Damals, als Mississippi die vorderste Front im Kampf um die Bürgerrechte für die Schwarzen im Land bildete und der Ku-Klux -Klan glaubte, er müsse dort gegen den Untergang des Abendlandes kämpfen. Von all dem wusste Reginald Steele noch nichts. Ihn packte beim Anblick der Vermummten ganz einfach die Angst, er rannte über eine Meile weit durchs Unterholz, bis er atemlos zu Hause ankam. Doch keiner der Erwachsenen wollte ihm glauben. Niemand konnte ahnen, dass diese Männer am nächsten Tag die Gemeinde der Mount Zion Methodist Church verprügeln, die Kirche niederbrennen und bald schon Geschichte machen würden, weil sie gemeinsam mit dem örtlichen Sheriff am 21. Juni 1964 die drei jungen Bürgerrechtler James Earl Chaney, Andrew Goodman und Mike Schwerner ermordeten.
Heute ist die Kirche längst wieder aufgebaut, eine Gedenktafel und drei schlichte Holzkreuze erinnern an die drei Opfer, und kaum jemand pflanzt hier noch Mais oder züchtet Schweine. Reginald ist gleich nach der Schule fortgezogen, an die Küste, wo er in den Werften der Navy Schlachtschiffe zusammengeschweißt hat. Wer blieb, lebt jetzt von der Stütze oder bezieht eine Rente, so wie Reginalds Mutter Arecia. Sie wohnt immer noch in dem geduckten Ziegelhaus und geht zweimal in der Woche zum Gottesdienst in die nahe Mount Zion Methodist Church. Im Wohnzimmer mit den abgedeckten Polstermöbeln und den gerahmten Familienbildern wippt die 75-jährige Dame bedächtig in ihrem Schaukelstuhl, während ihr Sohn spricht. Kühl und düster ist er hier, die Fenster sind wegen der brütenden Nachmittagshitze verschlossen.
Gerechtigkeit soll den drei jungen Männern nun widerfahren, deren Überreste Beamte des FBI damals nach 44 Tagen in einem Erdwall fanden. Gerechtigkeit, weil es nie einen Mordprozess gegeben hat, obwohl damals acht Männer verhaftet wurden, darunter auch Edgar Ray Killen, der Prediger und Führer des örtlichen Ku-Klux-Klan, der den Mord im Auftrag seiner Klanbrüder aus dem benachbarten Landkreis geplant hatte.
Stanley Dearman war damals Reporter der Tageszeitung Star aus der Nachbarstadt Meridien. Philadelphia kannte er kaum. “Das war Redneck Country, der Arsch der Welt, niemand kam hierher, der nicht musste", sagt er, der später die örtliche Zeitung kaufte und nun schon seit 38 Jahren hier lebt. Der schwergewichtige ältere Herr passt immer noch nicht ganz hierher. Ein Steinwayflügel steht am Fenster, Beethovens Klaviersonaten sind aufgeschlagen, in den Bücherregalen stapeln sich Aufnahmen von Horowitz und Glenn Gould.
Die Geschichte des Mordes hat er schnell erzählt. Der 21-jährige Schwarze Chaney und die beiden gleichaltrigen Sprösslinge jüdisch-liberaler Mittelstandsfamilien aus New York, Goodman und Schwerner, hatten die Gegend bereist, um im Rahmen des “Freedom Summer" Schwarze für die Wahlen zu registrieren. Nach dem Brand der Kirche beschlossen sie, den Fall zu untersuchen. Was sie nicht wussten - der Ku-Klux-Klan des benachbarten Landkreises Lauderdale hatte Schwerner auf eine schwarze Liste gesetzt, weil er Schwarzen in ihrem Berzirk beibrachte, wie sie sich ordnungsgemäß in die Wahlregister eintragen. Auf dem Rückweg von der Kirche wurden sie von Deputy Sheriff Cecil Price wegen Schnellfahrens verhaftet. Gegen zehn Uhr abends wurden sie aus dem Gefängnis entlassen und machten sich auf den Weg nach Meridien. Doch schon nach wenigen Meilen wurden sie von der Straße gedrängt und nicht weit von Edgar Ray Killens Haus zu einer Gabelung im Wald verschleppt. Mehr als 20 Klanmänner stürzten sich auf sie. Chaney wurde erschlagen, Goodman und Schwerner erschossen. Dann verscharrten die Männer die Leichen nicht weit vom Highway 21 auf dem Grundstück ihres Kameraden Olen Burrage, der dort heute noch lebt.
