Es ist ein Kraftakt, der hier vollzogen wird. 70 Jahre lang war das Museum of Modern Art an der 53. Straße von Manhattan der Nabel der modernen Kunstwelt. Längst ist der Platz knapp geworden. Ein Teil der 600 Mitarbeiter wurde schon vor Jahren in umliegende Bürogebäude ausgesiedelt. Auch die Lagerräume wurden eng - seit 1970 vergrößerte sich die Sammlung des Museums von 40.000 auf 100.000 Gemälde, Skulpturen, Objekte, Zeichnungen und Fotografien, die inzwischen auf 12 Lagerhallen in der ganzen Stadt verteilt wurden. Der Vorstand diskutierte schon ernsthaft darüber, ob das Museum seine Sammeltätigkeit ganz einstellen sollte. Doch dann entschied man sich zum Umbau. Der minimalistische Entwurf des japanischen Architekten Yoshio Taniguchi setzte sich durch. Seit dem Sommer 2000 wird gebaut. Bis zum Sommer 2005 soll der Umbau dauern. Dort wo früher das 19stöckige Dorset Hotel sowie der Nord- und Westflügel des Museums standen, klafft schon seit letztem Herbst eine riesige Baugrube. Für die nächste Bauphase muß das MoMA nun sein Gebäude räumen.
Die Umsiedelung wurde mit militärischer Präzision geplant. Immerhin werden hier Milliardenwerte bewegt. Da kommt es zu Szenen wie in der “Thomas Crown Affäre". Jeden Tag verschwinden hinter den Toren der Ladezone des MoMA neutral gekennzeichnete Lastwagen. Bewaffnete Wächter sichern die Verladung. Anfahrtswege und Lieferungen sind Geheimsache. Nicht einmal die Fahrer sollen wissen, ob sie gerade ein paar Picassos, Warhols, oder doch nur ein paar Stellwände transportieren. Beim MoMA Queens liefern sie ihre Fracht dann hinter den Stahltoren der Laderampe ab.
Und genau das war die Herausforderung. Das Publikum soll die dreijährige Auslagerung nicht als Kraftakt, sondern als erstes Kapitel eines Neubeginns wahrnehmen. “MoMA moves forward" lautet der Slogan auf den Broschüren für die Außenstelle in Queens. “Die Bewegung war von Anfang an das Motiv unserer Pläne", sagt Kurt Sattler. In zwei Jahren Arbeit hat der 30jährige Österreicher dieses Motiv für das Architekturbüro Michael Maltzan Architecture in Los Angeles umgesetzt. Eine Bewegung, die schon mit der Anreise beginnt. Deswegen besteht er auch auf eine Anreise per U-Bahn.
Am U-Bahnhof des Times Square, der wie die meisten U-Bahnhöfe der Stadt nach den ästhetischen Kriterien eines Urinals gestaltet ist, besteigt man die U-Bahnlinie 7. Der Seven Train ist ein Zug, der vor allem die Armenviertel von Queens bedient. Gleich hinter dem East River steigt er aus den Tiefen des Untergrundsystems auf einen jener altmodischen Hochgleise, die in unzähligen Kriminalfilmen zum Symbol urbaner Härte romantisiert wurden. Bevor er später die Einwandererstraße Roosevelt Avenue überschattet und im Schwarzenviertel Flushing endet, zieht er zunächst in scharfen Kurven über eine archaische Industrielandschaft, auf deren Hallendächern die verwaisten Gerüste früherer Werbetafeln wie Menetekel für das Ende des Industriezeitalters thronen. Hier beginnt jenes Niemandsland zwischen Großstadt und Suburbia, das der Direktor der Harvard School of Design Peter Rowe als Middle Landscape bezeichnet hat: “Ein desolater und unwirtlicher Raum, der sich ins Land erstreckt, ohne auch nur den Hinweis auf einen Mittelpunkt oder einen Abschluß. Was fehlt sind vor allem die traditionellen Straßen einer Stadt, die ein öffentliches Leben möglich machen." Ausgerechnet hierher, zwischen die Fabrik- und Lagerhallen, Parkplätzen, Eisen- und Autobahnbrücken, soll das Museum of Modern Art seine Besucher aus dem edlen Midtown Manhattan locken.
Doch es ist keine unorganische Bewegung, die Kurt Sattler und das Michael-Maltzan-Büro hier vollziehen mußten. Längst gehört es zu einem der ungeschriebenen Gesetze der Großstadt, dass die Kultur dem Geld weichen muß. Nirgendwo vollzieht sich das so dramatisch und rasch, wie in New York. Die etablierten Galerien und Museen halten sich noch in Manhattan. Die Kunst selbst hat den Schritt längst vollzogen. Hat sich die alten Viertel von Brooklyn erobert und die Flußufer von Queens. Das MoMA ist auch keineswegs die einzige Kunstinstitution am Westende von Queens. Nicht weit von hier liegt das P.S.1, jene umgebaute Schule, in der sich das Museum of Modern Art Experimente gönnt. Das Museum of Moving Images ist in dieser Gegend, der japanische Steingarten von Isamu Noguchi und der Socrates Sculpture Garden, die man schon jetzt mit einem Gratisbus erreichen kann, der vor dem Museum of Modern Art losfährt.
