AK: Wie definieren Sie Terrorismus?
Mahmoud Mamdani: Terrorismus ist jede politische Gewalt, die keinen Unterschied zwischen militärischen und zivilen Bereichen macht, und Zivilisten gezielt und systematisch angreift.
AK: Dann wären auch viele Militäroperationen als Terrorismus zu werten.
Mamdani: Gewiss. Wir sollten akzeptieren, dass zwischen dem Horror, den wir selbst verbreiten und dem Terrorismus keine Mauer verläuft. Nur so begreifen wir die historische Dynamik in der Zeitspanne zwischen 1975, als Amerika nach seiner Niederlage in Vietnam den Kalten Krieg beinahe verloren hätte, und 1990, als es den Kalten Krieg schließlich doch gewonnen hat. Damals entdeckten die Vereinigten Staaten den Terror als strategisches Mittel.
AK: Was hatte Amerika zu einer solchen Strategie bewogen?
AK: Angola und Mosambik waren aber rein säkulare Stellvertreterkriegw. Wo ist da die Verbindung zum modernen, fundamentalistischen Terror?
Mamdani: Zuerst agierten die USA rein pragmatisch, aber dann verbrämten sie ihr Handeln mit einem religiösen Idiom. 1983 hielt Reagan eine bedeutende Rede vor der National Association of Evangelicals, in der er den Kalten Krieg als Kampf gegen das "Reich des Bösen" betitelte. Für mich war diese Rede ein historischer Wendepunkt, denn erstmals seit dem 2. Weltkrieg spielte wieder ein theologischer Begriff, "das Böse", eine zentrale politische Rolle. Bushs "Achse des Bösen" ist da auch mehr als nur ein Echo dieser Rede.
AK: Ab wann tauchte das religiöse Motiv in den Stellvertreterkriegen auf?
AK: Lauerte da nicht eine unkontrollierbare Gefahr?
Mamdani: Amerika erklärte damals, das Problem sei der shiitische Islam und sie könnten den sunnitischen Islam für ihre Zwecke nutzen. Heute ist es umgekehrt. Sie halten den sunnitischen Islam im Irak, und seine Variante des wahhabitischen Islam weltweit für problematisch. Sie weigern sich einfach, ihrer eigenen Verantwortung und dem Scheitern ihres ehemaligen Kurses ins Gesicht zu sehen.
AK: Haben die USA durch ihre Unterstützung dieser Gruppen den radikalen Islam erst geschaffen?
Mamdani: Nein. Der radikale Islam hat seine eigene Geschichte - unabhängig von den USA. Ihm gingen nach der Dekolonialisierung, lange interne Debatten voraus. Der ägyptische Literat Sayyid Qutb kritisiert damals die radikale Linke, dass ihr Blick nicht weiter reiche als bis zum Kolonialismus. Sie sei damit nicht bloß ein modernistisches, sondern vor allem ein westliches Projekt. Nur eine Generation fundamentalistischer Kämpfer könne die arabische Welt befreien.
AK: Seit wann hatten solche Ideologien den massenhaften Zulauf, der eine Basis für Terrorismus schaffen konnte?
Mamdani: Die Frage beschäftigt mich schon länger - wie es geschehen konnte, dass innerhalb von zehn oder fünfzehn Jahren eine marginale politische Tendenz in den Mittelpunkt politischer Aufmerksamkeit rückt. Ursprünglich waren das alles nur die Überlegungen einiger Intellektueller. Die Erklärung dafür lieferte mir die Allianz zwischen dem amerikanischen Projekt des Kalten Krieges und dem extremistischen politischen Islam.
AK: Warum hat niemand davor gewarnt, dass in dieser Allianz einer der sprichwörtlichen Teufel steckt, die man nicht mehr in ihre Flasche zurückstecken kann?
AK: In den USA wächst der Widerstand in Parlament und Bevölkerung allerdings erheblich.
AK: Können Sie wirklich die Anfänge einer substanziellen Antikriegsbewegung erkennen?
Mamdani: In Vietnam dauerte es vier oder fünf Jahre, bis sich eine solche Bewegung entwickelt hatte. Mehrere Jahre vergingen, ehe die Presse anfing, regelmäßig über die Bewegung und die Fragen zu berichten, die sie aufwarf. Natürlich gibt es einen großen Unterschied: Niemand wird zum Irakkrieg eingezogen. Die Armee dort besteht überwiegend aus Arbeitern und Arbeitslosen. Das Amerika der Wohlhabenden und der Mittelschicht bleibt verschont. Wer reagiert, hat dafür ethische Gründe.
AK: Außerdem entstand die Bewegung gegen den Vietnamkrieg gegen Ende einer gesellschaftlichen Umwälzung durch die Bürgerrechtsbewegung, während die amerikanische Gesellschaft heute eher von einer rückläufigen Entwicklung geprägt wird.
