New York 28.04. '-
Vergangene Woche spielten Modern Talking gemeinsam mit der Kölner Gruppe Bad Boys Blue im New Yorker Hammerstein Ballroom. Ohne Dieter Bohlen natürlich, der verkehrt mit seinem ehemaligen Gesangspartner Thomas Anders nur noch per Anwalt. Das war auch so angekündigt: “Modern Talking featuring Thomas Anders", stand auf den Plakaten, die schon seit Wochen in den Einwanderervierteln von Brooklyn und Queens in den Schaufenstern der russischen und polnischen Gemischtwarenläden hingen.
Schon bei ihrem letzten Amerikabesuch hatten Modern Talking ohne Bohlen gespielt. Das war im Sommer 2003 bei einem Konzert in Donald Trumps Taj Mahal Kasino in Atlantic City. Laut Bohlens zweiter Autobiografie war Thomas Anders damaliger Alleingang Auslöser für die Trennung der wiedervereinten Modern Talking gewesen, angeblich darf Thomas Anders per Gerichtsbeschluss Modern-Talking-Hits in der Öffentlichkeit heute nicht einmal mehr summen, aber hier soll es nicht um die Details eines von Anwälten und Regenbogenpresse hysterisierten künstlerischen Scheidungsverfahrens gehen, sondern um einen Abend, an dem sich ganz hervorragend feststellen ließ, warum Modern Talking die wichtigsten Popstars der deutschen Geschichte sind, auch wenn sich an diesem Abend nicht ein einziger deutscher, geschweige denn amerikanischer Konzertbesucher im Hammerstein Ballroom einfand. Aber genau das ist ja der Punkt.
Viele Polen waren gekommen, viele Russen, vorne an der Bühne standen ein paar vietnamesische Gangsterboys mit gegelten Stachelfrisuren und an der Bar lungerte eine Gruppe Mongolen herum. Bis auf die Vietnamesen und Mongolen war das Publikum eher mittleren Alters, keiner sprach akzentfrei, was den Eindruck bestätigte, dass sich hier Einwanderer zusammengefunden hatten. Die Herren trugen Lederjacken und Schnauzer, die Damen die Röcke kurz, die Haare blond. Radikaler osteuropäischer Unterschichtenschick eben, vor dem sich niemand so fürchtet wie das westeuropäische Bildungsbürgertum, das die kulturhistorische Bedeutung Modern Talkings lieber verdrängen würde. Doch für das osteuropäische Publikum im Hammerstein Ballroom waren Modern Talking die Erinnerung an eine Zeit der großen Verheißungen.
Er sei etwas nervös, sagte Thomas Anders, nachdem er zwei Lieder von seinem Soloalbum gesungen hatte, die niemand hören wollte. Es sei sein erster Auftritt in New York. Dazu wiegte er sich im perfekt gebügelten Nadelstreifenanzug routiniert von Ferse zu Ferse. Nun ist der Hammerstein Ballroom kein schlechter Konzertsaal für New York. 2500 Zuhörer finden hier Platz, die Akustik ist selbst im dritten Rang noch hervorragend und die Stuckaturen verleihen dem Raum einen Hauch von verblasstem Luxus. Normalerweise spielen im Hammerstein all jene, die zu hip, zu alt oder zu exotisch sind, um in Amerika richtig Erfolg zu haben. Air zum Beispiel, New Order oder Robbie Williams. Modern Talking sind in New York allerdings so exotisch, dass sie auf der Webseite des Hammerstein Ballroom nicht bei den Konzerten aufgelistet waren, sondern bei den “Sonderveranstaltungen" zwischen der Handelsmesse für moslemische Importeure und dem Festival mit koreanischen Schlagerstars. Das ist zwar nicht gerade das standesgemäße Debüt für Weltstars die mit 120 Millionen verkauften Alben eigentlich in eine Kategorie mit Madonna, U2 und den Bee Gees gehören, dafür lieferte der Abend trotz des kläglichen Rahmens die musikalische und politische Erklärung für das Phänomen Modern Talking.
Die politische Erklärung liegt in den Anfängen der Gruppe Mitte der 80er Jahre. In den kommunistischen Ländern waren Modern Talking das unbedenklichste Symbol für die Sehnsucht nach dem kapitalistischen Westen. Sie standen nicht für Amerika wie die Rockmusik, für eine Supermacht also, die zu der Zeit nicht nur ein ideologischer Feind war, sondern immerhin ein paar tausend Atomraketen auf die Staaten des Warschauer Pakts gerichtet hatte. Nein, Modern Talking standen für den Westen des geteilten Deutschlands. Da gab es zwischen einer rebellischen Grundhaltung gegen das eigene Regime und dem Fraternisieren mit dem nuklearen Feind für die Jugend von Warschau bis Ho-Tschi-Minh-City selbst im Pop einen gewaltigen Unterschied.
