Die Liste der ersten Bioterroropfer ergibt ein klares Muster. Erst war es der Verlag American Media Incorporated in Boca Raton, Florida, der Klatschpostillen wie den National Enquirer, Globe oder die attackiert Sun herausgibt. Letzten Freitag folgten der Fernsehsender NBC und die New York Times. Noch am selben Tag wurden vermeintliche Anschläge auf ein Filmstudio der Sony Pictures, ein Büro von Microsoft, sowie die Provinzzeitungen Kansas Star und Columbus Dispatch bestätigt. Als der Fernsehsender ABC am Montagabend eine Pressekonferenz einberuft, um zu verkünden, dass der siebenmonatige Sohn eines Mitarbeiters an Milzbrand erkrankt ist, scheint überhaupt kein Zweifel mehr daran zu bestehen, dass sich das Kind beim Sender angesteckt hat - die Medienwelt ist Zielscheibe des Terrors. Doch wer tut sowas, fragte CNN-Moderator Frank Cesno?
Im Falle Florida weisen die Indizien erst einmal Richtung Al-Quaida. Einige der Selbstmordattentäter vom 11. September haben in einer Flugschule nicht weit von Boca Raton trainiert. Außerdem gehörten die American-Media-Postillen nach den Anschlägen zu den ersten, die Bin Laden und die Attentäter verhöhnten. The Globe schrieb, Bin Ladens Haß auf Amerika stamme aus einer Nacht, in der eine Amerikanerin sich über seine unterentwickelten Geschlechtsteile lustig gemacht habe. Der National Inquirer wirbt nach wir vor für Toilettenpapier, auf das ein Foto Bin Ladens gedruckt ist.
Nun ist es recht unwahrscheinlich, dass Osama Bin Laden in seinem Versteck amerikanische Klatschblätter liest. Wahrscheinlicher ist die Vermutung, dass die Dschihad-Aufrufe der Al-Quaida nicht an klare Direktiven gebunden sind. Terrorzellen arbeiten oft nach dem Prinzip der “leaderless resistance", einer Taktik, die auch rechtsradikale Terroristen in Amerika verfolgen. Demnach werden die so genannten Schläfer so weit auf Linie gebracht, dass sie im Ernstfall nach eigenem Gutdünken in Aktion treten. Oft fühlen sich fanatische Anhänger einer militanten Ideologie dadurch ganz von selbst dazu berufen, einen Anschlag durchzuführen, so wie der Oklahomabomber Timothy McVeigh. Für diese Theorie spricht auch, dass schon früh Milzbrandbriefe an das amerikanische Außenministerium geschickt wurden, und der Umstand, dass der Milzbrand-versuchte Brief an Microsoft aus Malaysia kam, einem Land mit einer großen Zahl radikaler Moslems.
Anschläge auf Medien könnten in der Strategie der terroristischen Kriegsführung die Verbreitung von Angst und Panik mit geringstem Aufwand verfolgen. Doch es ist kaum anzunehmen, dass alle vermeintlichen und wirklichen Bioanschläge in diesen Wochen aus dem selben Lager kamen. Denn nicht nur terroristische Taktik, auch Haß könnte die Motivation sein. Und den größten Haß auf die amerikanischen Medienindustrie haben die Radikalen im Lande selbst.
Rechtsradikale wie Dr. William Pierce, Chef der National Alliance und Autor des rassistischen Kultromanes “The Turner Diaries", die McVeigh als Vorbild für das Oklahoma-Attentat dienten, sehen beispielsweise die Medien als Zentrum der jüdischen Weltverschwörung. Neonazis wie Tom Metzger von der White Aryan Resistance glauben, dass die angeblich jüdisch dominierte Unterhaltungsindustrie den Geist der weißen Jugend vergiftet. Und auch die Bewegung der sogenannten New Patriots, die Mitglieder der Milizen, rassistischen Sekten und Survivalist Groups, sehen in den Medien nur ein Instrument der Regierung, der Juden und der Liberalen, um das Volk mit Propaganda und Fehlinformationen zu verdummen.
