Früchte des Zorns

Oklahoma-Attentäter Timothy McVeigh war das Produkt einer paranoiden Ideologie der amerikanischen Unterschichten
© Andrian Kreye



Erst die Scheu. Dann wiegt der Revolver schwerer, als man dachte. Ein matt glänzendes Instrument aus Stahl, hier draußen auf der Ranch in der endlosen Weite des amerikanischen Westens ein so alltägliches Werkzeug wie eine Kneifzange. Wie selbstverständlich bekommt der Besuch für die Nacht im abgelegenen Gästehaus die Waffe in die Hand gedrückt. Wegen der Schlangen, der Wildkatzen, der streunenden Hunde, gewiß auch wegen der marodierenden Landstreicher, aber die würden beim Anblick des Revolvers sicherlich die Flucht ergreifen. Sonst gibt es nicht viel zu erklären. Die Mechanik aus Abzug, Hammer und Trommel funktioniert mit perfider Einfachheit. Ein Probeschuß noch. Die Waffe bäumt sich auf und man beginnt zu ahnen, wieviel Macht man da in der Hand hält. “You're an American now", sagt der Gastgeber mit einem hämischen Grinsen, weil er weiß, dass ein Mitteleuropäer kaum nachvollziehen kann, was eine Waffe für das Lebensgefühl hier draußen bedeutet.


Die Gründer der Nation schrieben das Recht aller Bürger, eine Waffe zu tragen, gleich hinter das Recht auf uneingeschränkte Meinungsfreiheit in das 2nd Amendment der Verfassung. Schließlich hatte der Unabhängigkeitskrieg damit begonnen, dass die Briten versuchten, die Amerikaner zu entwaffnen, um sie in der kolonialen Knechtschaft zu halten. Milizen formierten sich daraufhin, unabhängige Bürgerwehren, die gegen die Unterdrücker in den Partisanenkrieg zogen. Seitdem steht die eigenen Schußwaffe als Symbol für die Autonomie und Freiheit aller Amerikaner. Wer ihnen das Recht darauf nehmen will, der kann nur eines im Sinn haben - die freien Bürger zu versklaven.


Eine ganze Weltanschauung baut auf diesem Gedanken auf, die Ideologie des so genannten New Patriot Movement, einem Ventil für den rechtslastigen Zorn der weißen Unterschichten und ein Sammelbecken für Rassisten, Sektierer und Verschwörungstheoretiker. Auch die New Patriots formten in den 90er Jahren Milizen, um gegen die Unterdrücker zu kämpfen. In diesem Fall gegen die Liberalen aus Washington und ihre bürokratischen Schergen. Als Waffennarren belächelt, die am Wochenende in den Wäldern ihre Kriegsspiele veranstalten, wollte sie zuerst niemand ernst nehmen. Bis zum 19. April 1995. Da sprengte Timothy McVeigh, Golfkriegsveteran und ehemaliges Mitglied der Michigan Militia, das Regierungsgebäude in Oklahoma City mit einer selbstgebauten Autobombe und tötete dabei 168 Männer, Frauen und Kinder. Die Nation steht bis heute unter Schock, denn McVeigh paßt nicht in die gängigen Feindbilder der ausländischen Terroristen, Kommunisten, Drogenhändler. Der Psychologe John R. Smith bescheinigte ihm sogar, bei bester geistiger Gesundheit zu sein. Nein, McVeigh verkörpert eine Wut auf die Regierung, die im Innersten der Volksseele schwelt.


Wie bei den meisten Anhängern des New Patriot Movement bewegte sich Timothy McVeighs Biografie auf einer stetigen Kurve nach unten. Aufgewachsen im Bundesstaat New York als Sohn eines Automechanikers und der Angestellten eines Reisebüros, zieht er nach der Scheidung seiner Eltern zum Vater, der mit ihm nichts anfangen kann. Die High School bringt Timothy McVeigh noch zu Ende. Das College bricht er ab. Er meldet sich freiwillig zur Armee und verbringt dort, nach eigenen Aussagen, “die glücklichsten Jahre" seines Lebens. Als Panzerschütze zieht er in den Golfkrieg und nach seiner Rückkehr wird er als Mustersoldat von der Eliteeinheit der Ledernacken angeworben. Doch als er an den Aufnahmebedingungen scheitert, beginnt sein Abstieg in den Untergrund der amerikanischen Rechten.


Kurz zieht er zum Vater zurück, versucht sich als Wachmann, doch dann läßt er sich durchs Land treiben. Die Gun Shows haben es dem Waffenfanatiker angetan, Flohmärkte für Waffen und Zubehör, die an den Wochenenden in den schäbigen Merhzwehrhallen der Provinznester stattfinden. Er handelt ein wenig mit Waffe und Militaria, lernt die rechte Szene kennen, die sich bei diesen Shows versammelt. Und er findet die Bücher, die ihn prägen sollen. Handbücher der Survivalists, mit denen man lernt, Naturkatastrophen und Bürgerkriege zu überleben. Verschwörungstheorien von den antisemitischen “Protokollen der Weisen von Zion" bis zu den Abhandlungen über die so genannte Neue Weltordnung, in der Geheimorganisationen wie die Bilderberger und die Illuminaten unter dem Deckmantel der UNO die Macht übernehmen wollen. Hier verkauft er auch Exemplare seines Lieblingsbuches “The Turner Diaries", den rassistischen Kultroma von William Pierce, dem Chef der rechtsradikalen National Alliance, der davon erzählt, wie ein Versuch der Regierung, die Bevölkerung zu entwaffnen einen Rassenkrieg auslöst. Das Kapitel, in dem der Held des Buches das FBI-Hauptquartier in die Luft jagt wird er später zum Vorbild für seinen Anschlag nehmen.


