DIE HAUPTSTADT DER VERÄNDERUNG

In New York war schon vor dem
11. September alles anders.
© Andrian Kreye

Der gesamte Vorgang dauerte nicht länger als zehn Sekunden. Es war eine jener New Yorker Sommernächte, in denen sich die Hitze wie in schweren, feuchte Klumpen zwischen den Häuserzeilen verfängt. Der Dunst zeichnete goldgelbe Kreise um die Straßenlampen und im Norden stand das Empire State Building wie eine Fata Morgana am Himmel. An der Südostecke des Sarah D. Roosevelt Parks, der sich die Lower Eastside entlangzieht, roch es nach warmem Teer und nach dem Moder aus den Luftschächten der U-Bahn. Über dem Park wie verwaist die rostroten Fassaden der altertümlichen Mietskasernen, auf deren schwarzen Gerippe aus eisernen Feuerleitern am frühen Abend noch chinesische Einwanderer gesessen hatten, um der stickigen Schwüle ihrer neonbeleuchteten Wohnungen zu entfliehen.

Der Mann löste sich aus dem Schatten eines Hauseingangs. Er trug trotz der Hitze einen Wollmantel und mit der rechten Faust hielt er eine abgebrochene Autoantenne wie einen Degen vor sich. “Die Brieftasche", forderte er barsch und blickte sich dabei gehetzt um. Die Zeit schien kurz stillzustehen. War es nicht genau so eine Situation, vor der einen immer schon alle gewarnt hatten? Eine jener klassischen New Yorker Situationen, der man als Europäer nicht gewachsen war? In der Sekundenbruchteile darüber entscheiden, ob dieser Abend ein böses Ende nimmt? Fliehen, kämpfen, Geld hergeben?

Ein Wagen bog um die Ecke, tauchte die Szene in Scheinwerferlicht, worauf der Mann im Wollmantel mit kurzen Sätzen im Park verschwand.

Nicht gerade eine Heldengeschichte und doch immer wieder gerne erzählt. Wie man damals in New York fast von einem Straßenräuber niedergestochen, vielleicht nicht gerade umgebracht, aber doch sicherlich schwer verletzt und um die gesamte Reisekasse gebracht worden wäre. Und darum geht es letztendlich bei jeder Reise nach New York - um das große Abenteuer. Darum, sich an der härtesten Stadt der Welt zu messen. Ha! Auch zehn Tage im Mittelklasshotel wollen hier erst einmal überlebt werden. Dazu pfeift man mental den Gassenhauer von Frank Sinatra, der da sagt, wer's hier schafft, der schafft es überall.

Das ist jenes New York, das wir aus den Filmen von Martin Scorcese und Woody Allen kennen. Jener düstere Moloch mit den unerbittlichen Straßen von Downtown aus “Mean Streets" und den melancholischen Lichtern vom Times Square aus dem Vorspann von “Taxi Driver". Jene verheißungsvolle Großstadt mit den idyllischen Stadtbildern aus “Manhattan" und den interessanten Menschen aus dem “Stadtneurotiker". Das ist der Schauplatz der brillanten Romane von Truman Capote, Tom Wolfe oder Paul Auster, und hier schrieben Bob Dylan, Lou Reed und David Byrne ihre Worte für drei Minuten dauernde Ewigkeiten.

Eines war New York jedenfalls nie - ein bloßes Reiseziel. Es war immer schon der Archetyp der Großstadt, der Metropolis, des Moloch. Und mehr noch. Wer vom Flughafen aus über den Brooklyn Queens Expressway nach Manhattan fährt, der sieht erst einmal die Silhouetten der Wolkenkratzer, die sich am Himmel abzeichnen und jene unvergleichliche Linie bilden, die als Symbol für die Versprechungen Amerikas und der Moderne bekannt ist. Egal ob in einer Imbißbude in Manila, einer Eisdiele in München oder einem Bürokomplex in Moskau, irgendwo findet man immer eine Skyline. Als Zeitungsausschnitt, Postkarte oder als gerahmten Druck. Und überall dient sie als Fluchtpunkt der Träume und Sehnsüchte.