Rick Eaton, hat seit zehn Jahren für das Simon Wiesenthal Center in Los Angeles die rechte Szene, aber auch islamistische Gruppen in den USA untersucht und unterwandert. Zur SZ sagte er: “Ich hoffe sehr, dass die zuständigen Behörden sich im Klima der Terrorangst bei ihren Nachforschungen nicht auf eine Richtung beschränken, sondern sich in alle Richtungen umsehen. Die rechte Szene beschäftigt sich immerhin schon seit gut zehn Jahren mit entsprechender Literatur." Auf den Survivalist Expos, den Fachmessen für Überlebenstraining, auf denen sich kurz vor der erwarteten Y2K-Katastrophe zum Jahrtausendwechsel Rechtsradikale alle Lager trafen, gehörten Anleitungen zur konventionellen, chemischen und biologischen Kriegsführung zur Pflichtlektüre.
Eines dieser Bücher wurde von dem Mikrobiologen Larry Wayne Harris im Selbstverlag veröffentlicht und heißt “Bacteriological Warfare: A Major Threat to North America". Offiziell ein Ratgeber für den privaten Zivilschutz der paranoiden Rechten. Die Details sind jedoch so ausführlich, dass potentielle Bioterroristen das Buch allerdings auch als Anleitung benutzen könnten. Harris selbst ist Mitglied der Aryan Nations und Anhänger des rechtsradikalen Christian-Identity-Glaubens. 1995 wurde Harris sechs Wochen nach den Chemie-Anschlägen der japanischen Aum Shinrikyo-Sekte verhaftet, weil er bei einem Versand für Biostoffe Beulenpesterreger gekauft hatte. Drei Jahre später prahlte er damit, genug Milzbranderreger zu besitzen, um die gesamte Bevölkerung von Las Vegas auszulöschen. Bei einer Razzia fand das FBI allerdings nur harmlose Milzbrandkulturen, wie sie für Impfstoffe verwendet werden.
Harris löste eine ganze Welle Nachahmer aus. Zwischen 1998 und 1999 benutzten Christian-Identity-Sekten, Abtreibungsgegner und Erpresser die Angst vor dem Bioterror für vermeintliche Anschläge.
Die rechten Bioterroristen sind auch jetzt wieder aktiv. Von den Medien kaum beachtet landete diesen Montag nachmittags ein Brief mit Milzbrand-verdächtiger Substanz im Lighthouse Counseling Center in Montgomery, Alabama, einer Beratungsstelle für Frauen, die auch bei Abtreibungsfällen hilft. Auftakt für eine wahre Flutwelle gepuderter Drohbriefe, die am Montag bei 90 Zweigstellen der Organisation Planned Parenthood eintrafen, dem Äquivalent der deuschen ProFamilia. Sowie bei rund 80 Kliniken im ganzen Land. Sicherheitsexperten, die Rechtsradikale im Internet beobachten, notierten sofort nach dem 11. September Aufruf der Szene, jetzt zuzuschlagen. “Wir sollten billige chemische und biologische Methoden wählen", schrieb ein Mitglied der Mississippi Militia. Und ein Mitglied der Minnesota Aryan Nations befand: “Die Zeit, anzugreifen ist jetzt."
Auch die Art Anschläge auf ABC und NBC unterstützt diese Theorie. Beide wurden mit Erregern des Hautmilzbrandes durchgeführt, einer Krankheit, die in der Natur vor allem von Nutztieren der Landwirtschaft übertragen wird. In den USA infizieren sich jedes Jahr rund 4000 Menschen mit dieser nur selten tödlichen Form des Milzbrandes. Es ist nicht allzuschwer, sich Erreger auf einem Bauernhof zu besorgen und damit einen Brief oder ein Büro zu verseuchen.
Rudolph Giuliani beschwichtigte also nicht bloß, als er am Montagabend die amerikanische Bevölkerung beschwor, nicht in Panik auszubrechen. Nicht sehr glaubwürdig, nachdem ebenjene Medien, die offensichtlich im Fadenkreuz der Milzbrandterroristen stehen, die Panik seit Wochen mit Horrorszenarien aus der Biowaffenforschung schüren.
Es wird nicht möglich sein, alle vermeintlichen und wirklichen Bioanschläge aufzuklären. Doch egal ob Islamisten oder Rechtsradikale, Verrückte oder Scherzbolde, eines ist ihnen in Zukunft sicher. Von den amerikanischen Gerichten werden sie in Zukunft als Terroristen behandelt.