrieg beunruhigte die Menschen ähnlich, wie die Feldzüge am Golf.
Mitte der 60er Jahre waren allerdings nicht nur Politik und Gesellschaft im Umbruch, sondern auch die Kulturen. Der New Yorker Saxophonist Stan Getz flüchtete damals von den immer egozentrischeren Experimenten in den New Yorker Jazzlofts nach Rio de Janeiro. Dort tat er sich mit dem Komponisten Antonio Carlos Jobim zusammen, der das gemächliche Tempo des Bohemèlebens im Stadtteil Ipanema in die lässigen Balladen des Bossa Nova schrieb. Die Platte, die Getz damals gemeinsam mit Jobim und dem Ehepaar Joao und Astrud Gilberto aufnahm wurde der ultimative Loungeklassiker, den heute noch jedes Café hinterm Tresen liegen hat.
Heute liefert Jobim wieder den perfekten Soundtrack zur kollektiven Sehnsucht. Kein Wunder also, dass die beiden Abende im Nachtclub des New Yorker Public Theater, an denen der Pianist Ryuichi Sakamoto letzte Woche zusammen mit Jacques und Paula Morelenbaum ausschließlich Jobimkompositionen spielte, restlos ausverkauft waren. Sicher, da waren auch ein paar Jazzfans im Publikum, die sich das Getz/Gilberto-Album 1963 gleich nach Erscheinen gekauft hatten. Doch in erster Linie drängten sich hier New Yorker, die damals noch gar nicht geboren waren.
Auch heute gibt es wieder eine Loungebewegung. DJ-Label wie Listening Pearls oder Hed Kandi produzieren angenehme Hintergrundmusik, die sich von ihren Vorgängern wie Frank Sinatra, Ray Conniff oder Macos Valle zumindest in der Haltung nicht weiter unterscheidet. In Bars wie dem New Yorker Halcyon versammeln sich die Anhänger jener Kultur sogar auf altmodischen Sofas, um zu den DJs Rotwein und Kaffee zu schlürfen. Und der Traum der Jeunesse Doree von Hollywood ist heute wieder, einmal zu einer Playboyparty von Hugh Heffner eingeladen zu werden.
Natürlich wird Popkultur heute mehr denn je von Teenagern bestimmt. Die hat die Melancholie des Bossa und die Attitüde der Neo-Playboys noch nicht erreicht. Doch in der freizeitfröhlichen Surfkultur haben auch die Teenies ihre Parallele zu den 60ern gefunden. Und ein Vorzeichen gab es sogar schon auf MTV - für das Video zu seiner letzten Single “Beautiful" tanzte der Urvater des nihilistischen Gangsta Rap Snoop Doggy Dog am Strand der Copacabana.
Man kann den neuen Lounge Lizards und Playboys ihren Rückzug in die heile Welt nicht übelnehmen. Der kurze Moment der Friedensbewegung ist mit dem Irakkrieg verpufft, Dissenz ist verpönt, die Antiglobalisierungsbewegung zu feindselig. Der Mittelstand taugt eben nicht zur Rebellion. Der britische Historiker Bill Osgerby hat das schon in seiner Studie über die Freizeitgesellschaft der 60er Jahre auf den Punkt gebracht: “In letzter Instanz ging es in der Ethik des Playboy Chic doch immer mehr um einen trockenen Martini, als um einen Molotovcocktail."
Sehnsucht ist die schönste Form der Entbehrung. So funktioniert die Popkultur, die uns für kurze Momente gibt, was wir nicht haben, und diesen Effekt nutzt auch die Werbung, die jede Sehnsucht aufgreift, die der Pop in uns entdeckt, weil sie uns die Antwort auf unsere Sehnsüchte verkaufen will. Es ist also gar keine so frivole Übung, wenn man Pop und Werbung betrachtet, um nach Zeichen der allgemeinen Befindlichkeit zu suchen. Soziologen tun das schon lange. Und am besten beginnt man damit, eine beliebige Modezeitschrift durchzublättern.
Dort lümmelt Milla Jovovich derzeit auf den Bildern für Donna Karans Freizeitkollektion DKNY in einem Strandhaus herum, durch dessen offene Fenster das diffuse Licht eines späten Sommernachtmittages flutet. Kinder spielen, Mädchen liegen zum Sonnenbad im Garten, Knaben fahren auf der Strasse Skateboard und dann tanzen alle gemeinsam am Strand. Während all dem lächelt Milla Jovovich so unendlich entspannt, als hätte sie es schon länger nicht mehr eilig gehabt.
Jobims Lieder erzählten von einer Traumwelt, in der die Menschen in Cafés saßen um schönen Mädchen hinterherzuschmachten, in der sie in sternklaren Nächten in Betten herumlagen, um zu beobachten, wie der Sommerwind den Zigarettenrauch verweht, und in der sie mit der Rolleiflex Fotos machten, nur um festzuhalten, wie schön diese Welt eigentlich war. Die einzige Sorge schien die unerreichbare, verflossene oder verlassene Schöne zu sein, die wie eine Fata Morgana durch fast jeden Bossa Nova schwebte und das nahe Ende des Traums andeutete.
Damals wie heute bildet Bossa Nova die Speerspitze einer Popkultur, die in den 60er Jahren als Playboy Chic in die Annalen der Soziologie einging. Während sich die Millionen in der Bürgerrechtsbewegung aufrafften, die Gesellschaft umzuwälzen, wollten die Söhne und Töchter des Mittelstandes zwar nicht hintanstehen, doch genausowenig wollten sie darauf verzichten, die Früchte des noch gar nicht so alten Massenwohlstandes zu genießen. Die Rebellion wurde so bald zu einer Pose, die von der Werbung mit passenden Produkten stabilisiert wurde. Mit frecher Mode, Sportwagen, Filmen, Musik und einer Cocktailkultur, die sich in den Bars und Lounges der Metropolen abspielte.
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