HAUS DER LÜGEN

In den USA droht die Debatte um
das gewagte Spiel mit der Wahrheit
jede Diskussion zu beenden.

© Andrian Kreye

. In der amerikanischen Debattenkultur gibt es eine Superwaffe, die man nur in äußerster Not einsetzt - den so genannten “Conversation Stopper". Auf persönlicher Ebene reicht es dazu meist aus, eine geschickt formulierte Beleidigung in die Flanke des gegnerischen Ego zu feuern. Im öffentlichen Diskurs müssen gesprächsbeendende Maßnahmen vor allem die Glaubwürdigkeit des Gegenüber nachhaltig zerstören.

Weil man dazu in Fernsehstudios und auf politischen Bühnen nur selten viel Zeit hat, sollte der Gesprächsblocker deswegen die Wirkung eines rhetorischen Nuklearsprengsatzes besitzen. Je nach Forum eignen sich dafür Begriffe wie Verräter, Antisemit, Pornograf und Profiteur. Ungeschlagen bleibt jedoch der Vorwurf “Lügner", denn wer kann in der Hitze des verbalen Gefechts schon seine Unschuld beweisen. Meist hat das Gespräch an diesem Punkt sowieso ein Niveau erreicht, an dem Fakten nicht mehr viel zählen.

Nun ist es eine Binsenweisheit, dass Lügen seit jeher zum Handwerkszeug des politischen Geschäfts gehören. In der Ära des jüngeren George Bush wurde das Lügen und der Vorwurf der Lüge zum goldenen Standard der politischen Debatte. Dabei bewiesen die konservativen Flügel in Politik und Medien nicht nur einen bisher unerreichten Willen, sich die Wahrheit untertan zu machen. In einer Art Vorwärtsverteidigung schafften sie es gleichzeitig, ihre liberalen Widersacher mit dem Vorwurf zu lügen so weit in die Defensive zu treiben, dass eine liberale Gesinnung im Diskurs der amerikanischen Politik zu einem Synonym parteiischer Unehrlichkeit geworden ist.

Geprägt haben dieses Vorurteil vor allem konservative Demagogen, wie die Fernseh- und Radiomoderatoren Bill O'Reilly, Joe Scarborough oder Rush Limbaugh, sowie rechtspopulistische Autoren wie Sean Hannity, Ann Coulter und Mike Savage, die wiederum als häufige Studiogäste dieser Moderatoren auftauchen.

Die haben vor allem in Funk und Fernsehen einen aggressiven Stil entwickelt, gegen den mit sachlichen Argumenten kaum anzukommen ist. Gegenargumente werden da mit großer Geste und mitleidigem Lächeln beiseite geräumt, Diskussionsgegner rhetorisch versiert niedergebügelt. Conversation Stopper wie das willkürliche “Das stimmt nicht", “reine Lüge" oder “reden Sie keinen Unsinn" gibt es fast zu jeder Werbepause.

Auf den Nachrichtensendern MSNBC und Fox geben die Rechtskonservativen sowieso ein Heimspiel. In Buchform untermauern die Autoren ihre Argumente mit wahren Springfluten von Fußnoten, die oftmals jeder Tatsache entbehren. Weil der aggressive Populismus jedoch inzwischen selbst auf dem Buchmarkt so erfolgreich ist, haben die Penguin Group und die Crown Publishing Group sogar eigene Verlagsreihen für rechte Bücher eingerichtet. Und wie zum Hohn wirbt Murdochs ausgewiesen rechtslastiger Nachrichtensender Fox News seit einiger Zeit mit dem Slogan “Real Journalism - Fair and Balanced".

Massenmedien und breite Öffentlichkeit schienen vom Schock des 11. Septembers und dem Hurrapatriotismus der Afghanistan- und Irakfeldzüge bisher so gelähmt, dass es kaum Widersprüche gab. Einzig Michael Moore schien der Linken auf dem Gebiet der Demagogie etwas Boden zurückzuerobern. Dieser Herbst soll das Ungleichgewicht nun ändern.

Ein gutes Dutzend Bücher liberaler Autoren soll die konservativen Festungen in den Bestsellerlisten schleifen. Erster Angreifer ist der ehemalige Fernsehkomiker Al Franken. Der hat die Lügen der konservativen Demagogen zum Thema seines neuen Buches gemacht. Mit dem jovialen Titel “Lies and the Lying Liars Who Tell Them - A Fair and Balanced Look at the Right" (Dutton, New York, 382 Seiten, US $ 24,95) will er an den Erfolg seines letzten Buches “Rush Limbaugh is a Big Fat Idiot" anschließen, das es immerhin auf Platz eins der New York Times Bestsellerliste geschafft hat. Die Konterfeis seiner Hauptziele hat Franken gleich aufs Titelbild gedruckt - neben Bush und Cheney sind das die Demagogen Ann Coulter und Bill O'Reilly.

