Wie sieht Ihre Arbeit vor Ort aus?
Alexandra Tager: Ich leite hier ein Team von 12 Vollzeitfreiwilligen, die ich jeden Tag mit Lauflisten losschicke, um unangemeldete Wahlberechtigte zu registrieren.
Was sind das für Listen?
Tager: Das sind höchst ausgeklügelte Computerlisten, auf denen wir sehen können, wer schon registriert ist, wer wie oft zum Wählen geht, wer noch nie beim Wählen war und wer sich für diese Wahlen schon angemeldet hat. Damit planen wir unsere Einsatzrouten. Da hat man dann einen Stapel Namen und Adressen, und mit denen geht man dann los und klopft buchstäblich an ihre Türen.
Woher bekommen Sie so persönliche Daten?
Tager: Das sind alles öffentlich zugängliche Informationen. Wahllisten zum Beispiel. Man sieht ja nicht, für wen die jeweilige Person gestimmt hat. Diese Listen werden dann über einen Algorithmus mit Volkszählungsdaten und öffentlich zugänglichen Verbraucherdaten abgestimmt. So können wir ermitteln, wen wir ansprechen wollen. Weil wenn wir zum Beispiel jemanden besuchen, der sowieso zum Wählen geht, wäre das ja reine Zeitverschwendung.
Welche potentiellen Wähler sprechen Sie denn an?
Wird Ihre Arbeit von einer Partei unterstützt?
Tager: Als gemeinnützige Organisation dürfen wir nicht mit Parteien zusammenarbeiten. Wir sagen den Frauen auch nicht, für wen, sondern nur dass sie wählen sollen. Es geht einzig darum, Bürgerinnen dazu zu bringen, ihre Rechte wahrzunehmen.
Ähnlich wie Rock the Vote die Jungwähler und Moveon.org die Liberalen mobilisieren.
Tager: Genau. Jeder hat da seine demografischen Richtlinien.
Nach denen man aber auch ungefähr einschätzen kann, wer für die Demokraten und wer für die Republikaner stimmen wird.
Tager: Unsere Zielgruppe wird natürlich eher die Demokraten wählen. Es ist aber völlig legitim, eine bestimmte demografische Gruppe anzusprechen. Die Republikaner nehmen zum Beispiel Kirchgänger als Zielgruppe für ihre Mobilisierung. Hier in Iowa kann man auf den Listen die ethnische Zugehörigkeit nicht erkennen. Im Süden, zum Beispiel in Florida gehört das zu den Wahlinformationen. Sie können sich jetzt selbst zusammenreimen, wie das dort benutzt wurde.
Gibt es schon Zahlen, wie viele Neuwähler in die Wahllisten eingetragen wurden?
Tager: Die letzte Zahl beläuft sich auf fünf Millionen. Das gab es in diesem Maße noch nie. Die Gemeindeämter sind derzeit vollkommen überfordert, die Wahllisten zu aktualisieren.
Was hat Sie dazu bewegt, sich ausgerechnet in Iowa zu engagieren?
Tager: Zunächst mal ist New York für die Demokraten eine ziemlich sichere Bank. Aus persönlicher Sicht fühle ich mich von dieser Regierung persönlich angegriffen. Ich habe das Gefühl, diese Regierung zerstört nicht nur unser Land, sondern die ganze Welt. Und dagegen will ich etwas tun.
Waren Sie in Ihrem erwachsenen Leben jemals zuvor politisch so aufgebracht und engagiert?
Wo werden Sie den Wahltag verbringen?
Tager: In meinem Büro hier in Iowa City. Mit meinen zwölf Mitarbeitern und hoffentlich einer ganzen Menge freiwilliger Helfer. Bis dahin werden wir unsere Listen durchgearbeitet und jede Person zwei Mal besucht haben. Und dann ziehen wir los, erinnern die Frauen daran, wirklich zu wählen, manche werden wir zum Wahllokal fahren.
Haben Sie schon eine Prognose?
Tager: Meine Prognose ist, dass das einer der chaotischsten Tage in der Geschichte Amerikas werden wird.
SZ: Chaotischer, als der Wahltag 2000?
Daheim in New York stattet Alexandra Tager (37) Filmproduktionen wie “The Royal Tennenbaums", “Manhattan Love Story" oder “Vergiss mein nicht" mit Kunstwerken aus. Anfang Oktober schloss sie ihre Firma Available Art vorübergehend und rekrutiert seither im Bundesstaat Iowa für die Organisation Womens' Voices, Womens' Votes Nichtwählerinnen. Sie gehört zu einem Heer von Freiwilligen, die ähnlich wie zu Zeiten der Bürgerrechtsbewegung durchs Land ziehen, um Nichtwähler in die Wahllisten eintragen zu lassen.
Tager: Alleinstehende Frauen. Die bilden eine der größten Nichtwählergruppen im Land. Bei den letzten Wahlen haben 22 Millionen wahlberechtigte, allein stehende Frauen nicht gewählt. Dazu zählen unverheiratete, geschiedene, verwitwete Frauen aller Einkommensschichten.
Tager: Nein. Nicht in diesem Maße. Und ich glaube, das ist eine Arbeit, die ich in Zukunft weitermachen werde. Je länger wir nur herumsitzen, desto schlimmer wird es werden. Es geht ja nicht nur um diese Wahlen. Egal wer gewinnt muss man die Regierenden in Zukunft viel strenger zur Verantwortung ziehen.
Tager: Ja. Weil so streng wie dieses Jahr sind Wahlen noch nie überprüft und beobachtet werden. Die Organisation ’People for the American Way' wird buchstäblich Tausende zu den Wahllokalen in den Bezirken schicken, in denen die Gefahr besteht, dass Wähler eingeschüchtert oder behindert werden, wie letztes Mal. Die werden vor den Wahllokalen stehen und die Leute fragen, ob sie gewählt haben, ob alles glatt ging, und diese Informationen werden sie umgehend an Rechtsanwälte weitergeben, die sofort eingreifen können. In Florida, Ohio und Colorado werden die Wahlen sicherlich sehr umstritten sein. Da gibt es schon erste Vorwürfe, dass es nicht mit rechten Dingen zugeht. Die Leute vertrauen dem System einfach nicht mehr.
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