Der Schriftsteller Nick Cohn bezeichnete New York einmal als Herz der Welt. Eines das für alle schlägt. Das ursprüngliche Motto der Stadt war ein Vers der Dichterin Emma Lazarus, der in den Sockel der Freiheitsstatue gemeißelt ist: Give me you tired, your poor, your huddled masses yearning to breathe free. Für die Zehntausenden die sich alljährlich aus den Entwicklungsländern und Bürgerkriegsgebieten hierher retten hat dieser Sinnspruch heute noch Gültigkeit. Für die meisten, die am John F. Kennedy Flughafen ankommen ist die Reise allerdings nicht ganz so existentiell. Der Komiker Jerry Seinfeld hat es auf den Punkt gebracht, als er in einem seiner Monologe die rhetorische Frage stellte: “Warum nur die Müden, die Armen und die bedrängten Massen? Was ist mit den Schönen, Klugen und Reichen der Welt?"

Viele kommen hierher, weil sie die Herausforderung suchen. Auch sie sind Flüchtlinge. Sie sind dem Mittelmaß entkommen, ihrer Kultur, ihrer Familie oder auch nur ihrer Langeweile. Manchen reichen schon wenige Tage, um das Versprechen New York einzulösen. Dann kehren sie wieder in ihre Heimat zurück und erzählen. Geschichten von kleinen Abenteuern und davon, dass es in den Straßenschluchten von New York wirklich so aussieht, wie in den Filmen von Martin Scorcese und Woody Allen. Und manche, die vor nicht allzuvielen Jahren schon einmal in New York waren und nun zurückkehren berichten, dass es nun ganz anders ist in New York. Das deutlichste Zeichen für die Veränderung der Stadt ist nicht zu sehen. Wer hier gelebt hat, der sieht dieses Nichts freilich jeden Tag - jenes Loch in der Skyline, das an der Spitze von Manhattan nur dann sichtbar wird, wenn sich die unbewußte Schablone der Erinnerung über das reale Bild schiebt. Für die New Yorker diente das World Trade Center seit 1970 als eine Art Kompaßnadel. Ganz egal wo man sich in Manhattan befand - die beiden Zwillingstürme zeigten den Süden an. Bis zu den Anschlägen vom 11. September 2001.

Als die beiden Türme einstürzten, brach auch das Traumbild von New York als Schutzhafen der Welt zusammen. Denn hinter den Versprechen der Herausforderung und der Chance verbargen sich zwei Versprechen, die noch viel grundlegender waren: Manhattan war die Insel der Seligen, die sich in Sicherheit und Freiheit gerettet hatten. “New York wird nie mehr so sein wie früher", hieß es gleich nach den Anschlägen. Das mag richtig sein. Doch die Anschläge des 11. September waren nur ein dramatischer Höhepunkt in einer langen Geschichte der Veränderungen, die New York schon seit jenem Moment im Jahre 1626 bestimmt haben, als der deutschstämmige Holländer Peter Minuit den Indianern vom Stamm der Algonquin die Felseninsel Manna-Hatin für Glasperlen und Knöpfe im Werte von 60 Gulden abschwatzte. Die jüngste Metamorphose vollzieht nicht erst seit dem 11. September 2001, sondern schon seit mehr als zehn Jahren.

