PARTYPOLITIK

Die Organisation MoveOn verändert die
amerikanische Wahlkampfkultur.

© Andrian Kreye

Dialog mit der Jugend. Das klingt nach Discoparties der Kreissparkasse, Beatmessen und Politikern, die verzweifelt nach flotten Worten ringen. In Amerika war Bill Clinton einst der Großmeister der verkrampften Annäherungsversuche, der sich nicht zu schade war, auf MTV seine Unterhosen zu diskutieren und in Talkshows mit Blues-Brothers-Brille und Saxofon den Hampelmann zu spielen. Die Wählerorganisation MoveOn hat jetzt einen neuen Weg eingeschlagen - sie übergibt den Dialog ganz einfach an die Jugend selbst. Amerikanische Politologen sehen in der Arbeit der Aktionsgruppe schon die Zukunft der Wahlkampfkultur. Immerhin ist MoveOn innerhalb von fünf Jahren von einer Protestwebseite gegen das Amtsenthebungsverfahren von Bill Clinton zu einer Basisbewegung mit über Millionen Mitgliedern angewachsen. Die fünf Millionen Dollar, die der Investor und erbitterte Bush-Gegner George Soros im September gemeinsam mit dem Philanthropen Peter Lewis spendete, galt da wie eine Art Ritterschlag.

Meist fungiert MoveOn lediglich als Umschlagbörse für eine dezentralisierte Aktion. Das funktioniert ein bißchen so wie die “Leaderless Resistance" im Partisanenkampf. Letztes Wochenende initiierte das Team beispielsweise landesweit Hausparties unter dem Motto “Enthüllt die ganze Wahrheit über den Irakkrieg". Dazu konnte man sich auf der Webseite MoveOn.org eine DVD des Dokumentarfilmes “Uncovered" bestellen, seine Party für den Sonntag anmelden und per Postleitzahl in eine eigene Partysuchmaschine eingeben. Ansonsten blieb es jedem selbst überlassen, wie er den Abend gestaltet.

MoveOn hatte den abendfüllenden Dokumentarfilm im Sommer bei dem Regisseur Robert Greenwald in Auftrag gegeben, der unter anderem die Lebensgeschichte der Hippie-Ikone Abbie Hoffman verfilmt hat. Von den längst wirkungslosen Biowaffen bis zu den gefälschten Dokumenten angeblicher Urankäufe seziert Greenwald minutiös die vorgeschobenen Kriegsgründe. Seine Interviewpartner stammen fast ausschließlich aus den Kreisen, die es wissen müssen - Beamte und Analysten der CIA, Diplomaten, sowie ehemalige Waffeninspekteure.

Über 23.000 DVD-Bestellungen liefen bei MoveOn ein. 2668 Parties im ganzen Land hatten sich auf der Seite angemeldet. In New York hatte zum Beispiel der Star-DJ Moby Freunde in das Loft eines Bekannten eingeladen, von denen viele noch nie von MoveOn gehört hatten. Der Bowery Poetry Club verschob seinen regulären Abend für eine Vorführung, zu der die ansonsten eher literarische interessiert Stammkundschaft einlief.

Dazu kamen unzählige Parties, die gar nicht angemeldet waren. Wie in dem Loft in Chinatown, in dem sich gut zwei Dutzend Werber, Designer und Autoren einfanden. Einer hatte einen Videobeamer aus der Agentur mitgebracht. Es gab Wein und kaltes Buffet. Nach der Vorführung zeigte sich kurz die Schwäche solcher Aktionen. Kaum einer der Anwesenden hatte durch den Film irgendetwas erfahren, das er nicht schon wußte. Greenwalds Interviewpartner sprachen sich ausnahmslos und deutlich gegen den Krieg aus, was dem nüchtern geschnittenen Film die rhetorischen Dynamik einer Werbesendung verlieh. Aber dann kam die Diskussion doch noch in den Gang und endete schließlich spätnachts bei Bier und Reisgerichten in eine der chinesischen Spelunken.

Unabhängige Hausparties sind natürlich ein ideales Medium, um Wähler zwischen 20 und 30 zu mobilisieren. MoveOn beweist auch immer wieder Sinn für Zeitgeist. Während der Recall-Kampagnen in Kalifornien organisierte die Organisation beispielsweise so genannte Flashmobs, jene per Internet organisierten Happening, bei denen sich größere Menschenmengen für wenige Minuten an einem Ort treffen, um dort eine vorher verabredete Aktion zu inszenieren. In Kalifornien verteilten sie beispielsweise Formulare, mit denen man sich als Wähler registrieren kann.

Für die nächste Aktion hat MoveOn große Namen verpflichten können. Unter der Vorgabe “Bush in 30 Seconds" hat die Organisation einen Wettbewerb für regierungskritische Fernsehspots ausgeschrieben. Schirmherr der Aktion ist Moby. In der Jury sitzen außerdem Rockstar Eddie Vedder, Hip-Hop-Mogul Russell Simmons, der Regisseur Gus Van Sant, Agitpopper Michael Moore, sowie Bill Clintons einstiger Wahlkampfmanager James Carville. Die besten Spots sollen dann während der Präsidentschaftswahlen im nächsten Jahr im Fernsehen geschaltet werden.

6 Millionen Dollar haben MoveOn schon in ihrer Kriegskasse. Das meiste Geld soll für Spots und Anzeigen in den traditionellen Medien ausgegeben werden. Erste Spots laufen seit dieser Woche in fünf parteipolitisch labilen Bundesstaaten. Während des Superbowls im Januar schaltete MoveOn einen Spot gegen den Krieg. Vor einigen Wochen schaltete die Organisation ganzseitige Anzeigen in der New York Times, die Auszüge aus einer Rede Al Gores brachten, der Bush in einer für MoveOn-Mitglieder für seine Politik der Angst gegeißelt hatte. Manchmal verlaufen die Aktionen auch ganz traditionell. So mobilisierte MoveOn im November innerhalb von wenigen Tagen 22.000 Mitglieder, die Parlamentarier mit Telefonanrufen bombardierten, die Bush-Cheney Energy Bill zu blockieren, die das Energiegeschäft deregulieren soll.

Offiziell und auch wegen des gemeinnützigen Steuerstatus sind MoveOn eine unparteiische Organisation. Die Nähe zur Demokratischen Partei, vor allem zum Lieblingskandidaten der jüngeren Wähler Howard Dean, ist allerdings nicht zu verheimlichen. Die Organisationsgründer Peter Boyd und seine Frau Joan Blades, die in den Anfängen des Dotcom-Booms viel Geld mit Bildschirmschonern voll fliegender Toaster verdient hatten, waren ja ursprünglich gegen Bill Clintons Feinde ins digitale Feld gezogen. Erste Versuche der demokratischen Partei, MoveOn mit an Bord zu holen, wiesen sie jedoch ab. Der Vorsitzende des Democratic National Committee Terry McAuliffe hatte zum Beispiel im April vergeblich versucht, Boyd zu überreden, ihm die E-Mail-Liste seiner Organisation zu überlassen.
Boyd weiß nur zu gut, dass er sich den Vertrauensbonus bei seinen Mitgliedern schnell verspielen kann. So wollten auf der Party in Chinatown weder die Gastgeber noch ihre Besucher namentlich zitiert werden. Denn auch das gehört zu den neuen Realitäten der amerikanischen Politik - in einem Klima, in dem konservative Politiker und Kommentatoren eine liberale Weltanschauung oder offene Kritik an der Regierung als potentielle Subversion verschreien, fühlen sich selbst die harmlosen Sozialdemokraten der Democratic Party potentiell verdächtigt.





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