Mit dieser Ideologie im Kopf glaubt auch McVeigh eine tiefere Symbolik in den zwei Schlüsselereignissen zu erkennen, die bis heute als Traumata durch das Gedankengut der Patriotenszene geistern - Ruby Ridge und Waco. In Ruby Ridge stürmt das FBI 1992 die Waldhütte des christlichen Fundamentalisten Randy Weaver, weil sie ihn verdächtigen, illegale Waffen zu horten. Während der Schußwechsel sterben Weavers 11jähriger Sohn und seine Frau. In Waco belagern Einheiten der Bundespolizei 1993 das Hauptquartier der Branch-Davidian-Sekte, weil sich die Sektierer ein umfangreiches Waffenlager angelegt haben. Als die Gebäude am 19. April in Flammen aufgehen, verbrennen auch Sektenführer David Koresh und 75 seiner Anhänger.


Die Patrioten sehen die beiden Razzien mit tragischem Ausgang als Fanal für eine groß angelegte Verschwörung, die mit der Entwaffnung aller Amerikaner beginnen soll. Wundersame Legenden machen da die Runde. Von ausländischen Hubschraubern und Panzern, die die UNO ins Land schleust, um sie gegen amerikanische Staatsbürger einzusetzen. Von Konzentrationslagern der staatlichen Katastrophenhilfe FEMA, in denen bei der Machtübernahme durch die Weltregierung freiheitsbewußt Bürger eingesperrt werden sollen.


Hinter der rechten Paranoia verbirgt sich eine tiefe Ohnmacht. Während der Farmkrise der 80er Jahre sammelten sich in den ländlichen Gegenden die ersten Rechtsradikalen, die nicht mehr die Minderheiten und Einwanderer, sondern die Bundesregierung zum Feind erklärten. Ronald Reagan hatte Jimmy Carters Pläne, amerikanisches Getreide für Milliarden nach Rußland zu verkaufen, rückgängig gemacht, und so waren viele Farmer auf ihren Krediten sitzengeblieben und mußten Bankrott anmelden. Während des Wirtschaftsbooms der 90er Jahre kamen all jene dazu, die von den neuen Märkten nicht profitierten, sondern von ihnen um ihre Existenz gebracht wurden - arbeitslose Fabrikarbeiter und Kleinunternehmer, die meist in den aussichtslosen Mindestlohnjobs der Serviceindustrie landeten. Die Versuche der Regierung, sie auch noch zu entwaffnen, empfinden sie als endgültige Erniedrigung in einem System, das ihnen keine Chance mehr gibt.


Doch trotz der gemeinsamen Ideologie bleibt die Bewegung bis heute eine lose Ansammlung von Splittergruppen. Da gibt es neben den Milizen die Anhänger der Christian Identity Churches, die glauben, die weißen Amerikaner seien die wahren Israeliten. Die Common Law Courts, eine inzwischen landesweite Form von Untergrundgerichten fällen Urteile, mit denen sie jenen Regierungsbeamten und Bankangestellten drohen, die ihnen Zahlungsbefehle schicken und Kredite verweigern. Rancher organisieren sich gegen die Verwaltung staatlicher Ländereien durch das Bureau of Land Management und den US Forrest Service. Tax Resisters weigern sich, Steuern an die Bundesregierung zu bezahlen. Hunderttausende von Amerikanern teilen die Meinung des New Patriot Movement. Hunderttausende glauben an die Halbwahrheiten, die die Bewegung über das Internet, in Sendungen auf Kurzwellensendern und in den offenen Kabelkanälen, in Büchern, Pamphleten und Rundbriefen verbreiten.


Timothy McVeigh war der einzige, der die Gewaltfantasien vom rechten Aufstand der Massen in die Tat umsetzte. Er hat sich den Mythos der leaderless resistance zu eigen gemacht. Als Wortführer wie Louis Beam vom Ku Klux Klan in Arkansas und Tom Metzger von der White Aryan Resistance begriffen, dass sich die rechtsradikale Bewegung nicht effektiv organisieren ließ, adaptierten sie die linke Idee von den revolutionären Zellen. Unabhängige Kampfeinheiten und Einzelkämpfer sollten ohne die Unterstützung einer Organisation auf eigene Faust in den Kampf ziehen. McVeigh führte sein Attentat mit der Präzision eines militärischen Einsatzes durch. Nur beim Bau der Bombe ließ er sich helfen. Bis heute versteht er sich als Soldat eines Freiheitskampfes, der bereit ist für seine Ideale zu sterben.


McVeigh war der Super-GAU im rechten Untergrund. Der unkontrollierbare Einzelne, der wild entschlossen seinen tödlichen Plan verfolgt. Trotzdem kreisen noch immer unzählige Theorien um seinen Anschlag. Ein solches Attentat könne kein einzelner durchführen. Er habe im Auftrag der dubiosen Sekte von Elohim City gehandelt. Die Bewegung der Militias habe ihn unterstützt. Doch es gibt keine Verschwörung, keine organisierte Bewegung, keine klar definierte Gefahr. Es gibt nur die ideologische Saat. Und die Früchte des Zorns.

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