Einen ähnlichen Unterschied machten während der 90er Jahre auch junge, nationalistische Serben, die sich einerseits nach westlicher Popkultur sehnten, andererseits mit Amerika nichts zu tun haben wollten. In Belgrad gab es damals die Subkultur der Dieselistas, die ausschließlich italienische Diesel Jeans trugen, weil Levi's Symbol für die verhassten USA war, und die eine Musik Turbofolk hörten, eine Mischung aus deutschem Techno und serbischer Folklore. In diesem Kontext haben Modern Talking einen ähnlichen Stellenwert wie einst die D-Mark und heute der Euro, die dem Dollar in Zonen des Antiamerikanismus regelmäßig den Rang als globale Schwarzmarktwährung abliefen.
Die musikalische Erklärung liegt vor allem im Klangbild von Modern Talking. Das beschränkt sich mit Falsettstimmen und spitzen Synthesizerarrangements fast ausschließlich auf den oberen Frequenzbereich, unter dem lediglich ein elektronischer Basspuls hämmert. Das aber entspricht eher dem Klangbild osteuropäischer und asiatischer Musik, in der die Bassbereiche wenn überhaupt nur als Trommelschlag vorkommen. Zudem hat dieses Klangbild den Vorteil, dass Modern-Talking-Stücke damit auch auf den Lautsprechern russischer und chinesischer Autoradios funktionieren, die lediglich den Frequenzbereich eines Mittelwellesenders wiedergeben können.
Aber auch die Texte waren mit ein Grund für den Erfolg. Weitgehend sinnfrei vermittelten sie über einzelne Reizworte einen Hauch von Weltläufigkeit. Cheri und Lady suggerierten eine ähnliche Eleganz wie die Flasche Chivas Regal in der Dorfdisco. Brother Louie kombinierte das anheimelnde Gemeinschaftsgefühl des internationalisierten Wortes für Bruder mit dem gut grölbaren Namen Louie. Das alles funktionierte auch bei einem Publikum, das englischen Worten höchstens auf den Etiketten westlicher Konsumprodukte begegnete, weil es auf der Schule Russisch oder Chinesisch gelernt hatte. Ein Konzept, das im osteuropäischen Pop bis heute angewandt wird. Man muß sich nur die Schallplatte “Cosmopolitan Life" anhören, die der russische Superstar Leonid Agutin gerade mit dem Jazzrockgitarristen Al di Meola aufgenommen hat. Ohne erkennbaren Zusammenhang werden da Halbsätze voller Reizworte aneinandergereiht: “Eines Tages am Montag werde ich U-Bahn fahren, von Bombay nach Norwegen werde ich auf der Autobahn fahren". Amerika wird dabei immer noch ausgespart, stattdessen sollen Ortsmarken wie Bombay, Norwegen, Moskau und Portofino die provinzielle Sehnsucht nach kosmopolitischem Leben anfachen.
Für das Publikum im Hammerstein Ballroom hatte sich diese Sehnsucht natürlich längst erfüllt. Für sie war das Konzert vor allem ein nostalgischer Rückblick in die eigene Vergangenheit. Da war es egal, dass sich Thomas Anders eine Band mit Musikern zusammengestellt hatte, die die Modern-Talking-Stücke stilistisch nicht korrekt auf richtigen Instrumenten spielten. Es schien auch keinen zu stören, dass Dieter Bohlen nicht erschien. “War das der Blonde?", fragte der polnische Besitzer einer Eisenwarenhandlung aus Pennsylvania.
Thomas Anders wusste dann auch, was sein Publikum von ihm erwartete. Bis auf die beiden eigenen Stücke am Anfang und ein Schlagermedley beschränkte er sich ausschließlich auf die Hits von Modern Talking. Selbst da kam nicht alles an. Die Titelmelodie aus “Deutschland sucht den Superstar" wurde mangels Wiedererkennungswert mit Ratlosigkeit begrüßt, die Stücke der wiedervereinten Modern Talking zu Beginn dieses Jahrzehnts mit höflich verhaltenem Applaus. Doch auch wenn sich Thomas nicht mehr erinnern konnte, welches Stück auf welcher Platte erschien, schien er die Verkaufszahlen der Singles noch gut im Kopf zu haben. Gegen Ende des Konzertes schraubte er die Stimmung systematisch nach oben, sang als letzte Nummern “Geronimo's Cadillac" und “Brother Louie", ging dann von der Bühne, weil das Publikum natürlich auf die beiden größten Hits von Modern Talking wartete.
Die gab es nach minutenlangem frenetischem Jubeln als Zugaben: “You're My Heart, You're My Soul" und schließlich, endlich “Cheri, Cheri Lady". Eines musste man ihm lassen - so ausgelassen war die Stimmung im Hammerstein Ballroom schon lange nicht mehr. Keiner stand mehr still, einige tanzten sogar Discofox, und wer sich nicht mehr so ganz aufrecht halten konnte, der wippte zumindest an die Wand gelehnt im Takt. “Thank You!", rief Thomas Anders gerührt zum Abschied. Dann übernahm schon der Discjockey des polnischen Mittelwellesenders das Mikrofon und verabschiedete die Menge mit einer feurigen Schlußmoderation, deren Inhalt sich dem lediglich englisch- und deutschsprachigen Zuhörer leider entzog.
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