DIE LAUNEN DES GELDES

Die private Kulturfinanzierung unterwirft die amerikanischen Kulturinstitutionen
dem Geschmack ihrer Wohltäter.

© Andrian Kreye

Es ist ein durchaus berechtigter Gedanke, angesichts der schwindsüchtigen europäischen Kulturhaushalte, neidisch über den Atlantik zu schielen, und sich zu überlegen, ob das moderne Mäzenatentum nicht Wege aus der Krise zeigt. Wen stört es schon, dass die neue Konzerthalle von Los Angeles den Namen des Walt-Disney-Konzerns trägt? Dafür ziert das Geschäftsviertel von Downtown nun ein prächtiges Baudenkmal. Es gibt ja auch ganz bescheidene Gönner, wie den Gründer der Barnes & Noble-Buchhandelskette Leonard Riggio, dessen Leidenschaft für die Kunst der 70er Jahre den New Yorkern mit dem Dia:Beacon-Museum im Hudson Valley ein wunderbares Ausflugsziel beschert hat. Und welche Kulturinstitution träumt nicht von einem so selbstlosen Geldregen, wie den 100 Millionen Dollar, die Ruth Lilly der Lyrikzeitschrift Poetry Magazine vermachte, obwohl die Redaktion die Gedichte der Pharmaziemillionärin über 30 Jahre lang beharrlich abgelehnt hatte?

Wer sich einen groben Eindruck davon verschaffen will, welche Kräfte die amerikanische Kulturlandschaft prägen, der sollte mit einer Spazierfahrt beginnen. Am besten entlang einer jener Straßen durch privilegierte Badeorte wie dem Lily Pond Drive in East Hampton, der Malibu Colony Road oder der Küstenstraße von Palm Beach nach Boca Raton. Ein Traumhaus steht dort neben dem anderen. Doch dort wo Bauordnungen und Geld keine Rolle spielen und den Geschmäckern keine Grenzen gesetzt werden, sind die Definitionen des Traumes recht subjektiv. Da steht dann die archtitektonische Fallstudien mit ihren klaren, modernistischen Linien und dem erlesenen Mobiliar nicht weit von der überladenen Fassade eines “Faux Chateaux" oder der pastellfarbenen Anlage eines stilisierten Gutshofes mit spanischem Flair.

Diese Ferienviertel der obersten Einkommensschichten sind eine Art steingewordene Umfrage nach Stil, Geschmack und Vorlieben. Das kann wichtig sein, denn wer sich der Gnade des Mäzenatentums hingibt, der muß sich auch mit der Geschmackswelt des Geldes auseinandersetzen. Und darüber sollte man sich keine Illusionen machen - die Philanthropie ist keineswegs ein selbstloser Akt millionenschwerer Nächstenliebe.

“Spender wollen auch eine Stimme", sagt Todd Cohen, Chefredakteur des Chronicle of Philantropy. “Das kann sogar dazu führen, dass ein Museum, ein Orchester oder ein College ein Geschenk schlichtweg ablehnen. Da gibt es oft ausgedehnte Verhandlungen, bei denen die Institution und ihr Gönner einen Kompromiß finden müssen. Prinzipiell will der Spender ja helfen."

Nur selten bekommt die Öffentlichkeit Einblick in die Konflikte und Machtkämpfe zwischen den Kulturschaffenden und ihren Geldgebern, die in den Aufsichtsräten der Institutionen ganz direkten Druck ausüben können. Das kann dazu führen, dass ein Spender den Beschenkten seine persönlichen Vorlieben aufzwingt, so wie die Bankengründerin Catherine Reynolds, die der Smithsonian Institution 38 Millionen Dollar für einen neuen Flügel des Museum of American History in Washington schenkte, in der eine “Hall of Fame of American Achievers" den erfolgreichsten Männern und Frauen der amerikanischen Geschichte Tribut zollen sollte. Allerdings hatte die Multimillionärin ganz eigene Vorstellungen, wer dort gefeiert werden sollte. Der Basketballspieler Michael Jordan zum Beispiel, die Talkshowmoderatorin Oprah Winfrey und die Hauswirtschaftskönigin Martha Stewart. Beim neuen Smithsonian-Direktor Larry Small fand sie allerdings ein offenes Ohr. Der hatte seine Offenheit für die Wünsche von Stiftern und Sponsoren schon bewiesen, als er McDonalds die Museumscafeteria des National Air and Space Museum überließ.

Den radikalsten Fall von Einflußnahme meldete kürzlich die Metropolitan Oper in New York. Dort klagt die Erbengemeinschaft der verstorbenen Gönnerin Sybil Harrington auf die Rückzahlung von mindestens fünf Millionen Dollar. Klagegrund: Harrington hatte ausdrücklich werktreue Inszenierungen traditioneller Opern unterstützt. Angeblich hatte die Met jedoch ihre Gelder mißbraucht, um Dieter Dorns Inszenierung von “Tristan und Isolde" zu finanzieren.

Doch es geht nicht immer um Inhalte, wenn Wohltäter eingreifen. Der Autoversicherungsmagnaten Peter B. Lewis aus Cleveland hätte um ein Haar den Direktor der Guggenheim Museen Thomas Krens gefeuert, um dessen finanziellen und inhaltlichen Extravaganzen ein Ende zu bereiten. Krens war auf dem besten Wege die Guggenheimgruppe mit einem Expansionsdrang zu ruinieren, der eher einem Dotcom, als einem Museum anstand - Fillialen in Las Vegas und Europa, Neubauten von Frank Gehry, teure Experimente im Internet. Streng genommen hatte Lewis damit eine ethische Grenze überschritten, die künstlerische Leitung und Finanzen trennt. Allerdings hatte er seinen eisernen Willen schon einmal bewiesen, als er in seiner Heimatstadt dafür sorgte, dass der gesamte Vorstand der Case Western Reserve University zurücktreten mußte. Krens schlug eine finanziell konservative Linie ein und durfte bleiben.

