Da draußen aber, wo der schwarzweiß getünchte Leuchtturm steht, sieht man die Flugzeuge nur als winzige Silberstreifen am Himmel. Hören kann man sie bei so einem Wetter schon gar nicht, denn bei Nordostwind bauen sich die Wellen schon weit draußen zu meterhohen Walzen auf, die sich unten an den Felsen mit schwerem Donnern brechen. Der Wind hat die Felskuppe fast blank gefegt. Nur struppige Dornbüsche wachsen hier noch, durch die schmale Pfade zum Strand hinunterführen. 1974 wanderte Max Frisch hier mit der jungen Amerikanerin Lynn durchs Buschwerk, verbrachte ein melancholisches Wochenende mit seiner kurzzeitigen Geliebten, das er ein Jahr später als Erzählung “Montauk" veröffentlichte.
Die Melancholie ist geblieben. Vorne am Klippenrand warnt das Nebelhorn mit seinem einsamen Ton vor der Mündung des Sund von Long Island. Die Salzluft schmeckt scharf, als habe man auf eines jener altmodischen Pfefferminzbonbons gebissen. Man bekommt das Gefühl, schutzlos auf dem äußersten Zipfel Amerikas zu stehen. Und wie man unten am Strand sehen kann, stimmt das sogar. Von der Erosion grotesk auf die Seite gekippt, klemmen zwischen den Felsen die verwitterten Betonunterstände, aus denen einst die Marinespäher nach Nazi-U-Booten Ausschau hielten.
An diesem Herbstnachmittag steht hier nur ein einsamer Surfer auf den Klippen, der zum Horizont hinausstarrt. Ein junger Mann mit blondem Haarschopf, der auf die Frage nach seinem Namen kurz “Derek" murmelt und einen schwarzen Gummianzug trägt. Er ist hier aufgewachsen, aber für die Herbstwellen muß selbst er all seinen Mut zusammennehmen. Besonders hoch sind sie eigentlich nicht. Zwei, drei Meter vielleicht. Aber wenn die Ebbe beginnt, gegen die Dünung zu pressen und sich die Wellen zu jenen grauschimmernden Hohlkehlen formen, die man manchmal eine Viertelmeile weit abreiten kann, dann überspülen sie auch die Felsblöcke am Fuß der Klippen und eine tückische Strömung reißt Ungeübte mit sich nach draußen.
Turtle Cove heißt die kleine Bucht gleich hinter dem Leuchtturm. Unter den Surfern gilt Turtle Cove als bester Strand der Ostküste. Im Sommer drängen sie sich mit ihren Brettern auf dem schmalen Stück Strand. Dann ist das Dorf voll von braungebrannten Teenies und Twens in salzverkrusteten T-Shirts.
Zu viert, fünft und sechst teilen sie sich die Zimmer in einer der Holzbuden der Motels am Old Montauk Highway. Das Beachcomber, das Breakers, das Briny Breezes, das Wavecrest - die romantischen Namen sollen darüber hinwegtäuschen, dass man hier von Juni bis September für ein karges Motelzimmer weit über 200 Dollar bezahlt. New York ist nicht weit. Die 120 Highwaymeilen sind bei gutem Verkehr in drei Stunden zu schaffen. Und im Sommer, wenn in Manhattan der Teer auf den Straßen schmilzt und sich die Hitze wie ein feuchter Watteklumpen in den Straßenschluchten festgesetzt hat, bezahlen die New Yorker gerne viel Geld dafür, um wenigstens für ein paar Stunden in den Dünen zu stehen und sich den Wind um die Ohren wehen zu lassen.
Viel Auswahl haben sie ja nicht. Zwischen der Stadt und dem Dorf liegen die endlosen Long-Island-Suburbias mit ihren tristen Stadtstränden. Dann kommen die Hamptons, die hysterischen Feriendörfer der Reichen. Beschauliche Orte voll hübscher Holzhäuser und Bungalows, mit Hauptstraßen über denen ein Sternenbanner weht. Doch die pittoresken Dorfidyllen trügen. In den Ortskernen haben sich längst die teuren Ketten eingenistet. Da gibt es Barbourjacken von Ralph Lauren zu kaufen, Diamantschmuck von H. Stern, Handtaschen von Coach, und in der unscheinbaren Vered Gallery kann man für ein paar Hunderttausend Dollar sogar Originale von Picasso, Chagall und Pollock erstehen. Hier gibt es keine Hotels mit Blick aufs Meer und die Gemeinden verschrecken Wochenendgäste mit 150-Dollar-Strafzetteln von ihren Parkplätzen am Strand. Denn da stehen die Villen von Calvin Klein und Steven Spielberg, die Country Clubs mit ihren manikürten Golfplätzen, und die berüchtigten “Share Houses", in denen sich sich die Aufsteiger von der Wall Street für viel Geld auf Matratzenlagern drängeln, nur um den Reichen und Berühmten am Wochenende ein wenig näher zu sein.
