Dabei hatte er sich nicht einmal die Mühe gemacht, wenigstens einen Hauch von Würde zu bewahren. Als John Belushi und John Akroyd den Beach Boy ein paar Jahre später für einen Sketch der Fernsehserie “Saturday Night Life" wegen “Unfähigkeit zu Surfen" verhafteten, lag Brian Wilson bleich und aufgeschwemmt in seinem Bett, murmelte wirres Zeug und in seinem Wohnzimmer stand ein Sandkasten, in den er sich manchmal hineinsetzte, um doch noch etwas zu komponieren.
Nun konnte sich Brian Wilson diesen Luxus erlauben, weil er die Hymnen der angehenden Freizeitgesellschaft geschrieben hatte und seine melancholische Platte “Pet Sounds" heute noch als bestes Popalbum aller Zeiten gilt. Für die meisten seiner Landsleute war und bleibt dieser Luxus unerreichbar, denn für Schwäche ist in der amerikanischen Gesellschaft kein Platz vorgesehen. Es gab keinen amerikanischen Hans Castorp. Nur Ishamel und als tragische Figur Jay Gatsby.
Seine spirituellen Wurzeln hat diese sozialdarwinistische Weltsicht im freudlosen Protestantismus der Pilgerväter, für die Stärke, Wohlstand und Erfolg die garantierte Belohnung für ein gottesfürchtiges Leben war, und Schwäche, Armut und Versagen folglich die Strafen Gottes für Todsünder. In der Wirklichkeit des frühen Amerika hatte Schwäche aus rein pragmatischen Gründen keinen Platz. Wer bei der Eroberung des Kontinents auf den schneeverwehten Ebenen oder in den staubigen Wüsten von Krankheit geschwächt oder einem Beinbruch behindert nicht mehr weiterkan, der war unweigerlich zum Tode verurteilt.
Beide Mentalitäten haben sich im amerikanischen Kapitalismusmodell erhalten und bestimmen noch heute den Alltag. Leistungsabfall? Das amerikanische Arbeitsrecht kennt keine Kündigungsfristen. Krankheit? Amerikanischen Angestellten stehen neben ihren zehn Tagen Urlaub genau fünf so genannte “Sick Days" zu. Wer länger als fünf Tage schwächelt, muß erst auf sein Gehalt, und meist schon bald auf seinen Job verzichten. Fieber war in den USA noch nie ein Grund, der Arbeit fernzubleiben.
Seelennöte? Die amerikanische Regierung hat seit 1960 90 Prozent aller staatlichen psychiatrischen Anstalten geschlossen. Als der Staat New York Mitte der 80er den Großteil seiner Psychiatrien aufgab, erfroren im ersten Winter hunderte geisteskranker Obdachloser auf den Straßen von Manhattan.
Wer sich aber keine Schwäche zugesteht, kuriert auch keine Krankheiten aus. In einem Land, in dem ein Drittel der Bevölkgerung unzureichend oder gar nicht krankenversichert ist, hat das schwere Folgen. 40 Prozent der über eine Million persönlicher Bankrotterklärungen im letzten Jahr waren auf plötzliche Krankenkosten zurückzuführen. Geldmangel? Wer die Miete schuldig bleibt, bekommt nach zwei Wochen einen Räumungsbescheid und sitzt zehn Tage später auf der Straße. Wer gar kein Geld mehr hat, muß sich seine Sozialhilfe im staatlichen Arbeitsdienst verdienen.
Seit dem Ende des Kalten Krieges haben sich die meisten Industrienationen das amerikanische Kapitalismusmodell zum Vorbild genommen. In dem aber gilt vor allem in Zeiten der Wirtschaftsflaute das Recht auf Arbeit nicht viel, das 1948 im Punkt 23 der Erklärung der Menschenrechte festgelegt wurde. Die soziale Absicherung im Punkt 25 schon gar nicht.
In den Zeiten der Weltwirtschaftskrise haben nun auch die deutschen Arbeitnehmer gemerkt, dass da ein scharfer Wind über den Atlantik weht. So gab das Bundesgesundheitsministerium vorvergangene Woche bekannt, dass die Zahl der Krankmeldungen von 5,66 Prozent im März auf den historischen Tiefstand von 3,26 Prozent im September gesunken ist. Für amerikanische Verhältnisse sind die Deutschen damit immer noch ein Volk von Schwächlingen - als die Rate der “unplanmäßigen Abwesenheiten", zu der auch dringende Familienangelegenheiten und Behördengänge zählen, letztes Jahr von 2,1 auf 2,2 Prozent stieg, meldete der Fernsehsender CBS schon “Ärger für die Wirtschaft".