Mamdani: Gewiss, die Zeiten haben sich geändert. Diesmal ist es vielleicht die Antikriegsbewegung, die eine kulturelle und politische Erneuerung der amerikanischen Gesellschaft anschieben muss, statt ihre Schlussphase zu begleiten. In diesem Sinn ist das Problem heute größer. In der derzeitigen US-Administration findet sich eine extrem selbstgerechte Koalition weltlicher und religiöser Elemente. Deren Absicht ist es ja nicht bloß den Rest der Welt zu verändern, sondern auch Amerika. Das wird die amerikanische Bevölkerung früher oder später zur Kenntnis nehmen müssen.
Mahmoud Mamdani ist der Leiter des "Insitute of African Studies" an der Columbia University in New York. Im Jahr 2001 hielt er einen der neun Vorträge zum 100. Jahrestag des Friedensnobelpreises. Im April 2004 erschien in den USA sein Buch "Good Muslim, Bad Muslim - America, the Cold War and the Roots of Terror", in dem er die Wurzeln des modernen Terrorismus in der amerikanischen Außenpolitik während und nach dem Kalten Krieg ansiedelt.
Mamdani: Im eigenen Land hatte sich während der Vietnam-Ära eine starke Anti-Kriegsbewegung formiert und das amerikanische Establishment fürchtete, ihm seien im Kalten Krieg die Hände gebunden. Henry Kissinger hatte dann die Idee mit den Stellvertreterkriegen. In den ersten Krisensituationen nach Vietnam, in Angola und Mosambik, suchte er zunächst noch Söldner. Reagan ging dann eine Allianz mit dem Apartheidsystem in Südafrika ein. Das schuf mit der Renamo in Mosambik die erste wirkliche Terroristenbewegung Afrikas, die nur Zivilisten ins Visier nahm. Und auch die Unita in Angola lernte das Terrorhandwerk in dieser Zeit.
Mamdani: Was die Reagan-Administration von Südafrika gelernt hatte, setzte sie in Mittelamerika erstmals selbst um. Wenn man die Reagan-Aktivitäten in Nicaragua betrachtet, sieht man, dass sich die Contras dort kaum von der Renamo unterschieden. Vielleicht erinnern Sie sich an das berüchtigte Handbuch für die Contras, das sie schamlos instruierte, gezielt Terror einzusetzen. Damals gab es auch schon eine Beteiligung der christlichen Rechten. Die erste Allianz mit fundamentalistischen Gruppen gab es dann in Afghanistan. Rein afghanische Widerstandsruppen interessierten Reagan ebenso wenig wie gemäßigte islamischen Gruppen, weil befürchtet wurde, dass sie der Sowjetunion entgegen kommen könnten. Amerika wollte sich mit den radikalsten islamistischen Gruppen verbünden, die bis zum Ende kämpfen würden.
Der indische Journalist Abdu A'la Mawdudi verurteilte den säkularen politischen Islam Pakistans. Ein echter islamischer Staat mußte für ihn mit einer Ideologie und einem Programm unterfüttert sein, um wahrhafte Muslime hervorzubringen und nicht nur Leute, die sich als Muslime bezeichnen.
Mamdani: Nach dem Ende des Kalten Krieges, ja selbst nach dem 11. September, wurde amerikanischen Politikern genau diese Frage gestellt. Ihre Antwort darauf war stets die gleiche: Eins nach dem anderen. Zuerst musste die Sowjetunion besiegt werden. Selbst der ehemalige US-Sicherheitsberater Brzezinski antwortete darauf: "Sie werden sicher zustimmen, dass die Überwindung der Sowjetunion die Sache wert war". Leider feiert Amerika diesen Sieg noch immer, ohne sich kritisch damit auseinander zu setzen. Es fragt sich nicht, welchen Preis es dafür bezahlen muss. Mit dem extremistischen politischen Islam ist es nämlich nicht getan.
Bezahlt wird auch mit einer militarisierten Wirtschaft und mit einer imperialen Präsidentschaft, die sich nur noch nominell gegenüber der Legislative rechenschaftspflichtig fühlt. Bezahlt wird mit einer zahnlosen, "eingebetteten" Presse, die versucht, der amerikanischen Öffentlichkeit die schlimmsten Seiten des imperialen Projekts zu ersparen. Bezahlt wird mit einem Verteidigungsministerium, das inzwischen mehr Außenpolitik als das amerikanische Außenministerium betreibt, und mit Generälen, die über mehr Ressourcen verfügen als US-Botschafter. Amerika hat keine Kolonien, es hat Stützpunkte. Jedes Land ein potentieller Stützpunkt.
Mamdani: Visionen ändern sich. Der Widerstand der Iraker verändert bereits die Reaktionen vieler Amerikaner und die Haltung mancher im Kongress. Es war ja auch der Widerstand des vietnamesischen Volkes, welcher der Antikriegsbewegung in den USA Auftrieb verlieh. Die Antikriegsbewegung der Amerikaner sorgte ihrerseits dafür, dass das amerikanische Militär nicht ungestraft in Vietnam wüten konnte. Diese Dynamik brauchen wir auch jetzt. Die Misshandlungen von Abu Ghraib führten zu ersten wichtigen Reaktionen. Davor übte das offizielle Amerika - beispielsweise in Falludscha - seine Macht noch ungehindert aus.
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