Der hagere Mann ist jetzt 80 Jahre alt, doch vom heutigen Montag an wird ihm vor dem Provinzgericht von Philadelphia endlich der Prozess gemacht. 41 Jahre sind eine lange Zeit, um einen Mordprozess zu eröffnen. Doch Mord verjährt nicht, und so lange hat es eben gedauert, bis sich ein Staatsanwalt von Mississippi endlich die Mühe machte, den Fall von Philadelphia zu eröffnen. Dort hätte man die Morde gern vergessen. Doch es waren Dutzende von Büchern, die die Welt an jene historische Schmach erinnerten, und da war vor allem Alan Parkers Film “Mississippi Burning", der 1989 für sieben Oscars nominiert wurde.
Viele haben daran gearbeitet, dass es nun losgeht. Allen voran die Philadelphia Coalition. Örtliche Honoratioren wie Stanley Dearman gehören ihr an. Deborah Posey, eine Krankenschwester, die in einer Familie voller Vorurteile aufgewachsen ist, die lange mit einem Mann verheiratet war, der glaubte, Chaney, Goodman und Schwerner hätten sich alles selbst eingebrockt, und die nur unter Tränen davon sprechen kann, wie sie ihr Leben lang keine Filme und Fernsehberichte über die Bürgerrechtsbewegung ansehen konnte, weil sie sich insgeheim für das Verbrechen so schämte.
Da ist der Rechtsanwalt Fenton DeWeese, der nicht müde wird zu erklären, warum es so wichtig ist, den Schuldigen auch nach 41 Jahren noch den Prozess zu machen. “Hier redet kaum einer darüber", sagt er in seiner Kanzlei nicht weit vom Gerichtsgebäude. “Doch man kann so eine historische Schuld nicht einfach verdrängen. Die ganze Welt kennt uns als Ort des Grauens, und solange wir uns dieser Schuld nicht stellen, kann sich hier nie etwas weiterentwickeln." Manche machen heute noch einen Umweg, nur um nicht durch Neshoba County fahren zu müssen, auch wenn das bedeutet, meilenweit um den Bzoirk herumzukurven, weil der HIghway 19 die direkteste Verbindunbg zwischen dem Osten und dem Norden von Mississippi ist.
Natürlich gibt es auch in MIssissippi noch jene Sorte der Unverbesserlichen, die wirklich glauben, Edgar Ray Killen habe damals richtig gehandelt. Doch die wissen längst, dass sie heute am äußersten Rand der Gesellschaft stehen. Drüben beim Highway 19 leben einige von ihnen, dort wo auch Killen wohnt. Arme Wald- und Landarbeiter, “Rednecks", “White Trash", wie sie in den Städten verächtlich sagen. Reden wollen sie nicht. Schon gar nicht mit Journalisten. Ein Reporter der englischen Zeitung Independent ist erst letzte Woche die Country Road 515 entlanggefahren, die eher ein geteerter Waldweg als eine Landstraße ist. Er ist an der Gabelung links abgebogen, an der nur ein Stromkasten steht und nichts mehr daran erinnert, dass Chaney, Goodman und Schwerner hier ermordet wurden. Er ist noch ein Stück weitergefahren, vorbei an dem Schild, auf dem geschrieben steht, dass Höllenfeuer alle diejenigen erwartet, die nicht an Gott glauben, bis er Killens Haus sehen konnte. Man hatte ihn gewarnt, Killen dürfe nach den hiesigen Gesetzen auf jeden schießen, der einen Fuß auf sein Grundstück setze. Einen Reporter des New Yorker hatte Killen vor ein paar Jahren mit einer Schrotflinte begrüßt. Also versuchte es der Mann vom Independent bei einem Nachbarn, doch der alte Mann griff auf die Frage nach dem Prozess nach einer Eisenstange und schlug den Reporter krankenhausreif.