Je schlimmer die Wirtschaftskrise, desto größer die Macht der Geldgeber. Und derzeit dreht sich die Spirale enger, als je zuvor. Amerikanische Museen bestreiten ihren Haushalt beispielsweise zu relativ gleichen Teilen aus staatlichen Zuwendungen, Spenden von Mäzenen und Sponsoren, den Renditen von Stiftungen, sowie den Einkünften aus dem Verkauf von Eintrittskarten, Katalogen und Souvenirs. Zuerst drückt die aktuelle Rezession nur auf die direkten Einkünfte, mit etwas Verzögerung auf die staatlichen Zuwendungen, und schließlich blieben die Spenden aus. Für die Sprecherin des Metropolitan Museum in New York Emily Rafferty zementiert diese zeitverzögerte Staffelung die Kulturkrise auf Jahre hinaus: “Selbst wenn sich der Markt schon morgen erholen würde, werden wir die Auswirkungen der Rezession noch lange spüren."

Der Direktor der American Association of Museums Edward Able sieht allerdings gerade im amerikanischen System der Kulturfinanzierung die Chance, eine Rezession zu überstehen. “Die Unabhängigkeit von staatlichen Geldquellen ermöglicht es den meisten Institutionen, zu diversifizieren." Geht es den Kommunen schlecht, können die Firmen einspringen, bleiben auch die Gelder aus, zwingt das die Kulturinstitutionen, nach neuen Einkünften zu suchen, die dann nach der Krise als zusätzliche Gelder bleiben. “Veranstaltungen für jüngere Menschen sind zum Beispiel eine Möglichkeit, den Kreis von Mitgliedern und Spendern zu erweitern", sagt Able. Singletreffs, bei denen Museen und Konzerthallen alleinstehenden zwanzig- bis dreißigjährigen die Hochkultur mit dem zusätzlichen Prickeln gleichgesinnter Erotik nahebringt.

Ein Problem bringt die fortschreitende Privatisierung der Kulturfinanzierung allerdings auch in den USA. Kaum ein Spender oder Sponsor ist daran interessiert, die unglamourösen Betriebskosten zu tragen. Die wurden bisher aus den staatlichen Kulturfonds gedeckt. Allerdings überlegen mehrere Bundesstaaten, darunter Kalifornien und New Jersey, ob sie ihre Kulturhaushalte angesichts der massiven Finanzkrise der Bundesstaaten und Kommunen nicht ganz abschaffen sollen. Das schafft immer größere Zwänge, sich auf die Motivation der Spender einzustellen.

Bei Sponsorengeldern großer Firmen gibt es überhaupt keine Zweifel. Die Finanzierung kultureller Institutionen untersteht der Marketingabteilung und unterliegt der gleichen Kosten-Nutzung-Rechnung wie traditionelle Werbung. Sensationen müssen Aufmerksamkeit schaffen. Eine große Ausstellung. Ein Festival. Die Gehälter von Museumswärtern gehören sicher nicht dazu.

Für die privaten Spender spielt der finanzielle Nutzen dagegen nur eine untergeordnete Rolle. Das amerikanische Steuerrecht fördert die Philanthropie zwar mit Anreizen, von denen europäische Mäzene nur träumen können. Doch letztendlich reduziert sich ihr Lohn auf eine einzige Zeile, die sie nie zu Gesicht bekommen - die Überschrift ihres Nachrufes. “Mäzen des Kunstmuseums", “Gönnerin des Symphonieorchesters" oder “Bauherr der Konzerthalle" klingt so viel glorreicher, als Ölmagnat, Baulöwe oder Erbe eines Familienvermögens. Saul Bellow schrieb über das Statusdenken in der amerikanischen Gesellschaft: “Künstler werden noch mehr beneidet, als Millionäre." Mit der Finanzentscheidung im Vorstand einer kulturellen Institution, als Sammler oder Finanzier kann der Mäzen den Akt der kreativen Leistung simulieren und hat damit oft sogar mehr Einfluß auf die Kulturlandschaft, als der einzelne Künstler.

Das schafft allerdings auch Ungleichheiten. “Moderne Kunst wird immer leichter einen Mäzen finden, als ein Symphonieorchester", sagt der Senior Cultural Critic der New York Times John Rockwell. “Moderne Kunst hat den Vorsprung der Hipness. Außerdem kann man ein Kunstwerk ganz einfach besitzen." Am Eingang eines neuen Museumsflügels wirkt der eigene Name viel stärker, als auf der Partitur eines neuen Orchesterwerkes.

Für Europa, so Rockwell, eignet sich das Modell der privaten Kulturfinanzierung sowieso nicht. “Es gibt weder eine Steuergesetzgebung, die private Spenden und Stiftungen bevorzugt behandelt, noch eine Kultur der Philanthropie." Und letztendlich sei das auch gut so. “Bei einem Kulturpolitiker darf man annehmen, dass er sich seinen Job mit Kompetenz und Leistung erarbeitet hat." Davon einmal abgesehen unterscheidet sich der Entscheidungsprozeß in einer Vorstandssitzung von dem in einem Kultusministerium in einem ganz bedeutenden Detail. Ein Ministerium ist zu Transparenz verpflichtet und muß sich gegenüber der Öffentlichkeit verantworten. Der Vorstand einer Kulturinstitution unterliegt ausschließlich dem Willen seiner Mitglieder, die gleichzeitig den Betrieb finanzieren. So spiegelt die Kunst auch in ihrer Finanzierung die Welt und ihren Konflikt zwischen Marktwirtschaft und Demokratie.





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