So kehrte sie diese Woche zum Ursprungsort ihres phänomenalen Aufstieges zum Weltstar zurück - in die New Yorker Sporthalle Madison Square Garden. Auf die Woche genau neunzehn Jahre ist es her, dass sie dort die beiden letzten Zusatzkonzerte ihrer "Virgin"-Tournee absolvierte. Als junger Musikschreiber wunderte man sich damals über die hysterische Begeisterung, mit der knapp zwanzigtausend minderjährige New Yorkerinnen ein neues Idol bejubelten, deren größtes Talent daraus zu bestehen schien, Backfische in aller Welt dazu zu bringen, Spitzenleibchen und -handschuhe mit gebrauchten Hippieklamotten zu kombinieren. Singen konnte sie jedenfalls nicht besonders und die Bühnenshow mit dem nackten Bauchnabel und dem Herumwälzen im Brautkleid wirkte rührend harmlos.
Man war mit seiner Skepsis auch nicht alleine. Der Rezensent des Branchenblattes Billboard schrieb damals: "Cindy Lauper wird noch lange am Ball bleiben. Madonna wird in ungefähr sechs Monaten aus dem Geschäft verschwinden. Ihr Image hat ihre Musik längst überschattet." Solche naiven Gedanken machte man sich damals, als eigentlich schon längst abzusehen war, dass der Musikvideosender MTV die Popkultur für immer verändern würde.
Die sekundäre Rolle der Musik zeigt allerdings schon die Plazierung der Band. Den größten Teil der Show verbringen die Begleiter auf engen Podesten neben den Videomonitoren. Wo Madonna auf Platte oft ambitioniert die neuesten Klangbilder aus den Clubs bemüht, geht sie für ihre Show auf Nummer Sicher. Ohne Dynamik hämmern die Hits aus den Computern und Gitarren, klingen streckenweise wie Giorgio Moroder oder Kraftwerk. Aber das paßt zu Madonnas notorisch kaltem Vortragsstil, bei dem die Refrains ihrer Hits die Rolle von Zirkuspferdchen erfüllen, die mit ihren bewährten Pirouetten kalkulierten Applaus erzeugen.
Die Show verläuft mit einer so überwältigenden Perfektion, dass selbst Madonnas missionarische Sendungsbewußtsein nicht weiter stört. Den Sex hat sie ja aus Glaubensgründen schwer gedämpft, zur Textzeile "I'm a Material Girl" haucht sie auch ein keusches "nicht wirklich" ins Mikro und ihre Mitarbeiter müssen sei neuestem für jeden Fluch hinter der Bühne fünf Dollar Strafe zahlen. In ihrer neuen Missionarsstellung hat sie bei den Kabbalisten den Rang eines "Celebrity Recruiting Sergeants". Die Rolle erfüllt sie laut Klatschpresse perfekt. Britney Spears und Demi Moore hat sie schon angeworben. Nur Gwyneth Paltrow hat angeblich Ärger gemacht, als Madonna versuchte, selbige kurz nach der Geburt ihres Kindes zu bekehren.
Da waren ihre Ausflüge in die Sozialkritik schon verständlicher. Die ironisch choreographierten Exerzierübungen zu den poppigen Militariagrafiken zum Beispiel. Oder als sie das Konzert unterbrach, um den Dokumentarfilmer Michael Moore zu begrüßen und das Publikum inständig zu bitten, seinen Anti-Bushfilm "Fahrenheit 9-11" anzusehen, weil sie dabei so geweint hätte. Da gab es ein paar Buhrufe, die aber schnell vom Applaus erstickt wurden, der dann für ein paar Minuten in betretenem Schweigen mündete. Da versuchte sich Madonna nämlich an John Lennons Friedenshymne "Imagine", während im Hintergrund ein Infommercial für die Kinderkabbalagruppe "Spirituality for Children" ablief. Das war einer jener Momente, die Madonna immer wieder in ihrer Karriere zurückwerfen. Normalerweise besteht ihre Stärke ja gerade darin, ihre eigenen Grenzen zu erkennen. Deswegen läßt sie sich live von zwei versierten Soulsängerinnen unterstützen oder inszeniert eine Show, mit der sie die Schwächen ihres Repertoires schlichtweg überrollt. Aber dann spielt sie eben doch wieder Hauptrollen in Kinofilmen oder versucht sich als richtige Sängerin.
