SPÄT NACHTS IN ZION

Der unerwartete Erfolg des jüdisch-
orthodoxen Reggaesängers Matisyahu

© Andrian Kreye


New York im April '06 - In der amerikanischen Hitparade ist gerade ein jüdisch-orthodoxer Reggaesänger namens Matisyahu bis auf Platz 4 geklettert, der in der Tracht der Lubawitscher auftritt, Auszüge aus dem Talmud im Stakkato des Reggae Toastings vorträgt und sich deswegen eigentlich als so genannter Novelty Act qualifizieren würde, wie man musikalische Komiker im Englischen nennt. Allerdings könnte sich Matisyahu als musikalischer Sketch kaum seit drei Wochen in den Top 20 halten, denn in Amerika waren Novelty Acts vor allem ein Phänomen aus den Frühzeiten des Pop, so wie der Soundeffektmusiker Spike Jones oder die quietschende Eichhörnchenband “The Chipmunks". Heute existiert diese Kunstform vor allem in popkulturellen Schwellenländern wie Japan oder Deutschland, wo sich beispielsweise die Produktionen von Stefan Raab, Senor Coconut oder Texas Lightning großer Beliebtheit erfreuen. Im Gegensatz zu solchen musikalischen Witzbolden wird Matisyahu von Independentszene und Kritik durchaus ernst genommen. Das alles funktioniert im Pop nur, wenn man einen Nerv getroffen hat, was sich bei Matisyahu nicht sofort erschließt.

Aufgewachsen ist der 26jährige mit dem bürgerlichen Namen Matthew Miller als Sohn einer traditionellen jüdischen Familie in Berkeley und im New Yorker Vorort White Plains. Seine Jugend verbrachte er vor allem mit Kiffen. Er brach die Schule ab, schloss sich den Neohippies an, die der Jamband Phish auf ihren Tourneen kreuz und quer durchs Land folgen, bis ihn seine Eltern in ein Erziehungslager in der Wildnis von Oregon steckten. Dort begann er sich erstmals mit seinem Glauben auseinanderzusetzen, bis er sich während seines Studiums an der New School of Social Research in New York der orthodoxen Bewegung der Lubawitscher anschloss und seinen englischen Vornamen ganz einfach ins Hebräische übersetzte. In New York begann er dann auch mit seiner Band Roots und Raggamuffin zu spielen, zwei eher altmodischen Reggaegenres. Seine Fans rekrutierten sich dann auch nicht aus der Reggaeszene, sondern aus den Neohippies der Jambandszene, die neben dem anachronistischen improvisierten Rock in der Tradition der Grateful Dead verschiedene Jazzrock- und Ethnosparten am Leben erhalten.

Matisyahus Erfolgsalbum “Youth" ist nun seine dritte CD. Eingespielt hat er sie mit dem Produzenten Bill Laswell, der Garant dafür sein könnte, dass Matisyahu keine Eintagsfliege bleibt. Der frühere Experimentalmusiker ist der wohl begnadetste Produzent für Genre-übergreifende Musik. In den 80er Jahren wurde er damit bekannt, dass er Musiker aus fünf Kulturkreisen und drei Kontinenten in einem Studio versammeln und mit ihnen eine grandiose Platte aufnehmen konnte. Später produzierte er so unterschiedliche Projekte wie Soloalben von Mick Jagger und Peter Gabriel, Herbie Hancocks Prototechnohit “Rockit" und marokkanische Sufimusiker.

Laswells Handschrift schafft vor allem eine solide musikalische Grundlage, denn mit den eher altmodischen Roots- und Ragga-Nummern und einer Stimme, die beim Singen schnell an ihre Grenzen stößt, hat Matisyahu nicht gerade das Kaliber zum Hitparadenwunder. Es sind auch eher die Texte und die Leidenschaft, mit der er das gelobte Land beschwört, den ewigen Kampf der Sinnsuche und den spirituellen Befreiungsschlag spätnachts in Zion, die ihn zum Star geamcht haben. Dabei fehlt Matisyahu die frömmelnde Betulichkeit der Neubekehrten, wie man sie im Christian Pop findet - er fordert nicht die bedingungslose Hingabe an einen Erlöser, sondern den beherzten Kampf um die eigene Seele. “You know you've got to rise, although you like to flow", singt er in seinem Song “Late Night in Zion", der das Paradies hier auf Erden und nicht erst im Jenseits verspricht.

Was der Erfolg von Matisyahu zeigt ist einerseits die Rolle des Reggaes als Blaupause für die Protestmusik spiritueller Diasporagemeinden, genauso wie sich der Hip Hop weltweit als Ventil für den Zorn ohnmächtiger Jugendbewegungen etablieren konnte. Ähnlich wie Bob Marley mit seinen vom Rastafariglauben geprägten Texten den spirituellen Nerv der Rockgeneration und der entwurzelten Jugend in den Metropolen der Dritten Welt traf, spricht Matisyahu ein Bedürfnis nach einer spirituellen Heimat an, für die auch schon bei Marley Zion als Symbol diente. Einer Popgeneration die dem Phlegma der Generation X und dem Nihilismus des Hip Hop entkommen will und die weiss, dass sie härter für sich und ihr Überleben kämpfen muss, als jede andere Generation seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, kommen die hoffnungsvolle Diesseitigkeit und der spirituelle Pragmatismus des jüdischen Glaubens sicherlich eher entgegen, als der Untertanengeist des amerikanischen Protestantismus oder die entrückte Exotik esoterischer Glaubensexperimente.

Nun ist Matisyahu weder der erste noch der einzige, der jüdische Spiritualität derzeit in einen Popkontext setzt. Auch die Anhänger der Kaballah-Sekte wie Madonna, Britney Spears oder Courtney Love versuchen, Weisheiten aus jüdischen Schriften in simpler Form unters Popvolk zu bringen. Mit einem Unterschied - Matisyahu ist sich bewusst, dass der jüdische Glauben im Gegensatz zu Islam und Christentum kein Bekehrungsglauben ist. Er bietet seinen Zuhörern einen vagen Einblick in die Inhalte des Talmuds. Von Versprechen, spirituellen Laien einen Zugang zum jüdischen Glauben oder gar die Mystik der Kaballah zu ermöglichen, hält er sich klugerweise fern.




Matisyahu "A King Without A Crown"

Matisyahus Webseite



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