GOTTES TREUE KRIEGER

Weltweit nutzen evangelistische und islamistische
Missionare Schwachstellen in der Zivilgesellschaft
- auch im Irak tobt nun ein Kampf um die Seelen.
© Andrian Kreye

Nahe der Grenze zum Irak bahnt sich in Jordanien derzeit eine diplomatische Katastrophe an, mit der die Konflikte im Nahost doch noch zu einem handfesten Kampf der Kulturen eskalieren könnten. Junge Amerikaner bereiten sich dort auf ihren humanitären Einsatz vor. In Lagerhäusern und Werkhöfen sortieren sie Kleidungsberge, Medikamente und Teile für Trinkwasseranlagen, sie planen Routen für die Verteilung von Nahrungsmitteln und operieren dabei mit einem Jahresbudget von 194 Millionen Dollar. Dagegen ist natürlich prinzipiell nichts einzuwenden, wären sie nicht als Missionare für Samaritan's Purse unterwegs, die Wohltätigkeitsorganisation des Baptistenpredigers Franklin Graham, die in Deutschland als “Geschenke der Hoffnung" im Vereinsregister eingetragen ist.

Graham geriet im April in die Schlagzeilen, weil er die Karfreitagspredigt im Pentagon gehalten hatte. Amerikanische Moslemorganisationen sahen das angesichts des Irakkrieges als klaren Affront, denn Graham hatte nach den Anschlägen des 11. September gepredigt: “Der Gott des Islam ist nicht unser Gott. Es ist ein anderer Gott und ich glaube, dass dies eine üble und böse Religion ist." Sind Grahams Vorstöße nicht der Beweis dafür, dass der Einmarsch im Irak sehr wohl ein Angriff des Christentums auf den Islams gewesen ist? Immerhin - 97 Prozent aller Iraker sind Moslems. Aus dem Pentagon heißt es dazu lapidar, Samaritan's Purse sei eine private Organisation. Der könne man keine Vorschriften machen.

Das ist nicht ganz richtig, vor allem nicht, seit George W. Bush am 17. April beschlossen hat, die Organisation der humanitären Hilfe im Irak nicht wie üblich dem Außenministerium oder den Vereinten Nationen, sondern dem Pentagon zu übertragen. Ein Beschluß, der für die Hilfsarbeit in der gesamten Welt weitreichende Folgen haben wird, weil Bush damit die NGOs de facto dem Pentagon unterstellt und somit erstmals gezwungen hat, ihre Neutralität aufzugeben und unter der Ägide der amerikanischen Streitkräfte zu operieren.

Es ist auch nicht das erste Mal, dass Franklin unter der Schirmherrschaft der amerikanischen Regierung Missionsarbeit betreibt. Samaritan's Purse war schon nach dem ersten Golfkrieg im Irak, danach im Kosovo und in Afghanistan im Einsatz. Teils mit der finanziellen Unterstützung der amerikanischen Behörde für Entwicklungs- und Nothilfe US Aid.

Mit Ausnahme des Fernsehpredigers und einstigen Präsidentschaftskandidaten Pat Robertson hat kein Geistlicher so gute Verbindungen nach Washington wie Franklin Graham. Er war es, der George W. Bush nach der Alkoholentwöhnung zum Glauben führte, und er sprach bei dessen Amtseinweihung vor zwei Jahren auch das Bittgebet. Geerbt hat er diesen Einfluß von seinem Vater, dem Reverend Billy Graham, der sich als geistlicher Berater von Richard Nixon und strammer Antisemit einen Namen gemacht hatte.

Die Konfession der Grahams ist die Southern Baptist Church, eine Baptistensekte die Ende des 19. Jahrhunderts in den amerikanischen Südstaaten von Verfechtern der Rassentrennung gegründet worden war, die Schwarze aus ihrer Kirche fern halten wollten. Noch in den 60er Jahren galten die Southern Baptists als Gegner der Bürgerrechtsbewegung, die die Arbeit ihres Glaubensbruders Martin Luther King eher behinderten. Und erst vor drei Jahren beschlossen die Kirchenväter, Frauen vom Pastorenamt auszuschließen.

Natürlich wissen Baptisten, dass Missionsarbeit gerade im Nahen Osten politischer Zündstoff ist. Immer wieder betonen sie, dass sie ihre Wohltätigkeitsarbeit aus reiner Nächstenliebe leisten. Doch die Tatsachen sprechen dagegen.