In den Hamptons manifestiert sich der amerikanische Traum vom großen Glück und das muß unerreichbar bleiben. Wer weiß, vielleicht würde die Sehnsucht sonst ganz banal. In Montauk aber finden die New Yorker einen ganz anderen Traum. Den Traum von Amerika mit ein wenig Pioniergeist und Grenzlanderfahrung. Sicherlich, auch hier kosten die Ferienhäuser hinter den Dünen schon eine halbe Million Dollar. Aber in den Boutiquen bekommt man höchstens bunte Ferienhemden und Plastiksandalen, die besten Lokale heißen Shark Shack, Crows Nest und Duryea's Lobster Deck, und unten am Hafen riecht es ganz authentisch unappetitlich nach Diesel und Fisch.
Dort liegen die bulligen Fischerboote mit ihrem Wald aus Masten und Ruten. Sie bringen immer noch den Fischfang ein. Nur über den Sommer stehen die vierschrötigen Jungs mit den Südwesterhosen und den rotgeäderten Wangen schon früh an den Piers und warten auf die Hobbyfischer. Die können dann mit Barry auf der Venture, mit Al auf der Lil' Ocean Annie oder Jack auf der Windy hinausfahren. Sie können mit den harten Seebären ein Bier trinken, sich in einem der Hochseefischersessel festschnallen oder ganz einfach mit einer Rute am Heck einklinken und auf das erste Zurren harren, das jenen Kampf ankündigt, in dem sich Stadtmensch und Natur für ein Weilchen aneinander messen.
Es erscheint gar nicht so schwer. Die Hand auf der Rute, die Leine im Schlepp. Und wenn einer anbeißt, steht der Skipper parat. Einholen, lockerlassen, wieder einholen. Jetzt geht es darum, wer länger durchhält. Mann oder Fisch. Immer wieder reißt der Fisch mit einem Ruck, so dass sich die Rute gefährlich nach unten biegt. Das kostet Meter und Minuten. Ein Ringen, das schon mal Stunden dauern kann, bis der Fisch zu schwach ist, sich weiter zu wehren, bis sein silbriger Leib neben dem Schiffsrumpf auftaucht, der Skipper mit dem Haken nachhilft und die zappelnden Pfunde auf Deck aufschlagen.
Ein Ferientraum - einmal einen Schwert- oder Thunfisch besiegen, so einen kräftigen Kerl, der sein Leben in den Wellen verbracht hat und doch kapitulieren muß vor dem Geschick und der Kraft seines Jägers. Und wer den Kampf verliert, der setzt sich am Abend an eine der Bars in den Hafenkneipen, läßt sich einen Teller Muschelsuppe bringen oder eine Lobster Roll, eine Semmel mit Hummersalat und Mayonaise, trinkt ein Bier dazu und träumt vom einfachen Leben der Fischer, die ohne die Hemingwayromantik der Touristen längst nicht mehr überleben könnten. Aber wen interessiert das schon, wenn der Sternhimmel klar über dem Atlantik steht. Ein Anblick, den man in Ne w York City schon seit fast seit hundert Jahren nicht mehr kennt.
Und so waren es auch immer jene Prominenten, die des Glamours müde waren, die hier den freien Blick und die Ruhe suchten, und nicht die Fortsetzung des ewigen Wettbewerbs, wie in den Hamptons. Der Fotokünstler und Großwildjäger Peter Beard hat hier ein kleines Steinhaus nicht weit vom Strand. Ein paar Dünen weiter wohnt Paul Simon. Der Maler Julian Schnabel hat sich in einem Schuppen ein Atelier eingerichtet. Und vor 30 Jahren erstanden Andy Warhol und Paul Morrissey für 225.000 Dollar das Anwesen der Church Estates, einen Komplex von fünf Holzhäusern aus den 20er Jahren, die der legendäre Architekt Stanford White gebaut hatte. Jackie Kennedy gehörte damals zu ihren Sommergästen, Halston, Liza Minelli, Liz Taylor, John Lennon, Mick und Bianca Jagger. Die Stones schrieben sogar einen Song, den sie nach einer der Strandherbergen benannten - “Memory Motel". Auch wenn sich Peter Beard daran erinnert, dass er Mick nur einmal kurz in die Bar des Memory Motels am Highway führte, wo der damalige Besitzer den Rockstar mürrisch anmaulte, dass er die Stones nicht leiden könnte.