New York als bedrohlicher, kosmopolitischer Moloch existiert schon lange nur noch als Mythos. Ausgerechnet jene Stadt, die so eine perfekte Kulisse für Thriller hergibt, steht seit Mitte der 90er Jahre nicht einmal mehr auf der Liste der 20 gefährlichsten Städte Amerikas. Und die Produktionsfirma der langjährigen Fernsehserie “Law and Order" beschwerte sich, dass sie den Dreck und den Müll, der zum visuellen Standardrepertoire jedes New-York-Krimis gehört, seit einigen Jahren von der Requisite mitbringen müssen. Die gefürchtete Einheit für Straßenkriminalität der New Yorker Polizei wurde im Frühjahr 2002 offiziell mit der Begründung aufgelöst: “Es gibt in New York keine Straßenkriminalität mehr." Es war vor allem ein Mann, der die Stadt nach den Verfallsjahren der 70er und 80er Jahre so radikal gesäubert hat. Rudolph Giuliani, ehemaliger Staatsanwalt aus Brooklyn, eine knallharter Konservativer, der gleich in seinem ersten Amtsjahr mit den Stadtstreichern, den Drogensüchtigen und der Mafia aufräumte.

Giuliani hatte Glück, denn in seine Amtszeit fielen auch die Wirtschaftswunderjahre des Internetbooms. Mit diplomatischem Gespür und Steuervergünstigungen holte er die Medienkonzerne und die neue Elite der so genannten Dotcoms in die Stadt. Am unteren Broadway entstand ein neues Zentrum der digitalen Industrien, das unter dem Spitznamen “Silicone Alley" dem Silicone Valley in Kalifornien Konkurrenz machte.

Der Boom dauert bis ins neue Jahrtausend hinein. Zeit genug für Giuliani, New York so weit zu amerikanisieren, dass der Kulturkritiker Thomas Frank schrieb: “Die Entwicklung von New York zeigt die Zukunft der Großstadt als urbanen Vergnügungspark für all jene, die ihrem bürgerlichen Leben in der Suburbia für kurze Zeit entfliehen wollen."

Das ehemalige Rotlichtviertel des Times Square verwandelte Giuliani in ein Tourismuszentrum mit Musicaltheatern, Megastores und Kettenhotels. Die einstige Bohémehochburg des East Village wurde zum braven Kneipenviertel gezähmt. Ehemalige Elendsviertel wie Harlem, Hell's Kitchen und die Lower Eastside wurden als Wohnviertel für den Mittelstand erschlossen. Der Erfolg hatte seinen Preis. Die Fälle von Polizeibrutalität häuften sich. Der haitianische Einwanderer Abner Louima wurde auf einem Revier in Brooklyn gefoltert. Beamte der “Street Crimes Unit" erschossen in der Bronx den afrikanischen Straßenhändler Amadou Diallo.

Im Frühjahr des Jahres 2000 schließlich platzte die Blase der neuen Märkte. Mit einem Mal wurde den New Yorkern klar, was der Boom aus ihrer Stadt gemacht hatte. Aus der kosmopolitischen Metropole war ein Marktplatz geworden, auf dem nur noch das schnelle Geld zu zählen schien.

Beim ersten Crash sprang niemand an der Wall Street aus dem Fenster, so wie damals am Schwarzen Freitag von 1929. Zwar waren an einem einzigen Handelstag über eine Billion Dollar vom Erdboden verschwunden, aber die Hauptgeschädigten, saßen nur etwas betreten in ihren Lofts an der Silicone Alley und in ihren Arbeitsparks im Silicone Valley. Es hatte kaum Familienväter getroffen und kaum Institutionen. Die meisten der Jungmillionäre waren Anfangs- und Mittzwanziger, die seit ihrem Aufstieg oft nicht einmal die Zeit gehabt haben, aus ihren Einzimmerappartments auszuziehen und sich nach wie vor von Pizzas und Softdrinks ernähren. Niemand konnte ahnen, dass wie lange die Krise dauern würde. Und was für eine Katastrophe die ersten Anzeichen der Erholung am 11. September des nächsten Jahres im Keim ersticken würde.