Im ersten Golfkrieg brachte Franklin Graham den obersten Befehlshaber General Norman Schwarzkopf gegen sich auf, weil er Zehntausende arabischer Übersetzungen des Neuen Testaments nach Saudi-Arabien geschickt hatte. Nach dem Erdbeben, das 2001 weite Teile El Salvadors in eine Katastrophengebiet verwandelte, kamen Grahams Missionare in Verruf, weil sie Opfer dazu zwangen, vom Katholizismus zu den Baptisten überzutreten. Hilfspakete, die Baptistenfamilien derzeit für den Irak packen, werden mit Bibelsprüchen auf Arabisch bedruckt. Der Professor für islamische Studien an der George Washington University Seyyed Hossein Nasr meinte dazu: “Was Moslems besonders erzürnt ist, dass die amerikanischen Bekehrungsversuche an weltliche Nutzen gekoppelt sind - arme Leute werden damit gelockt, dass sie Medizin für ihre Kinder und Impfstoffe für ihr Vieh bekommen, wenn sie dafür Gottesdienste besuchen. So können die USA nicht als Befreier auftreten.."

Die Debatte um die humanitären Kreuzzüge der Baptisten beleuchtet ein Phänomen, das seit dem Ende des Kalten Kriegs enorme Dynamik entwickelt hat. Überall dort, wo die Zivilgesellschaft Schwächen zeigt, stoßen Missionare in die Lücken. Sie leisten Katastrophenhilfe, bauen soziale Netze auf oder bieten einfach nur spirituellen und emotionalen Halt. Bush hat diese Dynamik gleich nach seinem Amtsantritt zum Programm gemacht. Im Rahmen des allgemeinen Abbaus staatlicher Sozialleistungen hat er die “faith based initiatives" ins Leben gerufen. Damit unterstützt die Regierung die Bestrebungen religiöser Gruppen, mit Hilfe der Wohlfahrt die Gemeinschaft ihrer Gläubigen zu erweitern.

Die Southern Baptists gelten dabei weltweit als einer der aggressivsten Missionskirchen. Seit dem Ende des Kalten Krieges operieren sie vor allem in Osteuropa und im so genannten “10/40 Window". Damit sind die Gebiete zwischen dem 10. und dem 40. nördlichen Breitengrad gemeint, zu denen der gesamte Nahe Osten, der indische Subkontinent und weite Teile Asiens gehören. All jene Länder also, in denen die Mehrzahl der Moslems, Hindus und Buddhisten leben. In den islamischen Ländern alleine hat sich die Zahl der evangelistischen Missionare seit 1990 vervierfacht. Nur für den Irak stehen derzeit 25.000 ausgebildete Evangelisten bereit.

Es sind nicht allerdings nur Christen, die auf Seelenfang gehen. Die buddhistische Militärregierung von Burma versucht Andersgläubige genauso zu bekehren, wie militante Hindus in Indien. Buddhistische Sekten rekrutieren ihre Mitglieder vermehrt unter den haltlosen Großstädtern des Westens. Sekten wie die Sanyassins, die Moonies oder Scientology betreiben aggressive Missionsarbeit. Die größten Erfolge, in die Lücken der Zivilgesellschaft vorzustoßen hatten bislang allerdings die Gesandten der islamischen Glaubensgemeinschaften der saudischen Wahhabis und der iranischen Schiiten, die weltweit um die Rolle als die wahren Hüter des Islams konkurrieren.

Auch die moslemischen Missionare sind für politische Ziele im Einsatz. Das zeigt sich vor allem bei den Musterfällen für ihre Erfolge. Im Gazastreifen dient den iranischen Mullahs die Hamas als Brückenkopf, im Südlibanon die Hisbollah. Dabei waren es weniger die Terroranschläge gegen Israel, als die Armenspeisungen und Nothilfen in den Flüchtlingslagern, mit denen sich die beiden Gruppen ihre Basis schafften. Auch die von der saudischen Regierung finanzierten Wahhabis unterhalten weltweit Sozialprogramme, in deren Zentrum Koranschulen und Moscheen stehen. Von den pakistanischen Bergen bis nach Harlem in New York haben die Wahhabis ihr Netz ausgebaut.

Für diese spirituelle Martkwirtschaft ist der eroberte Irak so etwas wie ein Eldorado. Hier zeigt die Zivilgesellschaft keine Schwächen - Diktatur und Krieg haben sie schlichtweg ausgelöscht. Kein Wunder also, dass die Missionare schon während des Krieges wie Geier um das Land kreisten. Gleich nach der Eroberung von Bagdad mobilisierten iranische Emissäre die schiitischen Gemeinden im Süden des Irak, die prompt eine theokratische Regierung forderten. Saudische Gruppen wollen im großen Umfang humanitäre Hilfe schicken und versuchen, irakische Moslems zum fundamentalistischen Wahhabismus zu bekehren. Ganz abgesehen von den Plänen aus dem Irak ein Musterbeispiel einer arabischen Konsumgesellschaft zu machen, die von Moslems als Missionsarbeit der Säkularisten betrachtet wird.

Die christlichen Missionare werden da letztendlich nur einen kleinen Anteil im Großprojekt des Wiederaufbaus haben. Doch der wird vom Symbolwert weit übertroffen.





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