Lawrence Guyot nimmt Sprücheklopfer wie Barrett nicht richtig ernst. Doch der Sprecher des “Vereins für Veteranen der Bürgerrechtsbewegung" in Washington spricht am deutlichsten aus, welcher Vergleich für die jüngere Vergangenheit Mississippis taugt: “Wir hatten dort eine Politik der Apartheid, die genauso systematisch und effektiv war wie in Südafrika", sagt er. Das sei mit ein Grund gewesen, dass die Bundesbehörden den örtlichen Stellen nicht trauten. Guyot kannte Chaney, Goodman und Schwerner sehr gut. Er war mit ihnen über Land gezogen, sollte an jenem Abend des 20. Juni sogar mit ins Auto steigen, um vom Hauptquartier der Bürgerrechtsorganisation Core in Ohio nach Mississippi zu fahren und den Kirchenbrand zu untersuchen. Polizei und Sheriff, das war ihnen klar, würden nichts tun. Guyot war verliebt und verabredet. Das hat ihm das Leben gerettet. Bitter ist er nicht geworden. “In Mississippi sind sich viele ihrer historischen Rolle gar nicht bewusst", sagt er. “Aber ohne den Mord an den dreien wären wohl noch viel mehr Menschen umgekommen. Und letztlich hat ihr Tod all die Entwicklungen in Gang gesetzt, die dazu geführt haben, dass dieses Jahr in Philadelphia Mississippi mit Nettie Cox zum ersten Mal eine schwarze Frau für das Bürgermeisteramt kandidiert."
Arecia Steele ist sich da nicht so sicher. Wer kann es ihr verdenken. Sie war schon erwachsen, als sie von den Trinkbrunnen, Toiletten und Lokalen von Philadelphia die Warntafeln “Whites Only" und “Colored Only" abschraubten. Sie erinnert sich an Erzählungen ihrer Mutter, die noch die Lynchings miterlebt hat, bei denen Schwarze an Laternenmasten aufgeknüpft wurden und das weiße Volk dazu applaudierte. Sie kennt zu viele junge Schwarze, die unschuldig ins Gefängnis mussten und hat zu viele weiße Verbrecher gesehen, die frei herumspazieren. Und wenn nun doch ein Schuldspruch gefällt wird? Arecia Steeles Augen ziehen sich zusammen. “Warum nur Killen?", ruft sie und schlägt wieder diesen Predigerton an. “Was ist mit all den anderen, die gemordet haben?" Es leben ja noch einige der Verdächtigen von damals.
Neshoba County/Mississippi , im Juni - Es war schon dunkel, als Reginald Steele am Vorabend jener historischen Tage des Sommers 1964 die Männer vom Ku-Klux-Klan im Gehölz hinter der Kirche erspähte. Neun Jahre war er damals alt, Sohn eines jener schwarzen Pachtbauern, die in den Hügeln rund um das Städtchen Philadelphia im fruchtbaren Farmland von Mississippi Mais pflanzten und Schweine aufzogen. Drei oder vier Gestalten in Kutten und Kapuzen standen da, ganz ruhig, im Dunkel kaum zu erkennen. “Die trugen ja keine dieser weißen Roben, wie man sie aus dem Fernsehen kennt", sagt Reginald Steele. “Damals waren sie viel zu arm. Damals haben sie Maissäcke zusammengenäht und die Augenschlitze herausgebrannt."
Dann ist sie an der Reihe, Arecia, und wenn sie erzählt, wie die Klanmänner den braven Kirchgängern unter der riesigen Platane auflauerten, wie sie ihre Freunde aus dem Auto zerrten und so zurichteten, dass sich der alte Bud Cole nie mehr richtig erholte, wie sie bei Nacht den Feuerschein sahen, als die Kirche niederbrannte, und wie sie alle wussten, dass es schlimm ausgehen würde, als die drei jungen Männer vermisst wurden, die ihnen doch noch ein paar Wochen zuvor in der Kirche erklärt hatten, wie sie sich zum Wählen anmelden könnten, da steigert sich ihre Stimme vom zögerlichen Murmeln bis zu jenem feurigen Sforzato der Baptistenprediger.
Das FBI traute der Justiz von Mississippi nicht und hielt seine Beweise zurück. Mord ist in Amerika aber ein Verbrechen, das auf Bundesstaatsebene verhandelt wird. Der damalige Staatsanwalt von Mississippi dachte allerdings gar nicht daran, die schuldigen Klanmänner vor Gericht zu bringen. Der Bundesjustiz blieb dann kein anderer Klagegrund, als neunzehn Verdächtigen wegen “Verletzung der Bürgerrechte der Mordopfer" den Prozess zu machen. Das gab zwar nur Gefängnisstrafen zwischen drei und zehn Jahren, aber immerhin wurden sieben Männer verurteilt. Edgar Ray Killen kam frei, weil sich eine derzwölf Geschworenen weigerte, einen Priester zu verurteilen.