David Hershkovitz , Chefredakteur des New Yorker Stadtmagazins “Paper" sagte: “New York war immer schon die grandioseste Stadt der Welt. New York läßt sich durch nichts unterkriegen." Damit hat er immer noch Recht. Weder autokratische Bürgermeister, feindselige Präsidenten, Größenwahn, Geldgier oder blinder Haß haben die Stadt in die Knie zwingen können. Und doch umwehte die Seele von New York schon immer eine Aura der manischen Depression. Geht es der Stadt und ihren Menschen gut, fühlen sie sich unsterblich. Geht es ihnen schlecht glauben sie das Ende der Welt sei nah.

Der Essayist E.B. White schrieb in seinem Essay “Here Is New York": “Kaum einer spricht über diese subtile Veränderung, die doch alle beschäftigt. Die Stadt ist das erste Mal in ihrer langen Geschichte zerstörbar. Der Kurs eines einzigen Flugzeuges, nicht größer als ein keilförmiger Schwarm Gänse, kann den Traum dieser Insel ganz rasch beenden, kann ihre Türme verbrennen, ihre Brücken einstürzen lassen, kann die unterirdischen Wege in Todeskammern verwandeln, in denen Millionen eingeäschert werden. Die Bedrohung der Sterblichkeit ist nun Teil von New York: im Lärmen der Jets über den Köpfen und in den schwarzen Schlagzeilen der letzten Zeitung."

White verfaßte diese Zeilen über die Stadt seiner Jugend im Sommer 1948 und beschrieb damit die Angst der Welt vor dem Atomkrieg. Bis zum 11. September 2001 hatte New York noch unzählige Höhen und Tiefen zu durchschreiten. Und immer wieder kehrte das kollektive Angstgefühle in die Stadt zurück, das White beschrieben hat. So war New York während der Kubakrise von 1962 potentielles Angriffsziel für die sowjetischen Atomraketen. 1975 mußte New York fast Bankrott erklären, und als der damalige Bürgermeister Ed Koch die Bundesregierung in Washington um Finanzhilfe für die bankrotte Stadt bat, hielt Präsident Ford eine Rede, welche die Daily News mit der Schlagzeile “Ford to City: Drop Dead" kommentierte.

Während der Verelendung in den 70er Jahren und der Epidemie der Sucht nach der Kokainform Crack wurde die Stadt von Kriminalitätswellen gebeutelt, die in unzähligen Kriminalfilmen den Mythos vom Moloch New York begründeten. Und Ende der 80er Jahre erschütterten Wirtschaftsskandale und Rassenunruhen den “Big Apple".

Am 11. September 2001 stand Nick Cohns Herz der Welt für einen ewigen Moment lang still. Auch wenn die Wunde in Downtown Manhattan längst nicht verheilt ist, auch wenn dort immer noch für alle, die sich in der Stadt auch nur für kurze Zeit heimisch fühlten ein weithin sichtbares Loch klafft - es schlägt nun wieder. Man spürt es, wenn man am Morgen mit der U-Bahn fährt und die Gesichter all jener blickt, die gleich wieder die Herausforderung annehmen werden. Wenn man am Nachmittag den Broadway hinunterläuft und sich durch die geschäftigen Massen drängt. Wenn man am Abend den grell beleuchteten Times Square überquert und sieht, wie die Massen in die Theater und Kinos strömen. Wenn man nachts durch die Viertel von Downtown Manhattan schlendert, wo einem an jeder Ecke Gelächter und Musik entgegenschallt, und man nach Norden blickt, wo die Spitzen des Empire State und des Chrysler Building in ihrer fast schon kitschigen Art-Deco-Pracht in den Nachthimmel strahlen. Natürlich hat all das New York verändert. New York hat sich schon immer verändert. Für jeden einzelnen Menschen, der hierherkam symbolisierte New York die Veränderung schlechthin. Das war in New York immer schon ein Versprechen, das sich als Herausforderung entpuppte. Denn egal ob sich die Veränderung zum Guten wendete, zum Schlechten oder wohin auch immer, eines hat diese Stadt noch nie gekannt - den Stillstand.





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