Bei einer Podiumsdiskussion während der Buchmesse in Los Angeles versuchte O'Reilly seinen Angreifer zunächst mit Behauptungen, und dann mit Beleidigungen zu überrumpeln. Vergebens, denn hinter dem natürlich nicht minder demagogischen Titel versteckt sich solide Recherchearbeit. Für “Lies" nutzte Franken eine Fellowship an der Journalistenschule der Kennedy School of Government in Harvard und stellte aus seinen Studenten ein 14köpfiges Team zusammen, das die konservativen Lügen mit wissenschaftlicher Präzision sezierte. Franken packte die Ergebnisse dann in einen satirischen Plauderstil, der ihm eine breite Leserschaft garantiert.

Fox TV tat Franken dann den größten nur möglichen Gefallen - um den Zorn seines Zugpferdes Bill O'Reilly zu besänftigen, strengte der Murdochsender eine Urheberrechtsklage gegen Franken an. Der Untertitel “ein fairer, ausgewogener Blick auf die Rechte" verletzte das Markenzeichen des geschützten Fox-Werbespruches vom fairen, ausgewogenen Journalismus. Das brachte Fox nicht nur das landesweite Gefeixe gemäßigter Talkshowmoderatoren und Zeitungskolumnisten ein, sondern auch das milde Lächeln des Bundesrichters Denny Chin, der die einstweilige Verfügung gegen Frankens Buch abschmetterte. Einzige Folge für Franken - beim Onlinehändler Amazon schnellte sein Buch auf Platz eins.

Franken ist jedoch nicht der einzige Autor, der sich die Lügenkultur der Rechtskonservativen vorgenommen hat. Joe Conason von der Wochenzeitung New York Observer veröffentlichte zeitgleich sein Buch “Big Lies - The Right-Wing Propaganda Machine and How It Distorts the Truth" (St. Martin's Press, New York, 246 Seiten, US $ 24,95). Von der Verleumdung der gesamten amerikanischen Linken während der Clintonjahre, über die Doppelmoral der Konservativen in der Außenpolitik, bis hin zu den der Republikaner im Wahlkampf 2000, den rhetorischen tricks der Regierung in den Kampagnen für die Sicherheitsgesetze nach dem 11. September sowie die Invasionen in Afghanistan und dem Irak, entwirft er ein niederschmetterndes Bild einer Politik der Unehrlichkeit.

Für den Washingtonkorrepsondenten der Wochenzeitschrift The Nation David Corn liegt die Wurzel der Lügenkultur ganz klar in der Figur des Präsidenten. Ende des Monats veröffentlicht Corn “The Lies of George W. Bush - Mastering the Politics of Deception" (Crown Publishing, New York, 320 Seite, US $ 22,). In seinem Vorwort gibt Corn den Ton vor: “George W. Bush ist ein Lügner", schreibt er. “Er hat im Kleinen wie Großen gelogen, direkt und durch Verschweigen. Er hat die Wahrheit ausgeplündert - nicht nur durch einfache Fehler, sondern geplant, bewußt und wiederholt."

Die Inhaltsangabe verspricht ein vernichtendes Exposee. Zu den Punkten, die Corn untersucht, gehören “der Wahrheits-feindliche, dreckige Wahlkampf 2000. Die Präsentation irreführender Fakten, um kontroverse Politik zu so entscheidenden Themen wie Umwelt, Stammzellen, Raketenschild, Sozialversicherung, Wirtschaftskriminalität, Abtreibung und Energie zu verkaufen. Die ungenaue Darstellung der Auswirkungen der Steuersenkungen. Die unverfrorene Verfälschung geheimdienstlicher Erkenntnisse und irreführende Argumentation, um die Öffentlichkeit für den Irakkrieg zu gewinnen."

Die publizistische Breitseite von Links bedeutet aber keineswegs, dass die amerikanischen Liberalen nun ein Monopol auf politische Wahrheiten hätten. Denn eine linke Gesinnung schützt keineswegs vor den Versuchungen der Demagogie. Ausgerechnet Michael Moore, publizistischer Superstar der Antiglobalisierungsbewegung, muß sich nun Vorwürfe gefallen lassen, mit den gleichen unlauteren Mitteln gearbeitet zu haben, wie die geschmähten Rechtskonservativen. Da weisen ihm Publikationen wie das Onlinemagazin Salon und die Wochenzeitschrift New Republic nach, Dokumentarszenen in “Bowling For Columbine" inszeniert, Zahlenbeispiele für seine Büchern frisiert, Chronologien und Ortsdefinitionen verdreht zu haben.

In den kommenden Monaten wird sich der Ton zwischen den beiden Lagern nur noch verschärfen. Das vergangene Labour Day Weekend markiert in Amerika nicht nur das offizielle Ende der Strandsaison, sondern im Vorfeld eines Wahljahres auch den inoffiziellen Beginn der Präsidentschaftswahlkämpfe. Angesichts der Krisen in der amerikanischen Wirtschaft, im Irak und Nordkorea könnten die Liberalen erstmals seit drei Jahren sogar einen Punktsieg holen. Denn auch wenn sich die Argumente gleichen - der gefürchtete Lügenvorwurf hat auf 250 Seiten eine ganz andere Funktion, als reduziert auf ein demagogisches Bonmot. Statt “Conversation Stopper" kann er so als Grundlage der Debatte dienen. Und die bleibt nach wie vor das elementare Vehikel des demokratischen Prozesses.





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