Wenn Popstars ihren Namen ändern, steht es um Karriere und geistige Gesundheit meist nicht so gut. Madonna möchte zum Beispiel nur noch Esther genannt werden, das hat sie am Freitag Abend in der amerikanischen Fernsehsendung 20/20 noch einmal betont. Die alttestamentarische Namensgebung ist Ergebnis jener anhaltenden Sinnsuche, die sie vor acht Jahren nach Beverly Hills in den Kabbalastudienkreis des ehemaligen Versicherungsvertreters Philipp Berg führte, der die Geheimnisse der Tora mit fernöstlicher Esoterik zu einer Melange vermengt hat, die es Reichen und Berühmten leichter macht, die spirituellen Untiefen ihres privilegierten Lebens zu umschiffen. Wäre da nicht dieses missionarische Sendungsbewußtsein, sollte man die Beschäftigung der Katholikin mit der jüdischen Mystik nicht überbewerten. Immerhin absolviert sie die phänomenale Bühnenshow ihrer aktuellen Welttournee unter ihrem Geburtsnamen Madonna.
Das Spiel mit dem Image beherrscht Madonna immer noch perfekt. Ihr wichtigster Partner der "Re-Invention Tour" ist deswegen auch der Fotograf Steven Klein, der viele der Videos und Fotos aufgenommen hat, die auf fünf monumentalen Videoschirme zu sehen sind und den Mittelpunkt der Show bilden. Sämtliche Register werden da gezogen - vom Glamourporträt bis zu modernster Animationsgrafik und abstrakter Kunst. Dazu gibt es Choreographien mit einem ganzen Bataillon Tänzer, die von den gemeinsamen Yogaübungen mit der Chefin über ironische Exerzierübungen bis zu Riverdance-Interpretation die gesamte Palette tanzbarer Popzitate beherrschen. Das klingt banaler, als es ist, denn diesmal vermeidet Madonna die plumpen Bühnenklischees ihrer letzten Tournee und liefert große Popkunst.
Madonnas Fans können sich allerdings nicht wehren. Da regten sich auch gleich zu Beginn die Befürchtungen, als die wiedergeborene Esther in einem Kostüm aus Seide und Brokat von Christian Lacroix auf dem Bildschirm erschien, während ihre Stimme vom Band einen prophetisch-messianischen Text rezitierte, den das Programmheft als Auszüge aus der Offenbarung des Johannes identifizierte. Das hat mit der alttestamentarischen Mystik der Kabbala natürlich nicht zu tun, streng genommen stammten sie auch von einer Maxisingle von 1991, auf der Lenny Kravitz "Justify My Love" mit den apokalyptischen Versen neu abgemischt hatte. So ganz sattelfest schien Frau Esther in ihrer spirituellen Symbolik also noch nicht zu sein, daran änderten auch die Hebräischen Schriftzeichen nichts, die hin und wieder über die Monitore flackerten.
Cindy Lauper kann heute also immer noch besser singen, aber die tingelt dieser Tage verzweifelt durch die Fernsehtalkshows und versucht sich mit einem Album voll Orchesterpop ihr Altenteil als Las-Vegas-Entertainerin zu sichern. Sicher, auch Madonnas Fans rekrutieren sich heute entweder aus der Zielgruppe der so genannten Fußballmuttis oder aus jenem Segment der Schwulenkultur, das auch Barbra Streisand und Doris Day als 'Camp' vergöttert, aber die katapultieren sie immer noch in die Charts und auf die Titelblätter. Das bedeutet deswegen auch, dass im Olymp der Popdiven längst ein fester Platz für Madonna eingerichtet wurde. Verzeihung - für Esther. Auch daran wird man sich gewöhnen, denn im Olymp dufte man sich bisher noch jede Schrulle ungestraft erlauben.
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