Seit Warhols Tod lassen sich die Stars nur noch selten hier blicken. Heute gehört Montauk wieder den Hobbyfischern und Surfern, den Familienurlaubern und Strandläufern, den Ehebrechern, die sich im Montauk Manor ein Zimmer nehmen, und den Ufo-Jägern, die oben am Leuchtturm nach Spuren des sagenumwobenen “Montauk Experiment" suchen.
Die sieht man hin und wieder am Turtle Cove. Meist bleiche Gestalten, die sich verstohlen in die Büsche schlagen. Glaubt man den Verschwörungstheoretikern, dann werden in den unterirdischen Tunnelnetzen der ehemaligen Luftwaffenstation Camp Hero heute immer noch jene unheimlichen Versuche duchgeführt, die ihren Anfang im Philadelphia Experiment nahmen und im berüchtigten H.A.A.R.P.-Projekt mündeten. Methoden zur Wetter- und Geisteskontrolle habe man hier entwickelt, geheime Geräte wie den Traumabtaster, den Verstandzertrümmerer und den Nullzeitgenerator. Militärwissenschaftler hätten hier in Montauk einen Zeittunnel gefunden, mit dem sie 1983 Versuchspersonen ins Jahr 1943 zurückschickten. Geheimdienstler arbeiteten hier mit Topwissenschaftlern und Altnazis zusammen. Doch nicht nur irdische Forscher waren am Werk. In Montauk machten die Militärs gemeinsame Sache mit befreundeten Außerirdischen wie den Reptilwesen von Antares und Gesandten der Elohin, die mit Menschen experimentierten von hier aus Schlachten mit Wesen vom Orion ausfochten. Viele Bücher gibt es dazu. Vornehmlich in esoterischen und rechtsradikalen Verlagen.
Man muß gar nicht so weit laufen, um an den Maschendrahtzaun von Camp Hero zu gelangen. Offiziell ist hier immer noch Sperrgebiet, doch die Wachhäuschen sind längst verlassen. Viel ist nicht mehr übrig. Ein paar Baracken und Nutzbauten, aus der Zeit als der riesige Radarschirm der Basis über die Ostküste wachte. Vermauerte Zugänge zu Bunkern. Wer weiß? Vielleicht lauern dahinter ja immer noch die furchtbaren “Reptoids" auf menschliche Probanden.
Drüben an den Klippen ist Derek inzwischen in die Wellen gestiegen. Aufrecht sitzt er auf seinem Brett, wirft sich plötzlich auf den Bauch, paddelt, bis ihn der Schub des Brechers nach vorne katapultiert. Zielsicher kurvt er in die Klippen, bis er sich mit einem Schwung über den Wellenkamm in Sicherheit bringt. Man sieht ihm zu, wie er hinausschwimmt ins bleiche Licht der Dämmerung. Hinter dem Horizont versinkt langsam die Sonne und dahinter wartet schon die Stadt. Jede Welle ist jetzt noch ein Aufschub des unvermeidlichen Endes. In genau dieser Stimmung beginnt schon Max Frischs Erzählung von “Montauk". “Sein Flug ist für Dienstag gebucht", steht dort und beschreibt damit eine ganz andere Sehnsucht, als den amerikanischen Traum. Ein paar Meilen weiter westlich laubt man vielleicht an die Grenzenlosigkeit. Doch die findet hier draußen erst einmal ein Ende.
Wenn der Nordostwind von Kanada nach New York hereinbläst, der im Herbst die Regenwolken und im Winter die Schneestürme bringt, verwandelt sich die See um die Landspitze des Montauk Point in einen Schlund aus dunkler Dünung und brodelnder Gischt. Vom Flugzeug aus kann man dann deutlich erkennen, wie der graubraune Landstumpf in die Brandung des Atlantik ragt. Das ist für New Yorker auf dem Heimweg von Europa nach den Eisfeldern von Labrador und den endlosen kanadischen Wäldern das erste erkennbare Zeichen, dass man nun endlich zu Hause landen wird. Wie eine Leitplanke weisen die Strände Long Islands von hier aus den Weg bis nach Brooklyn, und meist sagt der Copilot nun örtliches Wetter und Uhrzeit an.
Zurück zum Inhalt