Der Vorsitzende des Ortsvereines der schwarzen Bürgerrechtsbewegung NAACP Leroy Clemens gibt ihm recht. “Seit 1964 ist Mississippi wie unter einem Mikroskop", sagt er. “Diese Schuld verschwindet nicht einfach, nur weil wir sie ignorieren." Die schwarze Gemeinde sehe das auch viel unemotionaler als viele glaubten. “Es gibt so eine Art vorsichtigen Optimismus", sagt er. “Aber jeder weiß, dass dies nur ein Anfang sein kann. Rassismus wird es immer geben." Er sei heute sogar schlimmer, als damals. "Damals wußte man wenigstens, wo der Feind steht. Heute versteckt sich der Rassismus hinter den Schreibtischen in den Beamtenstuben und Gerichtshöfen." Man dürfe auch nicht vergessen, dass Teile der Bürgerrechte, die den schwarzen Amerikanern Mitte der 60er Jahre zugestanden wurden, nur Verordnunden sind, die alle 25 Jahre erneuert werden müssen, so wie der Voter Rights Act, der 2007 bestätigt werden muss. "Das sind legalistische Feinheiten, aber manch einer fühlt sich da wie ein Bürger auf Bewährung.
An diesem Nachmittag ist es hier zwischen den mächtigen Bäumen ganz ruhig, und wer vom sicheren Waldweg aus zu den Häusern hinaufruft, bekommt nur das Bellen der Hunde als Antwort. Der einheimische Führer besteht darauf, keine Grundstücksgrenzen zu übertreten. Nein, wer wissen will, wie die Unverbesserlichen denken, der muss gut zwei Stunden westlich in die Hauptstadt Jackson fahren. Dort lebt der Rechtsanwalt Richard Barrett, ein aufgekratzter Herr von 61 Jahren, der sich heute noch für die Rassentrennung einsetzt und schon öfter Skinheads vor Gericht vertrat. Man habe das alles missverstanden, sagt Barrett. Edgar Ray Killen sei ein heldenhafter Zeitgenosse und der Ku-Klux-Klan nur eine Bürgerwehr, die damals den Staat Mississippi gegen die Invasion der Kommunisten verteidigt habe, die nichts im Sinn hatten, als Neger aufzuwiegeln. Ob die Schwarzen nicht schon lange vor der Bürgerrechtsbewegung in Mississippi gewesen seien? “Es war schon ein Fehler, sie hierher zu bringen", sagt er. Ob er die Bürgerrechte der Schwarzen allen Ernstes wieder zurücknehmen will? “Die Verfassung hat nie vorgesehen, dass Abkömmlinge von Sklaven eingebürgert werden." Und der Prozess gegen Killen? “Er könnte zum Märtyrer werden. Doch die Geschichte wird ihm Recht geben."
Am Abend der Wahl sitzt die Lehrerin im Ruhestand im Gerichtssaal von Philadelphia, in dem nun der Prozess gegen Killen beginnt, und sieht ganz ruhig dabei zu, wie sich die Gerichtsdiener mit einer defekten Wahlmaschine abmühen. “Es stimmt, ohne diese drei Jungs hätte ich hier nie kandidieren und vor allem nicht im ganzen Ort Wahlkampf betreiben können", sagt Nettie Cox. Als das Ergebnis gegen zehn Uhr feststeht und sie mit 540 gegen 666 Stimmen verliert, sagt sie nur: “Nicht so schlecht. Jetzt wäre es vielen recht, ich würde meinen Mund halten und aufgeben." Sie setzt ein verschmitztes Grinsen auf. “Nichts dergleichen werde ich tun. Und in vier Jahren versuche ich es noch mal." Jetzt wird sie erst einmal den Prozess begleiten. Gerechtigkeit wäre lange überfällig. Nun sei ihre Stadt wohl bereit.
Reginald Steele legt seiner Mutter beruhigend die Hand auf die Schulter. “Der Mord ist wie eine Wunde, die nie versorgt wurde", sagt er. “Wird Killen schuldig gesprochen, kann sie wenigstens zur Narbe verheilen." Ob ein Schuldspruch nicht aber auch alte Wunden aufbrechen kann? Er lächelt, aber es ist ein schmerzhaftes Lächeln. “Das wissen wir erst, wenn wir nach einem Urteil in den Lebensmittelladen gehen oder uns bei der Bank Geld leihen wollen." Nein, so leicht wird er den Glauben an seine Heimat nicht finden.
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