Auch das MoMA Queens wird auf der Route liegen. Obwohl man auf alle Fälle die Fahrt mit der U-Bahn machen sollte. Auf der Hinfahrt hat Kurt Sattler auf die Graffiti gedeutet, die in die Scheiben geritzt sind, weil die Stadt die Züge schon vor Jahren mit Graffitifesten Emailleplatten verkleidet hat. Sie verzerren den Blick und treffen sich doch mit den monumentalen Schriftzügen auf den Mauern der Industriegebäude, begleiten die Fahrt wie hieroglyphische Wegmarken. Dann, kurz vor der 33rd Street Station taucht zwischen den Rost-, Grau- und Brauntönen der Umgegend der tiefblaue Quader des MoMA Queens auf. Weiße Schriftfragmente leuchten auf den Luftschächten der Dachlandschaft, fügen sich zu den Logolettern “MoMA" und lösen sich wieder auf.
Lange hat es gedauert, bis der optische Effekt funktionierte. Immer wieder mußte Kurt Sattler vom 7 Train aus die Bewegung überprüfen, mußte die Bautrupps anweisen, die Luftschächte noch einmal zu versetzen, bis die Bewegung perfekt saß. Und auch die Bleiglastüren am Eingang zerlegen die MoMA-Lettern bei jeder Öffnung in abstrakte Bestandteile, geben den Blick frei auf ein Eck der Ausstellungsräume.
Ganz leicht ziehen sich die Stufen nach links, eine Treppe fuhrt daneben zum Zwischengeschoß. Kurt Sattler nimmt die Stufen langsam, läßt jeden Schritt auf sich wirken. Am Kopfende öffnet sich das Foyer. Ein langgezogener Raum, über dem das Zwischengeschoß des zukünftigen Cafés schwebt. Ganz leicht nur öffnet sich der Raum, schließt in die Halle mit dem Kartenschalter ab, hinter dem sich parallel zum Foyer und zum Gang in die Ausstellungsräume schon der nächste Raum öffnet. Kurt Sattler ist zufrieden. “Wie Kontraktionen" sollen die Besucher den schleifenförmigen Weg ins Herz des Museums wahrnehmen. Dann öffnen sich die Galerien. Hallen, die luftig und hell wirken. Eine in sich geschlossene, in sich stimmige Abfolge von Bewegungen vom Times Square bis zum Ausstellungsobjekt.
Am 29. Juni wird das MoMA Queens eröffnen. Die Direktion weiß, was sie ihrem Publikum schuldig ist. Höhepunkte der ständigen Sammlung werden von Anfang an als permanente Ausstellung geführt. Bis zum September werden unter dem Titel Tempo Skulpturen, Installationen und Gemälde gezeigt, die eine Ausstellung namens Autobodies begleitet, die ähnlich wie die Motorrad Show des Guggenheim das Auto als Kunstwerk präsentieren wird. Zeichnungen und das Howard Gilman Archiv für architektonische Skizzen werden ab Oktober zu sehen sein. Von Februar bis Mai nächsten Jahres soll dann eine Gegenüberstellung der Werke von Picasso und Matisse für Sensationen folgen, abgelöst von Werkschauen Max Beckmanns, Ansel Adams' und Armando Revérons. Und sollten die Besucher erst am frühen Abend wieder auf den Queens Boulevard treten, auf diese unansehnliche Ausfallsstraße unter den Hochgleisen des 7 Train, dann werden sie entdecken, dass es sogar in der visuellen Wüste der Middle Landscape perfekte Momente geben kann. Nach Westen öffnet sich hier eine der schönsten Blickachsen New Yorks. Entlang der Hochgleise sieht man über den Monolith der Citibank Queens, über die Netzstrukturen der 59th Street Bridge, über die Vereinten Nationen und die Art-Deco-Nadel des Chrysler Building auf die letzten Strahlen des Sonnenuntergangs. Und für genau solche Blicke liebt man diese Stadt.
Momente der puren Perfektion gibt es nur selten. Für einen Architekten ist es der Augenblick, in dem er zum ersten Mal einen fertigen Bau betritt. Die Arbeiter sind schon abgezogen. Die Räume, frei von Nutzen, Einrichtung und Menschen, können ihre Wirkung in Reinform entfalten. Jetzt beweisen sich die Ideen zum ersten Mal in der Realität. Und so läßt Kurt Sattler seinen Blick in jeden nur möglichen Winkel schweifen, als er jenen tiefblauen Betonblock in der New Yorker Vorstadt Queens betritt, der ab dem 29. Juni als vorübergehendes Domizil des Museum of Modern Art dienen soll.
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